EWR 12 (2013), Nr. 4 (Juli/August)

Albrecht Wacker / Uwe Maier / Jochen Wissinger (Hrsg.)
Schul- und Unterrichtsreform durch ergebnisorientierte Steuerung
Empirische Befunde und forschungsmethodische Implikationen
Wiesbaden: VS Verlag 2012
(324 S.; ISBN 978-3-531-16615-5; 39,95 EUR)
Schul- und Unterrichtsreform durch ergebnisorientierte Steuerung Die vielfältigen, seit Beginn des neuen Jahrtausends von der Bildungspolitik initiierten Reformen des Schulsystems werden von der Wissenschaft als Fragen der Governance oder auch der Steuerung verhandelt. Dabei wurde insbesondere die Implementierung der als neu oder „ergebnisorientiert“ klassifizierten Steuerungsinstrumente umfangreich begleitet. Nach über einem Jahrzehnt ihrer evaluativen Erforschung mehren sich nun Publikationen, die nicht nur weitere Forschungsergebnisse addieren wollen, sondern auch Bilanzierungen intendieren. Diese doppelte Zielrichtung schlägt auch der vorliegende Sammelband ein. Er ist als neunter Band der Reihe Educational Governance im VS Verlag erschienen. Sein nüchterner, fast technokratisch anmutender Titel ist vielleicht kein Eye-catcher, jedoch erfreulich präzise, was den Inhalt betrifft.

Der von Albrecht Wacker, Uwe Maier und Jochen Wissinger herausgegebene Sammelband geht auf die Tagung „Effekte und Problemlage neuer Steuerungskonzepte im Bildungswesen“ zurück, die im Jahr 2008 an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg stattfand. Der für einen Tagungsband recht lange Zeitraum bis zur Veröffentlichung, immerhin vier Jahre, provoziert zunächst die Frage nach der Aktualität – zumal ja eine erste umfassende Bilanzierung der Steuerungsdebatte zwischenzeitlich in derselben Reihe erschienen ist [1]. Wie bereits ein kurzer Blick in die Literaturverzeichnisse zeigt, wird der Literaturstand bis in das Jahr 2011 referiert und inhaltlich nicht zuletzt auf eben jenes Handbuch Bezug genommen. Aktualitätsvorbehalte können also beiseite gelegt werden.

Zum Anliegen und Gesamtkonzept: Tagungsbände müssen bisweilen, nicht zuletzt abhängig von der Breite des Tagungsthemas, ein variationsreiches Sammelsurium von Themen, Themenzuschnitten und Textformen bändigen. Im vorliegenden Fall handelt es sich jedoch um eine inhaltlich klar umrissene und kohärente Aufsatzsammlung. Insgesamt enthält der Band elf Beiträge sowie eine Einleitung und eine inhaltliche Bilanzierung seitens der Herausgeber. Der Aufbau ist insofern übersichtlich, da jeder Beitrag ein spezifisches Steuerungsinstrument behandelt: schulinterne Evaluation, Schulinspektion, erweiterte Autonomie der Schule, Bildungsmonitoring, Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten, zentrale (Abitur)Prüfungen, Reform der gymnasialen Oberstufe (TOSCA-Studie). Als Gesamt ergeben diese Instrumente dann das Orchester der „neuen Steuerung“.

Wie die Herausgeber in der Einleitung selbst vorwegnehmen, liegen zwei Textsorten vor: Zum einen die Darstellung ausgewählter empirischer Forschungsergebnisse aus Begleitevaluationen und DFG-Projekten, zum anderen Überblicksartikel über einen jeweiligen Forschungsstand, in Einzelfällen auch eine Kombination beider Varianten. Dabei sind die Darstellungen durchweg analytisch ausgerichtet und lassen jeden programmatischen Ballast vermissen.

Der Fokus des Bandes ist evaluativ. Die Beiträge fragen nach den (nicht-)intendierten Wirkungen staatlicher Steuerung. Nicht im Fokus steht etwa eine Analyse der Entstehung und Ausrichtung politischer Steuerungsanliegen oder des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik, außer bei Maike Lambrecht und Matthias Rürup. Auch eine Theoretisierung der empirischen Ergebnisse gehört nicht zum zentralen Anliegen des Bandes und wird nur vereinzelt vorgenommen. Die theoretische Rückbindung wird von den Herausgebern in ihrem Fazit vielmehr als Desiderat konstatiert (vgl. 319f).

Noch eine Anmerkung: So sehr die Steuerungsinstrumente in ihrer ganzen Bandbreite zum Gegenstand gemacht werden, ist mit den Beiträgen auch eine unthematisierte Beschränkung der Perspektive verbunden: Es geht, fast ausschließlich, um Steuerungsaktivitäten in bundesdeutschen, öffentlichen, allgemeinbildenden Sekundarschulen. Eine solche Auswahl des Forschungsgegenstands repräsentiert den bekanntermaßen verengten Aufmerksamkeitsfokus der (Bildungs-)Politik, der sich nicht zuletzt durch das Medium der Fördertöpfe in die wissenschaftliche Analyse einnistet. Dies mindert in keiner Weise die Qualität der Beiträge, sollte aber aufgrund des bilanzierenden Anspruchs im Blick gehalten werden.

Zu den Beiträgen: Die Herausgeber rahmen die elf Beiträge mit einer Einleitung und einem Fazit, welche beide als inhaltlich eigenständige Ausführungen fungieren. Die Einleitung kontextualisiert die aktuellen, „ergebnisorientierten“ Reformen durch ein Phasenmodell bildungspolitischer Steuerungsaktivitäten in der BRD seit 1945. Darüber hinaus formulieren die Herausgeber am Ende des Buches eine kritische Bilanzierung der Beiträge entlang von drei Leitfragen: Was wissen wir über Akteure bzw. Akteurskonstellationen, was wissen wir über (un-)intendierte Wirkungen und welche forschungsmethodischen Grenzen und Herausforderungen zeigen sich? Die entsprechende systematische Sichtung der Gastbeiträge wird zum Ausgangspunkt einer kritischen Reflexion des Forschungsstandes – nicht zuletzt hinsichtlich forschungsmethodischer Implikationen. Insgesamt gestalten die Herausgeber damit eine Form der systematischen Rahmung, die man sich für Tagungs- bzw. Sammelbände viel öfter wünscht.

Den Auftakt der Gastbeiträge machen Felicitas Thiel und KatjaThillmann, die einen Überblick zur schulinternen Evaluation formulieren. Die Autorinnen diskutieren ihre Funktion und resümieren den internationalen Forschungsstand mit Blick auf Gelingensbedingungen. Zudem verweisen sie auf die bislang fehlende organisationstheoretische Rückbindung und bieten dazu eigene Überlegungen an.

Maike Lambrecht und Matthias Rürup resümieren ausführlich die Situation der Schulinspektion in Deutschland sowie den internationalen Forschungsstand zu diesem Steuerungs- und Kontrollinstrument. Dabei gilt ihre Aufmerksamkeit auch dem Verhältnis von Bildungspolitik und Wissenschaft. Als Fazit konstatieren sie nicht zuletzt den ausschließlichen Anwendungsbezug bisheriger Begleitforschung und fordern wissenschaftliche Analysen jenseits der „systemkonformen Wirkungsfrage“ (72).

Olga Zlatkin-Troitschanskaia, Manuel Förster und Daja Preuße stellen die Ergebnisse einer qualitativen und quantitativen Befragung von Akteuren Berliner Schulen (Schulverwaltung, Schulleitung, Lehrkräfte) zur 2004 gesetzlich verordneten Schul-Autonomie dar. Die Erwartungshaltung hinsichtlich der Steuerungsfolgen variiert sowohl zwischen als auch innerhalb der Akteursgruppen.

Bildungsmonitoring wird in drei Beiträgen verhandelt. Hans Döbert und Horst Weishaupt geben einen systematischen Überblick über den aktuellen Stand des Bildungsmonitorings in Deutschland. Sie resümieren für alle Ebenen (Bund, Land, Kommunen) insbesondere die Konzepte und Datengrundlagen. Sebastian Niedlich und Thomas Brüsemeister beschäftigen sich mit regionalem Bildungsmonitoring. Zunächst entfalten sie dazu die These, dass die steuerungsrelevante Funktion des Bildungsmonitorings vielfach gegenüber einer politisch-legitimatorischen Funktion zurücktrete. Weiterhin konzipieren sie regionales Bildungsmonitoring governanceanalytisch als sozialen und politischen Aushandlungsprozess. Sie reichern diese Überlegungen durch erste empirische Ergebnisse aus der Begleitforschung des Projektes „Lernen vor Ort“ (qualitative Fallstudie einer Stadt) an. Nils Berkemeyer und Nils van Holt thematisieren Bildungsmonitoring mit Blick auf innerschulische Prozesse. Sie diskutieren testbasierte Rückmeldungen zu Schülerleistungen hinsichtlich der oft ungenutzten Funktion der Individualförderung. Aus der Begleitforschung des Projektes „Schulen im Team“ stellen sie erste Ergebnisse zum Instrument des „Schüler-Monitoring-Systems“ dar, mit dem diese Funktion unterstützt werden soll.

Albrecht Wacker stellt empirische Ergebnisse zu der Wirkung von Bildungsstandards auf die Lehrerkooperation vor. Auf der Basis einer längsschnittlichen, quantitativen Befragung von Realschullehrkräften kommt er zu dem Schluss, dass Kooperation zwar stimuliert wird, messbare Auswirkungen auf den Unterricht jedoch nicht konstatiert werden können.

Zwei Beiträge analysieren die Rezeption der Ergebnisse von zentralen Vergleichsarbeiten. Uwe Maier et al. fokussieren die Rezeption in Fach- und Gesamtkonferenzen unter der Fragestellung, ob schulische oder individuelle Kontextfaktoren darauf Einfluss nehmen. Eine quantitative Lehrerbefragung zeigt entsprechende Effekte. Harm Kuper und Tobias Diemer nehmen demgegenüber zunächst eine Theoretisierung des Konzepts „Vergleich“ vor und untersuchen Rezeptionsweisen von Schulleitungen und Lehrkräften qualitativ (inhaltsanalytische Auswertung problemzentrierter Interviews). Ihr Anliegen ist es, die Bandbreite theoretischer wie auch empirisch anzutreffender Varianten des Vergleichens aufzuzeigen.

Katharina Maag Merki betrachtet die Effekte zentraler Abiturprüfungen in zwei Bundesländern (Bremen/Hessen) mit Fokus auf die emotionalen und motivationalen Auswirkungen auf die Lernenden. Die quantitative Befragung der Schüler zeigt hier unterschiedliche Effekte, die u. a. nach Grund- und Leistungskursen differieren.

Marko Neumann, Ulrich Trautwein und Jürgen Baumert skizzieren zunächst die Entwicklung der gymnasialen Oberstufe in der BRD und resümieren dann Ergebnisse der TOSCA-Repeat Studie, die Schülerleistungen nach der Reform der gymnasialen Oberstufe in Baden-Württemberg untersucht. Abschließend diskutieren sie die Relevanz der gemessenen Effekte sowie die Aussagereichweite der TOSCA-Studie.

Der Sammelband adressiert die Scientific Community bzw. diejenigen, die Interesse an einer wissenschaftlich fundierten Analyse von Steuerungsprozessen im Schulsystem haben. Zweifellos eignen sich einige Beiträge auch für universitäre Lehrveranstaltungen – insbesondere in der Lehrerbildung.

Als Fazit kann man festhalten, dass die Beiträge auf die Beantwortung einer grundlegenden Frage der Governance-Forschung zielen: Welche (nicht-)intendierten Wirkungen zeigt die „ergebnisorientierte“ Steuerung im Schulsystem. Die Autorinnen und Autoren bearbeiten diese Frage auf höchst fundierte und differenzierte Weise – unter konsequentem Einbezug des internationalen Forschungsstandes, methodisch gründlich, sprachlich und argumentativ präzise, die Ergebnisse abwägend. Und genau deshalb ist der Sammelband so lesens- und empfehlenswert.

[1] Altrichter, Herbert/ Maag Merki, Katharina (Hrsg.): Handbuch neue Steuerung im Schulsystem. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010.
Sascha Koch (Bochum)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sascha Koch: Rezension von: Wacker, Albrecht / Maier, Uwe / Wissinger, Jochen (Hg.): Schul- und Unterrichtsreform durch ergebnisorientierte Steuerung, Empirische Befunde und forschungsmethodische Implikationen. Wiesbaden: VS Verlag 2012. In: EWR 12 (2013), Nr. 4 (Veröffentlicht am 24.07.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353116615.html