EWR 7 (2008), Nr. 5 (September/Oktober)

Uschi Backes-Gellner / Lutz Bellmann (Hrsg.)
The Economics of Apprenticeship and Further Training in Germany and Switzerland
(Zeitschrift fĂŒr Arbeitsmarktforschung, 40/2&3)
Stuttgart: Kohlhammer 2007
(188 S.; ISBN 1614-3485; 14,90 EUR)
The Economics of Apprenticeship and Further Training in Germany and Switzerland Die Zeitschrift fĂŒr Arbeitsmarktforschung widmete ihr Themenheft 2007 der Ökonomie der Lehrlingsausbildung und der Weiterbildung in Deutschland und der Schweiz, und somit einem Thema, das nicht nur von großer bildungs-, wirtschafts- und sozialpolitischer AktualitĂ€t ist, sondern auch mittlerweile in der internationalen Forschungsliteratur zur Berufs- und Weiterbildung stark beachtet wird. Letztere hat im Anschluss an die zentralen Texte von Finegold und Soskice die Eigenheiten dualer Berufsbildungssysteme in deutschsprachigen LĂ€ndern hervorgehoben. Das Themenheft stellt sich also einer doppelten Herausforderung, nĂ€mlich einerseits einen theoretischen und methodischen Beitrag zu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu leisten und andererseits gleichzeitig Steuerungswissen als Grundlage politischer Entscheidungsprozesse zu generieren, und zwar in beiden FĂ€llen fĂŒr ein internationales Publikum, erscheint das Heft doch in englischer Sprache. Es weckt daher entsprechend hohe Erwartungen.

Das Themenheft besteht aus sechs Artikeln zur dualen Berufsbildung in der Schweiz und in Deutschland, drei Artikeln zur Weiterbildung in Deutschland und einem Artikel, welcher sich mit unterschiedlichen AusbildungsgĂ€ngen fĂŒr die Informatikbranche in Großbritannien und Deutschland beschĂ€ftigt. Es wird von einem kurzen Editorial eingeleitet und schließt mit den Abstracts und den Zusammenfassungen der Artikel. Ziel aller Artikel ist es, mittels bildungsökonomischer Modelle das Aus- und Weiterbildungsverhalten von Firmen und Individuen zu erklĂ€ren. Die in den Texten dargestellten zentralen unabhĂ€ngigen Variabeln decken sich in vielen FĂ€llen und schließen regionale Besonderheiten, Eigenschaften der Betriebsstruktur, Erwartungen an den GeschĂ€ftsgang usw. mit ein.

WĂ€hrend die den Untersuchungen zur Schweiz zu Grunde liegenden Daten sowohl aus amtlichen als auch aus spezifischen, fĂŒr diese Forschungsprojekte erstellten Statistiken stammen, wurden die Daten zu Deutschland, mit der Ausnahme jener von Steedman und Wagner, in anderen ZusammenhĂ€ngen generiert. Von zentraler Bedeutung sind dabei insbesondere die in mehreren Artikeln verwendeten Paneldaten des Deutschen Instituts fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur fĂŒr Arbeit.

Im Folgenden soll dargestellt werden, ob das Heft den hohen AnsprĂŒchen hinsichtlich Generierung von Steuerungswissen einerseits und wissenschaftlichem Grundlagenwissen andererseits gerecht wird.

In der Tat werden in den unterschiedlichen Artikeln Forschungsresultate dargestellt, welche fĂŒr bildungs-, wirtschafts- und sozialpolitische Auseinandersetzungen relevant sind. Sie alle gehen dabei implizit von der Annahme aus, dass das Ausbildungs- und Weiterbildungsverhalten von Firmen und Individuen als Folge rationalen Handelns von homines oeconomici und nicht als Folge kultureller Dispositive zu verstehen sei: Arbeitgeber bieten keine Lehrstellen an, weil sie sich fĂŒr das öffentliche Gut einsetzen wollen, sondern weil sich dieses Verhalten fĂŒr sie selbst bezahlt macht.

Die beiden BeitrĂ€ge aus der Schweiz (MĂŒhlemann/Wolter und Schweri/MĂŒller) stellen dar, dass sich die Berufsausbildung in der Schweiz tatsĂ€chlich schon wĂ€hrend derselben fĂŒr die Betriebe auszahlt und dass die anderen Betriebe es schaffen, die Investition in die Berufsausbildung durch ProduktivitĂ€tsgewinne nach dieser Zeit zurĂŒckzugewinnen. Gleichzeitig weisen sie auch darauf hin, dass der RĂŒckgang der Zahl der AusbildungsplĂ€tze in absoluten Zahlen nicht auf eine sinkende Ausbildungsbereitschaft der Betriebe, sondern insbesondere auch auf angebotsseitige Faktoren zurĂŒckgefĂŒhrt werden kann: So spielen demographische Entwicklungen wie die Population der 16jĂ€hrigen ebenso eine Rolle wie Ausformungen und Entwicklungen des Bildungssystems, insbesondere die Konkurrenz, welche dem dualen Berufsbildungssystem aus anderen Angeboten auf der oberen Sekundarstufe erwĂ€chst (z.B. Gymnasien).

Die Ergebnisse fĂŒr die berufliche Ausbildung in Deutschland sind weniger eindeutig, und einzelne Aussagen unterschiedlicher BeitrĂ€ge stehen sich gar in offenem Widerspruch gegenĂŒber. WĂ€hrend Zwick darstellt, dass den Arbeitgebern wĂ€hrend der Ausbildungszeit keine Nettokosten entstehen, legen die anderen BeitrĂ€ge zur deutschen Berufsausbildung nahe, dass ein wesentlicher Teil der ausbildenden Betriebe solche Kosten auf sich nehmen muss. GemĂ€ĂŸ der Mehrheit der Autoren lohnt sich das Ausbilden von Jugendlichen fĂŒr diese Betriebe jedoch, weil sie aufgrund eines nicht sehr kompetitiven, d.h. friktionalen Arbeitsmarktes nach dieser Periode mit dem Verbleib der Ausgebildeten im Betrieb rechnen können. Eine wichtige öffentliche Aufgabe sei es daher, Firmen von den lĂ€ngerfristigen Vorteilen der Investition in die Berufsausbildung zu ĂŒberzeugen, argumentiert etwa Walden. Folgt man der Argumentation von Bellmann/Lutz, wird diese Überzeugungsarbeit von VerĂ€nderungen der Wirtschaftsstruktur erschwert, welche die Entscheidung fĂŒr oder gegen die Investition in AusbildungsplĂ€tze zunehmend in einem von zahlreichen Unsicherheitsfaktoren dominierten Kontext stattfinden lĂ€sst: Die immer zahlreicher werdenden Dienstleistungsbetriebe ziehen es etwa vor, externe Kandidaten zu rekrutieren, anstatt Jugendliche selbst auszubilden, da in diesem Sektor die Fluktuation von ArbeitskrĂ€ften grĂ¶ĂŸer ist als etwa in der frĂŒher prominenter vertretenen verarbeitenden Industrie: Die Investition wird somit zum ökonomischen Risiko, dessen Beurteilung zusĂ€tzlich von den Erwartungen hinsichtlich des GeschĂ€ftsganges einzelbetrieblicher GeschĂ€ftserwartungen abhĂ€ngt, wie Dietrich/Gerner darlegen.

Von stĂ€rker sozialpolitischer Relevanz sind die Artikel zur Weiterbildung in Deutschland: Der Beitrag von Krekel/Walden zur Weiterbildung in Deutschland stellt etwa dar, dass spezifische Cluster der erwerbstĂ€tigen Bevölkerung besonders bemerkenswertes Weiterbildungsverhalten aufweisen: Frauen mit niedrigen Einkommen, sowohl in Teilzeit- oder Vollzeitanstellungen, haben seltener als andere ErwerbstĂ€tige die Möglichkeit, sich an Weiterbildungen zu beteiligen und investieren selbst auch weniger, nicht zuletzt, weil sie mit wenig finanziellen Ressourcen ausgestattet sind. Dieser Cluster steht im Kontrast zu MĂ€nnern mit höheren BildungsabschlĂŒssen und höheren Einkommen, welche nicht nur leichter Zugang zu fĂŒr die Karriere förderlichen Angeboten der Weiterbildung haben, sondern auch selbst mehr in diese investieren, sodass sich Karriereoptionen entsprechend verbessern.

Ebenso wie das Themenheft steuerungsrelevante Resultate generiert, leistet es auch einen Beitrag zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit beruflicher Aus- und Weiterbildung. Nicht nur werden theoretische ErgĂ€nzungen zur neueren bildungsökonomischen Ausbildungsliteratur gemacht und fĂŒr die Forschung interessante, in der internationalen Literatur vergleichsweise wenig diskutierte Eigenheiten des schweizerischen Berufsbildungssystems diskutiert, sondern es werden auch methodische Innovationen vorgestellt, etwa indem regionale ArbeitsmĂ€rkte unter Bezugnahme von Reisezeiten neu definiert (MĂŒhlemann/Wolter), zwei LĂ€nder hinsichtlich der Ausbildung in einer noch relativ jungen Industriebranche verglichen (Steedman/Wagner) oder indem Weiterbildungsstrategien von Firmen mit einem DoppelhĂŒrdenmodell untersucht werden (NeubĂ€ume/Kohaut).

Trotz dieser positiv zu verbuchenden BeitrĂ€ge zur internationalen Literatur wird das Heft letztlich den auch diesbezĂŒglich sehr hohen Erwartungen nicht ganz gerecht. Dies aus mehreren GrĂŒnden.

Erstens erscheint das Heft als eine Zusammenstellung voneinander losgelöster Texte, welche nicht in einem ĂŒbergreifenden Artikel auf einen gemeinsamen möglichen Beitrag zur internationalen Literatur hin untersucht werden. Dies ist umso bedauernswerter, als sich eine Mehrheit der Autoren an zentralen Stellen auf mehrheitlich identische Artikel der Literatur bezieht. So ließen sich diese zum Teil wertvollen Ergebnisse zu einem spezifischen Modell der Berufsbildung, dem dualen Modell, ĂŒberzeugender im Kontrast zu jenen Ergebnissen darstellen, welche sich mit anders gelagerten Berufsbildungssystemen beschĂ€ftigen.

Zweitens wird an keiner Stelle auf ĂŒberzeugende Weise versucht, die strukturellen Eigenheiten der beiden Berufs- und Weiterbildungssysteme der Schweiz und Deutschlands und deren Folgen fĂŒr das Aus- und Weiterbildungsverhalten von Firmen und Individuen einem systematischen Vergleich zu unterziehen, wie es von einem Themenheft dieser Art sicherlich erwartet werden könnte.

Diese beiden SchwĂ€chen grĂŒnden letztlich darin, dass eine Auseinandersetzung mit den institutionellen Eigenheiten der beiden political economies der Schweiz und Deutschlands in den AufsĂ€tzen nicht systematisch angedacht ist. Insbesondere in den beiden Texten zur Berufsbildung in der Schweiz legen die Autoren der Leserschaft nahe, dass das Ausbildungs- und Weiterbildungsverhalten von Arbeitgebern durch unproblematische, betriebswirtschaftliche Entscheidungsprozesse determiniert ist, ein Argumentationsmuster, welches bezeichnenderweise durch den einzig systematisch vergleichenden Beitrag in Frage gestellt wird: Steedman und Wagner machen in ihrem Artikel zum Rekrutierungsverhalten von Firmen der Informatikbranche in Deutschland und in Großbritannien deutlich, dass Ausbildungsregime in spezifischen LĂ€ndern auch kulturell geprĂ€gt sind: WĂ€hrend die Betriebe in Großbritannien im Sinne eines „liberalen“ und „flexiblen“ Modells StudienabgĂ€nger unterschiedlicher Disziplinen rekrutieren, sind Betriebe in Deutschland stĂ€rker darauf bedacht, junge Leute mit fachspezifischen AbschlĂŒssen von Fachhochschulen oder mit entsprechenden BerufsausbildungsabschlĂŒssen anzustellen, was die Autorinnen mit der komplexen Institutionalisierung des Berufsmodells erklĂ€ren.

Eine Auseinandersetzung mit den institutionellen Eigenheiten von political economies in diesem Sinne und mit deren Implikationen fĂŒr Aus- und Weiterbildungsverhalten findet zurzeit insbesondere im Zusammenhang mit dem Ansatz von Varieties of Capitalism statt, auf welchen sich Steedman/Wagner explizit beziehen. Gerade fĂŒr das Beispiel Deutschland haben Vertreter dieses Ansatzes darauf hingewiesen, dass nicht nur die Institutionen des Arbeitsmarktes, sondern auch die ArbeitgeberverbĂ€nde eine wichtige Rolle fĂŒr die einzelbetriebliche Entscheidung fĂŒr oder gegen das Anbieten von AusbildungsplĂ€tzen spielen können, indem sie die Unsicherheitsfaktoren der Entscheidung zumindest teilweise entschĂ€rfen. Ein Themenheft, in welchem die gerade in Deutschland unsicheren Ausgangsbedingungen fĂŒr an Ausbildung grundsĂ€tzlich interessierte Firmen immer wieder zur Sprache kommen, hĂ€tte von einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem bereits klassischen Ansatz sicherlich gewonnen, was nicht nur theoretisch befruchtend, sondern auch aus berufsbildungsplanerischer Warte aufschlussreich gewesen wĂ€re.

Literatur

Finegold, D.: Institutional Incentives and Skill Creation: Preconditions for a High Skill Equilibrium. In: Ryan, P. (Hrsg.): International Comparisons of Vocational Education and Training for Intermediate Skills. London/New York/Philadelphia: Falmer Press 1991, S. 95-116

Soskice, D.: Reconciling Markets and Institutions: The German Apprenticeship System. In: Lynch, L. M. (Hrsg.): Training and the private sector: international comparisons. Chicago: University of Chicago Press 1994, S. 25-60.

Hall, P.A./Soskice, D. (Hrsg.): Varieties of capitalism: the institutional foundations of comparative advantage. Oxford: Oxford University Press 2001.

Soskice, D.: Reconciling Markets and Institutions: The German Apprenticeship System. In: Lynch, L. M. (Hrsg.): Training and the private sector: international comparisons. Chicago: University of Chicago Press 1994, S. 25-60.

Culpepper, P.D.: Employer's Associations, Public Policy and The Politics of Decentralized Cooperation in Germany and France. In: Hall, P.A./Soskice, D. (Hrsg.): Varieties of Capitalism: The Institutional Foundations of Comparative Advantage. Oxford: Oxford University Press 2001, S. 275-306.
Markus Maurer (ZĂŒrich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Markus Maurer: Rezension von: Backes-Gellner, Uschi / Bellmann, Lutz (Hg.): The Economica of Apprenticeship and Further Training in Germany and Switzerland, (Zeitschrift fĂŒr Arbeitsmarktforschung, 40/2&3). Stuttgart: Kohlhammer 2007. In: EWR 7 (2008), Nr. 5 (Veröffentlicht am 09.10.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/3485.html