EWR 3 (2004), Nr. 1 (Januar/Februar 2004)

Hartmut von Hentig
Rousseau oder Die wohlgeordnete Freiheit
M├╝nchen: Beck 2003
(124 Seiten; ISBN 3-406-50649-8; 14,90 EUR)
Rousseau oder Die wohlgeordnete Freiheit Das Buch "Rousseau oder Die wohlgeordnete Freiheit" ist nach Bekunden von Hentig ein nicht-wissenschaftliches Essay (S. 108), welcher dazu verf├╝hren will, "Rousseaus B├╝cher selber zu lesen" (S. 16). Ein zentrales Anliegen des Autors ist es, die gespaltene ├Âffentliche Meinung ├╝ber Rousseau durch eine leidenschaftliche Rekonstruktion seiner Gedankeng├Ąnge zu revidieren, denn Zuspruch und Abwendung von Rousseau sind eng sowohl mit seinem Werk als auch mit seinem Leben verkn├╝pft (vgl. S. 98). "Und nur ganz selten und ganz verhalten h├Ârt man, da├č einer gesteht, er sei von Rousseaus Leidenschaft ergriffen, von seinen Gedanken ├╝berzeugt." (S. 107-108). Subjektiv kann man sich hier der Annahme einer apologetischen Intention Hentigs nicht entziehen.

Seine Ausgangsfrage im Vorwort "Warum Rosseau lesen?" (S. 9) wird durch den Hinweis beantwortet, dass durch ein nicht-wissenschaftliches, aber leidenschaftliches Lesen, heutige Eltern und Lehrer f├╝r den Versuch empf├Ąnglich gemacht werden sollen, "Abstand zu den eigenen Institutionen und W├Ârtern, Gewohnheiten und Erwartungen" nehmen zu k├Ânnen (S. 16).

Insofern unser Autor von einer sehr engen Verkn├╝pfung von Person und Werk ausgeht ("Bei Rousseau erkl├Ąrt die Biographie vieles, was f├╝r sich r├Ątselhaft bliebe, ja sie schreibt gleichsam am Werk mit", S. 19), beginnt Hentigs Essay mit einer knappen Skizze des Lebens von Rousseau (Kapitel I), denn: "Welcher andere Lebenslauf, der so zerrissen, so ungereimt und wechselvoll ist, hat ein derart in sich gerundetes, in sich stimmiges Werk hervorgebracht?" (S. 20). In Kapitel II stellt Hentig das Werk Rousseaus als "Vierf├╝├čler" (S. 83) vor: die Lehre vom Menschen (Erster und Zweiter Discours), die Theorie der Gesellschaft (Contrat Social), die P├Ądagogik (Emil) und seine Rechtfertigungsschriften. Die holzschnittartige Darstellung der wichtigsten und zentralsten Argumente Rousseaus endet in einem Pl├Ądoyer f├╝r das Lesen insbesondere der Verteidigungsschriften, "weil man sich sonst leicht auch die anderen Schriften erspart, sofern man sie n├Ąmlich f├╝r das Werk eines Schw├Ąrmers, eines Unglaubw├╝rdigen, eines Phantasten h├Ąlt" (S. 87). Das Kapitel III skizziert die Wirkung und die Rezeption des RousseauÔÇÖschen Denkens. Insbesondere die moderne P├Ądagogik ist von zwei Vorgaben Rousseaus beeinflu├čt: dem Empirismus, welche der Forderung nach Beobachtung der Kinder nachkommt und der Stufung der Erziehung nach Kindesalter. Hentigs Ausf├╝hrungen enden mit knappen Hinweisen auf kritikf├Ąhige Punkte bei Rousseau (z.B. m├Ąnnlich zentrierte Erziehung).

Das "Bekenntnis" Hentigs im Nachwort bezieht sich auf die enorme Wirkung Rousseus auf sein eigenes Denken (vgl. S. 108). Der Autor will vor allem die Gr├Â├če des P├Ądagogen durch Taten, seine Person und seine Gedanken sprechen lassen. Folglich finden sich zahlreiche Zitate, um Rousseau dadurch "unmittelbar zu Wort kommen" zu lassen (vgl. S. 16). Hentig muss sich durch den kritischen Leser aber die Frage gefallen lassen, welche Bedeutung die "Leidenschaft" f├╝r eine Rousseau-Lekt├╝re hat: Denn was ist der Vorteil einer nicht-wissenschaftlichen, daf├╝r aber leidenschaftlichen Lekt├╝re? Indem der Autor diese Frage nicht beantwortet, sind seine eigenen gedanklichen Voraussetzungen - f├╝r ein Essay legitim - dadurch aber nur bedingt auf andere Rezipienten ├╝bertragbar. "Wir alle schreiben, wenn wir ├╝ber Rousseau schreiben, ├╝ber uns selbst" (S. 109). Dieser Satz zeigt deutlich Hentigs Ausgangspunkt. Sein Schreiben ├╝ber Rousseau ist sehr stark mit seinen "eigenen Lebens- und Denkproblemen durchsetzt" (S. 106).

Fraglich bleibt daher der Nutzen des Buchs als ├╝ber die Zugriffsm├Âglichkeit auf die zahlreichen Zitate hinaus, denn nach eigenem Bekunden haben viele Forscher "alles gesagt, was man sagen kann" (S. 108). Ein wissenschaftliches Werk wollte Hentig bewusst nicht schreiben. Um einen ├ťberblick ├╝ber das Leben und das Werk Rousseaus zu erhalten, k├Ânnten dann auch die einschl├Ągigen Lexika und Monographien konsultiert werden. So kann nur noch angef├╝hrt werden, dass durch die von Hentig angestrebte leidenschaftliche Rekonstruktion von Leben und Werk Rousseaus der moderne Leser zum eigenen Lesen des gro├čen P├Ądagogen angeregt werden soll, um eine praktische Wirkung zu erzielen. Hentigs Klage lautet: "Aber nichts [von den Gedanken Rousseaus] m├╝ndet in unseren Denkformen, unserem Glauben, unserer Demokratie, unserem p├Ądagogischen Alltag." (S. 107) Wenn dies aber stimmen sollte, dann bleibt immer noch fraglich, welche Bedeutung die Wissenschaft, insbesondere die Geisteswissenschaft, in der modernen Gesellschaft besitzt, wenn dieser (als nicht vorhanden postulierte) Einfluss mit Hentig nicht konstatiert werden kann.
Martin Fabjancic (Trier)
Zur Zitierweise der Rezension:
Martin Fabjancic: Rezension von: von Hentig, Hartmut: Neu rezensizertes Buch, Rousseau oder Die wohlgeordnete Freiheit, M├╝nchen: Beck 2003. In: EWR 3 (2004), Nr. 1 (Veröffentlicht am 05.02.2004), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/40650649.html