EWR 2 (2003), Nr. 1 (Januar 2003)

Barbara Kowalzik
Das j├╝dische Schulwerk in Leipzig 1912 - 1933
K├Âln, Weimar, Wien: B├Âhlau Verlag 2002
(374 Seiten; ISBN 3-412-03902-0; 39,90 EUR)
Das j├╝dische Schulwerk in Leipzig 1912 - 1933 Die wissenschaftliche Besch├Ąftigung mit j├╝dischen Schulen, die vor und w├Ąhrend des "Dritten Reiches" existierten, hat seit den 80er Jahren deutlich zugenommen, wozu auch der Zugang zu ostdeutschen Archiven beigetragen hat. Grund f├╝r dieses Interesse ist wohl nicht nur die Piet├Ąt gegen├╝ber den Gefl├╝chteten und Ermordeten. Vielmehr sind j├╝dische Schulen in Deutschland fast immer in schwierigen Situationen gewesen. Diese waren teilweise politisch und gesellschaftlich bedingt, teilweise aber auch durch das Bem├╝hen, eine anspruchsvolle weltliche Bildung mit einer j├╝dischen oder ÔÇô wie im Falle der Leipziger Carlebachschule ÔÇô mit einer orthodoxen religi├Âsen Bildung in Einklang zu bringen. Ziele waren, sowohl die gesellschaftliche Integration zu bef├Ârdern als auch eine religi├Âs gest├╝tzte j├╝dische Identit├Ąt zu wahren.

Die vorliegende Monographie rekonstruiert und dokumentiert die Entstehung und Entwicklung des Leipziger J├╝dischen Schulwerks (LJSW) von 1912 bis 1933. Gemeint ist damit zun├Ąchst die von dem neo-orthodoxen Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach gegr├╝ndete "H├Âhere Israelitische Schule". Die Bezeichnung "Schulwerk" ist insofern gerechtfertigt, als es sich im Laufe der Entwicklung um eine wechselnde Kombination verschiedener Schultypen (Volksschule, H├Âhere T├Âchterschule, Realschule f├╝r Knaben und M├Ądchen bis Klasse 10) gehandelt hat. Die wechselnden Bezeichnungen und mehrfachen Ver├Ąnderungen bei den Schultypen innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne verweisen nicht nur auf den Kampf um eine m├Âglichst weitgehende staatliche Anerkennung (bes. bei den Pr├╝fungsberechtigungen) dieser Schule, sondern spiegeln auch die Ver├Ąnderungen der schulpolitischen Rahmenbedingungen vom Kaiserreich ├╝ber die Novemberrevolution bis zu den wechselnden politischen Konstellationen in der Weimarer Republik wider. Die Ursachen f├╝r die vielen Probleme, die dem Schulwerk bis 1933 entstanden, sind nach der Analyse der Verfasserin also nicht vorrangig auf antisemitische Motive zur├╝ckzuf├╝hren, obwohl diese sich auch schon vor 1933 auswirkten (vgl. S. 212 und 224 ff.).

Leipzig war insofern ein Sonderfall, als dort die "Ostjuden" ohne deutsche Staatsb├╝rgerschaft die Mehrheit bildeten und dennoch eine Einheitsgemeinde bestand, in der die zumeist nicht orthodoxen deutschen Juden dominierten, da die Ostjuden nicht wahlberechtigt waren. Von der Gemeinde erhielt die Schule denn auch viele Jahre lang keine Unterst├╝tzung.

Nur eine deutsch-j├╝dische neo-orthodoxe Pers├Ânlichkeit wie Carlebach war in der Lage, ein solches Schulwerk mit beachtlichen Sch├╝lerzahlen (657 im Jahr 1922) ins Leben zu rufen und zu erhalten. Dabei gab ihm die Familie Carlebach eine gro├če ideelle und materielle Unterst├╝tzung. Schultr├Ąger war der von orthodoxen Eltern gegr├╝ndete Israelitische Schulverein Leipzig e.V., der auch f├╝r die Finanzierung sorgte.

Das Buch zeigt nicht nur die Entwicklung der Schule selbst, sondern auch das jeweilige politische und gesellschaftliche Umfeld. Zahlreiche Verbindungen werden auch zu Personen und Ereignissen hergestellt, die mit der Schule nicht direkt etwas zu tun hatten. Vielleicht ist es des Guten manchmal etwas zuviel. Auch manche Wiederholungen (etwa zu den Bildungszielen der Schule) erscheinen unn├Âtig. Statt dessen w├Ąre die Darstellung der gesamten Schulgeschichte bis zur Schlie├čung 1942 in einem Band w├╝nschenswert gewesen.

Doch liefert das Buch eine F├╝lle von gut dokumentierten Informationen und einen wertvollen Forschungsbeitrag. Dabei ist es stets angenehm zu lesen. Dazu tragen auch die aufwendigen Abbildungen von Photos, Schulakten, Zeitungsausschnitten etc. bei. Historisch interessierte Laien, die einen Einblick in j├╝dische Bildungsbem├╝hungen bekommen wollen, sind mit dem Buch ebenso gut bedient wie wissenschaftliche Experten.
Werner F├Âlling (Dresden)
Zur Zitierweise der Rezension:
Werner F├Âlling: Rezension von: Kowalzik, Barbara: Das j├╝dische Schulwerk in Leipzig 1912 - 1933, K├Âln, Weimar, Wien: B├Âhlau Verlag 2002. In: EWR 2 (2003), Nr. 1 (Veröffentlicht am 01.01.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/41203902.html