EWR 5 (2006), Nr. 1 (Januar/Februar 2006)

Mark Ackermann
Systemisches Lernen
Individuelle und organisationale Lernprozesse in Kommunikationsarchitekturen (Bildung und Organisation, Bd. 14)
Frankfurt: Peter Lang 2005
(200 S.; ISBN 3-631-53329-2; 39,00 EUR)
Konzepte des systemischen Lernens und der lernenden Organisation pr√§gen seit den 1990er Jahren den Diskurs um Organisationsentwicklung und -beratung. Auch in den praktischen Konzeptionen von Beratungsunternehmen hat sich ein ‚Äěsystemischer Ansatz‚Äú bereits etabliert. Aus diesem Grund weist Mark Ackermann mit seiner Dissertationschrift darauf hin, dass der praktische Erkl√§rungswert der neueren Systemtheorie noch nicht ersch√∂pft ist. Der Autor betrachtet in seinem Buch den radikalen Konstruktivismus sowie die neuere Systemtheorie und verdeutlicht ihren heuristischen Erkl√§rungswert am Beispiel eines organisationalen Change Prozesses. Ackermann vertritt die These, dass Organisationen zur Bew√§ltigung komplexer Aufgaben in einen Prozess des Lernens gebracht werden k√∂nnen. ‚ÄěAus unserer Sicht sind daf√ľr spezielle Kommunikationsm√∂glichkeiten (¬īsystemspezifische Kommunikationsarchitekturen¬ī) so zu gestalten, dass Aktion und Reflektion erm√∂glicht werden‚Äú (15).

Ackermann stellt nach einigen einleitenden √úberlegungen (Kap. 1) den Konstruktivismus (Kap. 2) und die neuere Systemtheorie (Kap. 3) vor. Hier beschreibt er sehr ausf√ľhrlich, dass mit beiden Theorien Besonderheiten f√ľr die Wahrnehmung von Organisationen und Individuen einhergehen. Sowohl der Konstruktivismus als auch die Systemtheorie werden in ihrer Relevanz f√ľr das Lernen von Organisationen in den Blick genommen. In Kapitel 4 zeigt Ackermann am Beispiel einer Fallstudie, dass die Erkl√§rungskraft beider Theorien genutzt werden kann, um individuelle und organisationale Lernprozesse zu initiieren und zu unterst√ľtzen. Die Erfahrungen der Fallstudie und die vorangegangenen theoretischen √úberlegungen werden in einem zweiten Theorieteil zu einem Ansatz des systemischen Lernens zusammengef√ľhrt (Kap.5). Ackermann konkretisiert den Ansatz, indem er die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Theorien des Organisationslernens herausarbeitet. Im 6. Kapitel stellt Ackermann einen Praxisleitfaden zur Verf√ľgung. Die Leserschaft erf√§hrt hier, wie die gezeigten Vorstellungen des Lernens im Rahmen einer ‚ÄěOrganisationsdidaktik‚Äú tats√§chlich realisiert werden k√∂nnen. Zusammenfassend diskutiert Ackermann die kritischen Punkte der Studie (Kap. 7).

Dem Konstruktivismus entnimmt Ackermann, dass es handlungsleitende Muster gibt, welche die Handlungsf√§higkeit von Organisationen einschr√§nken (30-31). An Hand der Systemtheorie zeigt er, dass diesen Mustern Differenzen zugrunde liegen, an die zur Herstellung der Handlungsf√§higkeit angeschlossen werden kann (59). Am Fall des Standortwechsels eines Betriebes beschreibt Ackermann, wie der Betrieb auf die ben√∂tigten Differenzen aufmerksam wird. Dazu werden ‚ÄěKommunikationsplattformen kreiert, um Kommunikationen zu generieren, die bisher nicht m√∂glich bzw. nicht institutionalisiert m√∂glich waren‚Äú (85). Diese bezeichnet Ackermann mit dem Begriff Kommunikationsarchitekturen. Foren f√ľr leitende F√ľhrungskr√§fte, besondere Coachingangebote, Mitarbeiter-Aktionen und kick-off-Veranstaltungen werden daf√ľr im Fallbeispiel genannt.

Bei der Kategorie der Kommunikationsarchitekturen handelt es sich laut Ackermann um gestaltbare Strukturen, die innerhalb von Organisationen die Koordination von Handlungen gewährleisten. Zu den Kommunikationsarchitekturen zählt der Autor formelle und informelle Strukturen, denn Handlungen können seiner Ansicht nach sowohl durch Abteilungsbesprechungen als auch innerhalb von Raucherecken koordiniert werden (116). Qualitativ hochwertiger sind die Kommunikationsarchitekturen, deren handlungsleitende Muster zusätzlich Komplexitätserfahrungen ermöglichen. Sie fördern verschiedene Denk- und Verhaltensweisen. Nimmt eine Organisation die unterschiedlichen Denk- und Verhaltensmuster wahr und reflektiert diese, kann laut Ackermann von einem Prozess des systemischen Lernens gesprochen werden.

Ackermann beschreibt ausf√ľhrlich, dass ‚ÄěSystemisches Lernen‚Äú ein Konzept ist, mit dem bestehende Organisationsstrukturen und individuelle Wahrnehmungsmuster beschrieben und auf Ver√§nderungspotentiale abgetastet werden. Hierbei betont er, dass √ľber die Gestaltung von Kommunikationsarchitekturen die M√∂glichkeit besteht auf den Lernprozess Einfluss zu nehmen. Durch Gestaltung spezifischer Kommunikationsarchitekturen ist, so Ackermann, ein Prozess des Lernens anzuregen, in dem die bisher getroffenen Unterscheidungen und Beobachtungsmuster hinterfragt und im Sinne der Fortentwicklung des Gesamtsystems ver√§ndert werden (121-122).

F√ľr den Umgang mit komplexen Situationen empfiehlt Ackermann ein Systemdenken, das die unterschiedlichen Referenzen (Organisation, Wissensgemeinschaft, Gruppe und Individuum) ber√ľcksichtigt. Dieser Zugang zu organisationalen Problemen unterscheidet sich dem Autor zufolge im Lernverst√§ndnis und im Kommunikationsverst√§ndnis sowie in der Auffassung des System-Umwelt-Verh√§ltnisses von bisherigen Konzepten des organisationalen Lernens (125).

Zus√§tzlich beschreibt Ackermann den systematischen Rahmen f√ľr die Entwicklung geeigneter Kommunikationsarchitekturen. F√ľr jedes Handlungsfeld stellt er einen Leitfaden zusammen, an Hand dessen eine Analyse der Ausgangsbedingungen sowie die Entwicklung geeigneter Kommunikationsarchitekturen vollzogen werden kann. An dieser Stelle zeigt sich eine der zentralen St√§rken des Buches. Obwohl sich aus der Systemtheorie nicht direkt Handlungsanweisungen entnehmen lassen, entfaltet Ackermann wie der Entstehungsweg einer Organisationsdidaktik mit den Grundannahmen der Theorie in Verbindung gebracht werden kann. Er weist darauf hin, dass jeder Ansatz, mit dem Lernprozesse beobachtet und gestaltet werden k√∂nnen, auch ein systemtheoretischer, blinden Flecken ausgesetzt ist. Die Beobachter sollten sich deshalb immer die Frage stellen, ‚Äěwelche Kommunikationen habe ich nicht beobachtet bzw. beobachten k√∂nnen‚Äú (181)?

F√ľr mich bleibt offen, wie sich der Spagat Ackermanns zwischen hohem theoretischen und praktischen Anspruch auf die Leserschaft auswirken wird. Die Ausf√ľhrungen und Illustrationen zum Konstruktivismus und zur Systemtheorie erinnern an die √ľblichen Einf√ľhrungslekt√ľren. W√§hrend Kenner/innen der Materie sich hier vorschnell unterfordert sehen k√∂nnten, d√ľrfte die √ľbrige Leserschaft mit einem Gef√ľhl der √úberforderung zu k√§mpfen haben. Ein solches Problem ist meiner Meinung nach allerdings eher der Systemtheorie als Ackermann zuzuschreiben. In jedem Fall lohnt es sich, das Buch nicht zur Seite zu legen, findet es doch zu einer Organisationsdidaktik, die durchaus von praktischem Nutzen ist.


Nils Bethmann (Freiburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Nils Bethmann: Rezension von: Ackermann, Mark: Systemisches Lernen, Individuelle und organisationale Lernprozesse in Kommunikationsarchitekturen (Bildung und Organisation, Bd. 14). Frankfurt: Peter Lang 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 1 (Veröffentlicht am 13.02.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/63153329.html