EWR 3 (2004), Nr. 4 (Juli/August 2004)

Georg Hansen / Norbert Wenning
Schulpolitik fĂĽr andere Ethnien in Deutschland
Zwischen Autonomie und UnterdrĂĽckung
MĂĽnster, New York, MĂĽnchen, Berlin: Waxmann 2003
(233 Seiten; ISBN 3-8309-1122-X; 19,50 EUR)
Schulpolitik für andere Ethnien in Deutschland Vergleichend, systematisch und historisch – unter diesen Perspektiven skizzieren Georg Hansen und Norbert Wenning die Schul- und Bildungspolitik für andere Ethnien in Deutschland. Sie kommen zu der zusammenfassenden Einschätzung, dass die alleinige Betrachtung der jeweiligen Schul- und Bildungspolitik für die Beantwortung der Frage, wann welche Ethnie in Deutschland warum wie viel Autonomie erhielt bzw. erhält bzw. welche bildungspolitische Aufmerksamkeit ihr zuteil wird, nicht ausreicht. Wenn der Blick auf eine konkrete Zeit und eine bestimmte Gruppe in einer abgegrenzten Region zielt, hängt das Maß an Autonomie bzw. an Unterdrückung von der gesamtgesellschaftlichen Situation, von der ökonomischen bzw. technischen Entwicklung, von der demographischen Lage und – nicht zuletzt – von der politischen "Großwetterlage" ab. Diese Einschätzung entwickeln die Autoren nach einer Einleitung in drei Kapiteln, bevor sie in Kapitel 5 ihren Ansatz zur Systematisierung des gesellschaftlichen Phänomens "Minderheiten-Bildung im Bildungswesen" vorstellen.

Kapitel 2 konzentriert sich darauf, Merkmale von Differenz aufzuzeigen und schließlich die Grundzüge des Repertoires staatlicher Bildungspolitik zur Aus- und Eingrenzung von different wahrgenommenen Gruppen deutlich zu machen: Nichtbeachtung, Assimilation derjenigen, die zur Anpassung bereit sind und gleichzeitig Segregation der Übrigen, (tendenzielle) Aufhebung staatlicher Markierung von Differenzlinien, Ausgrenzung, Germanisierung und Einräumung von staatlich garantierter Autonomie.

Die insgesamt sechs Grundlinien staatlicher Bildungspolitik lassen sich – so die These – jeweils spezifisch für alle in Deutschland als ethnisch different begriffenen Gruppen nachzeichnen, was in Kapitel 3 anhand von Beispielen geschieht: Die Bildungs- und Schulpolitik für Juden (Ausgrenzung, Stigmatisierung und eingeschränkte Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen), Hugenotten (von Autonomie zu Integration), "Böhmische Brüder" (weniger Autonomie und schnellere Integration), Polen (Germanisierung und Gegenwehr zu Autonomieversprechen), Dänen (Privatschulen und zwischenstaatliche Vereinbarungen), Sorben (kulturelle Teilautonomie), Sinti und Roma (Ignoranz kultureller und sprachlicher Differenz), sog. "privilegierte Fremde" wie z. B. der NATO-Partner (Nachmittagsschulen jenseits von Autonomie), Arbeitsmigranten (zwischen Rückkehrorientierung und Anpassungsdruck), (Spät-)Aussiedler (Minderheit wider Willen) und Flüchtlinge (Funktionalisierung, Nichtbeachtung, Assimilation) wird mit anschaulichen Belegen aus historischen Quellen beleuchtet.

Kapitel 5 gründet auf der Aussage, dass Minderheiten(schul-)politik immer im Rahmen herrschender politischer bzw. staatlicher Rahmenbedingungen zu diskutieren ist, aus denen sich die Motive einer solchen Schulpolitik ergeben. Die Frage nach ethnischen Minderheiten im Bildungswesen umfasst somit mehr als Problemlagen von jeweils aktuell diskutierten Gruppe, seien es "Gastarbeiter-", (Spät-)Aussiedler- oder Flüchtlingskinder. Die Autoren schlagen einen Systematisierungsansatz zur Darstellung und Bewertung einer Bildung für oder von Minderheiten vor, der zwei Dimensionen berücksichtigt: Inwieweit sind regional angemessen Maßnahmen oder Einrichtungen mit Bezug auf sprachliche, kulturelle, soziale und religiöse Besonderheiten von Minderheiten im Bildungswesen berücksichtigt? Und: Inwieweit orientiert sich die inhaltliche Ausrichtung bildungspolitischer Maßnahmen eher an dem Ziel einer Anpassung an die Standards eines sog. Normalitätskonstrukts (Assimilation oder Germanisierung) oder eher an einem minderheitenbezogenen Programm mit dem Ziel des Erhalts von Abweichungen (Autonomie)? In ein solches Schema zum Gesellschaftsbezug der Minderheitenbildung lassen sich demnach die jeweils geltenden Maßnahmen verorten und bewerten.

Eine transparente Gliederung, Zwischenbilanzen nach Sinneinheiten innerhalb und Zusammenfassungen am Ende der Kapitel sowie eine stetige Wiederaufnahme der Grundargumentation machen es dem Studienanfänger leicht, den Autoren zu folgen. Für interessierte Fortgeschrittene bzw. Experten erscheinen insbesondere die Lektüre der historisch kenntnisreichen Ausführungen zu den einzelnen Minderheitengruppen sowie die soziologische Herleitung des Systematisierungsansatzes lohnend. Ein zehnseitiges Glossar von "Allochthon" bis "Volkszugehörigkeit (deutsche)" ist nicht nur für Neueinsteiger in das Thema eine brauchbare Lesehilfe.
Rainer Peek (Soest)
Zur Zitierweise der Rezension:
Rainer Peek: Rezension von: Hansen, Georg / Wenning, Norbert: Schulpolitik fĂĽr andere Ethnien in Deutschland, Zwischen Autonomie und UnterdrĂĽckung, MĂĽnster, New York, MĂĽnchen, Berlin: Waxmann 2003. In: EWR 3 (2004), Nr. 4 (Veröffentlicht am 05.08.2004), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83091122.html