EWR 4 (2005), Nr. 6 (November/Dezember 2005)

Christiane Pruisken
Interesse und Hobbys hochbegabter Grundschulkinder
(Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie, Bd. 50)
Münster: Waxmann 2005
(248 S.; ISBN 3-8309-1472-5; 24,50 EUR)
Interesse und Hobbys hochbegabter Grundschulkinder In vielen Kommunen oder Regionen werden hochbegabten Grundschulkindern vielfältige Angebote an speziellen Kursen und Freizeitangeboten gemacht. Diese beruhen auf der Annahme, dass hochbegabte Kinder im Vergleich zu durchschnittlich begabten andere Interessen aufweisen und Aktivitäten bevorzugen. Nun gilt für derartige Förderangebote im Freizeitbereich das Urteil von Holling, Vock & Preckel [1], nach dem es in Deutschland kaum Evaluationen von Fördermaßnahmen gibt, in besonderem Maße. Bei vielen Förderangeboten und Kursen wird nicht einmal überprüft, ob die teilnehmenden Kinder überhaupt hochbegabt sind, geschweige denn, ob die Angebote überhaupt deren Interessen und Bedürfnissen entgegenkommen.

Hier setzt die Untersuchung ein, die Christiane Pruisken im Rahmen ihrer Dissertation durchgeführt hat. Es geht sozusagen um den ersten Schritt: Wenn man hochbegabten Grundschulkindern Freizeitangebote zu deren Förderung machen will, muss man erst einmal prüfen, ob sie sich denn überhaupt für die jeweiligen Inhalte interessieren. Darüber hinaus ist es verdienstvoll, Interessen und daneben Freizeitaktivitäten und Hobbys von hochbegabten Kindern zu untersuchen, um zu prüfen, ob sich diese – wie in vielen populären Ratgebern und Checklisten postuliert – überhaupt von denen anderer Kinder unterscheiden.

Im ersten Theoriekapitel befasst sich die Autorin intensiv und kritisch mit Interessentheorien. Dabei werden insbesondere die Interessentheorie von Todt sowie die pädagogische Interessentheorie aus dem Umfeld von Krapp (Prenzel, U. Schiefele usw.) dargestellt und diskutiert. Dabei wird deutlich, dass die verfügbaren Theorien Interessen und deren Entwicklungen im Grundschulalter nur ansatzweise erklären bzw. abbilden. Die Literatur wird im Hinblick auf Beziehungen zwischen Interessen und Erfahrung, Selbstvertrauen oder Geschlecht gesichtet, eine eigene Konzeption von Interesse wird aber nicht entwickelt. Dies ist für eine empirische Arbeit sicher kein Nachteil, doch überrascht schon, dass nach den differenzierten Überlegungen für den empirischen Teil neben einem Elternfragebogen einfach auf den Differentiellen Interessen-Test für Kinder von Todt zurückgegriffen wird [2]. Warum dies so ist, wird dann im empirischen Teil sofort klar: Die Verfasserin greift für ihre Analysen auf die Daten der Marburger Hochbegabungsstudie zurück, die zwischen 1987 und 1989 erhoben wurden, als sie vermutlich noch zur Schule ging, mit anderen Worten: Sie hatte keinen Einfluss auf Grundlagen und Design dieser Studie.

Zunächst aber werden noch zahlreiche Untersuchungen aus dem deutsch- und nichtdeutschsprachigen Raum zusammengetragen, die Aussagen über Hobbys und Interessen von Grundschulkindern machen. Dabei zeigt sich zum einen, dass manch pessimistische Sicht der Freizeitaktivitäten heutiger Grundschulkinder keine rechte empirische Grundlage hat. Nachdem in einem eigenen Abschnitt ältere Untersuchungen zu Freizeitaktivitäten und Interessen von Grundschulkindern zusammengestellt werden, kann die Autorin zum anderen konstatieren, dass sich diese überraschend wenig geändert haben.

Anschließend werden im zweiten Theoriekapitel Theorien und Modelle zur Intelligenz und Hochbegabung dargestellt. Als Schülerin von Rost bezieht sich Christiane Pruisken dezidiert auf die klassische Hochbegabungsdefinition über die allgemeine Intelligenz bzw. die intellektuelle Begabung. Neben der psychometrischen Definition von Hochbegabung werden auch kognitionspsychologische Ansätze diskutiert, aber als derzeit für die Praxis der Hochbegabtendiagnostik nur wenig brauchbar charakterisiert. Ein gesonderter Abschnitt behandelt die derzeit recht populäre Klassifikation der „Intelligenzen“ nach Gardner und charakterisiert den Ansatz als unwissenschaftlich. Ob die ersten sieben Faktoren – neben den klassischen akademischen Intelligenzbereichen (verbale, quantitativ-logische und räumliche Intelligenz) nennt Gardner musikalische, psychomotorische, intrapersonale (Einsicht in die eigenen Wünsche und Bedürfnisse) und interpersonale Intelligenz (soziale Kompetenz) – noch akzeptabel sind, sei an dieser Stelle dahingestellt, wobei natürlich schon zu fragen ist, für die Lösung welcher Problemstellungen intrapersonale Intelligenz eigentlich dienen soll. Zu Recht verweist die Autorin jedenfalls darauf, dass Gardner besonders bei der Ausweitung seines Modells soliden wissenschaftlichen Boden doch verlassen hat. Weiter werden die gängigen und vor allem auch im deutschsprachigen Raum in der Praxis verbreiteten Hochbegabungsmodelle von Renzulli, Mönks und Heller angeführt und kritisch diskutiert. Das Modell von Perleth passt in diese Reihe nicht ganz hinein, weil es eher die Leistungsentwicklung einschließlich Expertiseentwicklung bzw. die Umsetzung von Begabung in Leistung auf der Grundlage angeborener grundlegender Merkmale der Informationsverarbeitung beschreiben will, was von der Autorin aber auch erkannt wird.

Der letzte große Abschnitt des theoretischen Teils arbeitet Studien auf, die Freizeitinteressen und Hobbys von hochbegabten Kindern und Jugendlichen mit Fokus auf dem Grundschulalter thematisieren. Angefangen mit der klassischen Termanstudie wird eine Fülle von Studien zusammengetragen, z.T. in tabellarischer Form. Die Verfasserin verweist im Detail darauf, dass die meisten der Studien unter gravierenden methodischen Mängeln leiden, vor allem weil mit nichtrepräsentativen Stichproben von Kinder und Jugendlichen gearbeitet wird, von denen man bisweilen nicht einmal weiß, ob sie überhaupt hochbegabt sind (z.B. Teilnehmer an Hochbegabtenförderprogrammen, für die keine Diagnostik zugrunde gelegt wurde). Bei allen methodischen Schwächen der in dieser Zusammenstellung zitierten Studien kristallisiert sich aber ein Bild heraus, nach dem sich hochbegabte Kinder im Grundschulalter in ihren Interessen, Hobbys und Freizeitaktivitäten kaum von anderen Kindern unterscheiden. Ausnahmen stellen Interesse und Beschäftigung mit Mathematik und Lesen dar.

Bereits hier ist festzuhalten, dass diese verhältnismäßig einheitlichen Befunde aus den zahlreichen empirischen Studien den Behauptungen besonders in der populären Ratgeber-literatur deutlich widersprechen. Die Autorin legt nun dieses Resümee ihren eigenen Untersuchungen als zentrale Hypothese zu Grunde. Zur Überprüfung dieser Hypothese greift Christiane Pruisken auf zwei Datensätze zurück: Die Reanalyse der Daten der Marburger Hochbegabtenstudie stellt gewissermaßen das Herzstück der empirischen Untersuchungen dar. Diese Studie wurde kürzlich vom Rezensenten im Rahmen einer anderen Publikation aus dem Umfeld von Rost genauer beschrieben [3].

Da diese Daten aber vor mittlerweile mehr als eineinhalb Jahrzehnten erhoben wurden, wurde zusätzlich im Jahr 1999/2000 eine unausgelesene Stichprobe von Grundschülern nur im Hinblick auf ihre Interessen und Hobbys untersucht. Aufgrund der Ziehung der Stichprobe, die leider nicht so ganz genau beschrieben wird, nimmt die Verfasserin an, dass es sich um eine Stichprobe durchschnittlich begabter Kinder handelt. Allerdings wäre es gerade bei der Untersuchung von Interessen und Freizeitaktivitäten für die Einschätzung der Befunde schon hilfreich, wenn man wüsste, wie viele Kindern aus städtischem oder ländlichem Milieu stammen, wie hoch der Anteil von Kindern aus Privatschulen ist usw. Auch wäre es wünschenswert, etwas über den sozialen Hintergrund der einbezogenen Kinder zu wissen, nicht zuletzt weil diese Variablen von der Verfasserin an anderer Stelle selbst als wichtig im Zusammenhang mit Interessen und Freizeitaktivitäten nicht nur hochbegabter Kinder eingeschätzt werden (sie berichtet auch entsprechende Befunde aus ihren eigenen Daten). Letztlich wird die Stichprobenziehung und Datenerhebung der Marburger Hochbegabtenstudie deutlich genauer beschrieben, obwohl über diese bereits wiederholt berichtet wurde (vgl. auch [3]). Dies hat zur Konsequenz, dass streng genommen die Referenzstichprobe nur eingeschränkt leisten kann, wofür sie rekrutiert wurde: Eine Einordnung der Resultate der selektierten Stichproben der Marburger Hochbegabungsstudie.

Insgesamt aber ist das Niveau der Darstellung der empirischen Vorgehensweise vorbildlich hoch. Neben den Stichproben werden die verwendeten Instrumente beschrieben (und im Anhang abgedruckt) und es wird im Ergebnisteil differenziert über deren psychometrische Eigenschaften berichtet (Item- und Skalenanalysen). Die Interessenerhebung stützt sich – wie oben erwähnt – auf den DIT-K von Todt (1987). Da das Verfahren meines Wissens noch nicht publiziert wurde, erscheinen genaue Angaben zur Skalenqualität auch notwendig. Die Kennwerte zeigen jedenfalls, dass der Test für Gruppenuntersuchungen (Mittelwertvergleiche) ausreichend brauchbar ist, weniger jedoch für die Einzelfalldiagnostik. Ähnlich sorgfältig geht die Verfasserin bei den übrigen statistischen Analysen vor. Positiv ist weiter zu vermerken, dass die Verfasserin nicht nur Signifikanzen berichtet, sondern mittels verschiedener Effektstärkemaße eine Einordnung und genauere Interpretation der Befunde vornimmt.

Insgesamt nimmt die detaillierte Darstellung der zentralen Untersuchungsbefunde über 60 Seiten ein. Da Christiane Pruisken – wie auch im Theorieteil – zu jedem Abschnitt eine kurze, prägnante Zusammenfassung liefert, lässt sich dieser Teil dennoch zügig durchsehen: Man kann die wichtigsten Informationen rasch entnehmen und bei Bedarf die genauen Befunde in den Tabellen nachlesen.

Die wichtigsten Resultate lassen sich wie folgt zusammenfassen: Wie in zahlreichen anderen Studien auch finden sich in den Daten, die Christiane Pruisken analysiert, zahlreiche und „massive“ (167) Geschlechtsunterscheide hinsichtlich der Interessen von Grundschülern. Demnach interessieren und beschäftigen sich beispielsweise Jungen mehr für und mit Mathematik und Technik bzw. technischem Spielzeug, Mädchen mehr mit Literatur und Sprachen, Musik und Tieren (inkl. Reiten). Unterschiede zwischen hoch- und durchschnittlich Begabten finden sich hingegen so gut wie keine bis auf die Interessenbereiche Mathematik und Literatur / Sprachen/ Lesen. Die Befunde ändern sich auch nicht, wenn man die Aussagen von Eltern auswertet. Interessanterweise gibt es also keine Unterschiede in typischen Checklistenmerkmalen, die besondere Merkmale von Hochbegabten zu enthalten beanspruchen: Hochbegabte bevorzugen im gleichen Maße Spiele im Freien oder eine Beschäftigung alleine wie andere Kinder auch. Anhand der von der Autorin neu erhobenen Referenzstichprobe kann sie schließlich zeigen, dass das Bild, das vielfach von Interessen und Freizeitaktivitäten von heutigen Kindern in der Presse, aber auch von vielen Pädagogen gezeichnet wird, so nicht stimmt: Zwar zeigen sich wie gehabt erhebliche Geschlechtsunterschieden bezüglich der Interessen, doch berichten die Kinder nicht nur von der Beschäftigung mit Medien und Computern, sondern in noch größerem Maße von zahlreichen Aktivitäten im Freien sowie von der Beschäftigung mit ruhigen Aktivitäten wie Brettspielen.

Im abschließenden Diskussionsteil werden die Ergebnisse noch einmal resümiert und zusammenfassend diskutiert. Im Hinblick auf die Förderung hochbegabter Grundschüler wird hervorgehoben, dass gesonderte Angebote weder aufgrund deren Interessenstruktur noch deren bevorzugten Aktivitäten oder aus psychologischen Gründen erforderlich seien. Der Wert von besonders anspruchsvollen Angeboten für hoch-begabte oder hochleistende Kinder wird aber deswegen nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil, die Verfasserin fordert durchaus, den speziellen Interessen hochbegabter Kinder in Mathematik und Sprachen / Lesen entgegenzukommen. Die Möglichkeit, dass sich bestimmte Subgruppen des Beratungsklientels von den „normalen“ Hochbegabten unterscheiden und besondere Bedürfnisse aufweisen, wird nicht in Abrede gestellt, aber doch darauf hingewiesen, dass Beschreibungen, die auf der Grundlage von Bratungsklientel gewonnen wurden, nicht für „die“ Hochbegabten stehen können.

Das Buch setzt damit die Tradition der Marburger Arbeitsgruppe [4] fort, populäre Annahmen zur Hochbegabung kritisch zu hinterfragen, einer strengen empirischen Prüfung zu unterziehen und praktische Implikationen für die Förderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher abzuleiten.

[1] Holling, H./Vock, M./Preckel, F. (2001): Schulische Begabtenförderung in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland. In: Bund-Länder-Kommision für Bildungsplanung und Forschungsförderung (Hrsg.): Begabtenförderung – ein Beitrag zur Förderung von Chancengleichheit in Schulen – Orientierungsrahmen. Materialien zur Bildungsplanung und Forschungsförderung, Heft 91. Bonn, S. 27-270.
[2] Todt, E. (1987). Differenzieller Interessentest für Kinder (DIT-K). (unveröffentlichtes Manuskript). Gießen: Fachbereich Psychologie der Justus-Liebig-Universität.
[3] Perleth, Ch. (2005): Rezension von: Schütz, Corinna: Leistungsbezogenes Denken hochbegabter Jugendlicher, „Die Schule mach´ ich doch mit links“, Münster: Waxmann 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 2 (Veröffentlicht am 06.04.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83091355.html
[4] Rost, D. H. (Hrsg.) (1993): Lebensumweltanalyse hochbegabter Kinder. Göttingen: Hogrefe. Rost, D. H. (Hrsg.). (2000): Hochbegabte und hochleistende Jugendliche. Münster: Waxmann.
Christoph Perleth (Rostock)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christoph Perleth: Rezension von: Pruisken, Christiane: Interesse und Hobbys hochbegabter Grundschulkinder, (Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie, Bd. 50). Münster: Waxmann 2005. In: EWR 4 (2005), Nr. 6 (Veröffentlicht am 08.12.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83091472.html