EWR 7 (2008), Nr. 2 (März/April)

Lutz R. Reuter / Annette Scheunpflug
Die Schule der Freundschaft
Eine Fallstudie zur Bildungszusammenarbeit zwischen der DDR und Mosambik
(Bildung im Umbruch, Band 6)
MĂĽnster: Waxmann 2006
(236 S.; ISBN 3-8309-1703-1; 24,90 EUR)
Die Schule der Freundschaft Selten ist ein Schulprojekt so eingehend, methodisch vielseitig, die verfügbaren Quellen aller Provenienz nahezu ausschöpfend bildungshistoriografisch beschrieben worden wie im vorliegenden Fall. Die Rede ist von der „Schule der Freundschaft“, jener Internatsschule am Rande der Stadt Staßfurt, an der 900 junge Menschen aus Mosambik von 1982 bis 1990 unterrichtet und auf eine berufliche Ausbildung in Betrieben der Stadt vorbereitet wurden, um nach der Rückkehr in ihr Heimatland dort als „sozialistisch“ erzogene Facharbeiterelite zur Verfügung zu stehen. Grundlage dieses Unternehmens waren bilaterale Vereinbarungen zwischen der DDR und der 1975 aus dem Guerillakrieg gegen die portugiesische Kolonialmacht hervorgegangenen Volksrepublik Mosambik.

Die „Schule der Freundschaft“ (SdF) ist „in der deutschen Bildungsgeschichte ohne Beispiel“ (276). Weder war zuvor aus dem Ausland von staatlicher Seite um die Gründung einer solchen Schule nachgesucht worden, noch, was die deutsche Seite anbelangt, kulturpolitische Einwirkung und Bildungshilfe im Schulsektor über das Auslandsschulwesen [1] hinaus möglich gewesen. Wie die Akteure in der DDR diese Möglichkeit nutzten, wie sie das exklusive Schulprojekt ganz nach eigenen Vorstellungen prägten, wie damit das erzieherische und ideologische Gepräge von Schule in der DDR in Staßfurt besonders hervortrat, wird klar dargestellt. Ob sich das alles als „Experiment“ mit Kindern und Jugendlichen (ebd.) wirklich am besten begreifen lässt, wäre freilich einer Frage wert. Denn die Ursprünge des Projekts lagen nach allem, was der Leser erfährt, im Politischen [2], nicht eigentlich darin, mittels eines Experiments, hier an Kindern und Jugendlichen vorgenommen, eine pädagogisch-theoretische Annahme oder die Leistungsfähigkeit einer bestimmten Schulform zu überprüfen. Eher ging es um pädagogische Improvisation im Fluss politischer Ereignisse – bei starren ideologischen Prämissen, ignoranter Selbstgewissheit und unter bestimmten materiellen Sachzwängen, gebunden an mehr oder weniger provinzielle, im Umgang mit Fremdheit überforderte Sichtweisen und schließlich auch Unkenntnis und Naivität angesichts der mit dem Projekt verbundenen ethnologischen und sprachlichen Kompetenzanforderungen.

Sich der „Schule der Freundschaft“ und ihres gesellschaftlichen Kontextes auch aus dieser Perspektive zu nähern, gibt die Studie im Übrigen durchaus Gelegenheit. Sie vermittelt einen Überblick über die Entwicklungsgeschichte der Schule, ihre Planung, Durchführung und Auflösung. Vertiefende Darstellungen und systematische Analysen beziehen sich unter anderem auf Erziehung und Unterricht, das Schul- und Internatsreglement, die Gleichberechtigung der Geschlechter, das Sprachenkonzept, die Berufsausbildung, den Umgang mit Religion und kultureller Differenz.

Eingehend dargestellt werden die am Schulprojekt beteiligten Akteure: Partei, Ministerrat, Ministerium für Volksbildung, Staatssekretariat für Volksbildung und das Ministerium für Staatssicherheit. Damit greift die Untersuchung auf die politisch-administrative Systemebene aus und kann am konkreten Beispiel Funktionszusammenhänge im Herrschaftssystem herausarbeiten. Eingegangen wird auch auf Erscheinungen von Fremdenfeindlichkeit, soweit sie, durch ökonomische Mangelsituationen provoziert, im SED-Regime begründete Ursachen haben (160).

Bei der Rekonstruktion des Schulprojektes wird durchweg deutlich, wie wenig dessen politisch-administrative Rahmenbedingungen geeignet waren, den Schülerinnen und Schülern individuelle Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten, Verbindung mit den Eltern zu halten, dem neuen sozialen Umfeld offen begegnen zu können, Kulturen, Sprachen und Religionen ihres Heimatlandes respektiert oder gar gefördert zu sehen oder freie Berufswahl, Verwertbarkeit der Bildungsabschlüsse ermöglicht zu bekommen. Bei alledem bleiben die Beobachtung und das Urteil der Autoren differenziert. So wird festgehalten, dass die SdF ein qualitativ anspruchsvolles und breites, die Grundlagen der modernen Wissenschaften abdeckendes Schulprogramm besessen hat, aber auch, dass sie diesem nicht gerecht geworden ist – bedingt zum einen durch die soziopolitische und ökonomische Wirklichkeit, zum anderen durch den Mangel an pädagogisch-diskursiven Möglichkeiten. Die Autoren sehen darin ein „Scheitern“ des Konzepts, wissen aber auch um den „relativen Erfolg“ der Schule, den sie nachvollziehbar vor allem an „die Professionalität und das Engagement der Pädagogen“ binden (279).

Insgesamt bringt die Fallstudie nicht unbedingt generell neue, aber gerade für die historiografisch vergleichsweise noch immer wenig aufgeschlossenen Schul- und Erziehungsverhältnisse in der späten DDR gleichermaßen symptomatische wie spezifische Befunde. Die Autoren setzen sie in modernisierungstheoretische Bezüge. Aber das Buch könnte auch ein Baustein für eine noch ausstehende Darstellung zur Geschichte deutscher Schulprojekte in außenpolitischen Kontexten sein.


[1] Zur Geschichte siehe Schmidt, Franz (Hg.) (1956): Deutsche Bildungsarbeit im Ausland nach dem ersten und dem zweiten Weltkriege. Erlebnisse und Erfahrungen in Selbstzeugnissen aus aller Welt. Braunschweig: Westermann; Abelein, Manfred (1968): Die Kulturpolitik des Deutschen Reiches und der Bundesrepublik Deutschland. Köln und Opladen: Westdeutscher Verlag.
[2] Siehe auch VoĂź, Matthias (Hg.) (2005): Wir haben Spuren hinterlassen. Die DDR in Mosambik. Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse aus drei Jahrzehnten. MĂĽnster: Lit-Verlag.
Gert GeiĂźler (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Gert GeiĂźler: Rezension von: Reuter, Lutz R. / Scheunpflug, Annette : Die Schule der Freundschaft, Eine Fallstudie zur Bildungszusammenarbeit zwische3n der DDR und Mosambik (Bildung im Umbruch, Band 6). MĂĽnster: Waxmann 2006. In: EWR 7 (2008), Nr. 2 (Veröffentlicht am 15.04.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83091703.html