EWR 2 (2003), Nr. 6 (November/Dezember 2003)

Stefan Bittner (Hrsg.)
Der Schulrobinson von Rousseau bis zur Gegenwart
Migration und unterrichtliche Transformation internationaler Themen am Beispiel von Pragmatismus und Anwendungsorientierung in Defoes Robinson Crusoe
Frechen: Bodem Verlag 2003
(304 Seiten; ISBN 3-934215-03-3; 23,00 EUR)
Der Schulrobinson von Rousseau bis zur Gegenwart Die Klasse 5 b der 1. Polytechnischen Oberschule im th√ľringischen Arnstadt machte sich 1979 daran, die Defoe‚Äėsche Robinson-Geschichte k√ľnstlerisch zu explizieren. Die Sch√ľler brachten einzelne Abschnitte des Romans mit Pinsel und Wasserfarben zu Papier, untertitelten sie und banden die Einzelteile zwischen zwei Pappdeckel; fertig war das lehrplanm√§√üig, fach√ľbergreifend Geforderte des Deutsch- und Zeichenunterrichts und ein Geschenk f√ľr die Patenbrigade oder das Elternaktiv. Im Wintersemester 2001/02 unternahm Stefan Bittner am Institut f√ľr Erziehungswissenschaften der TU Dresden mit seinen Seminarteilnehmern (J. Albrecht, T. Bohner, J. Rivas Calzadilla, A. Heinemann, N. Hoyer, L. Hoder, K. L√∂we, H. Lorenz, N. Reinke, E. Reuther, K. Richter, C. Zeuner) den Versuch, Robinson Crusoe p√§dagogisch zu deuten, den "Schulrobinson", also die schulische, curriculare und erzieherische Verwendung des Stoffes, seit dem 18. Jahrhundert zu lokalisieren. Im Ergebnis dieser Deutung wurden die Beitr√§ge der Studierenden von Bittner lektoriell bearbeitet, inhaltlich erg√§nzt und in einem Buch zusammengef√ľhrt: Zwei Projekte zu einem Thema mit unterschiedlicher Zielsetzung und unterschiedlichem Ergebnis.

Der Band von Bittner u.a. wird eingeleitet durch die zentrale Fragestellung nach der (p√§dagogischen) Bearbeitung des Defoe‚Äôschen Stoffes. Die Hypothese ist, unter Zugrundelegung eines "Nationalen Internationalismus" [1], dass es beim Robinson-Thema zu einer "zur√ľckweisenden Umarbeitung, einer rejektiven Transformation ... hinsichtlich der jeweils vorliegenden (staats)p√§dagogischen Interessen" (17) kam, im Absolutismus und im deutschen "Nationalstaat" besonders. Dabei soll, wie der Untertitel andeutet, "Augenmerk auf die jeweilige Stellung zum pragmatischen Erfahrungslernen und zur Anwendungsorientierung" gelegt werden (ebd.), wie sie auch schon vor dem Dewey‚Äôschen Pragmatismus in der europ√§ischen und deutschen P√§dagogik Raum griffen und "ausgegrenzt" wurden. In neun Kapiteln n√§hern sich Bittner und seine Studierenden dem umgearbeiteten und p√§dagogisch vereinnahmten Robinson. Sie beginnen im ersten Kapitel mit einer hilfreichen und umfassenden Einf√ľhrung in Inhalt und Werk und dessen Ebenen sowie die Entstehungszeit, die nachfolgende Rezeption und die sprachlich-inhaltliche Begr√ľndung des "Schulrobinson". Im zweiten Kapitel fragen die Autoren nach einer p√§dagogischen Intention Defoes selbst, um an Beispielen Aussagen zu treffen, die jene u.a. mit dem Pragmatismus Dewey‚Äôscher Provenienz in Beziehung setzt. Res√ľmierend wird eine p√§dagogische Konzeption Defoes, eine gezielte Didaktisierung nicht lokalisiert, dabei eine Beziehung zum pragmatischen Erfahrungslernen und seiner Theoretisierung √ľberstrapaziert.

Die folgenden Kapitel widmen sich dem eigentlichen Thema, dem Robinsonstoff und seiner Umarbeitung √ľber die Jahrhunderte und die politischen und gesellschaftlichen Systeme hinweg. Begonnen wird mit J.-J. Rousseau, der Robinson Crusoe seinem Emile als "einziges und elementares Lese- und Lehrbuch" (81) empfahl, als Bibel der Naturerziehung, wobei die Beschr√§nkung auf die Inselepisoden nicht √ľberrascht. Ch. Wezels und J. H. Campes Robinson-Bearbeitungen folgen. Bei letzterer kann gezeigt werden, wie um 1800 in Deutschland nicht mehr das von Rousseau herausgehobene angeleitete Erfahrungslernen, sondern naturwissenschaftliche und literarische Bildung, vor allem die protestantische Moralerziehung den Robinson dominieren und mit Campes Bestseller die deutschen Lehr- und Wohnstuben. Im langen 19. Jahrhundert findet sich der Robinsonstoff, nach zwei sehr kurzen Exkursen zu L. Tolstojs und K. Marx‚Äô Robinsonexegese, in der herbartianischen Bearbeitung T. Zillers, G. A. Gr√§bners und W. Reins wieder. Ausf√ľhrlich und √ľberzeugend wird die umfassende Didaktisierung des Defoe‚Äôschen Stoffs dargestellt und dargelegt, wie der p√§dagogisierte Robinson zum fach√ľbergreifenden Unterrichtsgegenstand, zum Medium von natur- und geisteswissenschaftlichen sowie sozio-moralischen Lehr-Lern-Prozessen anverwandelt wurde. Fazit der Autoren: Der "Herbartianismus (war) die eigentliche Sternstunde des schulischen Robinson." (179)

Das Verschwinden bzw. die Ambivalenz des Robinsonstoffes in der P√§dagogik der Weimarer Republik sind interessant und √ľberraschen, meint man doch Robinson als ideales Medium der Reform- resp. Arbeitsp√§dagogik ausmachen zu k√∂nnen. Der Befund lautete aber: "Welche einschl√§gigen Schriften man auch heranzieht, ebenso wie im gesamten reformp√§dagogischen Schrifttum l√§sst sich doch nichts zu Robinson entdecken." (187) Das isolierte Robinson-Lernen lie√ü sich scheinbar nicht mit dem gemeinschaftlichen arbeitsp√§dagogischen Anspruch vereinbaren. Anregender Eklektizismus bestimmt so das Kapitel: Es findet sich ein technischer Robinson, W. Zieglers "Radio-Robinson", als neugieriger Entdecker und Bastler, ebenso wie ein Exkurs in P. P. Blonskijs "Sommerrobinsonade", um in der sowjetischen P√§dagogik doch noch den arbeitsp√§dagogischen Bezug auf den Defoe‚Äôschen Stoff ausmachen zu k√∂nnen. Auf Schulwandbildern und anhand der Debatten √ľber jene in p√§dagogischen Zeitschriften sowie als offizielle Schulausgabe in √Ėsterreich (E. Schulze) und in regionalen deutschen, f√ľr die Schule aufbereiteten Fassungen wird das Robinsonthema ausgemacht. Eine knappe Darstellung der 1930er Robinsonausgabe des Th√ľringischen Volksbildungsministeriums schlie√üt sich an.

Die Auseinandersetzung mit der Robinsonanverwandlung im Nationalsozialismus beschr√§nkt sich auf die Darstellung und Wertung der Konzeption der "Einfachstschulungen", der "Dinta-Robinson-Kurse" der Gesellschaft f√ľr Arbeitsp√§dagogik im Deutschen Institut f√ľr Nationalsozialistische Technische Arbeitsforschung und -schulung. Die 1935 erschienene Studie, die Kurse f√ľr Jugendliche konzipierte, welche "bei einem Mindestma√ü an Aufwendungen f√ľr Werkstoff, Werkzeug und Lehrkr√§fte ... eine handwerkliche Grundschulung" darstellten (214), wird vorgestellt und als "Kriegsprop√§deutik" gedeutet.

Robinson und die Demokratie, Robinson und die sozialistischen Tugenden sowie die bundesrepublikanische und gegenwärtige Deutungs- und Lehrvielfallt des Robinsonstoffes bestimmen die abschließenden drei Kapitel.

Die demokratischen Indentifikationsm√∂glichkeiten der Nachkriegsdeutschen, welche die von den amerikanischen Besatzungsbeh√∂rden genehmigten Ausgaben, auf die sich die Darstellung bezieht, lesen durften, werden dabei zu einem bildhaften, kurzschl√ľssigen Entweder-Oder stilisiert (Identifikation mit dem willf√§higen Freitag unter F√ľhrung des wei√üen amerikanischen Soldaten/Offiziers oder den Menschenfressern).

Als "Spannungsdreieck" aus Vereinnahmung, schulischer Wirkung und literarischer Eigenst√§ndigkeit wird der schulische Einsatz des Robinsonstoffes in der DDR bezeichnet. Die methodischen Anleitungen zum Literaturlehrplan f√ľr die 5. Klasse der Polytechnischen Oberschulen mit ihrer Orientierung an (antikapitalistischem) Realismus und Arbeit darstellend, konstatieren die Autoren die unterrichtliche Rezeption und die der Sch√ľler hingegen als Abenteuergeschichte/-roman.

Exemplarisches Lernen, Körper- und Naturerfahrung sowie der Einsatz im deutschen und englischen Literaturunterricht umreißen die schulischen Bezugsebenen der bundesrepublikanischen und auch gegenwärtigen Robinsonthematisierung. Eine vielgestaltige, "unbelastete, demokratisch offene Neugestaltung" des Robinsonthema bestimme heute dessen schulische Anverwandlung (285).

In den Kapiteln des "Schulrobinson" ist der Projekt- und Sammlungscharakter von studentischen Hausarbeiten deutlich zu sp√ľren. Auch wenn diesen Charakter beizubehalten bzw. daraus eine Tugend zu machen beabsichtigt war, bleiben einige Punkte anzumerken. Die Kapitel beginnen i.d.R. mit politisch-gesellschaftlichen Kontextualisierungen, die f√ľr Hausarbeiten ausreichend sind, im Zusammenhang des vorliegenden Gesamttextes aber beigestellt und oberfl√§chlich wirken. In den einzelnen Epochen werden verschiedentlich Aspekte der schulischen, erzieherischen und curricularen Anverwandlung des Robinsonstoffes lediglich gestreift, was bei der dargestellten F√ľlle nicht verwundert. Der Frage nach der Orientierung an Pragmatismus und Internationalit√§t und ihrer Verortung in den einzelnen Epochen, Werken und Unterrichtsanleitungen ist dies eher abtr√§glich. Das hat zur Folge, dass jene Aspekte zwar die Klammer bilden, aber h√§ufig leider nur randst√§ndig, gar nicht oder nur angeh√§ngt zum Tragen kommen.

Alle p√§dagogischen Schriften, deren Darstellung und Interpretation im Mittelpunkt der Arbeiten zum Schul- und eben auch Erziehungsrobinson stand, sollten auf die zentralen Begriffe "situative Lebensbew√§ltigung", "praktisches Denken", "Erfahrungslernen" und "weltanschauliche Nationalisierung der Sch√ľler" befragt werden. Nicht alle Beitr√§ge k√∂nnen diesem Anspruch gerecht werden, weil einzelne Quellen sich einer dahingehenden Befragung widersetzten bzw. mancher Beitrag nicht unter einer derartigen Fragestellung verfasst wurde. Dieser Umstand hat die Zusammenstellung der einzelnen Textabschnitte wohl recht schwierig gemacht und die Aussagekraft des Gesamttextes eingeschr√§nkt. Nachfolgende Zusammenfassungen und Versuche der thematisch-begrifflichen Einbindung unterstreichen das. Das Weiterfragen und der √úber- und Fortgang von der Analyse der p√§dagogischen Intentionen zu einer, d.h. zu vielen Arbeiten zur erzieherischen Wirkung der p√§dagogischen Robinsonaden machen den vorliegenden Band trotzdem zu einer grunds√§tzlichen, wichtigen Arbeit.

Ach ja, der Robinson der 5 b: Hier best√§tigt sich der Befund der Autoren, dass die Hinf√ľhrung zur Arbeit und einer der sozialistischen Pers√∂nlichkeit angemessenen Haltung zu dieser zwar das Lehrziel sein sollte, aber das Abenteuer im Vordergrund stand. Kaum eines der Sch√ľlerbilder hat die Arbeit zum Thema, daf√ľr zeigen sie einen schlendernden Robinson an palmenbewachsenen Str√§nden, kanonenbewehrte Schiffe und imagin√§re S√ľdseeromantik.

Anmerkung

[1] Drewek, Peter/Fuchs, Eckhardt: Von den ’Mercatores Lucis’ zur modernen Wissenschaftsforschung. Die Internationalisierung von Bildung und Wissenschaft in historischer Perspektive, Forum Uni Mannheim 2002, S. 28-32.
Thomas Koinzer (Berlin / Dresden)
Zur Zitierweise der Rezension:
Thomas Koinzer: Rezension von: Bittner, Stefan (Hg.): Der Schulrobinson von Rousseau bis zur Gegenwart, Migration und unterrichtliche Transformation internationaler Themen am Beispiel von Pragmatismus und Anwendungsorientierung in Defoes Robinson Crusoe, Frechen: Bodem Verlag 2003. In: EWR 2 (2003), Nr. 6 (Veröffentlicht am 01.12.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/93421503.html