EWR 20 (2021), Nr. 3 (Mai/Juni)

Caroline Mezger
Forging Germans
Youth, Nation, and the National Socialist Mobilization of Ethnic Germans in Yugoslavia, 1918–1944
Studies in German History
Oxford: Oxford University Press 2020
(339 S.; ISBN 978-0-19-885016-8; 84,00 EUR)
Forging Germans Caroline Mezger legt eine Doktorarbeit zu einem bisher kaum beachteten Forschungsfeld vor: zur Organisations-, Kindheits- und Bildungsgeschichte der deutschen Minderheit in der Batschka und dem Banat, die ab den 1920er Jahren unter politisch-völkischen Vorzeichen als ‚Donauschwaben‘ tituliert wurde. Territorial beschränkt sich die Studie auf die Gebiete der beiden historischen Großregionen, die im Norden des heutigen Serbiens liegen. Sie waren bis 1918 Teil Ungarns, dann des Staates der Slowenen, Kroaten und Serben bzw. Jugoslawiens und standen ab 1941 unter deutscher und ungarischer Besatzung. Wie der Buchtitel bereits ankündigt, arbeitet die Schrift die Bedingungen auf, unter denen die deutschsprachige Jugend dort nationalisiert und letzthin für den Nationalsozialismus rekrutiert wurde. Die Studie untersucht hierzu die (schul-)politische Lage der Batschka und des Banats, die Aktivitäten der Minderheitenorganisationen inklusive der Kirchen mit ihren Verbindungen in das Deutsche Reich. Auch die Perspektive der Kinder und Jugendlichen selbst findet Beachtung. Hierfür konnte die Autorin mit 18 Personen Interviews führen, mit Menschen, die in der Batschka und im Banat nach 1918 aufgewachsen sind. Dem Buch, das in englischer Sprache sehr lesefreundlich und flüssig geschrieben ist, gelingt es, die komplexe Themenstellung konzise aufzuarbeiten. Die Kapitel des Buches sind chronologisch angelegt: Teil I behandelt die Zeit zwischen 1918 und 1941, Teil II und III die Jahre unter der Besatzungsherrschaft von 1941 bis 1944.

Ein großer Wurf gelingt der Autorin gleich zu Beginn in Teil I mit der sehr detaillierten Darstellung der deutschen Minderheitenorganisationen in den beiden Regionen in der Zwischenkriegszeit. Mit Akribie rekonstruiert sie die vielschichtigen gesellschaftlichen, schulischen und organisationalen Kontexte der deutschsprachigen Minderheit und zeigt dabei, wie der aufkommende Nationalismus dieser zunehmend die Zuschreibung „deutsch“ verlieh. Die Verstaatlichung des deutschsprachigen Schulwesens 1920, einhergehend mit vorerst restriktiven Unterrichtsbedingungen, wie überhaupt die Tatsache, dass sich die Staatssprache nun von Ungarisch zu Serbokroatisch geändert hatte, beförderte eine schulpolitische Politisierung der Minderheit – in neugegründeten Minderheitenorganisationen wie dem Schwäbisch-Deutschen Kulturbund, aber auch auf Seiten der Kirchen. Beider Aktivitäten fanden starke Unterstützung aus dem Deutschen Reich. Dort flammte nach dem Ersten Weltkrieg, auch als Ausgleich zu den verlorenen Kolonien und unterstützt durch die Volkskunde, großes Interesse an der deutschsprachigen Bevölkerung außerhalb seiner Grenzen auf, die – als Auslandsdeutsche wie Grenzlanddeutsche und später im Nationalsozialismus als „Volksdeutsche“ tituliert und völkisch verklärt – vom Deutschen Reich unterstützt wurden.

Den von den Kirchen und vom Schwäbisch-Deutschen Kulturbund adressierten Kindern und Jugendlichen im Banat und in der Batschka standen unter diesen Vorzeichen vielfältige Möglichkeiten der außerschulischen Bildung und Beteiligung offen: Der Schwäbisch-Deutsche Kulturbund bot Bildungsangebote an und baute Jugendorganisationen auf, ebenso die Kirchen, die mit starkem Einfluss agierten. Zugleich hielten reichsdeutsche Organisationen zahlreiche Kontakte in die Region, ab 1933 unter nationalsozialistischen Vorzeichen, die mithin dazu führten, dass völkische Ansichten in den deutschsprachigen Organisationen des Banats und der Batschka überhandnahmen. Schließlich schalteten diese sich nach 1938 zunehmend selbst gleich, in der Absicht, eine als „Volksdeutsche“ adressierte deutschsprachige Minderheit zusammenfassen zu wollen.

Die gewaltsame Zerschlagung Jugoslawiens 1941 hatte für das serbische Banat und die serbische Batschka ungleiche Folgen. Das serbische Banat wurde dem Deutschen Befehlshaber für Serbien unterstellt, unter welchem die „Volksdeutschen“ bevorzugte Ethnie mit Sonderstatus und zugeschriebener Herrschaftsrolle wurden. Anders sah es in der serbischen Batschka aus: Das Gebiet wurde Ungarn zugeschlagen, welches die „Magyarisierung“ des Gebietes entschlossen vorantrieb. Diesen unterschiedlichen Besatzungsbedingungen zollt die Autorin auch in ihrem Buch eine entsprechende Aufteilung: Teil II setzt sich mit dem Banat auseinander, Teil III mit der Batschka.

Im Banat waren die deutschsprachigen Schulen wie auch die bisherigen Minderheitsorganisationen stramm auf NS-Maßgaben getrimmt worden, gleichzeitig nahm der kirchliche Einfluss erheblich ab. Die Deutsche Jugend, eine Organisation ähnlich der Hitler-Jugend, wurde für die Jugendlichen Pflicht und bildete ein Monopol außerschulischer Jugenderziehung, die erheblich für den Krieg und die Besatzungsherrschaft mobilisierte. Im Gleichklang von NS-Schule und NS-Jugendorganisationen bildete sich für die Jugend schließlich ein Bild des ‚Deutsch seins‘ heraus, das synonym zu nationalsozialistisch stand. Diese Erziehungsabsicht blieb nicht ohne Folgen: Neben Männern, die durch die im Banat faktisch bestehende Wehrpflicht in die Wehrmacht, örtliche Sicherheitsorgane und in die SS gezwungen wurden, sollten sich auch Tausende Männer freiwillig für diese melden.

Die Situation in der ungarisch verwalteten Batschka war hingegen weitaus komplizierter. Dort waren die Donauschwaben Untertanen Ungarns geworden und befanden sich im Spannungsfeld zwischen den Ansprüchen der katholischen Kirche, NS-treuer Organisationen und der „Magyarisierung“, im Zuge derer an den deutschsprachigen Schulen vertiefter Ungarisch-Unterricht eingeführt wurde. Die Deutsche Jugend hatte hier keine Monopolstellung inne, sondern konkurrierte mit der ungarischen Levente und verschiedenen kirchlichen Jugendorganisationen. Niederschlag fand auch die Kinderlandverschickung (KLV), die in die Batschka, aber nicht ins Banat führte, da sie mit einer Propagandisierung des sog. Vaterlandes durch die KLV-Teilnehmenden einherging.

Eine wichtige Aufarbeitung gelingt Caroline Mezger mit der detaillierten Rekonstruktion, wieso und warum die „Donauschwaben“ aus diesen beiden Regionen in so hoher Zahl Mitglied der SS waren. Im Banat, wo faktisch Wehrpflicht für die männliche deutschsprachige Bevölkerung bestand, fand die massive Paramilitarisierung der Männer in SA-ähnlichen Organisationen Aufmerksamkeit durch die SS, die sodann – durch Zwang oder Freiwilligkeit – Tausende von ihnen in die SS einzog. In der Batschka konnte sich bis 1944 zwar keine faktische Wehrpflicht durchsetzen, doch stand die männliche Bevölkerung auch dort unter erheblichem Rekrutierungsdruck. Die Männer wurden vor die Wahl gestellt, entweder in deutsche oder ungarische Militäreinheiten eingezogen zu werden. Ein Einsatz in der SS, für den auch seitens der „Volkstumsführung“ als „nationale Pflicht“ geworben wurde, war für viele auch deshalb eine attraktive Option, da die Zugehörigkeit zu dieser mit dem Versprechen einherging, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erlangen.

Mezgers Studie zeigt, dass der Einfluss von Politik, Kirchen, völkischen Vorstellungen wie auch des Krieges und Besatzungsregimes das individuelle Handeln der Kinder und Jugendlichen direkt tangierte, und sie umgekehrt nicht nur passive Rezipienten dieser mannigfachen Ambitionen waren, sondern auch selbst zu Akteuren des lokalen ‚Deutschtums‘ wurden – eine Erfahrung, die in allen Interviews nachhallte. Die hier gezeigten Ergebnisse leisten einen wertvollen Beitrag zur bildungshistorischen und südosteuropäischen Forschung und sind zugleich eine Ergänzung zur 2017 erschienenen Studie von Mirna Zakić, in der die deutsche Besatzungsherrschaft im Banat während des Zweiten Weltkrieges detailliert aufgearbeitet wird. [1] Was mir fehlt, sind Informationen über das Verhältnis der Deutschen gegenüber den anderen Ethnien in diesen ethnisch heterogenen Regionen, insbesondere im Kontext der deutsch-ungarischen Repression nach 1941. Gerade die Historiographie anderer Ethnien im Banat und der Batschka hätte zeigen können, wie die Nationalisierung der deutschsprachigen Minderheit im Kontext anderer nationaler Zuschreibungsmechanismen vor Ort stand. Dies kann jedoch nicht den Eindruck schmälern, dass hier eine spannende und lesenswerte Studie vorliegt, die allen, die sich für die Nationalisierung von Kindheit und Jugend in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit interessieren, empfohlen werden kann.

[1] Mirna Zakić: Ethnic Germans and National Socialism in Yugoslavia in World War II. Cambridge: Cambridge University Press 2017.
Stefan Johann Schatz (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Stefan Johann Schatz: Rezension von: Mezger, Caroline: Forging Germans, Youth, Nation, and the National Socialist Mobilization of Ethnic Germans in Yugoslavia, 1918–1944 Studies in German History. Oxford: Oxford University Press 2020. In: EWR 20 (2021), Nr. 3 (Veröffentlicht am 07.07.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978019885016.html