EWR 21 (2022), Nr. 2 (April)

Gary McCulloch
A Cultural History of Education
London: Bloomsbury 2020
(ISBN 978-1-350-03556-0; 440,00 Dollar)
A Cultural History of Education Als Perspektive von Darstellung und Analyse ist die ‚cultural history of education‘ in der Historischen Pädagogik schon alt,[1] weitere Programmschriften liegen aus jüngerer Zeit vor,[2] jetzt gibt es auch ein erstes und dann sogleich zeitlich und regional umfassend argumentierendes Exempel – und das zugrundeliegende Konzept wird aktuell ebenfalls schon vorgestellt und begleitend ausführlich diskutiert.[3] Der Gesamtherausgeber, der Londoner Erziehungshistoriker Gary McCulloch, erinnert einleitend an die ambivalente Geschichte solcher Ambitionen, an die Distanz der zünftigen „cultural history“ gegenüber Fragen der Erziehung, wie er für Peter Burke belegt, an die Nähe der Ethnologie, für die Clifford Gertz steht. Für sein eigenes Projekt bildet nicht zufällig ein Erziehungshistoriker die zentrale methodologische Referenz, Lawrence Cremin nämlich. Der wird mit seiner Prämisse beansprucht, dass Erziehung nicht reduziert werden dürfe auf die edukative Praxis mit bestimmten Altersgruppen oder auf die Arbeit in Schulen, sie umfasse „deliberate, systematic, and sustained effort to transmit, evoke, or aquire knowledge, attitudes, values, skills, or sensibilities, as well as any outcomes of that effort.“[4] Diese Breite des Themas werde weder durch „education“ noch durch „socialization“ oder „enculturation“ angemessen abgebildet.

Nicht nur an dieser Stelle erinnert sich der deutsche Leser der Tatsache, dass in den Geisteswissenschaften wie in der historischen Bildungsforschung hierzulande der Begriff der „Bildung“ solche umfassenden Ansprüche transportiert, und auch, dass es ein „Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte“[5] gibt, das sich von diesem Anspruch aus definiert hat, aber in der historiographischen Referenz kulturell zentriert und national bleibt. Damit wird zwar McCullochs weltweite Perspektive nicht erreicht (für die er auch nur angelsächsische Vorbilder nennt[6]), aber in der wiederkehrenden thematischen Ordnung der einzelnen Bände gibt es frappante Übereinstimmungen zwischen dem „Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte“ und dieser „cultural history of education“. Die sechs Bände von McCulloch präsentieren, konzis in der Darstellung auf je ca. 250 Seiten und konzentriert auf das Versprechen des Gesamtherausgebers, eine Synthese der internationalen Forschung sowie einen konzeptionellen Rahmen für alle Epochen zu bieten, jeweils acht thematische Kapitel, in denen nach einer generellen Kennzeichnung der Epoche die folgenden „key themes“ abgehandelt werden: „Church, Religion, Morality“, „Knowledge, Media, Communication“, „Children and Childhood“, „Family, Community and Sociability“, „Learner and Learning“, „Teachers and Teaching“, „Literacies“, „Life Histories“. Auch das Handbuch der Bildungsgeschichte setzt jeweils mit einer Epochencharakterisierung ein, dann folgen ebenfalls thematisch wiederkehrend, sodass man auch hier die Themen über die Bände hinweg querlesen kann, jeweils neun Kapitel: „Lebenswelten und Alltagswissen“, „Familie, Kindheit, Jugend“, „Pädagogisches Denken“, „Schulen, Hochschulen und Lehrer“, „Berufsbildung“, „Sozialpädagogik“, „Erwachsenenbildung“ und „Medien“, ergänzt, wo es die Zeit verlangt, um „Wehrerziehung“.

Im „Handbuch“ fehlt die Ausgliederung von „literacies“, das findet sich bei Schulen und für die Lebenswelten, vor allem aber fehlt das Thema „Life Histories“. Unter dieser Überschrift werden exemplarische Biografien präsentiert, an denen sich für die jeweilige Epoche und weltweit die Besonderheit der kulturellen Entwicklung nachdrücklich demonstrieren lässt.

Studiert man die Bände, vorab orientiert durch die immer informativen, theoretisch aber sehr unterschiedlichen einleitenden Überblicke, vergleicht man z.B. die luziden epochenspezifischen systematischen Überlegungen von Bd. 5, „Age of the Empire“, mit den sehr stark bildungssystembezogenen Bemerkungen in Band 6, „Modern Age“, dann wird in der Lektüre der kontrastierende Effekt der internationalen Perspektive durchgängig sichtbar, vor allem aber in den „Life Histories“ manifest. Es sind nicht die in Deutschland dominierenden Klassiker der Pädagogik, die hier vorgestellt werden, sondern andere Welten. In Band 6, für die Gegenwart, finden sich z.B. John Dewey, Rabindranath Tagore, Maria Montessori, die schwarze Amerikanerin Mary McLeod Bethune (1875-1955), Mortimer Adler, der mit seinem Buch über paideia gerühmt wird, Mary Warnock, Paul Hirst, Paolo Freire, die Erziehungsphilosophin Jane Roland Mertin und schließlich Diane Ravitch – eine in der Gruppierung sehr selektive Auswahl, inspirierend, die aber z.B. niemanden aus den sozialistischen Ländern nennt, keinen Makarenko, keinen Pavlov, Herbart kommt überraschender Weise vor, aber doch nur deswegen, weil die deutsche wissenschaftliche Pädagogik seit dem 18. Jahrhundert im Grunde hier gebündelt präsentiert wird. Selektiv ist auch die Auswahl für das 19. Jahrhundert in Bd. 4, wenn sich z.B. Marx oder Nietzsche nicht einmal im Register finden. Man versteht bei solchen Eindrücken die Frage eines Diskutanten, der zwar für „cultural history“ plädiert, aber in spezifischer Gestalt: „But hopefully one that will transcend the boundaries of its own culture“ – und zu transzendieren wäre ja auch die anglophone Perspektive.[7] Der Band zur Aufklärung z.B. entspricht wiederum dem vertrauten ‚western kanon‘, auch die Antike ist dominant römisch und griechisch, wenig von China oder den Sumerern, mehr schon über Ägypten.

Lehrreich ist, in bekannten Bahnen, der Mittelalter-Band und zu loben das dortige Glossar. Japan und China werden im Kapitel „Literacies“ in Bd. III für die Zeit der Renaissance ausführlich gewürdigt und natürlich in Bd. V mit den gesellschaftlichen Reformbewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert oder mit der chinesischen Kulturrevolution in Bd. VI. Für Band VI muss man dann leider sagen, dass der deutsche Nationalsozialismus, der internationale Faschismus und die kommunistischen Erziehungsdiktaturen zu wenig analysiert werden. Ein Stichwort „Hitler-Jugend“, einige verstreute Bemerkungen zu „fascims“ oder zur chinesischen Kulturrevolution reichen wirklich nicht aus. Im gesamten Band findet sich zu viel Pädagogik und Bildungssystem, ‚new education‘ und Reform-Rhetorik, aber zu wenig Sozial- und Politikgeschichte der Erziehung und d.h. auch zu wenig von der epochenspezifisch so signifikanten pädagogisierenden Überwältigung von Erziehung und Kultur, und noch weniger von der politischen Verführbarkeit der Pädagogen. „Education aspirations“, wie der Herausgeber einleitend (p.7f.) die Zeit von 1916 bis 1945 charakterisiert, das ist einfach unangemessen.

Eine umfassende Diskussion der einzelnen Themen, wie sie in den sechs Bänden abgehandelt werden, ist hier natürlich nicht möglich – wer ist als Einzelautor schon dafür kompetent? Die Lektüre muss selbst gesucht werden und in der Regel bekommt man auch, was der Gesamtherausgeber versprochen hat: Forschungsüberblicke und knappe, ab und an etwas grobe Übersichten zu den diversen Themen. Bei Stichproben und für einzelne Themen kann man nicht übersehen, dass die in den Übersichten genutzte Literatur unterschiedlich intensiv andere als englischsprachige Literatur rezipiert – von einem Gleichgewicht von lokaler und globaler Perspektive und ihrer Fundierung kann man deshalb auch nur begrenzt reden. Selbst bei einem Herausgeber wie Daniel Tröhler, der sich für den Band zur Aufklärung verantwortlich zeichnet, fehlen zahlreiche der Detailstudien, die über die deutschsprachige Aufklärung erschienen und für die Kulturgeschichte der Erziehung bedeutsam sind. Diese Selektivität der Literatur gilt für die späteren Bände auch dann, wenn die Forschung über Schule und Lehrer:innen, Hochschulen und Medien vorgestellt wird – aber den Tribut muss man offensichtlich entrichten, wenn die ganze Welt in den Blick genommen wird. Den Weg zu Spezialfragen öffnen Handbücher ja nie hinreichend oder gar allein – jetzt muss man froh sein, diesen ersten internationalen Überblick bekommen zu haben. Für die Spezialfragen der deutschen Bildungsgeschichte – oder für andere Regionen, die nur knapp vorkommen, Südamerika etwa – existiert weitere breit angelegte, teilweise lokalspezifische Forschung, die im Detail in den Bänden nicht genannt wird; aber eine vollständige Bibliographie war nicht versprochen und ist auch nicht erwartbar.

[1] Aus der deutschen Tradition stammt etwa Hans-Michael Elzer: Elzer, H.-M. (1965–1967). Bildungsgeschichte als Kulturgeschichte. 2 Bde. Henn-Verlag. Elzer setzt mit der Antike ein und schreibt bis zum „Ende der Aufklärung“.
[2] Gary McCulloch erwähnt u.a. Cohen, S. (1999). Challenging Orthodoxies. Toward a New Cultural History of Education. Peter Lang Publishing Inc. Popkewitz, Th. S., Franklin, B. M. & Pereyra, M. A. (Eds.) (2001). Cultural History and Education. Critical Essays on Knowledge and Schooling. Routledge Falmer; Fendler, L. (2019). New Cultural Histories. In. Fitzgerald, T. (Ed.), Handbook of Historical Studies in Education (S. 85–101). Springer.
[3] Das geschieht unter der Frage “Cultural history of Education: Why and how? Kulturgeschichte der Erziehung und Bildung. Warum und wie?” in H.2/2020 von IJHE, Bildungsgeschichte, International Journal für the Historiography of Education, 203-232. – ohne Beteiligung deutscher Autoren.
[4] McCulloch, G. (2020). General Editor’s Preface. In: Vol. I, p viii-xi, zit. p. x.
[5] Berg, C. u.a. (Hrsg.) (1987–1998). Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bde. I-VI/1, VI/2. Beck. Die Debatten in IJHE 2020 nehmen auf dieses Werk nicht Bezug.
[6] Er verweist (p. viii) auf Bowen, J. (1972). A History of Western Education (3 vols.). St Martin’s Press und Boyd, W. (1947). The History of western Education. (4th Ed.). A. & C. Black. Man könnte auch ergänzen: Mialaret, G. & Vial, J. (Eds.) (1981). Histoire mondiale de l’Éducation. (3 Vols.). Presses Universitaires de France. Zit. p. x.
[7] Depaepe, M. (2020). An ambitious cultural history of education. Yes please! But hopefully one that will transcend the boundaries of its own culture. In. IJHE 2/2020, 225-239.
Heinz-Elmar Tenorth (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Heinz-Elmar Tenorth: Rezension von: McCulloch, Gary: A Cultural History of Education. London: Bloomsbury 2020. In: EWR 21 (2022), Nr. 2 (Veröffentlicht am 03.05.2022), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978135003556.html