EWR 20 (2021), Nr. 5 (September/Oktober)

Mette Louise Berg / Magdalena Nowicka
Studying Diversity, Migration and Urban Multiculture
Convivial Tools for Research and Practice
London: UCL Press 2019
(200 S.; ISBN 978-1-78735-480-7; 40,00 EUR)
Studying Diversity, Migration and Urban Multiculture Der von Mette Louise Berg und Magdalena Nowicka editierte Sammelband „Studying Diversity, Migration and Urban Multiculture“ leistet einen wertvollen Beitrag zu aktuellen Debatten um innovative qualitative Methoden in der Diversitätsforschung. Der Sammelband vereint zwölf Beiträge in englischer Sprache, die sich dem Thema über wissenschaftliche wie künstlerische Zugänge nähern und sinnvoll aufeinander bezogen werden.

Der Sammelband schließt an eine größere Debatte um das Konzept der „Konvivialität“ an und macht dieses für die Diversitätsforschung fruchtbar. Konvivialität beschreibt ein Zusammenleben und Zusammen-Sein, das angesichts starker gesellschaftlicher Diversität pragmatisch und alltäglich möglich ist (3-5). Die Debatte ist geprägt von Ivan Illich’s Idee „konvivialer Werkzeuge“ aus den 1970er Jahren (7). Konviviale Werkzeuge meint physische, technische Objekte (z.B. Telefone, Computer oder einen Hammer) ebenso wie immaterielle Fähigkeiten (z.B. kognitive Techniken oder Fremdsprachen), die so designt und benutzt werden sollen, dass sie ein konviviales, nachhaltiges Leben ermöglichen, dabei stets an die Bedürfnisse der Nutzenden angepasst werden können. Übertragen auf Forschungsmethoden argumentieren die Herausgeberinnen, dass konviviale Werkzeuge selten standardisierteren Methoden wie Interviews oder Fragebögen meint, sondern eher “processes and practices that enable interaction and exchange of knowledge and understanding“ (7).

Anfang der 2010er Jahre regten 40 französische Intellektuelle mit dem „manifeste convivialiste“ eine weitere Debatte zum Erkenntnisgewinn des Begriffs für europäische Gesellschaften an. Mit einer 2014 erschienenen Übersetzung [1] des Manifests erreichte die Debatte die deutschsprachigen Sozial- und Kulturwissenschaften, nahm danach aber nicht stärker an Fahrt auf. Der Sammelband ist Teil dieser Diskussionswelle, fokussiert jedoch diesmal den britischen Kontext, wo das Konzept bereits 2004 für postkoloniale Argumentationen genutzt wurde. Ausgehend von der Argumentation, dass eine hohe Vielfalt ethnischer und religiöser Zugehörigkeiten sowie (aufenthalts-)rechtlicher und soziokultureller Umstände in den „super-diversen“ (1) urbanen Settings westlicher Länder wie Großbritannien alltäglich seien, diskutieren die 19 Autor:innen des Sammelbandes in ihren Beiträgen sowohl, was konviviales Zusammenleben in super-diversen urbanen Settings bedeutet, als auch inwiefern konviviale Forschungswerkzeuge und Perspektiven in der Forschung zu Migration, Diversität und Multikulturalität innovative und ethisch wertvolle Analysen ermöglichen. Die Beiträge des Sammelbandes werden als Ergebnisse eines Workshops zu diesen Fragestellungen präsentiert. Bereits vorher durchgeführte Projekte wurden dabei aus konvivialer Perspektive neu analysiert, evaluiert und reflektiert.

Der Sammelband gliedert sich in vier Abschnitte. Teil eins fokussiert Konzepte und Umsetzungen von Konvivialität in der Diversitätsforschung (Nowicka, Phoenix). Teil zwei analysiert Praxisprojekte konvivialer Kollaboration, in denen beim Stoffweben (Dwyer, Ahmed, Beinart), in Kunstwerkstätten mit Kindern (Crafter und Iqbal) und durch Stadtspaziergänge (O’Neill, Giaquinto, Hasedžić) Wissen gemeinsam von migrantisierten und nicht-migrantisierten Personen hergestellt wurde. Zentrale Frage ist dabei immer, welche Forschungsmethoden helfen können, die Beziehungen zwischen Forschenden und Forschungsteilnehmenden konvivialen Ansprüchen, d.h. einem Forschungsprozess, der den Bedürfnissen der Teilnehmenden angepasst ist, gerecht werden zu lassen. Die Beiträge in Teil drei diskutieren solche Fragen von Ethik, Macht und Beziehungsgestaltung weiter, indem insbesondere das Lernen aus Fehlern bei der Umsetzung von Forschungsprojekten unter die Lupe genommen wird. Dabei wird konstatiert, dass Scheitern notwendig zu Forschung dazu gehöre, welche auf einer ungleichen Beziehung zwischen Forschenden und Beforschten beruht (Gidley). Zudem wird diskutiert, inwiefern lokale Kontexte als transnational analysiert werden können oder müssen (Galipo). In Teil vier werden Strategien gelingender konvivialer Forschungspraktiken präsentiert und reflektiert. Konkrete Vorschläge betreffen die Ko-Erhebung von Daten zusammen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen (Woodley und Gilsenan).

Den Sammelband durchzieht die Erkenntnis, dass zielgerichtete Wissensgenerierung zuweilen hinter dem zwischenmenschlichen Mehrwert partizipativer Workshops zurückstehen muss, und dass Beziehungsarbeit und Emotionen wesentlich zum Gelingen konvivialer Forschung beitragen (z.B. Lisiak und Kaczmarek, oder Crafter und Iqbal). Die Herausgebenden gehen davon aus, dass partizipative Methoden ein hohes konviviales Potential besitzen, weshalb der zu Beginn im Sammelband diagnostizierte convivial turn mit einem participatory turn in qualitativer Forschung in Dialog gebracht wird (S. 2). Auch andere Beiträge diskutieren aktuelle Entwicklungen in relevanten Forschungstraditionen und Disziplinen vor dem Hintergrund ihres konvivialen Gehaltes, wie beispielsweise Transnationalität in den migration studies (Lisiak/Kaczmarek oder Galipo) und der diversity turn in den urban studies (Gidley).

In ihrer Einschätzung zur Nützlichkeit der konvivialen Perspektive für qualitative Forschung kommen die Beiträge zu verschiedenen Ergebnissen. So argumentiert Galipo, dass jegliche Forschungspraxis, welche Ethnisierung reproduziere, skeptisch zu betrachten sei, selbst wenn vergleichsweise egalitäre, konviviale Diversitätsvorstellungen statt diskriminierender Rassismen normalisiert seien (170). Insgesamt wird die konvivialistische Perspektive und Offenheit in der methodischen Herangehensweise aber als hilfreich bewertet, um egalitäre Forschungsprozesse zu schaffen. Als Methodenbuch positioniert sich der Band gleichzeitig gegen Diskurse, die annehmen, dass Migration und Vielfalt automatisch zu Problemen führen, sowie gegen Maßstäbe der Effizienz und „Neutralität“ im Wissenschaftsbetrieb, welche vielfach dazu führten, dass Forschung an jenen vorbei betrieben wird, die sie betrifft und deren Lebensumstände verbessert werden sollen (6). So kommen O’Neill, Giaquinto und Hasedžić zum Schluss: „However, ultimately for us, convivial research is both a deeply engaged and respectful approach to conducting research (that is, walking with – side by side) and has analytic power; it is potentially transformative“ (118).
Auch wenn viele der im Sammelband diskutierten Themen und Inhalte (z.B. Reflektion, Partizipation, Macht, Peer-Feedback) nicht neu sind, überraschen die Beiträge mit ihrer radikalen Offenheit und der Plastizität der dargestellten Beispiele ebenso wie mit ihrer Fähigkeit zur Selbstkritik hinsichtlich der eigenen Forschungspraxis. Es werden interessante Projekte im Bereich der Diversitätsforschung vorgestellt, anhand derer das Konzept der Konvivialität hinsichtlich seiner praktischen Umsetzungs(un)möglichkeiten geprüft und diskutiert wird. Positiv fällt auf, dass das Buch digital als OpenAccess verfügbar ist und somit einer breiten Öffentlichkeit, und damit auch Nicht-Wissenschaftler:innen, zugänglich ist, was der konvivialen Idee entspricht. Es ist wünschenswert, dass die in diesem Sammelband geführten Diskussionen, weiter aufgegriffen und gesponnen werden – zum Beispiel im Rahmen wissenschaftlicher Methodenausbildung und Lehre.

[1] https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2898-2/das-konvivialistische-manifest/

Leslie Gauditz (Hamburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Leslie Gauditz: Rezension von: Nowicka, Mette Louise Berg, Magdalena: Studying Diversity, Migration and Urban Multiculture, Convivial Tools for Research and Practice. London: UCL Press 2019. In: EWR 20 (2021), Nr. 5 (Veröffentlicht am 25.10.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978178735480.html