EWR 19 (2020), Nr. 3 (Juli / August)

Wilfried Schubarth
Gewalt und Mobbing an Schulen
Möglichkeiten der Prävention und Intervention
3. Auflage
Stuttgart: Kohlhammer 2018
(245 S.; ISBN 978-3-17-030878-7; 29,00 EUR)
Gewalt und Mobbing an Schulen Das seit 2009 in 3. Auflage erschienene Buch ‚ÄěGewalt und Mobbing an Schulen. M√∂glichkeiten der Pr√§vention und Intervention‚Äú versteht sich als Einf√ľhrungswerk in diese Thematik und richtet sich an eine breite Leser//innenschaft: von Studierenden sozialwissenschaftlicher F√§cher √ľber Forschende in diesem Bereich bis hin zu Personen in Schulpraxis und -organisation. Das Buch ist in drei Abschnitte ‚Äď eine theoretische Einf√ľhrung, einen √úberblick √ľber Pr√§ventions- und Interventionsma√ünahmen sowie Perspektiven der Gewaltpr√§vention ‚Äď unterteilt, denen eine Einleitung zu aktuellen Entwicklungen und Erkenntnissen vorangestellt ist.

In der Einleitung zur vorliegenden Auflage beleuchtet Wilfried Schubarth aktuelle Mobbingh√§ufigkeiten, Entwicklungen im Bereich des Cybermobbings und neue Erkenntnisse zu Intervention und Pr√§vention an Schulen vor der Folie gesellschaftlich relevant gewordener Themen wie Migration, Populismus, neue Kommunikationsformen, aber auch institutionellen Herausforderungen der Schule. In Deutschland sei nach einer r√ľckl√§ufigen Entwicklung von Gewalt und Mobbing in Schulen seit 2015/16 eine Trendwende sowie eine verst√§rkte √∂ffentliche Thematisierung von schulischer Gewalt zu verzeichnen. Es werden vom Autor bereits einige Stellschrauben f√ľr eine Verbesserung der Situation ‚Äď wie die Lehrer//innen-Sch√ľler//innen-Beziehung, ein Ausbau des Fortbildungsangebots f√ľr Lehrpersonen, aber auch Anti-Gewaltstrategien, die mit Schulentwicklungsprozessen verschr√§nkt sein sollten, ‚Äď angesprochen. Viele dieser Punkte werden in den nachfolgenden Kapiteln noch n√§her ausgef√ľhrt.

In der theoretischen Einf√ľhrung in das Thema Gewalt und Mobbing an Schulen (Teil I) werden die Leser/innen bei ihrem Alltagsverst√§ndnis abgeholt, das vielfach auf die mediale Berichterstattung und die √∂ffentliche Debatte zu diesem Thema zur√ľckzuf√ľhren ist, die von Schubarth auch entsprechend nachgezeichnet und problematisiert wird. Zentral gibt Teil I einen √úberblick √ľber theoretische Erkl√§rungsmodelle f√ľr Aggression bzw. Gewalt und daraus abzuleitende Folgerungen f√ľr die Pr√§vention (Kapitel 4). Die Erkl√§rungsmodelle decken ein breites Spektrum von psychologischen Theorien (z.B. entwicklungspsychologische Ans√§tze, psychoanalytische Theorien) √ľber soziologische (z.B. Anomietheorie, Selbstkontrollansatz) bis hin zu integrativen Erkl√§rungsmodellen (z.B. sozialisationstheoretischer oder schulbezogener sozial√∂kologischer Ansatz) ab. Dabei werden f√ľr jeden Ansatz p√§dagogische Implikationen aufgezeigt und Folgerungen f√ľr die schulische Pr√§ventionsarbeit gezogen. Ein weiterer Schwerpunkt in Teil I des Buches (Kapitel 5) liegt auf den empirischen Befunden zu Gewalt und Mobbing. Hier wird in einem ersten Schritt die Entwicklung der schulbezogenen Gewaltforschung nachgezeichnet und mit einem √úberblick √ľber Ausma√ü, Erscheinungsformen und Ursachen von Gewalt fortgesetzt, wobei auch auf die forschungsmethodischen und ethischen Schwierigkeiten bei der Erfassung von Gewalt hingewiesen wird. Kritisch anzumerken ist die z.T. detaillierte Diskussion von Daten, die vielfach noch vor dem Jahr 2000 erhoben wurden. Auch wenn das Vorwort auf die aktuellere Datenlage Bezug nimmt, w√§re f√ľr die n√§chste Auflage des Buches eine grundlegende Aktualisierung der angef√ľhrten Studien anzuraten.
Ebenfalls in Kapitel 5 werden Sonderformen schulischer Gewalt vorgestellt; darunter Mobbing, Amokl√§ufe und sexuelle Gewalt. Der Autor gibt vor dem Hintergrund des international vergleichenden HBSC Surveys 2001/02 zu bedenken, dass Mobbing in deutschen Schulen √ľberdurchschnittlich h√§ufig vorkomme und daher ‚ÄěSchulen in Deutschland weniger ein Gewalt-, sondern eher ein Mobbingproblem‚Äú (100) h√§tten. Teil I des Buches wird mit allgemein formulierten Konsequenzen f√ľr die Gewaltpr√§vention abgerundet; Schubarth betont u.a. den gesellschaftlichen Erziehungsauftrag der Schule, der eine Auseinandersetzung mit Gewalt und Mobbing unabdinglich macht. Des Weiteren wird die Relevanz von nachhaltigen Konzepten und Programmen sowie die Ber√ľcksichtigung der konkreten Bedingungen in den einzelnen Schulen ‚Äď im Gegensatz zu weniger effektiven punktuellen und anlassbezogen Einzelma√ünahmen ‚Äď herausgestrichen.
Mit Blick auf die praktische Einsetzbarkeit des Buches im Ausbildungs- und Studienkontext werden abschlie√üend eine Reihe an Wiederholungsfragen zu Teil I angef√ľhrt, die fast alle Unterthemen der theoretischen Hinf√ľhrung aufgreifen und zur √úberpr√ľfung des eigenen Wissens und Verst√§ndnisses herangezogen werden k√∂nnen.

Der zweite Teil des Buches fokussiert auf Gewaltpr√§vention und -intervention. Eingangs werden allgemeine M√∂glichkeiten der Pr√§vention und Intervention auf den Ebenen der einzelnen Sch√ľler/innen, der Klasse und der Schule vorgestellt und mit Beispielen unterlegt. Hier geht der Autor auch gesondert auf den Umgang mit Mobbing ein, wobei das vorgestellte Interventionskonzept nicht unreflektiert √ľbernommen werden sollte. Das hier angef√ľhrte klassen√∂ffentliche Benennen des Opfers sowie der T√§ter/innen (in der Beratungsstunde mit der gesamten Lerngruppe) ist vor dem Hintergrund dessen, dass die betreffenden Personen dadurch in ihren Mobbingrollen anerkannt und weiter fixiert werden, zu problematisieren. Der Fokus von Teil II (Kapitel 4) liegt anschlie√üend auf der Beschreibung einer Reihe an schulischen Pr√§ventions- und Interventionsprogrammen, die in Deutschland zum Einsatz kommen oder auch dort entwickelt wurden. Zwei Tabellen (142-143) geben einen f√ľr die Orientierung hilfreichen √úberblick √ľber die nachfolgend behandelten Programme und klassifizieren diese nach verschiedenen Gesichtspunkten, wie z.B. nach dem Alter der adressierten Sch√ľler/innen, der Ausrichtung (eher) auf Gewalt oder Mobbing, oder dem vorrangigen Ziel des Programms (Pr√§vention oder Intervention). Die einzelnen Programme werden anschlie√üend nach dem Muster Ziele und Hintergrund, Inhalt und Methoden sowie Evaluation und Gesamtbewertung (St√§rken/Schw√§chen) pr√§sentiert, was eine gewisse √úbersichtlichkeit und Vergleichbarkeit gew√§hrleistet. Dieser Darstellung spezieller Programme wird die allgemeine Frage ‚ÄěWas wirkt?‚Äú (Kapitel 5) nachgestellt. Aufgrund des unzureichenden Stands der Evaluationsforschung zu Pr√§ventions- und Interventionsprogrammen in Deutschland k√∂nnen jedoch nur sehr allgemeine Ergebnisse angef√ľhrt werden. Der zweite Teil wird inhaltlich mit einer beispielhaften Anleitung zu einem mehrstufigen schulinternen Entwicklungsprozess zur Gewaltpr√§vention geschlossen. Eine Reihe an Wiederholungsfragen spiegeln die in Teil II behandelten Themen wider.

Teil III des Buches kann wie ein Epilog verstanden werden, der in zehn Punkten ‚ÄěAnforderungen an die gegenw√§rtige und k√ľnftige schulische Gewaltpr√§vention umrei√üt‚Äú (229) und dabei die zentralen Thesen der vorangegangenen Kapitel zusammenfasst.

Das Ansinnen von Schubarth ein Einf√ľhrungswerk zu Gewalt und Mobbing f√ľr eine breite Leser/innenschaft zu bieten, kann als erreicht betrachtet werden. Eine noch uninformierte Leser/innenschaft wird bei ihrem Alltagsverst√§ndnis abgeholt, w√§hrend Leser/innen mit einem gewissen Vorverst√§ndnis dieses vertiefen k√∂nnen und sich f√ľr die Kommentare des Autors auf einer forschungstheoretischen Ebene interessieren werden. Einzig Forscher/innen auf dem Gebiet Gewalt und Mobbing werden den Bezug auf aktuellere Forschungsergebnisse sowie internationale Studien missen. Dieser Anspruch scheint f√ľr ein Einf√ľhrungswerk aber (zu) hoch gesetzt zu sein. Hervorzuheben ist die Bezogenheit auf Entwicklungen in Deutschland. F√ľr den restlichen deutschen Sprachraum (√Ėsterreich, Schweiz) w√§ren vergleichbare Einf√ľhrungsb√ľcher w√ľnschenswert, die auf die jeweiligen l√§nderspezifischen Forschungsergebnisse und die damit verbundenen Unterschiede n√§her eingehen k√∂nnten. Auch f√ľr diesen Zweck kann das rezensierte Werk als gutes Beispiel dienen.
Antonia Paljakka (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Antonia Paljakka: Rezension von: Schubarth, Wilfried: Gewalt und Mobbing an Schulen, M√∂glichkeiten der Pr√§vention und Intervention 3. Auflage . Stuttgart: Kohlhammer 2018. In: EWR 19 (2020), Nr. 3 (Veröffentlicht am 02.09.2020), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978317030878.html