EWR 22 (2023), Nr. 1 (Januar)

Doris Streber
Klassen erfolgreich fĂŒhren
Guter Unterricht durch starke LehrkrÀfte
Stuttgart: Kohlhammer 2021
(180 S.; ISBN 978-3-17-036692-3; 32,00 EUR)
Klassen erfolgreich fĂŒhren Mit dem Titel und Untertitel wird bereits aufgezeigt, dass eine erfolgreiche KlassenfĂŒhrung entscheidend fĂŒr einen guten Unterricht ist. Es ist empirisch hinreichend belegt, dass die KlassenfĂŒhrung eines der wichtigsten Kriterien fĂŒr einen guten Unterricht ist. Titel und Untertitel greifen ebenso die Forderung nach FĂŒhrung auf, denn LehrkrĂ€fte sind mehr als reine Wissensvermittler:innen und Agent:innen eines guten Unterrichts. In ihrem Buch, das in neun Kapiteln gegliedert ist, zeigt die Autorin eindrĂŒcklich auf, wie bei der Verwendung des Begriffes der KlassenfĂŒhrung das „Mehr“ (13) mitschwingen darf. Die Autorin bezieht sich auf ein empirisch getestetes Modell, das die zentralen Aspekte von KlassenfĂŒhrung bespricht und zusammenfĂŒhrt: Struktur (Kapitel 3), Kommunikation (Kapitel 4), Regulation (Kapitel 5) und PrĂ€senz (Kapitel 8). Die Kapitel Disziplin und Unterrichtsstörungen (Kapitel 6) sowie Umgang mit Aggression und Mobbing (Kapitel 7) erweitern die AusfĂŒhrungen in Kapitel 5 zur Regulation und zeigen anhand von vielfĂ€ltigen best-practice-Beispielen auf, welche Maßnahmen und Interventionen eine Lehrperson ergreifen bzw. mit welchen unterrichtlichen Möglichkeiten GewaltprĂ€vention betrieben werden kann. Das letzte Kapitel Teamentwicklung und professionelle Lerngemeinschaften (Kapitel 9) greift fĂŒr Schulen auf, was in der Industrie schon lĂ€nger GĂŒltigkeit hat: das Team-Lernen ist ein SchlĂŒsselfaktor der lernenden Organisation.

Nachfolgend werden die vier im Buch zentralen Aspekte von KlassenfĂŒhrung genauer erlĂ€utert.

Die Struktur und kognitive Aktivierung der Lernenden bedingen eine choreografierte Unterrichtsplanung, bei der die einzelnen Unterrichtselemente sinnvoll aufeinander aufbauen. DafĂŒr werden verschiedene Artikulationsschemata vorgestellt, wobei es wichtig ist, dass diese nicht als „festgezurrte Raster“ (24) verstanden werden, denn die ‚fruchtbaren Momente‘ in einem Bildungsprozess im Sinne von Copei [1] werden auch von der SelbsttĂ€tigkeit der SchĂŒler:innen getragen und können nicht bis ins kleinste Detail vorhergesagt und geplant werden. Diesen Freiraum ist den Lernenden auch in KlassengesprĂ€chen zu gewĂ€hren, die nur dann kognitiv aktivierend sind, wenn SchĂŒler:innen eigene Fragen generieren können und von ihren Vorstellungen und Ideen ausgegangen wird. Die Lehrkraft sorgt dabei dafĂŒr, dass sich stĂ€rkere Lernende auch mal zurĂŒcknehmen, damit schwĂ€chere Lernende eine Chance haben. Im Folgenden wird auf die innere Differenzierung eingegangen und didaktische Möglichkeiten aufgezeigt, wie Lehrer:innen mit der HeterogenitĂ€t umgehen können. Nach theoretischen AusfĂŒhrungen schlĂ€gt die Autorin konkrete unterrichtsorganisatorische Maßnahmen, u.a. peergestĂŒtztes Lernen im Unterricht und tutorielles Lernen außerhalb des Unterrichts, vor. Streber ist absolut beizupflichten, dass in solchen inklusiven Lernumgebungen das EinzelkĂ€mpfertum ausgedient hat. DafĂŒr fasst die Autorin verschiedene Teamteaching-AnsĂ€tze zusammen. Zum Schluss des Kapitels betont sie, dass eine strukturierende Unterrichtsgestaltung motivierendes Unterrichten ermöglicht. Sie streicht heraus, dass ein motivierender Unterricht variantenreich ist und dass LehrkrĂ€fte motivationale Bedingungsfaktoren, wie beispielsweise die Autonomie der Lernenden beachten oder kooperative Lernmethoden anwenden sollen.

In Kapitel 4 wird veranschaulicht, dass eine gute Kommunikation zwischen LehrkrĂ€ften und SchĂŒler:innen sich positiv auf das Klassenklima auswirkt. Die Lesenden werden zunĂ€chst in die grundlegenden Aspekte der Kommunikation eingefĂŒhrt, da eine Verbesserung der Kommunikation sich auf die Beziehungsebene auswirkt, sich damit aber meistens auch Probleme auf der Sachebene lösen lassen. Anschließend folgen Grundlagen zum Feedback, denn KlassenfĂŒhrung bedeutet in einem modernen Unterricht den umfassenden Einsatz von Feedbackmethoden. Streber betont, dass ein offenes und ehrliches gegenseitiges Feedback gelernt sein will. Sie versteht Feedback allgemein als „eine bewusste auf Daten basierende RĂŒckmeldung an eine Person bzw. Personengruppe zu deren vorherigem Verhalten“ (58). Dabei wird klar, dass ihr Feedbackbegriff nicht nur im Zusammenhang mit Leistungen zu verstehen ist. Strebers FĂŒhrungsverstĂ€ndnis geht davon aus, dass die Lehrkraft Verantwortung abgibt und delegiert, damit Lernende in ihren Lernprozess und Lernfortschritt eingebunden werden. Eine praktische Anleitung zum SchĂŒler-SchĂŒler-Feedback sowie verschiedene Feedbackformen geben wertvolle Hinweise auf eine ökonomische Umsetzung im Unterricht. Kapitel 4 schließt ab mit der Betonung des Humors als wichtige basiskommunikative Voraussetzung eines Unterrichts.

Im nĂ€chsten Kapitel greift die Autorin zu Beginn die bekannte Kritik an den Prinzipien des klassischen VerstĂ€rkungslernen auf (Schule soll ohne Bestrafung funktionieren sowie VerstĂ€rker fĂŒhren zu AbhĂ€ngigkeiten und rein extrinsisch motiviertem Lernen) und fĂŒhrt zwei Argumente auf, die fĂŒr einen Einsatz von Regulation sprechen: Erstens sind Verhaltensweisen gelernt und können demnach auch wieder modifiziert und geĂ€ndert werden und zweitens spielen dafĂŒr spezifische Reize eine Rolle. Dabei wird der Blick auf Umweltbedingungen gelenkt, die leicht abgeĂ€ndert werden können, um erwĂŒnschte Verhaltensweisen bei SchĂŒler:innen auszulösen; personale Merkmale sind im Gegensatz dazu viel weniger zugĂ€nglich. Die Grundidee des VerstĂ€rkungslernen ist, dass den Lernenden durch Hinweisreize mitgeteilt wird, dass bestimmtes Verhalten erwĂŒnscht und anderes unerwĂŒnscht ist. Die KomplexitĂ€t des VerstĂ€rkungslernens zeigt sich jedoch an folgendem Beispiel: Begegnet eine Lehrkraft einem SchĂŒler:innenbeitrag mit massiver Kritik, kann das dazu fĂŒhren, dass diese:r SchĂŒler:in kĂŒnftig viel weniger bereit ist mitzuarbeiten. Anschließend wird mithilfe des Cognitive Apprenticeship-Ansatzes nach Collins, Brown und Newman [2] aufgezeigt, wie SchĂŒler:innen in einem aktivierenden und selbstgesteuerten Unterricht unterstĂŒtzt werden können. Vor allem die beiden Schritte ‚Coaching‘ und ‚Scaffolding‘ zeigen Verhaltenshilfen auf, die den Lernenden helfen ihr Verhalten in eine erwĂŒnschte Richtung zu lenken. Regulation kann auch ĂŒber Einsicht geschehen. Nach den AusfĂŒhrungen zur kognitiven Verhaltensmodifikation (Selbstkontrolle, Selbstinstruktion, Selbstattribution) werden konkrete Maßnahmen erlĂ€utert, wie LehrkrĂ€fte und Lernende ihre automatisierten Handlungen unterbrechen können, um in schwierigen Situationen eine Überreaktion durch vorschnelles Handeln zu vermeiden. Abschließend wird festgehalten, dass eine gute Kommunikation eine adĂ€quate Lerndisziplin möglich macht.

FĂŒr Streber ist eine wirksame KlassenfĂŒhrung ohne uneingeschrĂ€nkte PrĂ€senz nicht möglich. Die PrĂ€senz einer Lehrkraft ist keine isolierte Maßnahme, sondern eine Haltung, mit der die bisher ausgefĂŒhrten drei zentralen Aspekte von KlassenfĂŒhrung zusammengefĂŒhrt werden. Wenn eine Lehrperson nicht prĂ€sent ist, lĂ€uft sie Gefahr von der Klasse gefĂŒhrt zu werden. Die PrĂ€senz zeigt sich in einer physischen und gedanklichen PrĂ€senz. Letzte braucht es fĂŒr eine positive Fehlerkultur. Nach einer ausfĂŒhrlichen Beschreibung der Merkmale effektiver KlassenfĂŒhrung nach Kounin [3] gibt die Autorin in ErgĂ€nzung zum Merkmal der AllgegenwĂ€rtigkeit drei praktische Hinweise: Reagiere sofort! Antizipiere Probleme! Beobachte einen Expertenlehrer!

Dieses Buch ist eine Ă€ußerst lohnende LektĂŒre und bietet den Leser:innen einen praxisbezogenen Zugang zur KlassenfĂŒhrung. Denn erst in der Praxis zeigt sich, ob die theoretisch und empirisch ausgearbeiteten ZugĂ€nge auch konkret funktionieren.

[1] Copei, F. (1966). Der fruchtbare Moment im Bildungsprozess. Quelle & Meyer.
[2] Collins, A., Brown, J. S. & Newman, S. E. (1989). Cognitive apprenticeship: Teaching the crafts of reading, writing, and mathematics. In L. B. Resnick (Ed.), Knowing, learning, and instruction: Essays in honor of Robert Glaser (S. 453–494). Lawrence Erlbaum Associates.
[3] Kounin, J. S. (1976). Techniken der KlassenfĂŒhrung. Huber.
Saskia Sterel (ZĂŒrich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Saskia Sterel: Rezension von: Streber, Doris: Klassen erfolgreich fĂŒhren, Guter Unterricht durch starke LehrkrĂ€fte. Stuttgart: Kohlhammer 2021. In: EWR 22 (2023), Nr. 1 (Veröffentlicht am 26.01.2023), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978317036692.html