EWR 9 (2010), Nr. 4 (Juli/August)

Benjamin Ortmeyer
Mythos und Pathos statt Logos und Ethos
Zu den Publikationen fĂŒhrender Erziehungswissenschaftler in der NS-Zeit: Eduard Spranger,
Herman Nohl, Erich Weniger und Peter Petersen
Weinheim / Basel: Beltz 2009
(606 S.; ISBN 978-3-407-85798-9; 68,00 EUR)
Mythos und Pathos statt Logos und Ethos Als sich vor zwanzig Jahren die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Erziehungswissenschaft auf ihrem Bielefelder Kongress erstmals öffentlich mit der NS-Vergangenheit des Faches befasste, standen nicht zufĂ€llig jene ReprĂ€sentanten der wissenschaftlichen PĂ€dagogik in der Weimarer und der frĂŒhen Bundesrepublik im Zentrum, deren jahrzehntelang verschwiegene oder verharmloste positive Äußerungen zum Nationalsozialismus zu einer scharfen, teilweise bizarren innerfachlichen Kontroverse gefĂŒhrt hatten. Da diese Äußerungen eine kritische Auseinandersetzung unumgĂ€nglich machten, bei der es nicht nur um die Deutung der Fakten, sondern auch um eine Neubewertung des Denkens der Granden des Faches gehen musste, blieben sie noch fĂŒr Jahre im Fokus der Debatte und zahlreicher, immer wieder auf sie konzentrierter Studien. Doch obwohl deren ErtrĂ€ge inzwischen großenteils in das Fachwissen eingegangen sind, die Gegenstandsbereiche, Fragestellungen und Untersuchungsmethoden in diesem Forschungsfeld sich erheblich erweitert und ausdifferenziert haben, will der Streit ĂŒber die kompromittierten „Klassiker“ der Disziplin kein Ende nehmen.

JĂŒngstes Beispiel dafĂŒr ist Benjamin Ortmeyers ebenso umfĂ€ngliche wie herausfordernde Frankfurter Habilitationsschrift, die sich mit vier in diesem Zusammenhang besonders umstrittenen PĂ€dagogikprofessoren sowie der auf sie bezogenen Diskussion befasst. Konzentriert auf ihre Schriften aus der NS-Zeit will sie klĂ€ren, „auf welcher Grundlage und in welcher Hinsicht es inhaltlich zu Übereinstimmungen mit dem NS-Regime gekommen ist“ (13), bezieht aber auch die vor 1933 publizierten Schriften der vier Autoren sowie ihre nach 1945 publizierten Stellungnahmen zum Nationalsozialismus ausdrĂŒcklich mit ein.

Wie der Gegenstand, die Fragestellung und das ideologiekritische Vorgehen der Studie erkennen lassen, bietet sie keinen wirklich neuen Zugriff auf das vielfach diskutierte Thema, ihrem Verfasser geht es vor allem um eine Neuaufnahme der aus seiner Sicht zu frĂŒh beendeten Diskussion ĂŒber die Äußerungen von Spranger, Nohl, Weniger und Petersen zum Nationalsozialismus. Den Anlass dazu gibt das von Ortmeyer herangezogene Quellenmaterial, dessen Erhebung und Auswertung das besondere Verdienst der vorliegenden Arbeit darstellt. Im Gegensatz zu den bisher genutzten, meist aus der Anfangsphase des NS-Regimes stammenden Texten der vier Hochschullehrer stĂŒtzt sich Ortmeyer auf alle von ihnen wĂ€hrend der NS-Zeit publizierten Schriften und kann somit die Diskussion ĂŒber ihre Haltung zum Nationalsozialismus auf einer erheblich breiteren Grundlage fĂŒhren. Er greift dabei auf die Ergebnisse eines von ihm geleiteten Forschungsprojekts („ad fontes“) zurĂŒck, dessen Ziel es war, diese oft an entlegenen Stellen erschienenen Veröffentlichungen möglichst vollstĂ€ndig zu erfassen und zu dokumentieren. Dieses vorab in vier BĂ€nden veröffentlichte Quellenmaterial bildet die wesentliche Grundlage seiner Habilitationsschrift. Ihre enge Verbindung mit dem Dokumentationsprojekt zeigt sich auch in lĂ€ngeren RĂŒckgriffen auf die dort erschienenen EinfĂŒhrungen und Literaturberichte des Verfassers sowie in den der Arbeit angefĂŒgten Inhalts- und Quellenverzeichnissen der vier BĂ€nde.

Nach den einleitenden Vorbemerkungen, die einiges zum WissenschaftsverstĂ€ndnis des Autors, aber kaum etwas zur ErlĂ€uterung des Titels bzw. zur analytischen Funktion von hochkomplexen Begriffen wie Mythos und Pathos, Logos und Ethos beitragen, prĂ€sentiert das erste der drei Hauptkapitel, das in die „Problematik der vier Erziehungswissenschaftler“ einfĂŒhren will, zunĂ€chst einen umfangreichen, nach den behandelten Autoren gegliederten Überblick ĂŒber die wissenschaftliche Literatur. GrĂŒndlich recherchiert und kritisch kommentiert referiert er nicht nur den aktuellen Forschungsstand, sondern vermittelt darĂŒber hinaus einen auch in disziplingeschichtlicher Hinsicht aufschlussreichen Eindruck von der KontinuitĂ€t und Vielfalt apologetischer Deutungen, die seit den 1950er Jahren fĂŒr den Charakter der Debatte so kennzeichnend sind.

Weit weniger ergiebig ist allerdings der folgende Abriss der theoretischen Grundpositionen und Hauptwerke Sprangers, Nohls, Wenigers und Petersens. Hier wie auch an spÀterer Stelle fragt sich der Leser, worin der Gewinn einer Darstellung liegen soll, die weitgehend bekannte Texte, einen nach dem anderen und nach Autoren getrennt, paraphrasierend abhandelt und dabei auf die Diskussion der einschlÀgigen Fachliteratur verzichtet.

Das erste Kapitel der Studie schließt mit der Frage, ob die von den Weimarer PĂ€dagogikprofessoren 1933 vertretenen pronazistischen Positionen im Blick auf ihre mehr oder weniger national-konservativen Orientierungen als „zwangslĂ€ufig“ zu deuten seien. Diese beim Stand der Forschung sich nicht gerade aufdrĂ€ngende Frage (von wem wird diese These noch ernsthaft vertreten?) ist fĂŒr Ortmeyer der Anlass, u. a. mit Theodor Litt als Kronzeugen auf andere Optionen im konservativen Spektrum der akademischen PĂ€dagogik verweisend die individuelle Verantwortung der Wissenschaftler fĂŒr ihre Texte in dieser Zeit hervorzuheben und Relativierungen jeder Couleur zurĂŒckzuweisen. Er unterstreicht damit seine schon in der Einleitung begrĂŒndete Auffassung, dass auch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Texten, die den Nationalsozialismus befĂŒrworteten, nicht auf moralische Bewertungen verzichten dĂŒrfe. Diese als Kritik an der bisherigen Debatte verstandene Position ist ein Kennzeichen der vorliegenden Arbeit.

Auf diesen Grundlagen und VorĂŒberlegungen fußt das KernstĂŒck der Studie, die im zweiten Kapitel vorgenommene Analyse aller zwischen 1933 und 1945 erschienenen bzw. verfassten Schriften der vier behandelten Autoren. Der Umfang des in den vier BĂ€nden des „ad fontes“-Projekts dokumentierten Textcorpus ist betrĂ€chtlich: Nach Ortmeyers Recherchen haben Spranger 144, Weniger 100, Petersen 50, Nohl 25 BĂŒcher, Artikel (inkl. ZeitschriftenaufsĂ€tze) und Rezensionen veröffentlicht. Diese Zahlen fĂŒhren die ungebremste PublikationstĂ€tigkeit der Autoren nach 1933 vor Augen. Dieser bisher wenig bekannte oder weitgehend ĂŒbergangene Sachverhalt macht verstĂ€ndlich, warum Ortmeyer vehement fĂŒr eine Fortsetzung der Debatte ĂŒber die umstrittenen PĂ€dagogen eintritt.

Weniger verstĂ€ndlich ist hingegen, warum er bei seiner Analyse wieder nach Autoren getrennt, in chronologischer Folge und in ĂŒberwiegend paraphrasierender Form vorgeht – ein offensichtlich der Anlage seiner DokumentationsbĂ€nde geschuldetes Verfahren, das je lĂ€nger je mehr ermĂŒdend wirkt. Immerhin wird auf diese Weise das Ausmaß des intellektuellen Elends dieser pĂ€dagogischen Elite, ihrer facettenreichen Anpassungs- und Kooperationsbereitschaft, auch ihrer Zustimmung zu bestimmten Zielen des Regimes in der NS-Zeit deutlich.

Ortmeyers Bilanz fĂ€llt entsprechend vernichtend aus (303 ff): Alle vier Autoren seien trotz ihrer gelegentlichen Vorbehalte oder Warnungen gegenĂŒber gewissen „Übertreibungen“ als UnterstĂŒtzer des NS-Regimes zu beurteilen, nicht gerade als „enthusiastische BefĂŒrworter“, aber doch als „bereitwillige Kooperateure“ (Fritz Ringer). Ihre Schriften aus dieser Zeit zeigten eine insgesamt hohe, wenn auch individuell unterschiedlich ausgeprĂ€gte Übereinstimmung mit der NS-Ideologie, die die BefĂŒrwortung des Krieges, Argumentationen im Rahmen der herrschenden Rassentheorie und auch antisemitische Äußerungen einschließt.

Unter den vielen zitierten ‚Stellen’, die Ortmeyer als Belege anfĂŒhrt, sind jene Passagen besonders informativ und ĂŒberzeugend, in denen er ausfĂŒhrlicher auf Sprangers propagandistische VortrĂ€ge in Japan, Nohls die Rassenhygiene und Zwangssterilisation unterstĂŒtzende Göttinger Vorlesung von 1933/34, Wenigers lange verharmlosten militĂ€rpĂ€dagogischen Schriften oder Petersens „rassenbiologische“ Argumentation eingeht.

Ortmeyers auch entlegenste Zeugnisse aufspĂŒrende Studie fĂŒhrt ein Denken im Kontext der NS-Diktatur vor Augen, dessen Ausmaß an variantenreicher Zustimmung schlechthin bestĂŒrzend ist. Wirklich neue Erkenntnisse ergeben sich dabei allerdings nicht. Vieles ist bereits aus den kritischen Studien der letzten beiden Jahrzehnte bekannt; manches, was Ortmeyer zu Recht anprangert, konnte man andernorts argumentativ und methodisch schon differenzierter lesen.

Ein Gewinn, neben der von ihm geleisteten Quellenrecherche, ist sicherlich die ZusammenfĂŒhrung dieser Befunde und ihre Absicherung auf einer erheblich breiteren, erstmals die gesamte Zeit des Dritten Reiches umfassenden Grundlage. Das Ergebnis ist ein schonungslos gezeichnetes Gruppenbild pĂ€dagogischer „Mandarine“, das dadurch noch an TiefenschĂ€rfe gewinnt, dass Ortmeyer es, was selten geschieht, mit der Sicht der Emigranten und Gegner des Regimes konfrontiert und auf deren Fassungslosigkeit gegenĂŒber den Äußerungen z. B. Sprangers hinweist, von der nach 1945 im Fach bekanntlich so gut wie nichts mehr zu spĂŒren war.

Ortmeyers kritische, moralisch akzentuierte Bewertungen sind kompromisslos, z.T. auch ĂŒberspitzt, doch umfĂ€nglich belegt. Dass die andauernde PrĂ€sentation anstĂ¶ĂŸiger „Stellen“ immer wieder den Wunsch nach einem Vorgehen aufkommen lĂ€sst, das mehr die inhaltlichen und historischen Kontexte solcher Äußerungen einbezieht und die Befunde stĂ€rker komprimiert oder systematisiert, weist auf theoretische und methodische SchwĂ€chen der vorliegenden Arbeit hin. Sie zeigen sich nicht nur im Mangel eines schlĂŒssigen theoretischen, ideologiekritischen oder (sozial-, bildungs- oder disziplin-) historischen Bezugsrahmens. Auch das der Untersuchung zugrunde liegende VerstĂ€ndnis von nationalsozialistischer Ideologie besitzt ebenso wenig prĂ€zise begriffliche Konturen wie die durchaus nicht eindeutigen Kriterien bzw. Konzepte, an denen Ortmeyer ideologische Übereinstimmungen festmacht (wie z. B. „völkischer“ Nationalismus, Militarismus, Antisemitismus und Rassismus). Das fĂŒhrt dazu, dass vielfach Zuordnungen und Bewertungen als zu grob und apodiktisch erscheinen, jedenfalls nicht so nachvollziehbar sind, wie der Autor offenbar annimmt.

Dies hat auch mit dem Problem zu tun, dass die „Elemente der NS-Ideologie“, die die Studie in den Texten der PĂ€dagogen aufdecken will, in der Regel nicht als genuin nationalsozialistische zu bezeichnen sind, sondern meist schon lange vor 1933 als ideologische Strömungen existierten und gesellschaftlich virulent waren. Ortmeyer sieht diese Problematik durchaus, wenn er am Ende des zweiten Kapitels versucht, die „innere Logik“ in den pronazistisch bewerteten Äußerungen der Erziehungswissenschaftler herauszuarbeiten. Doch er ĂŒbergeht bzw. unterschĂ€tzt, von der Evidenz seiner Belege ĂŒberzeugt, die nicht unerheblichen Schwierigkeiten, die sich aus diesem Umstand fĂŒr eine Untersuchung ergeben, deren Ziel es ist, eindeutige Übereinstimmungen zwischen Textpassagen und „NS-Ideologie“ zu identifizieren.

Wenn man sich wie die vorliegende Arbeit in erster Linie mit den ideologischen Implikationen historischer Texte befasst, muss man sich auch auf die TĂŒcken historischer Semantik, d. h. auch und gerade auf die Ambivalenzen einlassen, die fĂŒr die Publikationen von Professoren jener Zeit so kennzeichnend sind und oft genug zu ihrer Rechtfertigung in Anspruch genommen wurden. Das muss nicht zu den von Ortmeyer befĂŒrchteten Relativierungen fĂŒhren, schließt jedenfalls kritische Bewertungen keinesfalls aus, sondern stĂ€rkt vielmehr ihre Beweiskraft. Will man dem Denken der berĂŒhmten Fachvertreter in Bezug auf ihre Haltung zum Nationalsozialismus beikommen, reichen Hinweise auf „eindeutige“ Passagen in ihren Texten nicht aus. DafĂŒr wĂ€re ein begrifflich wie methodisch anspruchsvolleres Analyseinstrumentarium erforderlich, als es die vorliegende Studie bietet.

Ihr dritter Teil geht abschließend der Frage nach, wie sich vor allem Spranger, Nohl und Weniger (Petersen wird nur sehr kurz mit einer Passage aus „Der Mensch in der Erziehungswirklichkeit“ von 1954 behandelt) zum Nationalsozialismus in den ersten Jahren der Nachkriegszeit geĂ€ußert haben. Nach einer recht skizzenhaften und wenig befriedigenden Darstellung dieser durch die Entnazifizierungsmaßnahmen und die Reeducation-Politik der BesatzungsmĂ€chte bestimmten Phase arbeitet Ortmeyer an den zeitgenössischen Publikationen der geisteswissenschaftlichen PĂ€dagogen jene elaboriert-vernebelnden Deutungen und Rechtfertigungsmuster heraus, die insgesamt fĂŒr belastete Hochschullehrer und das westdeutsche UniversitĂ€tsmilieu dieser Zeit typisch waren.

Die ĂŒbliche, die eigene Involviertheit leugnende ZurĂŒckweisung jeder persönlichen Schuld verband sich bei ihnen mit einer umso entschiedeneren Delegitimierung der Entnazifizierung und Reeducation (besonders massiv bei Weniger) bei gleichzeitiger Warnung vor dem „öffentlichen WĂŒhlen in der Schuld“ (Spranger, Ă€hnlich auch Nohl). Auf den „Missbrauch der Ideale“ durch den Nationalsozialismus verweisend plĂ€dierten die HĂ€upter der geisteswissenschaftlichen PĂ€dagogik fĂŒr die RĂŒckkehr zu den „zeitlos-gĂŒltigen“ Werten der deutschen Klassik und idealistischen Philosophie. Nach ihren fĂŒr Karriere und Ansehen folgenlosen Entnazifizierungsverfahren, die im Falle Wenigers etwas lĂ€nger dauerten, waren sie weder zur Aufarbeitung der Vergangenheit noch zur AufklĂ€rung ĂŒber ihre sie kompromittierenden Äußerungen bereit.

Die LektĂŒre der umfangreichen Untersuchung ergibt einen ambivalenten Befund. Einerseits hat Benjamin Ortmeyer einen gewichtigen und verdienstvollen Beitrag zur Debatte ĂŒber vier Granden der Disziplin vorgelegt. GestĂŒtzt auf eine große Zahl bisher nicht genutzter Quellen widerlegt er ĂŒberzeugend den von ihrer großen SchĂŒler- und Verehrergemeinde zum Teil bis heute gepflegten Mythos, sie hĂ€tten sich in ihren Publikationen keiner UnterstĂŒtzung des NS-Regimes schuldig gemacht. Wer sich kĂŒnftig zu diesem Thema auf dem aktuellen Wissensstand Ă€ußern will, wird sich, auch wenn er nicht alle Bewertungen Ortmeyers teilt, mit den von ihm prĂ€sentierten Befunden auseinandersetzen mĂŒssen.

Andererseits sind es die mangelnde Straffung und systematische Durchdringung des Materials, die bereits genannten SchwĂ€chen im Umgang mit den Texten, auch der zuweilen penetrante moralische Gestus des Autors, die es auch einem wohlgesonnenen Leser immer wieder schwer machen, die Ergebnisse dieser Untersuchung und die ihr zugrunde liegende Leistung ohne EinschrĂ€nkung zu wĂŒrdigen. Dies gilt nicht zuletzt fĂŒr die, zumal im Rahmen einer historischen Studie, wenig verstĂ€ndliche Aversion Ortmeyers gegen Vorhaben, das Handeln historischer Akteure im jeweiligen zeitgenössischen Kontext zu untersuchen oder „aus der Zeit heraus“ (137 ff) zu verstehen.

Seine Kritik richtet sich gegen DeutungsansĂ€tze, die sich nicht mit der Verurteilung der Auffassungen und Optionen der hier behandelten Erziehungswissenschaftler begnĂŒgen, sondern begreifen und darĂŒber aufklĂ€ren wollen, warum sie damals so gedacht haben und was genau die Dispositionen und Motive waren, die sie wie so viele andere aus den Reihen der „deutschen Mandarine“ (Ringer) fĂŒr den Nationalsozialismus optieren ließen. Ortmeyers Verdacht, solche AnsĂ€tze wĂŒrden die individuelle Verantwortung der prominenten PĂ€dagogen fĂŒr ihre Äußerungen relativieren, mag auf bestimmte Arbeiten zutreffen, geht aber an einem Kernproblem der deutschen Sozial- und Bildungsgeschichte bzw. an wichtigen Befunden der jĂŒngeren Forschung vorbei.

Wie ertragreich und weiterfĂŒhrend solche Fragestellungen sein können, ist in den letzten Jahren in einer Reihe von Untersuchungen zur Rolle der Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus sowie zu ihrer höchst „erfolgreichen“ Vergangenheitspolitik nach 1945 gezeigt worden. Indem sie sowohl nach den fĂŒr die Professoren dieser Zeit kennzeichnenden MentalitĂ€ten und Habitusmerkmalen als auch nach den je spezifischen Disziplinstrukturen und –kulturen fragen, in denen sie verankert waren, rĂŒcken sie wichtige Faktoren und Kontexte in den Blick, die das Denken und Handeln dieser besonderen Bildungselite maßgeblich bestimmt haben.

Solche AnsĂ€tze stellen nicht die Auseinandersetzung mit den historischen ReprĂ€sentanten des Faches in Frage; aber sie machen nachdrĂŒcklich darauf aufmerksam, dass und warum die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Erziehungswissenschaft ĂŒber sie hinaus fĂŒhren muss, weil es im Kern um die Ursachen und Folgen der ideologischen AnfĂ€lligkeit der PĂ€dagogik als Disziplin geht. Diese Debatte, das lĂ€sst sich nicht zuletzt aus Ortmeyers Arbeit lernen, ist noch lĂ€ngst nicht beendet.
Hasko Zimmer (Bremen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Hasko Zimmer: Rezension von: Ortmeyer, Benjamin: Mythos und Pathos statt Logos und Ethos, Zu den Publikationen fĂŒhrender Erziehungswissenschaftler in der NS-Zeit: Eduard Spranger, Herman Nohl, Erich Weniger und Peter Petersen. Weinheim / Basel: Beltz 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 4 (Veröffentlicht am 10.08.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978340785798.html