EWR 22 (2023), Nr. 2 (April)

Cord-Friedrich Berghahn
Wilhelm von Humboldt
Leben – Werk – Wirkung
Stuttgart: J.B. Metzler 2022
(426 S.; ISBN 978-3-476-02637-8; 89,95 EUR)
Wilhelm von Humboldt In der hoch renommierten „Handbuch“-Reihe des Metzler-Verlags ist nach einem Band ĂŒber Alexander [1] auch ein „Wilhelm von Humboldt-Handbuch “ erschienen, wie immer „Leben – Werk – Wirkung“ gewidmet. Man wird dem Vorwort des Herausgebers zustimmen, dass „Wilhelm von Humboldt [
] zu den zentralen Protagonisten der europĂ€ischen Kultur, Wissenschaft, Literatur und Politik um 1800 [gehört]“, dass „sein Werk [
] nahezu alle entscheidenden Themen der Epoche auf[greift]“ und er „als Reformator des Preußischen Bildungswesens“ und „als Diplomat auch praktisch Geschichte geschrieben“ hat (vii). FĂŒr einen Rezensenten aus der Bildungsgeschichte ist es bei aller Zustimmung aber doch irritierend zu lesen, dass zwar „kaum eine bildungspolitische Debatte ohne die Beschwörung seines Namens auskommt“, dass aber wegen dieser Zentrierung „sein eigentliches Werk bis heute nur Wenigen bekannt“ sei, hatten zumindest die Bildungshistoriker Humboldts Bildungsphilosophie und die Texte ĂŒber das Bildungswesen und die Politik durchaus zu seinem „eigentlichen Werk“ gerechnet. Aber dieses „eigentliche Werk“ will das Handbuch jetzt sichtbar machen. Ergibt das einen ganz neuen Humboldt?

Das Handbuch stellt Humboldt in fĂŒnf Teilen und mit jeweils detailreichen, gelehrten und lesbaren Abhandlungen vor: „Leben und Schreiben“ heißt der I. Block, mit drei Abhandlungen zur Biographie, ĂŒber „Autorschaft“ und die „Werk- und Briefausgaben“, alle aus der Feder des Herausgebers. FĂŒr seine Ambition ist besonders der zweite Text aufschlussreich, der „Autorschaft und Werkbewusstsein“ behandelt. „Unter allen Konzepten von Autorschaft um 1800“ sei die Humboldts „vielleicht das bemerkenswerteste und provozierendste“, mit „seiner im Habitus exklusiven und psychologisch zugleich höchst ambivalenten Autorschaft“ und dem „schon fĂŒr die Freunde und Vertrauten eklatante[n] MissverhĂ€ltnis zwischen Geschriebenem und Publiziertem, zwischen Abgeschlossenem und Fragmentarischem“. Vor dem Hintergrund „der verschiedenen Werkausgaben im 19., 20. und 21. Jahrhundert“ resĂŒmiert Berghahn: „Wilhelm von Humboldt, einer der wichtigsten Denker seiner Epoche, ist ein NachlassphĂ€nomen“ (31). Aber das ist gerade fĂŒr seine Theorie von Bildung und seine Praxis von Bildungspolitik ein sehr bekannter Befund, von Humboldts Schriften zum Königsberger oder Litauischen Schulplan von 1809 z.B. wissen wir umfassend erst, seit Spranger 1910 das Ergebnis seiner Archivstudien publizierte. [2] In den weiteren Abhandlungen wird Humboldt deshalb nicht nur in seinen Werken vorgestellt, sondern auch in der Kommunikation mit und der Erfahrung in seiner Welt. Schon Teil II „Orte“ zeigt das mit den fĂŒr ihn zentralen Stationen in Berlin, Jena/Weimar, Paris, Rom, Wien, London und Tegel – und erst jĂŒngst haben wir ja auch gesehen, dass seine Reiseberichte sich als ethnographische Studien lesen lassen. [3] Auch die sieben BeitrĂ€ge in Teil III „Werke“, davon erneut vier des Herausgebers, behandeln nicht nur die klassischen, viel zitierten Texte der Anthropologie, Altertumskunde und Ästhetik, Theorie der Bildung, amtliche und politische Schiften, Sprachphilosophie und Linguistik, sondern auch Dichtungen und Übersetzungen, TagebĂŒcher und autobiographische Schriften, immer vor dem Hintergrund ihrer wechselvollen Entstehungs-, Editions- und Rezeptionsgeschichte. FĂŒr die zentrale These, dass fĂŒr Humboldt ein ganz neues VerstĂ€ndnis von Autorschaft anzusetzen sei, spricht schließlich vor allem der fĂŒr diese Handbuchtradition ungewöhnliche und sehr umfangreiche Teil IV „Briefe“, mit 17 BeitrĂ€gen. Berghahn muss trotz der FĂŒlle dennoch ausdrĂŒcklich betonen, dass „eine strenge Auswahl [
] notwendig“ war, um „auch die Ergebnisse der gegenwĂ€rtig ausgesprochen lebendigen Brief- und Schreibforschung“ zu beachten (die er einleitend zu „IV.“ knapp vorstellt). Berghahn erhebt innovativen Anspruch vor allem fĂŒr diesen Teil IV seines Handbuchs, denn er sei „originĂ€r in seinem Anspruch, Humboldts Briefe nicht nur als Dokumente, sondern als Brief-Werk, also als konstitutives Element seines ƒuvres zu behandeln“. Das bedeutet sogar, wie er diese These „pointiert“ zuspitzt, „dass – angesichts des fragmentarischen Charakters der meisten seiner Schriften – die großen und programmatischen Briefe an Georg Forster, Caroline [von Humboldt], Schiller, Goethe, Friedrich August Wolf, David FriedlĂ€nder, Germaine de StaĂ«l und viele andere den „eigentlichen“ Schriften Humboldts im Hinblick auf PrĂ€zision und Fokussierung ĂŒberlegen sind“ (viii). In Teil IV wird die Korrespondenz mit den hier angesprochenen und weiteren Zeitgenossen, z.B. A.W. Schlegel oder Nicolovius, detailliert behandelt. Die starke These, dass die Briefe den Texten „im Hinblick auf PrĂ€zision und Fokussierung ĂŒberlegen sind“, wird dabei zwar z.T. erhĂ€rtet, die weitere Humboldt-Forschung muss sie jetzt weiter prĂŒfen; bildungshistorisch und -theoretisch z.B. wurden Briefe ja von Spranger bis Benner schon viel genutzt [4]. Teil V „Kontexte“ vervollstĂ€ndigt diese umfassende Situierung von Leben und Werk. Als relevante Umwelten Humboldts werden der Deutsche Idealismus, seine jĂŒdischen Freundschaften sowie UniversitĂ€t und Museum in Berlin dargestellt. Über seine spezifische These hinaus soll das Handbuch nicht nur „die AktualitĂ€t Wilhelm von Humboldts unterstreichen“, sondern ihn als den „spannendsten, vielschichtigsten, interdisziplinĂ€rsten und vorurteilslosesten Denker in seiner Relevanz fĂŒr unsere Gegenwart erkennbar“ machen, sein „unermĂŒdliches Engagement fĂŒr Emanzipation, fĂŒr Bildungsgerechtigkeit, fĂŒr politische Partizipation, fĂŒr Toleranz, fĂŒr einen weltanschaulich neutralen Staat, gegen Zensur, gegen Rassismus, gegen Sklaverei und sein[en] Respekt vor der Vielfalt menschlicher Kulturen und Sprachen“ (vii) – und zum GlĂŒck meiden die Texte selbst eher diesen hagiographischen Ton, den der Herausgeber anschlĂ€gt. Die Autoren, von JĂŒrgen Trabant zu Sprache ĂŒber Ernst Osterkamp zur Korrespondenz mit Goethe oder Uta Lohmann ĂŒber die Berliner Haskala und Humboldts jĂŒdische Freunde immer ausgewiesene Kenner, konzentrieren sich auf ihr Thema, stellen ĂŒbersichtlich den thematischen Befund, zentrale Aspekte der Forschungslage und offene Probleme dar und eröffnen damit den Zugang zu ihrem jeweiligen Revier, wie man es von HandbĂŒchern erwarten darf.

Die fĂŒr den bildungsphilosophischen und -historischen Kontext einschlĂ€gigen Texte zeigen dabei keineswegs einen neuen oder einen bisher noch unbekannten Humboldt. Franz-Michael Konrad resĂŒmiert vor dem Hintergrund der Forschung und eigener Arbeiten souverĂ€n und ĂŒbersichtlich die „Theorie der Bildung und Bildungsreformen“. Dabei rekonstruiert er einerseits sorgfĂ€ltig den bekannten Quellenbestand, sieht auch die Interpretationsprobleme, die Humboldts der Entstehung und dem Kontext nach sehr diverse Texte aufwerfen, und nutzt fĂŒr die KlĂ€rung der dominierenden Botschaft auch den selbst ja noch kontroversen Stand der langjĂ€hrigen Diskussion und forschung – seit Spranger 1910, könnte man sagen. Dabei ist er im Konfliktfall geneigt, sich eher die konservative Lesart zu eigen zu machen, wenn er z.B. Humboldts „Stufen des Unterrichts“ etwas rasch und gegen Humboldts eigenen Sprachgebrauch mit ‚Schularten‘ gleichsetzt und ziemlich bald statt von „schulischem Unterricht“ durchgĂ€ngig vom „Gymnasium“ spricht, was keineswegs unstreitig ist – aber er markiert die Varianz der Deutungen. Dennoch sollte man parallel und fĂŒr die Philosophie auch „Humboldt und der Deutsche Idealismus“ (Dirk Westerkamp in Teil V) lesen. FĂŒr den „Formelkram des Berechtigungswesens“, an dem die „neuhumanistische Bildungsidee [
] erstickt“ sei (173), sollte Konrad sich schließlich an Humboldt selbst und dessen BegrĂŒndung von PrĂŒfungen halten, um zu sehen, welche historische ZĂ€sur mit der EinfĂŒhrung und Durchsetzung des Leistungsprinzips fĂŒr alle gesetzt wurde. Sven Haase, durch eine Studie ĂŒber ihre FrĂŒhgeschichte ausgewiesen, schreibt ĂŒber „Humboldt und die Berliner UniversitĂ€t“. Er resĂŒmiert den Stand der Forschung, wie er bis 2010 zum JubilĂ€um der UniversitĂ€t vorgelegt wurde, knapp, ohne neue Akzente. Allerdings verdient seine These Kritik, wonach Humboldt in seiner Funktion als Sektionschef „als Erfolg [
] die Reform des Schulwesens verbuchen“ konnte. Haase sieht „Reform“ wie „Erfolg“ darin, dass sich „das Schulwesen [
] zukĂŒnftig in drei aufeinander aufbauende Schularten (Elementarschule, BĂŒrgerschule und Gymnasium) gliederte“ (363) – aber das ist eine kĂŒhne These. Das mit der Systembildung des 19. Jahrhunderts sich entwickelnde soziale Klassenschulsystem und seine zwei nebeneinander bestehenden, strikt separierten Strukturen kann man weder politisch, seit dem Scheitern des (Humboldt-)SĂŒvernschen Schulgesetzentwurfes, noch bildungstheoretisch Humboldt zurechnen – schon Konrad sieht das differenzierter. Aber das gehört auch zu den VorzĂŒgen eines guten Handbuchs, dass es die Konflikte ĂŒber Texte, Lesarten und Interpretationen sichtbar macht, die ein großer Denker wie Humboldt aufwirft.

[1] Ette, O. (2021). Alexander von Humboldt-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler.
[2] Spranger, E.: Wilhelm von Humboldt und die Reform des Bildungswesens. Berlin 1910. Spranger profitierte auch von den Editionen bis dato unbekannter Schriften Humboldts, die B. Gebhardt Ende des 19. Jahrhunderts vorgelegt hatte.
[3] DafĂŒr Mattig, R. (2019). Wilhelm von Humboldt als Ethnograph. Bildungsforschung im Zeitalter der AufklĂ€rung. Beltz.
[4] Man lese Spranger 1910 oder Benner, D. (2023). Wilhelm von Humboldts Bildungstheorie. Eine problemgeschichtliche Studie zum BegrĂŒndungszusammenhang moderner Anthropologie, Gesellschaftstheorie und Bildungsreform. 4. Aufl. Beltz. Benners Analyse von „Humboldts Bildungstheorie im Lichte einer autobiographischen Notiz“ (11) lebt stark von nachgelassenen Schriften.
Heinz-Elmar Tenorth (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Heinz-Elmar Tenorth: Rezension von: Berghahn, Cord-Friedrich: Wilhelm von Humboldt, Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler 2022. In: EWR 22 (2023), Nr. 2 (Veröffentlicht am 18.04.2023), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978347602637.html