EWR 20 (2021), Nr. 2 (März/April)

Ulrich Schwerdt
Kinder mit Behinderungen in der Volksschule des 19. und 20. Jahrhunderts
Historische Modelle der Integration und ihre zeitgenössische Diskussion
Studien zur Bildungsreform – Neue Folge 1
Berlin: Peter Lang 2019
(288 S.; ISBN 978-3-631-79648-1; 51,00 EUR)
Kinder mit Behinderungen in der Volksschule des 19. und 20. Jahrhunderts In den letzten Jahrzehnten wurde der Frage des gemeinsamen Lernens von Kindern mit und ohne Behinderung in der Schule große Aufmerksamkeit geschenkt, mit der oft impliziten Vorannahme, dass dies ein neues Phänomen sei. Ulrich Schwerdts Buch widmet sich den Vorgängern dieser aktuellen Diskussionen. Im Gegensatz zur traditionellen sonder- bzw. heilpädagogischen Geschichtsschreibung, welche die Geschichte typischerweise aus einer bestimmten Behinderungsperspektive darstellt, steht in seiner Studie die Frage im Vordergrund, wie in der Vergangenheit das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung in der Regelschule begründet, organisiert und umgesetzt wurde. Dabei fokussiert er auf die jeweils vorherrschenden normativen Diskurse, die institutionellen Rahmenbedingungen sowie die pädagogischen und didaktischen Leitideen. Einen zweiten Schwerpunkt legt er auf die Rekonstruktion der historischen Debatten zu den verschiedenen Versuchen, bei denen er die Rolle unterschiedlicher Akteursgruppen und deren Argumente analysiert.

Untersucht werden Entwicklungen in Deutschland zwischen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Weimarer Republik. Dabei unterscheidet der Autor drei Epochen. Erstens die unter dem Titel der Verallgemeinerungsbewegung zusammengefassten Versuche der Integration gehörloser Kinder in die Volksschule zu Beginn des untersuchten Zeitraums. Zweitens das Mannheimer Schulsystem, das nach 1850 durch die Errichtung von Hilfsschulen die Differenzierung des Schulsystems vorantrieb. Und drittens die als Alternativen zur Hilfsschule konzipierten reformpädagogischen Gemeinschaftsschulen während der Zeit der Weimarer Republik. In den jeweiligen Kapiteln gibt der Autor einen Überblick über den Forschungsstand und zeichnet differenziert die wichtigsten Entwicklungen und Diskurse nach.

Dabei referiert er die zum Teil ausführliche Sekundärliteratur, ergänzt diese aber in jedem Kapitel mit zeitgenössischen Publikationen von exemplarisch ausgewählten Autoren oder Institutionen. Hervorzuheben ist der vielseitige Ansatz, bei dem pädagogische Diskurse im jeweiligen bildungs- und sozialpolitischen Kontext situiert werden. Der Autor vermag so die Entwicklungen in einer der Fragestellung angemessenen Komplexität aufzuzeigen und die Positionen und Implikationen für die verschiedenen Protagonisten darzustellen.

In seiner Analyse der Verallgemeinerungsbewegung zeigt er die zum Teil widersprüchlichen Entwicklungen jener Zeit auf. In der Anerkennung des Bildungsanspruchs gehörloser Kinder waren sich die Vertreter der Verallgemeinerungsbewegung einig, bei der Frage der dafür richtigen Organisationsform gingen die Meinungen weit auseinander. Die anvisierte gemeinsame Beschulung in der Volksschule scheiterte, mit der Etablierung separater Institutionen und der parallel damit einhergehenden Entwicklung der Profession der Taubstummenlehrer setzten sich die Vertreter einer separativen Beschulung durch. Einen Schwerpunkt legt der Autor auf die Rekonstruktion der Kontroversen um die Positionen von zwei Protagonisten der Verallgemeinerungsbewegung, Heinrich Stephani und Johann Baptist Graser, welche die Beschulung gehörloser Kinder im Kontext von Schulreformen und verbesserter Lehrerbildung betrachteten. Auch wenn sich ihre Positionen nicht durchsetzen konnten, sind diese Diskussionen für den heutigen Inklusionsdiskurs stellenweise von bemerkenswerter Aktualität.

Im Kapitel über das Mannheimer Schulsystem, das er von der Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Zeit des Ersten Weltkriegs nachzeichnet, fokussiert er auf die Sickinger-Debatte im frühen 20. Jahrhundert, bei der es um die Frage ging ob Kinder mit Lernbeeinträchtigungen besser in der Volks- oder Hilfsschule gefördert werden konnten. Er zeigt dabei auf, wie die verschiedenen Interessensgruppen der Volksschul- und der Hilfsschullehrer wie auch der experimentellen Pädagogik die von Sickinger formulierte Kritik am Schulsystem für ihre Interessen zu nutzen wussten. So teilten beispielsweise die Hilfsschullehrer Sickingers Kritik und unterstützten die Idee der äusseren Differenzierung. Gleichzeitig bemühten sie sich um eine klare Abgrenzung zwischen «schwachsinnig» und «schwachbegab», um ihre Klientel nicht zu verlieren.

In einem weiteren Kapitel untersucht er ausgewählte Gemeinschaftsschulkonzepte während der Weimarer Republik. Dabei stellt er bedeutende Schulversuche (Hamburger Gemeinschaftsschule Berliner Tor, die Jena-Plan-Schule Peter Petersens sowie die individualpsychologische Versuchsschule in Wien und ähnliche Schulversuche in Deutschland) dar. Abschließend analysiert der Autor die Diskussionen um die reformpädagogischen Gemeinschaftsschulmodelle während der Weimarer Republik aus Sicht der verschiedenen Interessengruppen (akademische Pädagogik, Volksschul- und Hilfsschullehrerschaft).

Dem Autor ist zuzustimmen, wenn er abschließend festhält, dass in den geschilderten Schulen «schwerlich Vorbilder zu entdecken sind, denen heutige Schulen auf ihrem Weg in die Inklusion nacheifern können» (225). Die im Fazit gezogenen Schlüsse sind für die Reflexion des gegenwärtigen Diskurses durchaus von Bedeutung. So deckt die Studie auf, wie früh und treffend Spannungsverhältnisse im Kontext der schulischen Inklusion erkannt und Lösungen propagiert wurden, die auch heute noch als relevant diskutiert werden. Zudem wird deutlich sichtbar, wie jenseits pädagogischer Diskurse die Frage der gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung von Beginn an stark von professionspolitischen Interessen geprägt war. Letztlich verortet er aber das Scheitern der historischen Integrationsversuche in deren strukturellem Widerspruch zur Entwicklungslogik des sich im Verlauf des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ausdifferenzierenden Schulsystems.

Die umfassend recherchierte und gut lesbare Studie schließt eine Lücke im bildungshistorischen Diskurs, indem sie bekannte Entwicklungen durch detaillierte Quellenanalyse und unter Einbezug einer Vielzahl von Faktoren besser verständlich macht. Das Buch eignet sich sowohl, um sich einen Überblick über die frühe Zeit der schulischen Integration/Inklusion in Deutschland zu verschaffen als auch um einen vertieften Einblick in die jeweiligen pädagogischen Diskurse zu gewinnen. Die ausführlich zitierte Literatur wird es weiteren Forscher:innen erleichtern, sich mit dieser frühen Phase der schulischen Integration/Inklusion auseinanderzusetzen. Dem Autor gelingt es, sich diesem häufig stark normativ besetzten Diskurs auf sachlich-würdigende Weise zu nähern und dadurch immer wieder auch die Aktualität vergangener Diskurse für die gegenwärtige Debatte aufzuzeigen.
Carlo Wolfisberg (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Carlo Wolfisberg: Rezension von: Schwerdt, Ulrich: Kinder mit Behinderungen in der Volksschule des 19. und 20. Jahrhunderts, Historische Modelle der Integration und ihre zeitgenössische Diskussion Studien zur Bildungsreform – Neue Folge 1. Berlin: Peter Lang 2019. In: EWR 20 (2021), Nr. 2 (Veröffentlicht am 28.04.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978363179648.html