EWR 22 (2023), Nr. 4 (Oktober)

Sammelrezension

Gert Geißler
Schulgeschichte in Deutschland
3., erneut aktualisierte und erweiterte Auflage
Teilband I: Von den AnfÀngen bis 1939
Lausanne: Peter Lang Group 2023
(754 S.; ISBN 978-3-631-90156-4; 59,95 EUR)
Gert Geißler
Schulgeschichte in Deutschland
Teilband II: Von 1939 bis 2021
Lausanne: Peter Lang Group 2023
(746 S.; ISBN 978-3-631-90157-1; 59,95 EUR)
Die Berliner „Bibliothek fĂŒr bildungsgeschichtliche Forschung (BBF)“ bietet mit etwa 770.000 Medieneinheiten als wohl grĂ¶ĂŸte bildungsgeschichtliche Bibliothek in Deutschland nicht nur zahlreiche attraktive Möglichkeiten – ausdrĂŒcklich auch fĂŒr den wissenschaftlichen Nachwuchs – zur UnterstĂŒtzung bildungshistorischer Forschungen, sondern betreibt als eine von fĂŒnf Abteilungen des in Frankfurt am Main und in Berlin angesiedelten „DIPF I Leibniz Institut(s) fĂŒr Bildungsforschung und Bildungsinformation“ mit ihrem wissenschaftlichen und bibliothekarischen Personal auch selbst intensiv eigene historische Forschung und fördert zudem – jĂŒngst zunehmend – die Entwicklung von Forschungsinfrastrukturen. Geißlers im Forschungsfeld „PĂ€dagogisches Wissen – Institutionen, Praktiken und Akteure“ der BBF angesiedelte „Schulgeschichte in Deutschland“ ist aus seinen langjĂ€hrigen Arbeiten als wissenschaftlicher Mitarbeiter der BBF und zugleich Professor an der Abteilung fĂŒr Historische Erziehungswissenschaft der Humboldt UniversitĂ€t zu Berlin hervorgegangen. Weitere Projekte des Forschungsfeldes der BBF widmen sich wissenschaftsgeschichtlich der „Problemgeschichte von Bildungsungleichheit“ oder auch der „PĂ€dagogische(n) Beobachtung – zur historischen Etablierung einer Reflexionskategorie pĂ€dagogischer Praxis“.

Geißler, dessen akademische Karriere noch in die Schlussphase der DDR fiel, darf als einer der besten Kenner:innen der Schulgeschichte der DDR gelten, ausgewiesen v.a. durch Standardwerke ĂŒber Schule und Erziehung in der SBZ und DDR. Mit der vorliegenden Darstellung geht er weit ĂŒber den zeitgeschichtlichen Horizont der Nachkriegszeit hinaus und wendet sich der Schulgeschichte von ihren AnfĂ€ngen im Mittelalter (13 – 48) bis zu den „BildungsverhĂ€ltnissen im 21. Jahrhundert“ (1242 - 1289) zu. Nachdem die erste, 2011 erschienene einbĂ€ndige Auflage bereits 2014 aktualisiert und leicht erweitert worden war, liegt nach fast zehnjĂ€hriger Projektlaufzeit eine durch fortlaufende Einarbeitung neuerer Literatur erneut aktualisierte und um das knapp siebzigseitige Schlusskapitel zu den „Herausforderungen und Entwicklungen im vereinten Deutschland“ (1221-1289) erweiterte, nunmehr zweibĂ€ndige dritte Auflage im Umfang von 1.500 Seiten vor.

Bereits ein erster Blick in die beiden voluminösen BĂ€nde zeugt durch die beeindruckende FĂŒlle verarbeiteter Quellen von den Forschungspotenzialen der BestĂ€nde der BBF, in diesem Fall besonders zur deutschen Schulgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Ohne ihren enormen Reichtum an regionalen, lokalen und einzelschulischen zeitgenössischen Darstellungen sowie einer Vielzahl historischer Periodika und ohne die Bereitschaft zu stupender Quellenarbeit wĂ€re die „Schulgeschichte in Deutschland“ in der vorliegenden Breite wie auch in ihrer immer wieder erhellenden Detailliertheit nicht möglich gewesen.

Der erste bis 1939 reichende Teilband setzt ein mit der „Ablösung der spĂ€tantiken Kulturwelt und Schule im Mittelalter“ (13 - 48) und den seit dem 16. und 17. Jahrhundert in den frĂŒhneuzeitlichen Territorialstaaten gegrĂŒndeten ersten Schulen, schon hier fokussiert auf die „Stadt als Bildungszentrum“ (72 - 80) und fortan treibende Kraft der Schulentwicklung. „BrĂŒche in der StĂ€ndeordnung“ (81 - 124) markieren sodann den politischen und gesellschaftlichen Umbruch des ausgehenden 18. und frĂŒhen 19. Jahrhunderts mit seinen starken Reformimpulsen fĂŒr das höhere wie auch fĂŒr das mehr und mehr an Bedeutung gewinnende niedere Schulwesen, gefolgt von einer langen Periode des konservativen staatsgetriebenen Schulausbaus bis zur ReichsgrĂŒndung 1871.

Erst hier, auch damit konform mit dem schulhistorischen Forschungsstand, kommt es zu der finalen, historisch weit in das 20. Jahrhundert ausstrahlenden „Institutionellen Ordnung“ (262 - 344) des gegliederten deutschen Schulwesens, die nun alle Elemente des Systems umfasst und in Beziehung zueinander setzt, von den „‘Hilfsschulen‘“ (298 - 302) ĂŒber die sich ausdifferenzierenden niederen und mittleren Schulen bis hin zur hochkomplizierten, schichtspezifisch kanalisierenden Binnenstruktur des höheren („Knaben“-)Schulwesens (315 - 332) mit den prestigereichen altsprachlichen Gymnasien fĂŒr das BildungsbĂŒrgertum an seiner Spitze. Dass die Nutzung des um die Jahrhundertwende komplettierten „sozialen Klassenschulsystems“ [1] durch die „Lebenslagen“ beispielsweise der Arbeiterjugend am anderen Ende der sozialen Hierarchie systematisch begrenzt und die „Bildungsbeteiligung“ (369 - 419) entsprechend elitĂ€r profiliert war, verweist auf die selektiven und dadurch sozial reproduktiven Funktionen des im internationalen Vergleich in Deutschland bereits um 1900 weit ausgebauten Schul- und vor allem auch Hochschulsystems. Zeigten sich schon in der Schulpolitik im Kaiserreich etwa mit der Reform des MĂ€dchenschulwesens in Preußen (393 - 407) und der Zulassung von Frauen zum UniversitĂ€tsstudium zögerliche Modernisierungstendenzen, kamen in der Weimarer Republik schulpolitische Reformprogramme der Sozialdemokratie und der Lehrerschaft aus der Vorkriegszeit auf breiter Front zur Geltung.

Angesichts aber der noch vor dem Ersten Weltkrieg fest etablierten und hernach ohne Einbuße ihrer sozial höchst selektiven Funktionen flexibel an politische Systemwechsel anpassbaren Strukturen des „höheren Schulwesens“ ist es wenig verwunderlich, dass sich die „Einheitsschule“ nicht durchzusetzen vermochte und Geißler insoweit neben den „Reformen“ (u.a. Mitbestimmungsrechte in der Schule [548-564]) auch die institutionellen „KontinuitĂ€ten in der Weimarer Republik“ (459 - 640) hervorhebt, bevor der historische Bruch der „Schule unter nationalsozialistischer Herrschaft“ (641 - 749) den ersten Teilband abschließt. Hier geht es dann nicht nur generell um die „Schulerziehung“ im NS, sondern ebenso um Sonderformen wie die „NS-Internatsschule“ (725 -729) und um Folgen fĂŒr das jĂŒdische Schulwesen (740 - 749).

Beginnend mit der Lage der „Schule im Krieg“ (751 - 810) wird im zweiten Teilband die Schulgeschichte bis in die unmittelbare Gegenwart der Schulschließungen wĂ€hrend der Pandemie (1285f.) abgehandelt. Die Schwerpunkte liegen zunĂ€chst auf der schrittweisen und durch interessante Umwege und Differenzen geprĂ€gten Reorganisation des Schulwesens in den Westzonen bzw. der Sowjetischen Zone bis 1949 (811 - 918) und auf der Konsolidierungsphase in beiden deutschen Staaten in den 1950er Jahren (919 - 1058). Bundesrepublik und DDR folgten dann seit den 1960er Jahren im Rahmen ihrer je spezifischen Entwicklungspfade Modernisierungsstrategien, die in beiden Systemen bald an Grenzen stießen und in der Bundesrepublik bekanntlich nicht den flĂ€chendeckenden Durchbruch eines horizontal gestuften (Gesamtschul-)Systems erreichten (1054 - 1220). In der DDR habe die „Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule (POS)“ mit einer Abschlussquote von 85% des Einschulungsjahrgangs schlussendlich „trotz ihrer SchwĂ€chen in der Individualisierung des Unterrichts und unausgeschöpfter Möglichkeiten pĂ€dagogischer Förderung ihre LeistungsfĂ€higkeit in den Bereichen formaler Bildung“ (1214) gezeigt, ohne jedoch die beabsichtigten politisch-ideologischen Effekte als allgemeine Akzeptanz des Gesellschaftsmodells der DDR in den nachwachsenden Generationen zu erreichen. Geht das abschließende neue Kapitel zu den „Herausforderungen und Entwicklungen im vereinten Deutschland“ zunĂ€chst detailliert auf die Transformationsprozesse nach der „Wendezeit“ ein (Unterschiede zwischen den neuen LĂ€ndern, Personal, „Befindlichkeiten“ 1235f.) und umreißt unter Stichworten wie „systemische und institutionelle Deregulierung“ (1253 - 1255) aktuelle Tendenzen der Schulentwicklung, geben fĂŒr Geißler die ernĂŒchternden Befunde der Schulleistungsvergleiche nach 2000 „bei ruhiger Betrachtung keinen Anlass fĂŒr ökonomische und kulturelle Untergangsphantasien. Nicht unbedingt ist die Schule eng mit der ökonomischen LeistungsfĂ€higkeit von Staaten, Nationen oder Gesellschaften verbunden, eher schon mit Kultur- und Gedankenwelten.“ (1288) Dem wĂŒrden Bildungsökonomen, die zuletzt die Effekte von Schulschließungen in der Pandemie fĂŒr individuelle Einkommen und die Volkswirtschaft als Ganze wiederholt dramatisiert haben, unterstĂŒtzt von der empirischen Bildungsforschung, sicher vehement widersprechen.

Das an „alle, denen Geschichtsbewusstsein eine Dimension ihrer Existenz ist“, adressierte Werk versteht sich als „Überblicksdarstellung“ (7f.), die diesem Anspruch in ihrem klaren Ă€ußeren Aufbau und der sprachlich auch bei komplexen Sachverhalten stets gut nachvollziehbaren (und mit hunderten historischen Fotos dicht illustrierten) Darstellung voll gerecht wird. 130 Seiten Literaturverzeichnis bieten vielfĂ€ltige Möglichkeiten der Vertiefung in die reiche SekundĂ€rliteratur zur modernen Schulgeschichte, Orts- und Sachregister erleichtern ebenso wie die zahlreichen Marginalien am Seitenrand die Orientierung. So eignet sich Geißlers Schulgeschichte ganz hervorragend als EinfĂŒhrungs- bzw. BegleitlektĂŒre fĂŒr bildungsgeschichtliche Lehrveranstaltungen und kann problemlos auch nur kapitelweise genutzt werden.

Die „Schulgeschichte in Deutschland“ unterscheidet sich von ihren prominenten sozialgeschichtlichen VorgĂ€ngern durch den ausdrĂŒcklichen Fokus auf „Einzelschulen (
) in der Vielfalt ihrer VerhĂ€ltnisse“ (7). DemgegenĂŒber stehen in der mehrfach aufgelegten „Deutschen Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart“ von Hans-Georg Herrlitz et al. [2] ebenso wie in der „Sozialgeschichte der deutschen Schule im Überblick“ von Peter Lundgreen [3] die Schulsystemgeschichte im Sinne der historischen Entwicklung des VerhĂ€ltnisses zwischen den verschiedenen Sektoren des Schulwesens (Volksschulen, mittlere, höhere Schulen, MĂ€dchenschulen etc.) und langfristige Entwicklungstrends im Vordergrund.

Zeigt Geißler, befördert durch das umfangreiche und stets prĂ€zise kommentierte Bildmaterial, die konkrete Einbettung der Schule in und damit zwangslĂ€ufig zugleich ihre AbhĂ€ngigkeit von den sozialen, politischen und kulturellen VerhĂ€ltnissen der jeweiligen Zeit, werden perspektivenbedingt vorrangig die Sozialisations- und Qualifikationsfunktion der Schule und ihre sozio-kulturellen Milieus illustriert.

In Form ihres in Deutschland auf bestimmte Weise gegliederten GefĂŒges ist die Schule aber weit mehr als eine Instanz unmittelbarer Sozialisation und Qualifikation in je konkreten Einzelschulen. Historisch zeichnet sich das deutsche Schulsystem dadurch aus, dass vom 19. Jahrhundert an schulische Qualifikationen durch SchulabschlĂŒsse und -zertifikate mit staatlich normierten Berechtigungen eng verzahnt worden sind, die exklusiv zum Zugang zu mittleren und höheren Berufspositionen im öffentlichen Dienst, spĂ€ter auch der Privatwirtschaft, bzw. zum UniversitĂ€tsstudium berechtigten. Über Sozialisationsprozesse hinaus war und ist die Schule vor allem durch ihre Position im Schulsystem insoweit ein Ort, der Berufsposition, Einkommen und LebensqualitĂ€t ĂŒber die gesamte Erwerbsspanne hinweg nachhaltig beeinflusst. Aus den damit angesprochenen allokativen Funktionen der Schule heraus erklĂ€rt sich zu großen Teilen die von ihrer allgemeinen AbhĂ€ngigkeit von Geschichte und Gesellschaft relativ unabhĂ€ngige „Eigendynamik“ des Bildungssystems und die daraus erwachsende Bildungsexpansion seit dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, wie sie sich in kontinuierlich steigenden Bildungsaspirationen bzw. ÜbergĂ€ngen in attraktive, formal höher qualifizierende BildungsgĂ€nge darstellt.

Anders als bei einer allgemeinen Einbettung der Schule in ihre Zeit und ihre jeweiligen Milieus wird auf diese Weise eine aus dem Schulsystem selbst heraus erwachsende Dynamik ersichtlich, die der historischen Determiniertheit der Schule, immer wieder auch bildungspolitischen Strategien der Bildungsbegrenzung, entgegensteht. Geißler, der die sozialgeschichtliche Literatur natĂŒrlich kennt, blendet Expansion und Eigendynamik des Schulsystems als zentrale historische Treiber der Schulentwicklung zwar nicht vollstĂ€ndig aus, bleibt aber durch den Einzelschulfokus systematisch hinter der sozialgeschichtlichen Forschung und deren trendbezogenen Thesen der sĂ€kularen „Verschulung“ von (auch beruflichen) Qualifikationsprozessen [4], der langfristigen Zyklen der Bildungsbeteiligung [5] sowie jĂŒngst beispielsweise zu den historischen Wechselwirkungen zwischen Demographie und Schulentwicklung [6] zurĂŒck. So treten hinter der großen NĂ€he der zahllosen prĂ€sentierten Quellen und Illustrationen historische Trends und damit AnschlĂŒsse bildungshistorischer Forschung an Gegenwartsprobleme des Bildungssystems und die auf sie bezogene Bildungsforschung in den Hintergrund.

[1] MĂŒller, D.K. (1977). Sozialstruktur und Schulsystem. Aspekte zum Strukturwandel des Schulwesens im 19. Jahrhundert (S. 287–297). Vandenhoeck & Ruprecht.
[2] Herrlitz, H.-G., Hopf, W., Hartmut Titze, H., Cloer, E. (2008). Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. Eine EinfĂŒhrung (5.ĂŒberarbeitete Aufl.) Juventa.
[3] Lundgreen, P. (1980/1981). Sozialgeschichte der deutschen Schule im Überblick. 2 Bde. Teil I: 1770-1918. Teil II: 1918-1980. Vandenhoeck & Ruprecht.
[4] Lundgreen, P. (2000). Schule im 20. Jahrhundert. Institutionelle Differenzierung und expansive Bildungsbeteiligung. In: Benner, D., Tenorth, H.-E. (Hrsg.). Bildungsprozesse und ErziehungsverhĂ€ltnisse im 20. Jahrhundert. (Zeitschrift fĂŒr PĂ€dagogik, 42. Beiheft.) (S. 140–165). Juventa.
[5] Titze, H. (1990). Der Akademikerzyklus. Historische Untersuchungen ĂŒber die Wiederkehr von ÜberfĂŒllung und Mangel in akademischen Karrieren. Vandenhoeck & Ruprecht.
[6] Zymek, B. (2022). Demografie, Schulentwicklung, Schulreform. Was wir dazu aus der deutschen Bildungsgeschichte wissen können. Die Deutsche Schule 114, S. 135–148.
Peter Drewek (Karlsruhe)
Zur Zitierweise der Rezension:
Peter Drewek: Rezension von: Geißler, Gert: Schulgeschichte in Deutschland, 3., erneut aktualisierte und erweiterte Auflage Teilband I: Von den AnfĂ€ngen bis 1939. Lausanne: Peter Lang Group 2021. In: EWR 22 (2023), Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.10.2023), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978363190156.html