EWR 9 (2010), Nr. 4 (Juli/August)

Anne Wihstutz
Verantwortung und Anerkennung
Qualitative Studie zur Bedeutung von Arbeit f√ľr Kinder
Berlin: Lit Verlag 2009
(240 S.; ISBN 978-3-6431-0129-7; 24,90 EUR)
Verantwortung und Anerkennung Mit dem Titel ‚ÄěVerantwortung und Anerkennung‚Äú legt Anne Wihstutz als √ľberarbeitete Fassung ihrer Dissertation eine qualitative Studie zur Bedeutung von Arbeit f√ľr Kinder vor, die im Rahmen des von der DFG gef√∂rderten Projekts ‚ÄěDie Bedeutung von Arbeit f√ľr Kinder unter besonderer Ber√ľcksichtigung der gesellschaftlichen Partizipation und ihres Kompetenzerwerbs‚Äú an der TU Berlin (2002-2004) erarbeitet wurde. Die Autorin hat Teilergebnisse dieser Gesamtuntersuchung f√ľr die Dissertationsschrift verwendet und f√ľr die vorliegende Ver√∂ffentlichung mit neuen Forschungsergebnissen unterlegt.

Anne Wihstutz erforscht mithilfe der vorliegenden Studie die Alltagserfahrungen von in Deutschland lebenden Kindern und untersucht die subjektiven Bedeutungen von Arbeit f√ľr Kinder. Die Besonderheit ihrer Herangehensweise liegt darin, dass hierbei die Erfahrungen und Sichtweisen der Kinder aufgenommen werden, indem sie Kinder zu Subjekten von Wissenschaft macht, w√§hrend in der Fachliteratur vorwiegend √ľber die Arbeit von Kindern berichtet wird und Kinder dabei lediglich als zu beforschende Objekte betrachtet werden. Wihstutz verfolgt die Frage nach m√∂glichen Auswirkungen der Arbeitst√§tigkeiten von Kindern auf ihre individuelle Handlungsf√§higkeit im Sinne ihrer gesellschaftlichen Partizipation. Sie fragt zudem ‚Äěnach den Mechanismen, die gesellschaftlich geleistete Arbeit zu Nicht-Arbeit werden lassen und dadurch die Betroffenen in rechtlicher und materieller Abh√§ngigkeit halten‚Äú (10); Arbeit wird dabei als soziologische Schl√ľsselkategorie in heutigen (westlichen) Gesellschaften gesehen, √ľber die Status und gesellschaftliche Stellung, d. h. Macht und Herrschaftspositionen verteilt werden und gesellschaftliche Teilhabe erst erm√∂glicht wird.

Im Allgemeinen fokussieren die Diskussionen um Kinderarbeit die Einhaltung des Arbeitsschutzes und die Frage, welche Ma√ünahmen erfolgreich sind, Ausbeutung von arbeitenden Kindern einzud√§mmen bzw. ganz abzuschaffen. Die Notwendigkeit und Brisanz dieser anhaltenden Debatte zeigt sich nicht zuletzt in den bis heute andauernden Bem√ľhungen zur Umsetzung der 1989 ratifizierten UN-Kinderrechtskonvention ‚Äď worauf die Autorin auch eingeht. Wihstutz erg√§nzt ihre Ausf√ľhrungen mit einem √úberblick √ľber rechtliche Regelungen von Kinderarbeit im nationalen und internationalen Kontext. Dar√ľber hinaus nimmt sie in den Blick, dass Kinder Arbeiten aufnehmen, die √ľber den ausbeuterischen Charakter des klassischen √∂konomischen Arbeitsbegriffes hinausgehen. In Deutschland nehmen Kinder Arbeiten nicht auf, um ein existenzsicherndes Einkommen zu erwirtschaften, sondern vorrangig um sich materielle wie immaterielle W√ľnsche zu erf√ľllen. Hierbei reiche es aber nicht aus von der Erf√ľllung von Konsumw√ľnschen zu sprechen, sondern es gehe dabei auch um Motive wie soziale Anerkennung, Unterst√ľtzung f√ľr die Familie, Kompetenzentwicklung und Autonomiebestrebungen (45).

Der Band gliedert sich in acht Kapitel und wird durch einen Anhang erg√§nzt, der Einblick in den Leitfaden zur Interviewf√ľhrung mit Kindern zu ihren Arbeiten gew√§hrt und mit einer √úbersicht √ľber Alter, Geschlecht, Wohnbezirk und T√§tigkeit(en) der interviewten Kinder informiert. Die Verwendung einer ausgewogenen Mischung √§lterer und neuer Fachliteratur gibt jeder Leserin und jedem Leser die M√∂glichkeit, sich in fr√ľhere Kindheits- und Arbeitsdebatten einzulesen. Zugleich erm√∂glicht Anne Wihstutz den Blickwechsel auf neue Entwicklungen in der Kindheitsforschung.

In Kapitel 1 erl√§utert die Autorin ausgew√§hlte sozio√∂konomische Entwicklungen, die als urs√§chlich f√ľr Kinderarbeit in Deutschland angenommen werden k√∂nnen. Der Wandel der Arbeitsgesellschaft wird als eine Ursache f√ľr Ver√§nderungen im Geschlechterverh√§ltnis und in den Familienbeziehungen beschrieben. Mit dem Verfall des Ein-Verdiener-Modells und den neuen Anforderungen der modernen Erwerbsarbeit steige der Bedarf an alternativen Betreuungsangeboten f√ľr Kinder, der zudem dazu f√ľhren kann, dass Eltern zunehmend auf die Unterst√ľtzung der Kinder in der Bew√§ltigung des Alltags angewiesen sind (14). Beispielhaft w√§re hier die Betreuung j√ľngerer Geschwisterkinder durch die √§lteren oder die aktive Mithilfe im Haushalt (Abwaschen, Sauberhalten der Wohnung) zu nennen.

Weiterhin ist Kinderarbeit in Armutskontexten beobachtbar, wenn Kinder beim Empfinden von Armutslagen versuchen, Bew√§ltigungsstrategien aufzubauen, um das Erleben von Armut besser zu bew√§ltigen. Unter anderem sei Arbeit dann f√ľr Kinder eine Strategie, finanziell einen Beitrag zum Familieneinkommen zu leisten, indem sie versuchen, durch eigenes Einkommen die Haushaltskasse zu entlasten, um sich etwas leisten zu k√∂nnen, das ihnen die Eltern nicht erm√∂glichen k√∂nnen oder wollen, z. B. Markenkleidung und andere Statussymbole, Urlaubsreisen sowie die Erf√ľllung heimlicher W√ľnsche. Hinzu komme, so Wihstutz, dass f√ľr die Kinder Arbeit auch als ein Versuch zu werten sei, sich Freiheit und Unabh√§ngigkeit zu verschaffen und damit Selbstachtung und Gestaltungskompetenz zu gewinnen.

In den Kapiteln 2 und 3 greift Wihstutz die elementaren Grundbegriffe der Themenfelder ‚Äď Arbeit und Kinder / Kindheit ‚Äď auf. Sie geht auf die begriffliche und inhaltliche Ausdifferenzierung des Begriffs Arbeit ein und setzt diesen ins Verh√§ltnis zur Kindheit (Kap. 2). Mithilfe von Aussagen zum Verh√§ltnis von Erwerbsarbeit und Hausarbeit wird man auf √úberlegungen vorbereitet, dass Anerkennung als soziologischer Schl√ľssel dienen kann, √ľber den Arbeit als Arbeit bzw. als Nicht-Arbeit (an-)erkannt werden kann. Hier stellt Wihstutz die Ans√§tze der neuen sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung dar und f√ľhrt erstmals die Perspektive Manfred Liebels ein, dass arbeitende Kinder als ‚Äěsoziale Akteure‚Äú wahrzunehmen seien, die mit Hilfe ihrer T√§tigkeit zum Erhalt und zur Weiterentwicklung des menschlichen Lebens und der Gesellschaft beitragen [1].

Die Autorin thematisiert Kinder als Aktive, als Hausarbeitende und den Beitrag der Kinder an der Haushaltsökonomie. Zudem nimmt sie die Diskussion um das Geschlechterverhältnis auf und verfolgt die These, dass Arbeit zur sozialen Konstruktion von Geschlecht beitrage, ganz im Sinne des feministischen Arbeitsdiskurses. Insbesondere Haus- und Sorgearbeiten werden in die Überlegungen mit einbezogen. Die Autorin moniert, dass aufgrund des Charakters von Hausarbeit (fehlende Standards zur Messung vollzogener Hausarbeit, zeitlich fließende Übergänge zwischen Hausarbeiten und anderen Tätigkeiten) die Arbeit von Kindern im Haushalt häufig nicht als Arbeit eingeschätzt und damit der eigentliche Beitrag von Kindern zur Familienökonomie verschleiert werde.

Das dritte Kapitel gew√§hrt einen breiten Blick auf die Begriffe Kinder und Kindheit. Die Autorin positioniert die Studie zwischen einem lebensweltorientierten (kindheitssoziologischen) Ansatz und einem Generationenansatz: Kindheit wird als historisch und kulturell variable Einheit der √∂konomischen, politischen, sozialen und kulturellen Kr√§fte konzeptualisiert, die auch die Gesellschaft(en) als Ganzes charakterisieren (63). Damit erm√∂glicht sie den Blick auf Kinder als Akteure, die kompetent einen gesellschaftlichen Gestaltungsspielraum nutzen und √ľber ihr Handeln zu sozialen Ver√§nderungen beitragen. Durch die Einbeziehung des Generationsverh√§ltnisses als Einflussgr√∂√üe sch√§rft sie den Blick, dass sich Kindheit inmitten von Macht- und Interessenverh√§ltnissen zwischen den Generationen befindet. Systematisch stellt die Autorin Widerspr√ľche zwischen einem Akteursbegriff auf der einen und einem Abh√§ngigkeitsverh√§ltnis der Kinder von Erwachsenen auf der anderen Seite heraus. Es gelingt ihr eine kontrastreiche Darstellung von unterschiedlichen ‚Äď innerfamili√§ren und gesellschaftlichen ‚Äď Positionszuweisungen von Kindern.

Die theoretische und methodische Herangehensweise der Studie wird in Kapitel 4 erl√§utert. Um die subjektiven Sichtweisen der Kinder zu erheben, wurden als Erhebungsinstrumente die Gruppendiskussion und das leitfadengest√ľtzte Interview genutzt. Erhoben wurden die Daten in den Ost- und Westbezirken Berlins. Basierend auf der grounded theory, wurden 38 Interviews mit Kindern im Alter zwischen neun und 15 Jahren ausgewertet, mehrheitlich mit bildungsb√ľrgerlichem Hintergrund. Die Erl√§uterungen zur Beachtung von Besonderheiten im Vorfeld der Erhebung zeugen von der Sensibilit√§t der Forscherin in einem Forschungsfeld, das die Perspektive der Kinder zum Ausdruck bringen will.

Auf der Basis der Daten werden in Kapitel 5 vier zentrale Bedeutungen herausgearbeitet, die Arbeit f√ľr Kinder haben kann: den Familienzusammenhalt st√§rken, ein zweites Zuhause schaffen, eine Arbeit gut erf√ľllen und die M√∂glichkeit, eigenes Geld zu erwirtschaften. Es wurden T√§tigkeiten von Kindern thematisiert, die einerseits zum Gelingen des Alltags in famili√§ren Haushalten beitragen und andererseits den Neigungen und Interessenslagen der Kinder entsprechen. Die Kinder √ľbernehmen Aufgaben, unbezahlt wie bezahlt, in denen sie Sorge f√ľr sich und / oder andere tragen.

Mithilfe von Interviewpassagen werden diese Bedeutungen gut nachvollziehbar aus dem Material gewonnen und die unterschiedlichen Motive der Kinder nachgezeichnet. Die Autorin vertieft sehr facettenreich die einzelnen Bedeutungsebenen, so beispielsweise was ‚Äěeine Aufgabe gut erf√ľllen‚Äú f√ľr Kinder bedeuten kann: Eine Gruppe von Kindern engagiert sich z. B. durch auf Gemeinschaft und sozialen Zusammenhalt ausgerichtete Aktivit√§ten und fungiert ehrenamtlich als Schiedsrichter von Fu√üballspielen. Wihstutz weist nach, dass Haus- und Sorgearbeit zwar zu den Alltagserfahrungen der Kinder geh√∂ren, allerdings selbst von den Kindern nicht als Arbeit bezeichnet / erkannt wurden. Nachtr√§glich wurde darum die Haus- und Sorgearbeit als eigenst√§ndige T√§tigkeitsgruppe gefasst und in die Diskussion einbezogen.

Wihstutz abstrahiert in Kapitel 6 die Bedeutungsebenen der Kinderarbeit und arbeitet vier Gemeinsamkeiten heraus: (1) Autonomie, (2) wechselseitige Bezogenheit innerhalb von Gemeinschaften, (3) Verantwortung und (4) Macht. Einerseits sei die Arbeit von Kindern eine Sozialisationsinstanz, √ľber die sie Anerkennung und soziale Teilhabe erlangen und damit Selbstverwirklichung und menschliche Freiheit erfahren k√∂nnten. Andererseits wirke diese Arbeit aber auch als Medium von Machtaus√ľbung und sozialer Exklusion, in der Kinder Fremdbestimmung, Entfremdung und Zwang erleben k√∂nnten. Sie schlussfolgert, dass Kinder mittels ihrer Arbeit den Wunsch ausdr√ľcken zu einer Gemeinschaft zu geh√∂ren und sich dann in die Gemeinschaft einbezogen f√ľhlen, wenn sie mit der von ihnen geleisteten Arbeit als aktiv Handelnde f√ľr die Gemeinschaft durch das Gegen√ľber anerkannt werden.

Abschlie√üend diskutiert die Autorin die Ergebnisse ihrer Untersuchung (Kap. 7) und liefert in Kapitel 8 einen Ausblick auf zuk√ľnftige gesellschaftliche Entwicklungen.

Ausgehend von der Annahme, dass in unseren heutigen Gesellschaften √ľber Arbeit gesellschaftliche Teilhabe generiert wird, verfolgt die Autorin konsequent die Frage nach den Mechanismen von Machtaus√ľbung, wobei sie v. a. auf das Generations- und Geschlechterverh√§ltnis eingeht. Im Zentrum ihrer Untersuchung stehen Kinder, die arbeiten und damit aktiv an der (Re-)Produktion von Gesellschaft beteiligt sind, ihnen allerdings aufgrund ihres Status als Kind eine andere gesellschaftliche Position zugewiesen wird als Erwachsenen und ihrer Erwerbsarbeit.

Wihstutz weist aber darauf hin, dass die Zug√§nge der Kinder zu ihren Arbeitst√§tigkeiten auf der Grundlage der hierarchischen generationalen Ordnung ma√ügeblich durch die sozialen und √∂konomischen M√∂glichkeiten sowie durch die normativen Orientierungen ihrer Eltern beeinflusst sind (200). Sie fordert eine neue Sicht auf Kinder und ihre Arbeit, die deren gesellschaftlicher Bedeutung gerecht werde. Am Ende bezieht sie sich explizit auf Axel Honneths Theorie der Anerkennung, was bedauerlicherweise zu sp√§t erfolgt, um noch auf die Relevanz dieses Theorems f√ľr die Studie eingehen zu k√∂nnen.

Aus ihren Forschungsergebnissen leitet Wihstutz ab, dass arbeitende Kinder die Rolle sozialer Akteure einnehmen, die nicht (nur) ichbezogen, sondern als aktive Mitgestalter mit sozialer Verantwortung agieren. Sie untersucht damit nicht nur die √∂konomische Relevanz der Arbeit von Kindern, sondern fokussiert zudem die gesellschaftliche Einbettung und Partizipation von Kindern. Mit diesem Blick pl√§diert sie f√ľr einen erweiterten Arbeitsbegriff und fordert die geb√ľhrende Anerkennung des durch Kinderarbeit geschaffenen Mehrwertes. Damit richtet sich das Buch vorrangig an all diejenigen, die sich mit der gesellschaftlichen Situation arbeitender Kinder (vor allem wissenschaftlich) befassen und an diejenigen, die sich f√ľr die St√§rkung der Rechte von Kindern einsetzen (wollen).

Das Anliegen der Autorin begeistert bei der Lekt√ľre und motiviert in eine Diskussion √ľber Partizipation einzutreten, denn ‚Äě√ľber die Anerkennung ihrer Arbeitsleistung f√ľr die Gemeinschaft m√ľssten Kinder Anspr√ľche ableiten k√∂nnen, mehr bzw. gleichberechtigt an gesellschaftlichen Prozessen beteiligt zu werden und Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen zu erhalten‚Äú (210).

[1] Liebel, Manfred (2001): Kindheit und Arbeit. Wege zum besseren Verständnis arbeitender Kinder in verschiedenen Kulturen und Kontinenten. Frankfurt am Main und London: IKO Verlag
Bianca Thiel (Halle)
Zur Zitierweise der Rezension:
Bianca Thiel: Rezension von: Wihstutz, Anne: Verantwortung und Anerkennung, Qualitative Studie zur Bedeutung von Arbeit f√ľr Kinder. Berlin: Lit Verlag 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 4 (Veröffentlicht am 10.08.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978364310129.html