EWR 17 (2018), Nr. 5 (September/Oktober)

Anja Gibson
Klassenziel Verantwortungselite
Eine Studie zu exklusiven, deutschen Internatsgymnasien und ihrer Sch√ľlerschaft
Wiesbaden: Springer VS 2017
(471 S.; ISBN 978-3-658-17476-7; 59,99 EUR)
Klassenziel Verantwortungselite Anja Gibson setzt sich in ihrer Dissertation mit der Konstruktion von Exzellenz und Elite am Beispiel von zwei Internatsgymnasien in Deutschland, einem traditionsreichen, reformp√§dagogischen, privaten Internat sowie einem j√ľngeren, staatlichen Internat, auseinander. Sie folgt mit der Arbeit der Annahme, dass Internatsgymnasien in Deutschland zu den wenigen Einrichtungen exklusiver und elit√§rer Bildung gez√§hlt werden k√∂nnen. Charakteristisch f√ľr diese sind, so Gibson, Selektions- und Separierungsmechanismen, die sich in der Konstitution von Internaten im Besonderen zeigen, beispielsweise durch die Aus- und Anwahl einer besonderen Klientel.

Mit ihrer Dissertation m√∂chte Gibson verschiedenen Fragestellungen nachgehen. So stellt sie einerseits die Frage nach Bildungs- und Exzellenzentw√ľrfen der Internate und der Gestaltung von ‚ÄěPraktiken distinktiver Besonderung und Koh√§renzherstellung‚Äú (19) im Unterricht. Andererseits untersucht sie, welche biografischen Orientierungen Jugendliche im Internat aufweisen und ob sich hierin auch distinktive Besonderheiten abbilden. In der Verbindung der verschiedenen Zug√§nge steht schlie√ülich die Frage nach Passungsverh√§ltnissen der Bildungs- und Exzellenzentw√ľrfe der Internate mit dem Habitus der jeweiligen Jugendlichen. Insgesamt thematisiert sie so (Elite-)Bildungsentw√ľrfe und -Praktiken sowie Habitusformationen der Jugendlichen im Internat. Hervorzuheben ist hier bereits die Auswahl ihres Samples, da die Autorin nicht von au√üen alle Internate als Einrichtungen der Exzellenz oder Elite definiert, sondern solche Internate ausw√§hlt, die sich selbst in Leitbildern u.√§. als solche bezeichnen.

In ihrer theoretischen Auseinandersetzung (Kap. 2) nimmt die Autorin auf drei Fachdiskurse Bezug. Die Elite- und Exzellenztheorien nutzt sie als Hintergrundfolie f√ľr die sp√§tere Analyse der Selbstzuschreibungen der Internate. Elite und Exzellenz werden daher vor allem in die Betrachtung von schulinternen Selektionsstrukturen und -mechanismen sowie die Organisation von Schule und Unterrichtsalltag einbezogen. Habitus- und Feldtheorien (u.a. in Anlehnung an Bourdieu) nutzt sie zur Beschreibung und Analyse des Passungsverh√§ltnisses sowie der Transformationen vom famili√§r entwickelten Habitus und dem sekund√§rem, durch Schul- und Internatsbesuch vermittelten Habitus. Dabei folgt Gibson in ihrer Analyse einem aus der Schulkulturtheorie und Biografieforschung abgeleitetem individuellen Habitusverst√§ndnis (u.a. in Anlehnung an Helsper), so dass sie als dritten Theoriebezug die Schulkulturtheorie vorstellt.

In der Bilanz von Forschungsergebnissen (Kap. 3) zu ihrem Themenfeld der exklusiven Bildungsorte stellt Gibson einerseits deutschsprachige und internationale Studien vor, in denen es um Konstruktion und Prozesse der Elitebildung und -reproduktion geht (3.1) und richtet andererseits einen spezifischen Blick auf Internatsschulen und deren Schulkulturen (3.2) sowie Biografien von Jugendlichen in exklusiven Schulen (3.3). Vergleicht man die vorgestellten Studien mit dem Design und dem Anliegen von Gibson (Kap. 4), wird deutlich, dass sie mit ihrem Studiendesign eine f√ľr dieses Feld neue Multiperspektivit√§t anlegt, die a) sehr anschlussf√§hig an bisherige Studien ist und b) neue und vernetzte Erkenntnisse erm√∂glichen kann.

So generiert Gibson ihre Ergebnisse aus vielf√§ltigem Material, dass sie aus biografisch-narrativen Interviews mit Jugendlichen, leitfadengest√ľtzte Experteninterviews mit Schulleitungen, teilnehmenden Beobachtungen und Analysen von Schuldokumenten gewonnen hat (Kap. 4). Diese verschiedenen Materialien wertet sie in Anlehnung an die dokumentarische Methode aus, verzichtet allerdings auf die soziogenetische Typenbildung, die aber auch aufgrund der geringen Anzahl konkret analysierter F√§lle, als wenig zielf√ľhrend erschienen w√§re. Stattdessen folgt sie kontinuierlich der Logik von Mehrebenenvergleichen als Methode der qualitativen Mehrebenenanalyse. So ist es der Autorin m√∂glich, nicht nur die institutionelle, interaktionale oder biografische Dimension, sondern deren Zusammenhang zu analysieren.

Im Ergebnis arbeitet Gibson ‚Äď zun√§chst die einzelnen Analyseebenen getrennt (Kap. 5 und 6) und schlie√ülich im Vergleich der Jugendlichen und der Internate (Kap. 7) ‚Äď heraus, dass beide Internate als Orte der Elitebildung entworfen werden, wobei sich im privaten Internatsgymnasium eine starke Orientierung an schulischen Traditionen zeigt, in der Elite reproduziert werden soll und damit eine spezifische Gruppe Jugendlicher aus ‚Äěgro√ü- und bildungsb√ľrgerlichem Milieu‚Äú (340) adressiert wird. Im staatlichen Internat soll Elite erst √ľber eine spezifische Ausrichtung bzw. Begabtenf√∂rderung, vor allem in ‚Äěaufstiegsorientierten‚Äú Milieus, produziert werden. Darin spiegeln sich letztlich die unterschiedlichen Adressat/innengruppen der Internate wieder, so dass ein Besuch der Internate erst durch spezifische Selektions- bzw. Auswahlverfahren m√∂glich wird. Auch wenn die befragten Internatsvertreter/innen teils vorsichtig mit der Exzellenz- und Elitesemantik umgehen, rekonstruiert Gibson hinter diesen Mechanismen im privaten Internat Vorstellungen von einer F√ľhrungselite, in der Pers√∂nlichkeitsentwicklung, Verantwortungs- und Autonomief√∂rderung im Zentrum liegen, sowie im staatlichen Internat einer Verantwortungselite, deren Schwerpunkt in der St√§rkung von Talenten, Leistungsf√∂rderung und Verantwortung besteht.

Hinsichtlich der Analyse der Jugendlichen und ihren Peerpraktiken werden durch diese Studie zwei kontrastreiche Orientierungen deutlich. So findet sich beispielsweise im privaten Internat eine sehr starke Gemeinschaftsorientierung, die durch Abgrenzung zu Nicht-Internatssch√ľler/innen bzw. zu staatlichen Schulen vollzogen wird. Dabei betont Gibson, dass sich besonders die Jugendlichen selbst gegenseitig normieren, was am Fallbeispiel ‚Äědas gelungene ‚ÄėResozialisierungsprojekt‚Äė ‚Äď Der Fall Charles‚Äú (Kap. 5.3) besonders deutlich wird. Dagegen beschreibt die Autorin f√ľr das staatliche Internat Differenzierungsbestrebungen im Inneren, d.h. zwischen den Jugendlichen, die z.B. in Leistungskonkurrenz zueinander treten. Auf Ebene der Jugendlichen arbeitet Gibson au√üerdem Passungskonstellationen zwischen der Schule und den Sch√ľler/innen heraus, bei dem aus jeder Schule je ein Sch√ľler auf der Seite ‚Äěideal-harmonisch‚Äú oder ‚Äěambivalent und spannungsvoll‚Äú beschrieben wird. Dabei werden u.a. vorherige Schul- und Familienerfahrungen sowie das Verh√§ltnis von Leistungsorientierung und Investitionsbereitschaft der Jugendlichen verglichen und damit insgesamt deren Bildungshabitusformationen rekonstruiert.

Die in Kapitel 5, 6 und 7 pr√§sentierten Ergebnisse ordnet die Autorin schlie√ülich im achten Kapitel in den Fachdiskurs ein und reflektiert damit auch ihren Beitrag zu selbigem, w√§hrend sie im abschlie√üenden neunten Kapitel auf die besonderen Merkmale von Internaten als Sozialisations- und Bildungsr√§ume von Jugendlichen eingeht. So wird letztlich deutlich, dass Internate durch ihre Strukturen besondere Rahmungen f√ľr Habitustransformationen sowie Exzellenz- und Elitebildungsprozesse schaffen, die in weniger geschlossenen Bildungsr√§umen so sicherlich nicht m√∂glich w√§ren.

Insgesamt leistet Gibson mit ihrer Dissertation einen ausgesprochen gelungenen Beitrag zur Fachdiskussion um Exzellenz- und Elitebildung in einem spezifischen Bildungsraum. Insbesondere durch ihre reflektierte Auswahl des Samples beweist sie einen sensiblen Umgang mit dem insgesamt kaum beforschten Feld der Internate. F√ľr die Elite- und Exzellenzdiskussion ist insbesondere der multiperspektivische Blick ihrer Arbeit ein gro√üer Gewinn, der auch f√ľr weitere Studien wertvolle Impulse liefert. Aus Perspektive der Internatsforschung besteht eine Limitation dieser Studie in dem sehr spezifischen und auf zwei Internate begrenzten Sample, das nicht als repr√§sentativ f√ľr die deutsche Internatslandschaft anzusehen ist. Insofern sind hier Folgestudien mit gr√∂√üerem Sample denkbar. Weiterhin ist davon auszugehen, dass Gibson durch ihr so vielf√§ltiges und umfassendes Material, selbst noch viele M√∂glichkeiten hat, das Binnenleben in Internaten wie auch Biografien von Jugendlichen, die im Internat leben, zu rekonstruieren. Schlie√ülich hat sie f√ľr die vorliegende Publikation nur einzelne ihrer Materialien ausf√ľhrlich betrachtet, so dass hier auf weitere Publikationen zu hoffen ist.
Katrin Peyerl (Marburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Katrin Peyerl : Rezension von: Gibson, Anja: Klassenziel Verantwortungselite, Eine Studie zu exklusiven, deutschen Internatsgymnasien und ihrer Sch√ľlerschaft. Wiesbaden: Springer VS 2017. In: EWR 17 (2018), Nr. 5 (Veröffentlicht am 31.10.2018), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365817476.html