EWR 18 (2019), Nr. 4 (Juli/August)

Matthias Huber / Sabine Krause (Hrsg.)
Bildung und Emotion
Wiesbaden: Springer VS 2018
(447 S.; ISBN 978-3-658-18588-6; 59,99 EUR)
Bildung und Emotion So allgegenwärtig Emotionen im sozialen Leben der Menschen sind, so erstaunlich ist die Tatsache, dass Emotionen in erziehungswissenschaftlichen und überschneidenden Fachdisziplinen lange Zeit vernachlässigt wurden und erst vor einigen Jahren in den Fokus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt sind. Die Gründe hierfür sind zum Teil den spezifischen, epistemologischen Schwierigkeiten des Gegenstandes geschuldet, welche nach wie vor grundlegende Herausforderungen für Forschende darstellen. Emotionen sind in vielen Ausprägungen nicht eindeutig direkt mess- oder beobachtbar, sondern lassen sich lediglich sprachlich-symbolisch und zum Teil körperlich-leiblich rekonstruieren. Gleichzeitig existieren viele unterschiedliche theoretische Konzepte und Akzentuierungen, die Forschende vor die Wahl stellen, sich für einen Zugang zu entscheiden, womit wiederum disziplinpolitische Konsequenzen verbunden sind.

Trotz der vielfältigen Schwierigkeiten unternimmt der Sammelband „Bildung und Emotion“ (herausgegeben von Matthias Huber und Sabine Krause) den anspruchsvollen Versuch, Emotionen in das Zentrum bildungstheoretischer Überlegungen zu rücken und gleichzeitig einen disziplinübergreifenden Brückenschlag zu vollziehen. In sechs Kapiteln werden verschiedene disziplinäre Zugänge eröffnet, die einen Einblick in die vielfältigen Diskurse zum Thema Bildung und Emotion erlauben. Neben erziehungswissenschaftlichen Perspektiven werden auch psychologische und medizinische Perspektiven auf das Thema diskutiert. Im Folgenden sollen einzelne Beiträge besonders hervorgehoben werden.

Im ersten Teil des Bandes werden allgemeinpädagogische und historische Zugänge zum Thema Bildung und Emotionen entwickelt. Ines Maria Breinbauer legt mit ihrem Beitrag einen kritischen Einstieg in den pädagogischen Diskurs um Emotionen vor. Auf der Grundlage einer philosophischen Distanziertheit (53) gelingt es ihr, pointiert die vernunftgeleiteten Menschenbilder zu dekonstruieren, die den Theorien pädagogischer Liebe bei Sabine Seichter und Gefühlsbildung bei Vincenz Eduard Milde zugrunde liegen. Schlüssig bilanziert sie, wie in diesen pädagogischen Theorien die Bedeutung der Vernunft überbewertet wird und dass der rationalen Reflexion handlungsleitender Emotionen eine entscheidende kulturelle Bedeutung zukommt (54f). Unhinterfragt bleibt in ihrer Bilanz leider die postulierte bildungsphilosophische Position der Distanziertheit. Im Schlusssatz wird das Entgegentreten gegen „hegemonialen Ansprüche“ (55) zur Aufgabe der Bildungsphilosophie deklariert, was aber zugleich von eigenen, weniger distanzierten Ansprüchen an die eigene Fachdisziplin zeugt; eine wissenschaftliche Perspektive, die Breinbauer zuvor den o.g. Pädagog*innen attestiert hat.
Dorle Klika zeigt anhand einer historischen Rekonstruktion, welcher Stellenwert Emotionen in den erziehungswissenschaftlichen Klassikern von Rousseau, Pestalozzi, Herbart und Schiller zukommt. Gleichsam verdeutlicht sie anhand einer Analyse pädagogischer Lexika, dass im Zuge des 20. Jahrhunderts der Umfang von Einträgen zu den Begriffen Gefühl oder Emotion immer kürzer wurde und die Bezüge zu geisteswissenschaftlichen Konzepten zunehmend durch psychologische Zugänge ersetzt wurden (77).
Der Beitrag von Matthias Huber stellt mit dem Konzept der „Emotionalen Markierungen“ (101) einen aktuellen Ansatz zur theoretischen Modellierung von Emotionen und deren Wirkungen auf kognitive, körperlich-somatische und soziale Prozesse vor. Emotionale Markierungen werden als bewusste und unbewusste emotionale Bewertungen von Vorstellungsbildern, Repräsentationen und Lebenserfahrungen beschrieben. Die emotionalen Markierungen können sowohl reale als auch imaginative Gegenstände betreffen (101). Sie beeinflussen die Wahrnehmung von aktuellen Situationen und wirken gleichsam auf die Antizipation zukünftiger sozialer Ereignisse und die Auswahl von Handlungen. Daraus leitet sich eine besondere Bedeutung der emotionalen Markierungen für die Entwicklung von Moral, Gedächtnis und Entscheidungsfindungsprozessen ab (103ff).

Im zweiten Teil des Buches werden anthropologische Konzepte von Emotionen und Bildung vorgestellt. Hier zeigt besonders der Beitrag von Christoph Wulf, wie der historische Dualismus zwischen Körper und Geist zu einer Entzweiung von Bildung und Emotionen geführt hat, die dem „biokulturellen Charakter“ (115) von Emotionen entgegensteht. Anhand einer umfassenden theoretischen Herleitung zeigt der Autor die enge Verwobenheit von emotionalen, psychischen, somatischen und sozialen Prozessen. Diese Verwobenheit manifestiert sich in der sozialen Interaktion. Emotionen werden hier performativ erzeugt, wobei der körperliche Ausdruck eine zentrale Funktion einnimmt. Aufgrund der Schwierigkeit, diese Komplexität von Emotionen sprachlich einzufangen, verweist der Autor auf die Funktion der Imagination, die als bildlicher Ausdruck Gelegenheiten bietet, Emotionen zu symbolisieren und zu reflektieren.

Der besonderen Bedeutung von Emotionen für schulische Lehr-Lern-Prozesse wird im dritten Teil des Buches Rechnung getragen. Im ersten Beitrag dieses Teils diskutiert Reinhard Pekrun anhand einer fundierten Theorie der Emotionen, wie schulische Lernprozesse und Leistungen durch verschiedene Arten von Emotionen beeinflusst werden. Der Autor ergänzt geläufige qualitative Differenzierungen von Emotionen um die Dimension der Aktivierung, die es erlaubt, positive und negative Emotionen bzgl. ihres Aktivierungsgrades zu unterscheiden. Entscheidend für schulische Lernprozesse ist es demnach nicht alleine, ob sie positive oder negative Emotionen auslösen, sondern vielmehr, ob sie mit Bezug auf Leistungsanforderung aktivierend wirken und die Schüler*innen motivieren. Offen bleibt bei diesem Modell von Pekrun allerdings die Frage, wie psychosoziale Dispositionen der Lernenden die Qualität von Valenz und Aktivierung beeinflussen. Angesichts der heterogenen Lernvoraussetzungen von Schüler*innen wäre es nützlich, unterschiedliche Wirkungen von aktivierenden und deaktivierenden Leistungsemotionen mit Bezug auf unterschiedliche Schüler*innenmerkmale differenziert zu untersuchen.
Insgesamt thematisieren die Beiträge in diesem Teil des Bandes Emotionen auf einer sehr allgemeinen motivationalen Ebene. Völlig unbeachtet bleiben leider die Diskurse innerhalb der einzelnen Fachdidaktiken, wie z.B. in der Geschichts- oder Politikdidaktik. Hier werden seit einiger Zeit innovative methodische und konzeptuelle Ansätze diskutiert, bei denen spezifische Emotionen als Lernergebnisse bzw. als Vermittlungskomponenten historisch-politischer Bildungsprozesse im Vordergrund stehen [1].

Im vierten Teil, der sich den Emotionen im Lebenslauf widmet, sind unter anderem Beiträge zu finden, die psychoanalytische Perspektiven auf das Thema eröffnen. Wilfried Datler und Michael Winninger betonen die Relevanz von Freuds Lust-Unlust-Theorie, laut der Menschen schon von frühester Kindheit an in der Lage sind, lustvolle und unlustvolle Emotionen zu differenzieren. Folglich sind Menschen permanent bestrebt, lustvolle Emotionen zu steigern und unlustvolle Emotionen zu reduzieren, was im biografischen Verlauf zur Ausbildung von stabilen psychischen Strukturen und Tendenzen führt, die weitestgehend unbewusst aktualisiert werden. Sofern diese Entwicklung durch traumatische Erfahrungen gestört wird, können Kinder durch korrigierende Beziehungserfahrungen in pädagogischen Settings positive Modelle von Beziehungen zu Erwachsenen ausbilden.
Der daran anschließende Beitrag von Rolf Göppel ist deutlich pessimistischer, was psychoanalytische Interventionen angeht. Er verweist auf die Grenzen der analytischen Selbstreflexion, deren Ergebnis selten eine vollendete Befreiung von Unlust und öfter eine Akzeptanz der bestehenden inneren Widersprüche darstellt. Allerdings zeigt der Autor, dass auf der anderen Seite die Versprechen der positiven Psychologie ebenfalls mit Skepsis betrachtet werden müssen.

Auf die zuvor genannten methodischen Herausforderungen bei der Erforschung von Emotionen geht der fünfte Teil ein. Hier beweist vor allem der Beitrag von Michaela Gläser-Zikuda, Florian Hofman, Melanie Bonitz und Nikolette Lippert wie mit einem komplexen Mixed-Methods-Design Emotionen im Bildungsprozess auf neuropsychologischer, expressiver und phänomenologischer Ebene analysiert werden können. Die Autor*innen untersuchten die Lern- und Leistungsemotionen von Schüler*innen mittels Fragebögen, videobasierten Unterrichtsbeobachtungen, stimulated recall Leitfadeninterviews und physiologischen Messungen der Herzrate sowie der Hautleitwerte. Die Autoren beweisen damit vor allem, dass sich auch aufwendige physiologische Messungen in der Schulforschung realisieren lassen, weisen allerdings auch auf die Grenzen der ethischen und technischen Machbarkeit, sowie die schwierige Interpretation physiologischer Daten hin (383). Zum Schluss des Beitrags erwähnen die Autor*innen sehr kurz den innovativen Forschungsansatz des Rollenspieles. Angesichts der technischen Schwierigkeiten von physiologischen Messungen und der widersprüchlichen Forschungslage zu der emotionsspezifischen Interpretation dieser Daten wäre es interessant gewesen, mehr über die Alternativen zu den wenig überzeugenden physiologischen Messungen in diesem Bereich zu erfahren.

Im letzten Teil des Bandes werden gesellschaftliche Perspektiven auf Emotionen zusammengefasst und damit in einen breiteren, sozialen Kontext gestellt. Getraud Kremsner und Michelle Poyer beschreiben, welche Bedeutung Emotionen bei der gesellschaftlichen Konstruktion von Behinderung zukommt. Die Autorinnen stellen personenzentrierte Auffassungen von Behinderung in Frage und weisen darauf hin, dass derartige defizitorientierte Zuschreibungsprozesse für die nicht-behinderten Menschen eine Funktion der emotionalen Selbstvergewisserung und -verortung erfüllen und demnach in sozialen Prozessen determiniert und reproduziert werden.

Der Anspruch der Herausgeber*innen ist es, disziplinpolitische Grenzziehungen im Kontext von Bildung und Emotion zu überwinden (6). Die vielfältigen wissenschaftlichen Diskurse, die hier nur ausschnittsweise diskutiert werden konnten, zeugen von der Vielschichtigkeit des vorliegenden Sammelbandes, der eine aufschlussreiche Querschau verschiedener Zugänge zu den Themen Bildung und Emotionen bietet. Ein Konnex zwischen den verschiedenen Beiträgen gelingt allerdings nur bedingt. Bezüge, Widersprüche und Verbindungslinien zwischen den teils sehr unterschiedlichen Perspektiven werden von den Herausgeber*innen im ersten Beitrag kaum hervorgehoben und stattdessen nur ein inhaltlicher Ausblick auf die Artikel gegeben. Somit bleibt es den Leser*innen überlassen, ein kritisches Gesamtbild zu entwerfen und Verbindungen zwischen einzelnen Beiträgen zu ziehen. In diesem Zusammenhang wäre ein systematisches Review zum Thema Emotionen und Bildung in den einzelnen Disziplinen sehr hilfreich gewesen, wodurch die Einordnung der Beiträge leichter fallen würde.

Ungeachtet der genannten Mängel bietet der Sammelband Forschenden einen nützlichen Einblick in verschiedene theoretische und methodische Ansätze, mittels derer sich Emotionen in Bildungsprozessen theoretisch einordnen und konzeptualisieren sowie operationalisieren und damit der empirischen Forschung zugänglich machen lassen. Aber auch Praktiker*innen in der Lehrkräftebildung und in der pädagogischen Praxis finden in dem Sammelband nützliche Anregungen für die Gestaltung von Lerngelegenheiten und Interventionen. Damit rückt das Thema Emotionen weiter in den Fokus eines breiten fachlichen Diskurses, dessen Ziel weitere Brückenschläge und Querschnitte sein können.

[1] Besand, A., Overwien, B., Zorn, P. (Hrsg.) (2019). Politische Bildung mit Gefühl. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung; Brauer, J., Lücke, M. (Hrsg.) (2013). Emotionen, Geschichte und historisches Lernen. Geschichtsdidaktische und geschichtskulturelle Perspektiven. Göttingen: V & R Unipress.
Josef Hofman (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Josef Hofman: Rezension von: Huber, Matthias / Krause, Sabine (Hg.): Bildung und Emotion. Wiesbaden: Springer VS 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.11.2019), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365818588.html