EWR 18 (2019), Nr. 2 (März/April)

Silke Müller-Hermann / Roland Becker-Lenz / Stefan Busse / Gudrun Ehlert (Hrsg.)
Professionskulturen
Charakteristika unterschiedlicher professioneller Praxen
Wiesbaden: Springer VS 2018
(217 S.; ISBN 978-3-658-19415-4; 29,99 EUR)
Professionskulturen Fragen nach den Voraussetzungen für Professionalisierungsprozesse stellen sich zunehmend komplexer. Die Grenzlinien zwischen Berufen und Professionen lassen sich längst nicht mehr so klar ziehen wie es der berufssoziologische Professionsansatz in den 1960er-Jahren noch vorschlug. Denn auch die einst unstrittigen Professionen unterliegen einem gesellschaftlich und kulturell bedingten Wandel, der den Status ihrer Professionalität immer wieder zur Disposition stellt. Dieser Thematik widmet sich die vorliegende Publikation, die im Nachgang einer 2014 in Basel stattgefundenen Arbeitstagung zum Thema „Professionskulturen im Vergleich“ unter einer überwiegend praxeologischen Zugriffsweise das Handeln in verschiedenen Professionen und professionalisierungsbedürftigen Berufen näher beleuchtet.

Im Fokus des Sammelbandes von Silke Müller-Hermann, Roland Becker-Lenz, Stefan Busse und Gudrun Ehlert steht eine relationale Betrachtungsweise, die mithilfe des Begriffs der „Professionskultur“ versucht, über die Rekonstruktion von Haltungen und ethischen Überzeugungen zum einen die Ebene der Person in den Blick zu nehmen und darüber hinaus diese mit der Ebene der in der jeweiligen Profession hervorgebrachten Handlungspraxen, Routinen und Symboliken in Beziehung zu setzen. Neben einer Bezugnahme auf die (Notfall-)Medizin und das Pfarramt, wird zudem die Soziale Arbeit, die Erwachsenenbildung, der Lehrerberuf und schließlich auch das Militär und die Polizei in den Blick genommen. Abgeschlossen wird der Band mit Überlegungen zum Verhältnis von Profession und Geschlecht.

Während die Pflege als ein weisungsgebundener Beruf ohne Entscheidungsautonomie gilt, besaß die Medizin lange Zeit den Status einer eindeutigen Profession, der aber in jüngster Zeit über Regulierungstendenzen durchaus in Frage gestellt wird. Julian Wolf und Werner Vogd nehmen diesen Befund zum Anlass, um sich sowohl mit Professionalisierungsbestrebungen in der Pflege als auch mit Deprofessionalisierungstendenzen im Arztberuf auseinanderzusetzen. Dabei nehmen sie das Spannungsfeld gesellschaftlicher Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems und die Orientierung am Wohl des Patienten in den Blick und kommen zu dem Schluss, dass gerade die zunehmende Standardisierung, Ökonomisierung und Bürokratisierung im Krankenhausbetrieb der Entwicklung eines für das Fallverstehen notwendigen Professionshabitus zuwiderläuft.

Der Frage nach den Regulierungstendenzen in der Medizin geht auch Karl Friedrich Bohler in seinem Beitrag nach, spitzt diese auf die Notfallmedizin hin zu und fragt, inwieweit diese „vom allgemeinen Prozess einer Deprofessionalisierung im ärztlichen Handlungsfeld betroffen ist“ (176). Obwohl Auftrag, Ethos und Tätigkeitsbereich in diesem Feld unstrittig scheinen, deutet der Autor auch hier Deprofessionalisierungstendenzen an, die sich in ökonomischen und bürokratischen Regulierungen, aber auch auf der Tätigkeitsebene manifestieren; damit einher gehe ein Wandel von einer klinischen Mentalität hin zu einer managerialen. Nach Bohler kulminiert aber nur die klinische Mentalität in einen professionalisierten Habitus.

Ebenso wie die Medizin gilt das Pfarramt als klassische Profession. Dennoch lassen sich auch hier Ungewissheiten im professionellen Selbstverständnis ausmachen, die Kornelia Sammet in ihrem Beitrag aufgreift. Thematisch werden dabei zwei widerstreitende Arbeitsfelder skizziert, zum einen die Predigt, die in der Rolle der oder des Geistlichen an das Kollektiv gerichtet wird, und zum anderen die Seelsorge, die fallorientiert auf die Bedürfnisse der Klientin und des Klienten abgestimmt werden muss. Darüber hinaus erhöhe sich die Diffusität einer unklaren Berufsaufgabe auch dadurch, dass Berufsrolle und Person über die Aufgabe der Seelsorge nahezu untrennbar miteinander verbunden sind, da sie vielfach auch im Alltag stattfindet.

Für die Frage nach der Professionalität im Lehrerberuf spricht sich Johannes Twardella in seinem Beitrag in kritischer Auseinandersetzung mit strukturtheoretischen Ansätzen für eine pädagogische Rahmung aus, um so das Unterrichten als Kerngeschäft der Profession zu markieren. Das größte Krisenpotenzial für Lehrende verortet er im spannungsvollen Umgang mit der Sachantinomie. Dabei bestehe die Gefahr, komplexe und ungewisse Situationen lediglich auf der Basis sozialisatorisch erworbener Routinen zu bearbeiten, die mitunter nicht den Bedeutungshorizont der Schülerinnen und Schüler erreichen. Daher plädiert Twardella für einen kasuistischen Schwerpunkt in der Lehrerbildung, der neben der Ausbildung hermeneutischer Fallkompetenz auch die Entwicklung eines „professionellen Ideals“ (99) unterstützt.

Ähnlich wie in der Forschung zum Lehrerberuf wird auch in der Forschung zur Sozialen Arbeit die Perspektive auf berufssoziologische Merkmalskataloge von Bestimmungsversuchen abgelöst, die die Eigenlogik des professionellen Handelns hervorheben. Roland Becker-Lenz stellt in seinem Beitrag die in der Sozialen Arbeit schon länger diskutierte Berufsethik als zentralen Bestandteil der Professionskultur heraus, die sowohl explizit in offiziellen Richtlinien und Kodexes formalisiert, als auch auf impliziter Ebene in der Übernahme von professionellen Habitus, altruistischen Haltungen und Professionsidealen erwartet wird, um so der Nicht-Standardisierbarkeit und den widersprüchlichen Anforderungen des Berufsfeldes begegnen zu können. Dennoch merkt der Autor an, dass eine klare Definition dieser berufsethischen Grundhaltung bislang nicht vorhanden sei.

Als Dreh- und Wendepunkt im Diskurs um Professionalität im Bereich der Erwachsenenbildung und Weiterbildung bestimmt Daniel Straß in seinem Beitrag das äußerst heterogene Handlungsfeld. Folglich geht es in der hier geführten Professionalisierungsdebatte auch um einen kollektiven Prozess der Verberuflichung und damit eher um berufspolitische Legitimierung. Inwieweit die Disziplin als Profession etabliert ist, bleibt im Diskurs offen, denn vielmehr wird auf spezifische Handlungsqualitäten als Indikatoren einer hochwertigen Arbeit verwiesen. Die aus diesem Diskurs abgeleitete Wendung „von der Funktion zur Profession“ (123), die mit einer Fokussierung auf die „professionelle Persönlichkeit“ (124) einhergeht, ist angesichts der Komplexität des Berufsfeldes plausibel, gibt aber – wie auch der Autor anmerkt – wenig Auskunft darüber, wie diese entsteht.

Für die militärische Profession lässt sich davon ausgehen, dass sie sich aufgrund ihres Gewaltmonopols nur schwerlich in ein Verhältnis zu den anderen diskutierten Professionen setzen lässt. Nina Leonhard rückt in ihren Beitrag daher weniger die Klärung des Professionsstatus, sondern vielmehr das diskursiv thematisierte professionelle Selbstverständnis in den Mittelpunkt ihrer Analysen. Ausgangspunkt der derzeitigen, aber auch historisch begründeten Auseinandersetzung mit Professionsansprüchen stellt die ambivalente Definition des gesellschaftlichen Auftrages an einen Soldaten dar, der zwischen einem „polyvalenten Staatsbürger“ (9) und „Kämpferideal“ (17) diskutiert wird, was sich wiederum auch in der Sinnsuche nach dem „Kerngeschäft“ (23) der Profession widerspiegelt. In ähnlicher Art und Weise wie in anderen Beiträgen des Bandes wird im Fall der militärischen Profession auch auf eine „professionelle Haltung“ (20) bzw. auf einen „Berufsethos“ (20) rekurriert.

Auch die Polizei gerät vor allem dann in das Blickfeld, wenn es um den Umgang mit dem Gewaltmonopol geht. Rafael Behr nimmt die Frage nach beruflicher Identität als Ausgangspunkt, um sich intensiv mit dem Professionalisierungspotenzial der Polizei auseinanderzusetzen. Als zentrales Merkmal einer möglichen Professionalisierung des Polizeiberufes stellt Behr die Reflexivität heraus, die er als Hinterfragung eigener Routinen bzw. als „Nachdenken“ (39) betrachtet, dem jedoch eine institutionelle Einbettung fehle. Als Lösungsansatz schlägt er deshalb die Implementierung einer umfassenden Supervision heraus, die es ermöglichen soll, sich mit widersprüchlichen und spannungsreichen Erfahrungen auseinanderzusetzen, was bestenfalls auch in einer „Haltungsveränderung“ (43) münden könne.

Gudrun Ehlert diskutiert in ihrem Beitrag den Zusammenhang von Geschlecht als sozialer Konstruktion und Professionalisierungsprozessen, indem sie am Beispiel der Medizin verdeutlicht, dass die Entwicklung eines „männlichen Professionsideals“ (199) eng mit der Entstehung von Hierarchien, Grenzziehungen und Symbolisierungen einherging. Auch aktuell lassen sich immer noch Einflüsse von Geschlecht als Strukturkategorie in den Professionsverständnissen finden, die sich v.a. auf einer impliziten Ebene der Wahrnehmungs- und Handlungsmuster in geschlechtsbezogenen Zuschreibungen und Inszenierungen manifestieren. Gerade diese wechselseitige Kodierung von Geschlecht und Profession, stelle daher ein zentrales Forschungsdesiderat in der Bestimmung von Professionskulturen dar.

Insgesamt bietet der Band einen interessanten Einblick in größtenteils empirisch unterfütterte Analysen zu den Wissensformen, Handlungsweisen und Regelhaftigkeiten verschiedener Professionen bzw. professionalisierungsbedürftiger Berufe. Vor allem aus praxeologischer Perspektive wird deutlich, dass sich nahezu alle Beiträge in ihren Ausführungen auf eine implizite Disposition beziehen, die stark mit der Person verschmolzen zu sein scheint und als „professioneller Habitus“ oder auch als „professionelle Persönlichkeit“ ausgewiesen wird. Der Fokus liegt dabei auf der Einsozialisation des oder der Professionellen in historisch gewachsene Organisationsroutinen, stabilisierende Muster, Gesetzmäßigkeiten und Kulturen des umgebenden Feldes. Inwieweit sich jedoch Professionskulturen beispielsweise von Berufskulturen unterscheiden lassen, ist ebenso wie die Ausdifferenzierung zwischen einem professionalisierten und einem nicht-professionalisierten beruflichen Handeln eine noch weiter zu verfolgende Fragestellung.
Hilke Pallesen (Halle)
Zur Zitierweise der Rezension:
Hilke Pallesen: Rezension von: Müller-Hermann, Silke / Becker-Lenz, Roland / Busse, Stefan / Ehlert, Gudrun (Hg.): Professionskulturen, Charakteristika unterschiedlicher professioneller Praxen. Wiesbaden: Springer VS 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 2 (Veröffentlicht am 10.05.2019), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365819415.html