EWR 18 (2019), Nr. 5 (November/Dezember)

Kevin Stützel
Jugendarbeit im Kontext von Jugendlichen mit rechten Orientierungen
Rekonstruktiv-praxeologische Perspektiven auf professionelles Handeln
Wiesbaden: Springer VS 2019
(274 Seiten; ISBN 978-3-658-25731-6; 44,99 EUR)
Jugendarbeit im Kontext von Jugendlichen mit rechten Orientierungen Im Kontext der Konsolidierung des parteipolitischen Rechtspopulismus in Europa und der zunehmenden Offenheit von Jugendlichen gegenüber rechtspopulistischen Positionen, die von der aktuellen Shell-Jugendstudie 2019 [1] belegt werden, wird derzeit (wieder) nach Möglichkeiten gesucht, dieser Entwicklung etwas entgegen zu stellen. Gleichwohl politische Überzeugungen kein unmittelbares Resultat von Bildungsanstrengungen sind, erscheinen Bildungskontexte (und also nicht nur Bildungsinhalte) auf den ersten Blick als plausibler Ort, um rechtsextreme Anschauungen von Jugendlichen zu adressieren und zu irritieren.

Seit der intensiven Finanzierung durch Aktionsprogramme des Bundes Anfang der 1990er Jahre ist die soziale Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen ein in Forschung und sozialarbeiterischer Praxis etablierter und schrittweise professionalisierter Gegenstandsbereich. Diesen Bereich adressiert Kevin Stützel in der vorliegenden Buchpublikation, die zugleich als Dissertation an der Freien Universität Berlin eingereicht wurde. Trotz der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit und der Vielzahl an pädagogischen Materialien, so Stützel, „fehle es an praktischen Handlungskonzepten und Unterstützungssystemen für die pädagogische Arbeit im Kontext von Jugendlichen mit rechten Orientierungen“ (3). Stützel konzediert, dass es Erfahrungswissen im Feld gibt, das auch in Form von Eigendarstellungen und wissenschaftlichen Evaluationen vorliegt. Allerdings fehle „eine Bestandsaufnahme von Aktivitäten in der Auseinandersetzung mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen“ (20). Zugleich zeige sich, dass die Frage, woran sich die Qualität der pädagogischen Arbeit im Feld messen lässt, stark umstritten ist (22).

Einleitend beschreibt Stützel die Konjunkturen der Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen, wobei er diese an der Ausrichtung der jeweiligen Bundesprogrammlinien festmacht. Demnach schoben die ersten Förderprogramme vor allem aufsuchende Jugendarbeit an, während die zweite Welle der Förderprogramme ab 2001 den Aufbau von Netzwerkstrukturen fokussierte. Stützel zufolge zogen die Förderprogramme schon damals Kritik auf sich, weil die Vernetzung mit Regelstrukturen die Ausnahme bildete und die Wirksamkeit der Programme fraglich blieb (17). Die dritte Generation der Förderprogramme lässt sich, wie Stützel zeigt, durch eine Ausdifferenzierung vor allem präventiver Angebote in der Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen sowie der Ausweitung der Angebote auf neue Zielgruppen charakterisieren (18).

Die Evaluationsforschung – der Stützel seine Untersuchung überraschenderweise zuordnet – habe u.a. daher nicht nur die Wirksamkeit von Programmen zu fokussieren, sondern die Perspektive müsse erweitert werden auf die Frage, wie PraktikerInnen mit ihrem Handeln soziale Realität konstruieren (22). Bereits hier deutet sich ein Spannungsverhältnis an, das sich durch die Arbeit zieht. Die Reflexion der „impliziten, handlungsleitenden Orientierungen (…), die das Handeln der Pädagog_innen in der Jugendarbeit im Kontext von Jugendlichen mit rechten Orientierungen fundieren“ (4), ist fraglos ein sinnvolles Unterfangen. Allerdings ist davon auszugehen, dass es ein starkes Auseinanderfallen der in Gruppengesprächen explizit und implizit kommunizierten sowie in Haltungen und Einstellungen manifesten und latenten Orientierungen gibt. Dies gilt auch für die diesbezügliche sozialarbeiterische Praxis, die ihren Ausdruck in den vielfältigen Kommunikationsformen mit der Klientel und dem institutionellen Rahmen dieser Kommunikation findet. Daher ist dem Gegenstand eine Methode angemessen, die sowohl die Selbstauskunft der PädagogInnen als auch die Praxis, etwa in Form einer teilnehmenden Beobachtung, mit einbezieht.

Stützel hingegen wählt als Forschungsmethode eine Form der Dokumentarischen Methode im Anschluss an Ralf Bohnsack. Diese kombiniert Bild- und Textexegese, womit allerdings nur die handlungsleitenden Orientierungen, nicht jedoch die Handlungen selbst in den Blick geraten. Die empirische Basis der Untersuchung bilden elf Gruppendiskussionen (von denen sechs dargestellt werden). Diese wurden mit PädagogInnen geführt, die jeweils gemeinsam in Teams mit rechtsorientierten Jugendlichen arbeiten (57). Zudem wurden die PädagogInnen von Stützel gebeten, drei bis sechs selbst fotografierte Fotos vorzulegen, „die sie als typisch für ihre Arbeit erachten“ (56). Vor Beginn der Gruppendiskussion sollten die PädagogInnen sich dann auf ein Bild einigen, das diesen Anspruch für sie am besten erfüllt. Zugleich diente die Aufforderung, das Bild zu beschreiben, als Eingangsstimulus für die Gruppendiskussion (60).

In Kapitel 6 (65–160), dem Herzstück der Arbeit, stellt Stützel die sechs Gruppengespräche und Bilder ausführlich vor. Der Autor skizziert jeweils zuerst den weiteren Kontext der Arbeit der PädagogInnen und die Erhebungssituation im Anschluss an das von den PädagogInnen ausgewählte Foto. Darauf folgen die Analyse des Gruppengesprächs und eine Zusammenführung der Ergebnisse in Form der Identifikation von Homologien von Bild- und Textanalyse (66).

Auf Grundlage der Kombination von Bild- und Textanalyse abstrahiert Stützel drei professionsbezogene Habitus der PädagogInnen (Kapitel 7): Typ 1 vergewissert sich mittels des pädagogischen Handelns der eigenen Normalität und konstruiert dabei die AdressatInnen der Sozialarbeit als pathologisch und defizitär, sucht jedoch nach einer persönlichen Beziehung zu diesen. Typ 2 will mit seinem pädagogischen Handeln den AdressatInnen kontingente Erfahrungen ermöglichen und sucht nach einer rollenförmigen Beziehung zu diesen. Typ 3 begreift pädagogisches Handeln als strategisch instrumentelle Vermittlung (161).

An das Ende der Arbeit stellt Stützel die Reflexion der Frage des Nutzens der dokumentarischen Organisationsforschung für die Bestimmung von Professionalität und die „Formulierung praxisrelevanter Schlussfolgerungen für die Jugendarbeit im Kontext von Jugendlichen mit rechten Orientierungen“ (213). Stützel rekapituliert als zentrale Erkenntnis der Arbeit die Identifikation von persönlichen, rollenförmigen und entgrenzten Beziehungsformen der PädagogInnen und ihrer Klientel. Die Diskussion der rekonstruktiven Perspektiven auf pädagogische Professionalität verortet die Ergebnisse der Studie im Forschungsfeld pädagogischer Professionalisierung. Eines der wesentlichen Ergebnisse, das im Text untergeht, besteht in der Explizierung des Verhältnisses der professionellen Rollenbilder der PädagogInnen und der damit eng verbundenen Möglichkeit, Jugendlichen einen von ihrem Alltag abweichenden konjunktiven Erfahrungsraum zu eröffnen. Wo PädagogInnen es verfehlen, in der sozialen Praxis einen organisations- oder personengebundenen Rahmen für das Handeln der Jugendlichen zu setzen, so Stützel, würden diese ihre eigenen Handlungen und Selbstinszenierungen in den Vordergrund stellen (232).

Dem selbstgesteckten Anspruch, das handlungsleitende Orientierungswissen von PädagogInnen, die mit rechten Jugendlichen arbeiten, zu rekonstruieren, wird die Arbeit nur bedingt gerecht. Zuallererst ist dies dem methodischen Zugriff auf den Gegenstandsbereich geschuldet. Die Dokumentarische Methode schiebt sich wie eine Mauer vor den Untersuchungsgegenstand, durch den Stützel dann kleine Löcher schlägt. Das immer spannungsvolle Verhältnis zwischen den Einstellungen und der Frage, in welche Praxis sich diese übersetzen, wenn PädagogInnen in unterschiedlich stark fixierten sozialen Rollen agieren (können und müssen), wird einseitig aufgelöst, indem nur das Orientierungswissen in den Blick gerät. Die Fotoanalyse – so aufwendig und elaboriert diese auch erfolgte – scheint dem Gegenstand keine Rechnung zu tragen. Die Fotos wurden von den PädagogInnen nicht mit dem Auftrag gemacht, die eigene Arbeit in einem Foto darzustellen, sondern die Fotos wurden aus einem Fundus an Bildern ausgewählt, über den keine Aussagen gemacht werden können. Man darf vermuten, dass die Wahl des repräsentativen Fotos auch der gerade aktuellen Verfügbarkeit geschuldet war. Hier stellt sich dann auch die Frage, wie zuverlässig die Interpretationen sind und hier irritiert beim Lesen vor allem, dass die Ergebnisse wiederholt als „evident“ bezeichnet werden, obwohl es sich offenkundig um reichlich weitgehende Interpretationen einer mehrfach vermittelten, im Foto fixierten sozialen Situation handelt. Die identifizierte „Evidenz der Homologien“ (162) von Text- und Fotoanalyse hat wenig mit dem empirischen Material selbst zu tun. Vielmehr scheint es, als wären die Ergebnisse der Gruppengespräche den Fotos übergestülpt und damit verdoppelt worden.

Stützel leistet einen Beitrag zur Rekonstruktion des Handlungswissens von PädagogInnen, die mit rechten Jugendlichen arbeiten. Er stellt seine Untersuchung in den Kontext der Evaluationsforschung. Sein Ansinnen, diese um die Frage zu ergänzen, inwiefern die PädagogInnen im Feld selbst mittels ihres Handelns soziale Realität erzeugen, liegt aktuell im Trend der Professionsforschung. Die Untersuchung zeigt an, dass eine Debatte über den Zweck und die Zielsetzungen professionsbezogener Evaluationsforschung noch aussteht.

[1] Albert, M. / Hurrelmann, K. / Quenzel, G. / Schneekloth, U. / Leven, I. / Utzmann, H. / Wolfert, S.: Jugend 2019 – 18. Shell Jugendstudie. Eine Generation meldet sich zu Wort. Weinheim: Beltz 2019.
Marc Grimm (Bielefeld)
Zur Zitierweise der Rezension:
Marc Grimm: Rezension von: Stützel, Kevin: Jugendarbeit im Kontext von Jugendlichen mit rechten Orientierungen, Rekonstruktiv-praxeologische Perspektiven auf professionelles Handeln. Wiesbaden: Springer VS 2019. In: EWR 18 (2019), Nr. 5 (Veröffentlicht am 18.12.2019), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365825731.html