EWR 20 (2021), Nr. 3 (Mai/Juni)

Kerstin Discher
Körper, Leib und Employability
Narrative Perspektiven junger Erwachsener auf den Aktivierungsdiskurs
(Transformation des Sozialen ‚Äď Transformation Sozialer Arbeit, Bd. 9)
Wiesbaden: Springer VS 2020
(267 S.; ISBN 978-3-658-29075-7; 99,00 EUR)
K√∂rper, Leib und Employability Die als Dissertation ver√∂ffentlichte Studie, die sich im Feld der interpretativen Sozialforschung verortet, will zeigen, wie sich in der Phase beruflicher √úberg√§nge Prozesse k√∂rperlich-leiblicher Subjektivierung bei jungen Erwachsenen gestalten. Dabei wird die Phase des √úbergangs als besondere Bew√§ltigungslage verstanden, die k√∂rpertheoretisch noch nicht erschlossen sei. Kerstin Discher fragt daher erstens danach, welche individuelle Bedeutung dem K√∂rper in dieser Phase beigemessen wird, zweitens, mit welchen k√∂rperlich-leiblichen Positionierungen sich junge Erwachsene in Bezug zur Arbeitswelt setzen sowie drittens, welche symbolisch-normativen Dimensionen von K√∂rperlichkeit sich in dieser Hinsicht rekonstruieren lassen. Motiviert wird diese Themenstellung u.a. durch die Frage, wie in neoliberal strukturierten Gesellschaften (sozial-)p√§dagogische Praktiken zu gestalten sind, wenn sich Soziale Arbeit und P√§dagogik emanzipativ gegen√ľber den repressiven Bestrebungen sozialpolitischer Aktivierungsdiskurse verhalten wollen.

Mit der Fokussierung auf die k√∂rperlichen Aspekte von Subjektivierungsprozessen reagiert Discher innovativ auf Desiderate der sozialwissenschaftlichen und (sozial-) p√§dagogischen Forschung. Denn die Frage nach der sozialen Bedeutung des K√∂rpers f√ľr Bildungs- und Erziehungskontexte muss, trotz einer erstarkenden sozial- und geisteswissenschaftlichen K√∂rperforschung, noch immer als unterforscht gelten. Dies weist die Autorin nicht nur f√ľr die Kontexte der Jugendforschung, sondern auch f√ľr die (Sozial-)P√§dagogik nach. Zwar sei der Wandel des Sozialstaates bereits vielfach diskutiert, welche k√∂rpertheoretischen und -praktischen Implikationen sich f√ľr aktuelle (sozial-)p√§dagogische Verh√§ltnisse erg√§ben, sei jedoch weiterhin ungekl√§rt.

Basierend auf diesen Interessen werden im ersten Teil der Arbeit die theoretischen Rahmungen expliziert. Unter R√ľckgriff auf bekannte soziologische Beschreibungsfiguren ‚Äď wie z.B. das ‚Äöunternehmerische Selbst‚Äė (Br√∂ckling) ‚Äď und mit Verweis auf den sozialwissenschaftlichen Forschungsstand zum Thema K√∂rper, werden jene gesellschaftlichen Verschiebungen beschrieben, die unter Vernachl√§ssigung von strukturellen Zusammenh√§ngen die Eigenverantwortung des Individuums betonen. Discher legt dar wie dabei K√∂rper unter den Anspruch von Besch√§ftigungsf√§higkeit gesetzt werden und in welcher Art Individuen mit den Idealen k√∂rperlicher Leistungsf√§higkeit konfrontiert sind. Zudem stellt sie fest, dass K√∂rpern, die in diesem Diskurs z.B. als alt, √ľbergewichtig oder ungesund problematisiert werden, die Anerkennung gr√∂√ütenteils verwehrt bleibt. Dies f√ľhre zu einem gesellschaftlich hohen Interesse, K√∂rper zu disziplinieren. Dabei sei zu konstatieren, dass insbesondere junge Erwachsene zu gro√üen Teilen affirmativ auf die gesellschaftlichen Anspr√ľche reagieren, da sie die Rede von der Eigenverantwortlichkeit internalisiert h√§tten.

Wie die Autorin selbst feststellt, wurden die den Ausf√ľhrungen zugrundeliegenden subjekttheoretischen Bez√ľge bereits weitl√§ufig in (sozial-)p√§dagogischen Debatten rezipiert. Als Besonders muss jedoch herausgestellt werden, dass Discher alle Theoriefiguren konsequent k√∂rperbezogen wendet. Dies gilt auch f√ľr die Bez√ľge aus den Cultural Studies, die auf den Zusammenhang von Subjektivierung und K√∂rper u.a. mithilfe von poststrukturalistischen Ans√§tzen (z.B. Foucault) k√∂rpertheoretisch dimensioniert werden. Auf diese Weise gelingt es, den K√∂rper als Dimension des Sozialen auszuarbeiten, sogar mit Verweis auf intersektionale Zusammenh√§nge. Produktiv erweist sich dar√ľber hinaus der Versuch, die subjekttheoretischen Grundlagen in Bezug zu k√∂rperlichen Erfahrungen und dem leiblichen Sp√ľren zu setzen. Dies wird durch ph√§nomenologische Ans√§tze (Schmitz) und √ľber eine Ausarbeitung der Figurationen des ‚Äök√∂rperlichen Leibs‚Äė und des ‚Äöleiblichen Selbst‚Äė unternommen. Einzig irritierend wirkt, dass jugendtheoretische Perspektiven nicht st√§rker ausgearbeitet werden ‚Äď dabei hatte die Autorin diesbez√ľglich eine Forschungsl√ľcke identifiziert.

Im folgenden zweiten Teil werden die k√∂rpertheoretischen Setzungen empirisch aufgegriffen. Daf√ľr w√§hlt die Autorin einen biographieanalytischen Zugang. Ein Argument hierf√ľr ist, dass in beruflicher Hinsicht Individuen dazu aufgerufen seien, sich produktiv zu den stets wandelnden Erwerbserfordernissen ins Verh√§ltnis zu setzen. Zudem argumentiert Discher, dass die Arbeit an der eigenen Biographie in Form eines doing biography in das gesellschaftliche Anspruchssystem integriert sei. Im Wechsel von Datenerhebung und -auswertung (theoretical sampling nach Glaser/Strauss) wurden vierzehn biographisch-narrative Interviews gef√ľhrt. Alle Interviewten waren zum Zeitpunkt der Erhebung in der Phase des beruflichen √úbergangs. Sie sind sehr heterogenen sozialen Milieus zuzuordnen. Da Discher nicht nur davon ausgeht, dass dem biografischen Erz√§hlen k√∂rperliche Erfahrungen zugrunde liegen, sondern auch, dass die individuellen Auffassungen vom eigenen K√∂rper die diskursiv-symbolischen Ordnungen von Gesellschaft repr√§sentieren, wurde in den Interviews die Kategorie K√∂rper nicht explizit thematisiert. Die jungen Erwachsenen waren lediglich dazu aufgefordert ihre Lebensgeschichte zu erz√§hlen. Die Auswertung erfolgte nach Rosenthal. Drei der vierzehn Interviews werden vertiefend in Form von biografischen Fallrekonstruktionen dargestellt.

Im Ergebnisteil, dem dritten Abschnitt der Studie, werden zun√§chst die k√∂rperlichen Subjektpositionen herausgearbeitet. Dabei werden k√∂rperbezogene Artikulationen in Bezug zu gesellschaftlichen Anspr√ľchen gesetzt. Es zeigen sich in den Fallverdichtungen Figurationen des disziplinierten, des √ľberwindbaren und des begrenzenden K√∂rpers, mit denen die jungen Erwachsenen individuell auf den gesellschaftlichen Diskurs um K√∂rperlichkeit antworten. Diese Positionen werden von Discher k√∂rpertheoretisch eingeordnet und als erlebte und ersp√ľrte Erfahrungen rekonstruiert. Erkennbar wird dadurch wie sich auf k√∂rperlich-leiblicher Ebene soziale Ordnungen sedimentieren. Im Ergebnis kann in dieser Weise von ihr gezeigt werden, dass die K√∂rper von jungen Erwachsenen in der Phase des beruflichen √úbergangs als zentrales und permanentes Medium der Bew√§ltigung fungieren. Damit ist auch f√ľr die (sozial-)p√§dagogische Diskussion um berufliche √úberg√§nge empirisch nachgewiesen, dass und auf welche Weise K√∂rper als Orte der Materialisierung symbolischer Ordnungen anzusehen sind. So werden von den Interviewten Erfahrungen stets in leib- und k√∂rperbezogene Narrationen √ľbersetzt. Discher vermutet mit Bezug zum Forschungsstand, dass dies deshalb geschieht, da soziale Interaktionen Gef√ľhle evozieren, die sich in grundlegende K√∂rperwahrnehmungen √ľbersetzen.

Als herausragend ist zudem ein weiteres Ergebnis der Autorin einzusch√§tzen. Sie kann zeigen, dass in den Interviews K√∂rper v.a. dann biografisch thematisch werden, wenn Handlungsf√§higkeit fehlt. Sie weist damit nach, dass gesellschaftlich desintegrative Prozesse ‚Äď wie z.B. Erfahrungen des Scheiterns oder fehlender sozialer Anerkennung ‚Äď nicht nur √ľber K√∂rperlichkeit erfahren, sondern vordringlich k√∂rperlich-leiblich bearbeitet werden.
Wie diese Ergebnisse in Bezug auf die Differenzkategorie Alter (Jugendlichkeit) zu theoretisieren sind und wie die Kernkategorien (race, class, gender) dazu ins Verh√§ltnis gesetzt werden k√∂nnen, m√ľsse, so die Autorin, noch unbearbeitet bleiben. Das methodische R√ľstzeug dazu fehle. Das scheint angesichts der Forschungslage plausibel. Etwas schade ist jedoch, dass die Ergebnisse zwar an die Befunde der √úbergangs- und Bew√§ltigungsforschung r√ľckgebunden werden, eine weitere Einbettung in erziehungs- und bildungstheoretische und dar√ľber hinaus in sozialp√§dagogische Theoriehorizonte nicht vorgenommen wird, obwohl K√∂rperlichkeit auch als ‚ÄěReflexionskategorie f√ľr Bildungsprozesse‚Äú (S. 5) in den Blick genommen werden sollte. Allerdings verweist die Autorin sinnvoll auf die normativen Anspr√ľche ihrer Ergebnisse. So sei eine K√∂rperp√§dagogik, die auf Zurichtung und soziale Einhegung des K√∂rperlichen ziele, als nicht ad√§quat anzusehen.

Neben der W√ľrdigung der wichtigen Ergebnisse der Arbeit, kann √ľbergreifend festgestellt werden, dass die Studie den empirischen Zusammenhang von individueller K√∂rperlichkeit in Bezug auf den gesellschaftlichen Anspruch auf Employability theoretisch au√üerordentlich produktiv ausgearbeitet hat. In dieser Hinsicht erweist sie sich als grundlagentheoretischer sowie k√∂rpersystematischer Beitrag nicht nur f√ľr das Feld der Sozialen Arbeit, sondern auch f√ľr sozial- und erziehungswissenschaftliche Zusammenh√§nge.
Sylvia Wehren (Hildesheim)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sylvia Wehren: Rezension von: Discher, Kerstin: K√∂rper, Leib und Employability, Narrative Perspektiven junger Erwachsener auf den Aktivierungsdiskurs (Transformation des Sozialen ‚Äď Transformation Sozialer Arbeit, Bd. 9). Wiesbaden: Springer VS . In: EWR 20 (2021), Nr. 3 (Veröffentlicht am 07.07.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365829075.html