EWR 20 (2021), Nr. 4 (Juli/August)

Teresa Lehmann
Demokratiebildung und Rituale in Kindertageseinrichtungen
Die Vollversammlung im Spannungsfeld von demokratischer Partizipation und pädagogischer Ordnung
Wiesbaden: Springer VS 2020
(313 S.; ISBN 978-3-658-31498-9; 59,99 EUR)
Demokratiebildung und Rituale in Kindertageseinrichtungen In der pädagogischen Debatte um Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen ist die Frage umstritten, wie angemessen Gremien für die Beteiligung von jungen Kindern sind. Um die Umsetzung demokratischer Partizipation in einem solchen Gremium, den Vollversammlungen einer Kindertageseinrichtung, an denen Kinder im Alter von zweieinhalb bis sechs Jahren teilnehmen, geht es in der Studie von Teresa Lehmann. In einer ethnografischen Untersuchung rekonstruiert Teresa Lehmann in ihrer Dissertation das „Spannungsfeld von demokratischer Partizipation und pädagogischer Ordnung“ (Untertitel der Arbeit). Ausgangspunkt der Studie ist die Frage nach dem Verhältnis von Ritualen und Demokratiebildung in Praktiken demokratischer Partizipation in einer Kindertageseinrichtung.

Die Arbeit beginnt mit einer theoretischen Auseinandersetzung mit „Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen“ (Kapitel 2). Nach einem historischen Überblick zu Kindertagesbetreuung und Demokratie wird das Konzept „Die Kinderstube der Demokratie“ [1] sowie Kritik daran beleuchtet. Als Bezugstheorie für die Studie wird zunächst die deliberative Demokratietheorie nach Jürgen Habermas dargelegt, ergänzt durch einen Abriss radikaler Demokratietheorien nach Chantal Mouffe und Jacques Ranicère. Auf diese drei demokratietheoretischen Perspektiven bezieht sich Teresa Lehmann, um im empirischen Teil der Arbeit das normative Ideal deliberativer Demokratie durch das Mitdenken von Affekten sowie durch machtsensible Perspektiven auf demokratische Diskurse zu erweitern.

Als zweite Theorieperspektive werden „Rituale als performative Praktiken“ (Kapitel 3) ausgeführt. Der Ritualbegriff der Studie bezieht sich auf eine performance-theoretische Strömung in der Ritualforschung, die u.a. Teilnehmende an Ritualen als Akteur*innen anerkennt und Ritualen einen transformativen Effekt zuschreibt. Dieser praxistheoretisch inspirierte Zugang wird für die Studie gewählt, da Praxistheorien sich mit Machtstrukturen auseinandersetzen und davon ausgegangen wird, dass das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen in Kindertagesstätten machtvoll strukturiert ist. Es folgen anregende Ausführungen zur Performativität von Ritualen und zu Strategien zur Ritualisierung von Praktiken nach Catherine Bell. Den Abschluss des Kapitels bildet eine lesenswerte Auseinandersetzung mit Ritualen in Bildung und Erziehung, mit transformativen Bildungsprozessen sowie den pädagogischen Funktionen von Ritualen – in Hinblick auf Demokratiebildung – als Gemeinschaftsbildung, Differenzerzeugung und Disziplinierung. Hier erfolgt ein Exkurs zu Michel Foucaults Machtbegriff und seinem Verständnis von Disziplinarmacht.

In Kapitel 4 geht es um das „Forschungsprogramm“. Es beinhaltet den Forschungsstand – jeweils mit Bezügen zur vorliegenden Studie –, die Forschungsfragen, die Darstellung der Ethnografie als Forschungsstrategie, das Forschungsfeld und eine Analyse des Feldeinstiegs. Die zentrale Forschungsfrage, die sich mit ergänzenden Unterfragen aus der theoretischen Auseinandersetzung mit Demokratiebildung und Ritualen sowie dem Forschungsstand dazu ergibt, lautet: „Was passiert, wenn demokratische Partizipation von Kindern in der Kita ritualisiert wird?“ (S. 97).

Mehr als die Hälfte der Arbeit umfasst die „Darstellung der Forschungsergebnisse“ in Kapitel 5. In ihren Beobachtungen konzentriert sich Teresa Lehmann auf den Morgenkreis, der erst kurz vor Beginn der ethnografischen Erhebungen einmal pro Woche neu als Vollversammlung durchgeführt wird. Die Ergebnisdarstellung ist in vier Themen gegliedert: den Prozess der Einführung einer Vollversammlung, Disziplin im Morgenkreis, Herstellung von und Umgang mit Differenzen sowie Umgang mit den Anliegen der Kinder. Die Prozesshaftigkeit der Einführung einer Vollversammlung wird im ersten und umfangreichsten der vier Unterkapitel herausgearbeitet. Es wird deutlich, wie der Morgenkreis als zentrales Ritual der Einrichtung mit neuen Inhalten gefüllt wird, aber auch welche Herausforderungen mit der Einführung der Vollversammlung als demokratisches Beteiligungsgremium verbunden sind.

In ihren Analysen gelingt es der Autorin, Widersprüche zwischen pädagogischer und demokratischer Logik herauszuarbeiten. Ein wichtiger Befund ist, dass nicht immer klar ist, wer in der Vollversammlung Teil des Demos – der demokratischen Diskurs- und Entscheidungsgemeinschaft – ist. Zusammenfassend stellt sie fest, „dass das demokratische Potential der Vollversammlungen durch pädagogische Ritualisierungen gleichzeitig hergestellt und verstellt wird“ (S. 201).

Das zweite Ergebniskapitel zu Disziplin zeigt anschaulich auf, wie pädagogische Interaktionsrituale mit ihren disziplinierenden Machtbeziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen eine asymmetrische generationale Ordnung aufrechterhalten, die sich in der Kindertageseinrichtung zugleich als pädagogische Ordnung erweist. Gleichzeitig ermöglicht diese Disziplinierung erst die Durchführung der Vollversammlung als demokratisch gestaltetes Ritual.

Neben der Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen bzw. pädagogischen Fachkräften werden im dritten Ergebniskapitel weitere Differenzerzeugungen analysiert: die Unterscheidung in verschieden „große“ Kinder und weniger offen thematisierte Unterscheidungen entlang von Kategorien wie Gender oder Sprache. Die Analysen zeigen auf, wie in der Vollversammlung der Kindertageseinrichtung – die wie jede Institution von gesellschaftlichen Machtstrukturen durchzogen ist – Differenzen relevant werden und wie subtil der Umgang damit ist.

Dass und inwiefern die Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen auch für den Umgang der Erwachsenen mit Anliegen von Kindern entscheidend ist, verdeutlicht das vierte Ergebniskapitel. In diesem werden sehr anschaulich vier Praktiken von Fachkräften herausgearbeitet, wie die Anliegen von Kindern in den beobachteten Vollversammlungen (nicht) bearbeitet werden: durch das – oft redundante – Ausbreiten bestimmter Themen, durch rituelle AG-Gründungen, durch formale Abläufe, um ad hoc Vorschläge verschwinden zu lassen, sowie durch den Versuch individuelle Lösungen für Probleme in Dialogen zu erarbeiten. Gleichzeitig wird gezeigt, wie es Kindern dennoch gelingt, ihre Anliegen, z.B. durch Beharrlichkeit, in die durch das Gremium hergestellte Öffentlichkeit einzubringen, um gemeinsame Lösungen zu finden.

Der Ertrag der Studie liegt darin, Potentiale und problematische Aspekte von Vollversammlungen im Kontext der Anwendung von Modellen der Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen aufzuzeigen. In die Analysen der Forschungsergebnisse werden immer wieder theoretische Reflexionen einbezogen, die über die in Kapitel 2 und 3 dargestellten Theorieperspektiven hinausgehen. Insbesondere der Diskurs der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung zur generationalen Ordnung (vgl. Kapitel 5.1.4.), der mit der in den Analysen der Studie immer wieder konstatierten Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen in Verbindung gebracht wird, stellt eine wichtige Erweiterung der theoretischen Perspektiven zum Themenbereich der Studie dar.

Die Arbeit zeigt, wie die Ritualisierung eines Gremiums, das Kindern demokratische Partizipation ermöglichen soll, dazu beitragen kann, demokratische Prozesse zu verhindern. Beispielsweise müssen die Kinder eine bestimmte Form einhalten, um ihre Anliegen einzubringen, und erst wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, haben sie die Möglichkeit, Gehör zu finden und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Von anderen Arbeiten hebt sich die Studie nicht zuletzt dadurch positiv ab, dass der Partizipationsbegriff von vornherein klar ist, da es explizit um demokratische Partizipation geht. Insgesamt ist die Studie von Teresa Lehmann ein lesenswerter und inhaltlich weiterführender Beitrag zum Thema Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen, sowohl für pädagogische Fachkräfte als auch für Bildungs- und Erziehungswissenschaftler*innen. Die Analysen veranschaulichen das Spannungsfeld zwischen theoriebasierten bzw. pädagogischen Ansprüchen und der Umsetzung von Demokratiebildung im ritualisierten Gremium Vollversammlung und regen zu einer kritischen Reflexion von als „demokratisch“ intendierten Praktiken an.

[1] Hansen, Rüdiger; Knauer, Raingard; Sturzenhecker, Benedikt (2011): Partizipation in Kindertageseinrichtungen. So gelingt Demokratiebildung mit Kindern! Lizenzausg. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung.
Magdalene Schmid (Muttenz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Magdalene Schmid: Rezension von: Lehmann, Teresa: Demokratiebildung und Rituale in Kindertageseinrichtungen, Die Vollversammlung im Spannungsfeld von demokratischer Partizipation und pädagogischer Ordnung. Wiesbaden: Springer VS 2020. In: EWR 20 (2021), Nr. 4 (Veröffentlicht am 01.09.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365831498.html