EWR 11 (2012), Nr. 5 (September/Oktober)

Verena Eberhard
Der √úbergang von der Schule in die Berufsausbildung
Ein ressourcentheoretisches Modell zur Erklärung der Übergangschancen von Ausbildungsstellenbewerbern
Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag 2012
(271 S.; ISBN 978-3-7639-1153-0; 32,90 EUR)
Der √úbergang von der Schule in die Berufsausbildung Der √úbergang jugendlicher Schulabg√§nger von der Schule in eine Berufsausbildung ist in den vergangenen Jahren wesentlich schwieriger geworden und in Folge dessen verst√§rkt in den Fokus der Berufsbildungs- und Jugendforschung geraten. In diesem Kontext kann als eines der zentralen Desiderate der √úbergangsforschung die bislang fehlende Verkn√ľpfung individueller und sozialer Faktoren einerseits sowie institutioneller und marktlicher Zugangslogiken andererseits benannt werden.

Mit dieser Forschungsl√ľcke und den √úberg√§ngen an der sog. ersten Schwelle besch√§ftigt sich Verena Eberhard. Sie greift in ihrer Studie die politisch brisante und wissenschaftlich unzureichend untersuchte Frage auf, warum und mit welchen Ressourcen es einem Teil der Bewerber auf eine Ausbildungsstelle gelingt, in eine betriebliche Ausbildung einzum√ľnden und ein anderer Teil ‚Äď trotz hinreichender formaler Ausbildungsreife ‚Äď gezwungen ist, alternative Wege in der beruflichen Bildung bzw. gar au√üerhalb des Bildungssystems einzuschlagen. Verena Eberhard betrachtet in ihrer ressourcentheoretischen Analyse sowohl individuelle und soziale Faktoren in Form von personalem und sozialem Kapital der Bewerber als auch institutionelles Kapital als Ausdruck der Markt- und Systembedingungen. Dadurch wird es m√∂glich, das √úbergangsgeschehen in seiner Komplexit√§t abzubilden und √úbergangsprozesse als relationales Zusammenspiel angebots- und nachfrageorientierter Faktoren am Ausbildungsmarkt zu modellieren und zu erkl√§ren.

In den ersten f√ľnf Kapiteln entfaltet Verena Eberhard den theoretischen Rahmen ihrer Studie, mit der sie zugleich an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit√§t zu Bonn promovierte. Nach einer Einleitung bespricht sie zun√§chst organisationale bzw. ordnungspolitische Grundlagen der dualen Ausbildung (Kap. 2) sowie Zugangsregelungen und -logiken in eine duale Ausbildung (Kap. 3). Nicht zuletzt aufgrund der hohen individuellen Bedeutung eines qualifizierten Berufsabschlusses wird dargelegt, warum es notwendig ist, die Determinanten des √úbergangserfolgs genauer zu bestimmen. In diesem Kontext warnt sie deutlich vor einer ‚Äěfatalen‚Äú ‚Äěeinseitige[n] Akzentuierung von individuellen und sozialen Merkmalen im Rahmen der √úbergangsforschung‚Äú (42) und fordert nachdr√ľcklich ebenso institutionelle und marktliche Rahmenbedingungen zu betrachten.

Konsequent und folgerichtig erarbeitet Verena Eberhard im vierten und f√ľnften Kapitel ein flexibles ressourcentheoretisches Modell, das der √úbergangsforschung bislang fehlte. Dieses basiert auf institutionen- und ressourcentheoretischen Ans√§tzen, die ‚Äď wie die Autorin selbst herausstellt ‚Äď nicht ohne weiteres zusammengef√ľhrt werden k√∂nnen. Da die Institutionen jedoch Zugangsberechtigungen (i.S. von Eintrittskarten) verteilen, k√∂nnen die institutionellen Rahmungen aus der Perspektive der Jugendlichen jedoch als Ressourcen betrachtet werden, die den √úbergangserfolg determinieren (43 ff). Im Weiteren bestimmt sie zentrale Einflussfaktoren des √úbergangserfolgs auf Mikro- (Pers√∂nliches Kapital), Meso- (Soziales Kapital) und Makroebene (Institutionelles Kapital). Die Verwendung eines soziologisch gepr√§gten Kapitalbegriffs begr√ľndet die Autorin mit der Auffassung, dass damit auch Kapitalgeber und deren Motive in das Modell integriert werden (47). Verena Eberhard beschreibt in Kap. 5 die einzelnen Kapitalformen und bestimmt in diesem Rahmen deren ineinander verwobene Subdimensionen bzw. Elemente sowie den entsprechenden Forschungsstand. Deutlich herausgearbeitet wird dabei die √ľbergeordnete Bedeutung des institutionellen Kapitals, da es bestimmt, ‚Äěin welcher Form der Jugendliche soziales und personales Kapital √ľberhaupt nutzen kann, um sich einen Zugang zu beruflicher Ausbildung zu er√∂ffnen‚Äú (102).

Das sechste Kapitel befasst sich mit der Konzeption der empirischen Studie. Zun√§chst werden auf der Basis des Modells und des entsprechenden Forschungsstandes Hypothesen hergeleitet, welche unterschiedliche Sortierlogiken in betriebliche bzw. au√üerbetriebliche Ausbildung sowie den Verbleib im √úbergangssystem in den Blick nehmen. Im Rahmen der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2008 wurden hierzu ausbildungsinteressierte und formal ausbildungsreife Jugendliche repr√§sentativ befragt. Die Stichprobe enth√§lt Daten von ca. 3.000 Bewerbern und deren Verbleib nach Abschluss des Vermittlungsjahres. Sehr ausf√ľhrlich widmet sich Verena Eberhard der Operationalisierung zentraler Konzepte, wobei zum einen der kritische, vorsichtige Umgang mit dem Begriff der Ausbildungsreife und zum anderen die Konzeption einer regionalisierten, berufsspezifischen Angebotsquote hervorzuheben ist. An dieser Stelle werden bereits erste deskriptive Ergebnisse pr√§sentiert.

Das siebte Kapitel ‚ÄěErgebnisse‚Äú beginnt mit einer Darstellung der multivariaten Analysemethoden zur Pr√ľfung ihrer Hypothesen. Die Daten werden einer Regressionsanalyse unterzogen. Der Erkl√§rungsgehalt ihrer Modelle ist akzeptabel (161 ff u. 213) und ihre Ergebnisse sind weitestgehend erwartungskonform ‚Äď und dennoch innovativ. Ihr gelingt der Nachweis, dass neben personalem und sozialem auch das institutionelle Kapital Einfluss auf verschiedene Sortierlogiken der unterschiedlichen Systeme hat. Ausbildungsreife, Schulleistungen, Geschlecht, Berufsorientierung und soziales Kapital, Alter, Migrationshintergrund sowie die Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt determinieren die Chancen des √úbergangs in betriebliche Ausbildung. Diejenigen, die hier scheitern, k√∂nnen in eine au√üerbetriebliche Ausbildung eintreten, wenn ‚Äď pointiert ausgedr√ľckt ‚Äď sie alt genug, die Abschl√ľsse schlecht genug, gen√ľgend Pl√§tze vorhanden sind und sie bereits im √úbergangssystem waren. Damit best√§tigt Eberhard die Grundaussage ihres Modells, dass ‚Äědie institutionellen Rahmenbedingungen festlegen, welche Formen des personalen und sozialen Kapitals f√ľr den √úbergang erforderlich sind‚Äú (211). Jugendliche, denen kein Zugang zu einer (betrieblichen oder au√üerbetrieblichen) Ausbildung gew√§hrt wurde, verbleiben entweder im √úbergangsystem oder verlassen das Bildungssystem relativ dauerhaft. Vor allem Alter und Schulabschluss der Jugendlichen scheinen deren Entscheidungsverhalten an diesem Punkt zu beeinflussen. Die Befunde und Ergebnisse werden in Kapitel 8 ausf√ľhrlich diskutiert.

Abschlie√üend rekapituliert Verena Eberhard ihre Studie kurz und weist selbstkritisch auf einige problematische Aspekte der Untersuchung hin. Diese betreffen u.a. das Problem, dass das soziale Kapital nur unzureichend operationalisiert und gemessen wurde sowie dass das tats√§chliche Entscheidungsverhalten der Jugendlichen unber√ľcksichtigt bleibt (213 f). Die Autorin schlie√üt mit einigen offenen Forschungsfragen. Beispielsweise d√ľrfte es nicht nur von politischem Interesse sein, ob das Modell auch unter den gegenw√§rtigen Bedingungen des demographischen Wandels g√ľltig ist oder nunmehr wieder andere institutionelle Zugangslogiken und Ausformungen personalen und sozialen Kapitals bedeutsam sind.

Obgleich einige Redundanzen h√§tten vermieden werden k√∂nnen sowie die Operationalisierung ihres Modells etwas ungleich gewichtet und stark durch die zur Verf√ľgung stehenden Daten beeinflusst ist, bleibt festzuhalten, dass Verena Eberhard eine f√ľr die √úbergangsforschung richtungsweisende Studie pr√§sentiert. Sie offenbart unterschiedliche Sortierlogiken an der ersten Schwelle und zugleich ‚Äď politisch brisant ‚Äď den √ľbergeordneten Einfluss institutioneller Rahmenbedingungen auf das √úbergangsgeschehen. Das Buch ist gut strukturiert, gradlinig und direkt geschrieben. Viele Abbildungen und Tabellen erleichtern das Textverst√§ndnis und ein Glossar sowie eine Kurzdarstellung anderer relevanter Studien runden diese sehr gelungene Forschungsarbeit ab. Vor diesem Hintergrund ist dem Buch viel politische und wissenschaftliche Aufmerksamkeit zu w√ľnschen.
Robert W. Jahn (Jena)
Zur Zitierweise der Rezension:
Robert W. Jahn: Rezension von: Eberhard, Verena: Der √úbergang von der Schule in die Berufsausbildung, Ein ressourcentheoretisches Modell zur Erkl√§rung der √úbergangschancen von Ausbildungsstellenbewerbern. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag 2012. In: EWR 11 (2012), Nr. 5 (Veröffentlicht am 12.10.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978376391153.html