EWR 13 (2014), Nr. 6 (November/Dezember)

Edita Jung
Auf unvertrauten Pfaden
Der Übergang von der Kinderkrippe in den Kindergarten aus Sicht der pädagogischen Fachkräfte
Weinheim / Basel: Beltz-Juventa 2014
(270 S.; ISBN 978-3-7799-2554-5; 29,95 EUR)
Auf unvertrauten Pfaden Dem √úbergang vom Kindergarten in die Grundschule kommt in den letzten Jahren auf fachlicher, bildungspolitischer und gesellschaftlicher Ebene eine erheblich gewachsene Aufmerksamkeit zu. Eine intensive, wissenschaftliche Besch√§ftigung mit dem √úbergang von der Kinderkrippe in den Kindergarten steht derzeit allerdings noch aus. Nicht nur angesichts der Verankerung des Rechtsanspruchs auf einen Platz in einer Tageseinrichtung ab dem vollendeten ersten Lebensjahr, dem damit einhergehenden quantitativen Ausbau institutioneller Betreuungsm√∂glichkeiten f√ľr Kinder unter drei Jahren sowie der steigenden Anzahl an Kindern in diesen Betreuungssituationen, gilt es nun auch den √úbergang in den Kindergarten ‚Äď und damit auch denjenigen von der Krippe in den Kindergarten ‚Äď st√§rker in den Blick zu r√ľcken. Neben diesen strukturellen Aspekten er√∂rtert Edita Jungs Studie zudem etliche weitere Gr√ľnde daf√ľr, dem √úbergang von der Krippe in den Kindergarten eine gr√∂√üere fachliche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

In diesem Sinne wird bereits in ihren Darstellungen einiger sozialgeschichtlicher, bildungspolitischer, fachlicher und p√§dagogisch-inhaltlicher Aspekte der Kinderkrippe und des Kindergartens im zweiten Kapitel mehr als deutlich, dass zwischen diesen beiden fr√ľhp√§dagogischen Institutionen wesentliche Unterschiede bestehen. Der √úbergang zwischen ihnen l√§sst sich demnach nicht als ‚Äěnahtlose √úberleitung‚Äú (47) begreifen. Zudem machen Jungs pointierte Darstellungen im dritten Kapitel ‚Äď sowohl zum √∂kosystemischen Ansatz nach Bronfenbrenner, der Betrachtung von √úberg√§ngen als Bew√§ltigung kritischer Lebensereignisse nach Filipp und des Transitionsmodells nach Griebel und Niesel, als auch zu unterschiedlichen Studien, die sich mit verschiedenen institutionellen √úberg√§ngen in der fr√ľhen Kindheit befassen ‚Äď deutlich auf die Relevanz aufmerksam, die dieser √úbergang f√ľr die daran Beteiligten hat (und auch haben sollte). Gerade in Hinsicht auf die Anlage der Studie (s. u.) vermag zwar die Auswahl der hier vorgestellten theoretischen und empirischen Ans√§tze zu √ľberzeugen. Dennoch h√§tten hier etwa auch entwicklungspsychologisch und / oder kulturwissenschaftlich informierte Ausf√ľhrungen herangezogen werden k√∂nnen, um zus√§tzlich gewinnbringende Einblicke zur Frage nach der (Bildungs-)Bedeutung des √úbergangs f√ľr die von ihm 'betroffenen' Kinder leisten zu k√∂nnen.

Im Anschluss an diese theoretische Rahmung stellt Jung sodann im vierten Kapitel auf vorbildlich transparente Art und Weise die Anlage ihrer Untersuchung sowie ihr methodisches Vorgehen vor. Sie geht hier eingangs auf die √∂kosystemischen Annahmen ein, welche der Studie als ‚Äěheuristisches Rahmenmodell‚Äú (70) zu Grunde liegen. Die Bedeutsamkeit der Perspektive auf die √ľbergangsbezogenen subjektiven Theorien p√§dagogischer Fachkr√§fte wird vor diesem Hintergrund aus unterschiedlichen Blickwinkeln bedeutsam. So seien die Fachkr√§fte ‚Äěwichtige Akteure in [den] Mikrosystemen Kinderkrippe und Kindergarten‚Äú (67). Insofern komme ihren subjektiven Theorien, welche sie als implizit handlungsorientierende ‚ÄěKognitionen der Selbst und Weltsicht‚Äú (zit. nach Scheele und Groeben, 72) beschreibt, eine entscheidende Bedeutung hinsichtlich der Ausgestaltung des √úbergangs von der Krippe in den Kindergarten zu. Andererseits w√ľrden diese subjektiven Theorien als ‚ÄěAggregat der subjektiv wahrgenommenen Erwartungen und Einstellungen weiterer Akteure‚Äú (70) in einem mehr oder weniger stark ausgepr√§gten Zusammenhang zu den anderen Systemebenen des √∂kosystemischen Ansatzes stehen (andere Mikrosysteme, Mesosystem, Exo-, Makro- und Chronosystem). Letztlich st√§rkt sie diese Analyseperspektive dadurch, dass sie dem p√§dagogischen Handeln im Feld der Fr√ľhp√§dagogik hinsichtlich seiner ‚ÄěOrientierung und konkreten Ausgestaltung einen enormen Freiraum‚Äú (ebd.) einr√§umt, was gerade die beschriebenen Handlungsorientierungen zu einem interessanten Forschungsgegenstand mache. Schlie√ülich sei davon auszugehen, ‚Äědass das p√§dagogische Handeln dieser Fachkr√§fte ma√ügeblich die Qualit√§t der √úbergangserfahrungen der Kinder‚Äú (ebd.) pr√§ge.

Folglich geht es Jung nun im empirischen Teil der Arbeit darum, die √ľbergangsbezogenen subjektiven Theorien von 12 p√§dagogischen Fachkr√§ften aus sechs Krippen und f√ľnf Kinderg√§rten aus dem Nordwesten Niedersachsens herauszuarbeiten. Mit diesen Fachkr√§ften f√ľhrte sie episodische Interviews und wertete diese entlang des thematisch codierenden Interpretationsverfahrens nach Flick aus. Eine besondere St√§rke der Studie liegt dabei darin, dass sich die Kinderkrippen jeweils im Einzugsbereich einer der beteiligten Kinderg√§rten befinden. Denn hierdurch wurde es m√∂glich, den √úbergang einzelner Kinder von jeweils einer der Krippen in einen der Kinderg√§rten aus Sicht der an ihm beteiligten p√§dagogischen Fachkr√§fte zu rekonstruieren.

Die Ergebnisdarstellungen der Studie im f√ľnften Kapitel orientieren sich so anfangs auch an solchen ‚Äě√úbergangsgeschichten‚Äú einzelner Kinder (bspw. ‚ÄěFrau Krone, Frau Garn und der √úbergang von Dennis‚Äú, 103ff). Im Anschluss daran werden fall√ľbergreifende Leitthemen oder Kategorien (vgl. 125) der gef√ľhrten Interviews dargestellt. Nach Jung definieren die beteiligten Fachkr√§fte √úberg√§nge dabei √ľbergreifend als ‚Äěein Geschehen, das sich zwischen unterschiedlichen Dimensionen abspielt‚Äú (127), welches sie ‚Äöauf Basis‚Äô der mehr oder weniger relevanten ‚ÄěWissensdom√§nen‚Äú der biografischen Erfahrung, des Erfahrungswissens und des in formalen Rahmen erworbenen fachlichen Wissens (146) betrachten und gestalten. Dar√ľber hinausgehend lenkt Jung die Aufmerksamkeit auf Unterschiede, die die beteiligten Fachkr√§fte zwischen den Erfahrungsr√§umen der Krippe und des Kindergartens wahrnehmen und stellt methodisch-didaktische Aspekte der Gestaltung dieses √úbergangs in den Einrichtungen der interviewten Fachkr√§fte dar (bspw. zur Organisation der Zusammenarbeit oder etwa Abschiedsfeiern). Auch werden hier Einsch√§tzungen der Fachkr√§fte zur p√§dagogischen Arbeit in den jeweils anderen Institutionen sowie gegenseitige Erwartungen und Rollenverst√§ndnisse herausgearbeitet. Ferner wird der Blick auf die Eltern der Kinder im √úbergang von der Krippe in den Kindergarten aus der Perspektive der Fachkr√§fte gerichtet. Und letztlich fokussieren die Ergebnisdarstellungen die Sicht der Fachkr√§fte auf die Kinder im √úbergangsgeschehen ‚Äď d. h. darauf, wie diese die Kinder im Hinblick auf deren Erleben, die an sie gestellten Anpassungsforderungen sowie deren Bew√§ltigungsstrategien im √úbergangsgeschehen entwerfen. Im abschlie√üenden sechsten Kapitel fasst Jung sodann die Ergebnisse ihrer Studie zusammen und diskutiert diese im Hinblick auf einige ihrer Bezugstheorien.

Die Studie bietet nicht nur einen √§u√üerst vielschichtigen Einblick in die √ľbergangsbezogenen subjektiven Theorien der in die Untersuchung einbezogenen Fachkr√§fte. Dar√ľber hinaus verweist sie auf vielf√§ltige Reflexionsbedarfe und Anschlussm√∂glichkeiten f√ľr die weitere fr√ľhp√§dagogische Praxis und Forschung. So k√∂nnte es bspw. aus bildungstheoretischer Perspektive nachdenklich stimmen, wenn Jung schreibt, dass von allen Interviewpartnerinnen der √úbergang von der Kinderkrippe in den Kindergarten im Vergleich zum √úbergang in die Schule ‚Äěeher marginalisiert‚Äú (145) wird. Zudem gibt ihr zentrales Ergebnis, dass erhebliche Barrieren in der ‚ÄěKommunikations- und Kooperationsgestaltung zwischen Kinderkrippe und dem Kindergarten‚Äú (246) bestehen, einen Fingerzeig in Richtung eines besonderen Bedarfes an weiteren fach-/wissenschaftlichen Arbeiten oder Projekten, die sich intensiver mit dem Verh√§ltnis von Krippe und Kindergarten besch√§ftigen. Ebenfalls exemplarisch f√ľr die F√ľlle der Ergebnisse der Studie, die auf weitere Anschlussm√∂glichkeiten und -bedarfe f√ľr die fr√ľhp√§dagogische Praxis und Reflexion hinweisen, sei an dieser Stelle noch auf ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie verwiesen: So konstatiert Jung eine Form der bewussten Distanzierung und Relativierung der beteiligten Fachkr√§fte bez√ľglich eines auf dem Wege der Ausbildung oder √ľber Fortbildungen erworbenen Wissens, was wiederum auf besondere Reflexionsbedarfe hinsichtlich des Theorie-Praxis-Verh√§ltnisses im Feld der Fr√ľhp√§dagogik verweist.

Die gro√üe Spannbreite der Jungschen Perspektive l√§sst sich jedoch auch als zentrale Schw√§che der Untersuchung auslegen. Daher muss es die Aufgabe kommender Studien bleiben, viele der thematisierten Aspekte sowohl empirisch als auch theoretisch weiter zu durchdringen. So bieten bspw. die dargestellten √úbergangsgeschichten, die Ausf√ľhrungen zum Bild der Fachkr√§fte vom Kind im √úbergang, die rekonstruierten Perspektiven der Fachkr√§fte auf die Eltern oder der angesprochene Aspekt des handlungsleitenden Wissens der Fachkr√§fte in der Gestaltung des √úbergangs gen√ľgend Anlass, aus ihnen eigene Forschungsschwerpunkte zu machen. F√ľr solche Arbeiten stellt Jungs Studie jedoch eine reichhaltige und wichtige Grundlage bereit.
Gerald Blaschke-Nacak (Köln)
Zur Zitierweise der Rezension:
Gerald Blaschke-Nacak: Rezension von: Jung, Edita: Auf unvertrauten Pfaden: Der √úbergang von der Kinderkrippe in den Kindergarten aus Sicht der p√§dagogischen Fachkr√§fte. Weinheim / Basel: Beltz-Juventa 2014. In: EWR 13 (2014), Nr. 6 (Veröffentlicht am 04.12.2014), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377992554.html