EWR 18 (2019), Nr. 4 (Juli/August)

Bianca Bloch/ Peter Cloos/ Sandra Koch/ Marc Schulz/ Wilfried Smidt (Hrsg.)
Kinder und Kindheiten
Frühpädagogische Perspektiven
Weinheim: Beltz Juventa 2018
(312 S.; ISBN 978-3-7799-3763-0; 34,95 EUR)
Kinder und Kindheiten Der Herausgeber*innenband verspricht eine Sammlung von Beiträgen, die dezidiert eine frühpädagogische Perspektive markieren und ihr Hauptaugenmerk auf Kinder und Kindheiten als Forschungsgegenstand legen. Die Grundlage dieses Bandes bildet eine an der Universität Hildesheim abgehaltene Tagung der Kommission „Pädagogik der frühen Kindheit“ der DGfE. Im Gegensatz zu anderen Publikationen sollen hier nicht Institutionen und Institutionalisierungen im Fokus stehen, wobei diese gemäß ihrer Wirkmächtigkeit natürlich mit reflektiert werden. Vielmehr geht es primär darum, die Heterogenität der frühpädagogischen Forschungslandschaft zur Darstellung zu bringen. Dementsprechend handeln viele Beiträge des Bandes nicht davon, welchen Entwicklungen die Frühpädagogik unterliegt oder unterliegen sollte, sondern wie sich dies auf Kinder und Kindheiten auswirkt und wie man diesen Umständen als selbstreflexive Wissenschaft gerecht werden kann.

Die angeführte Perspektivverschiebung begünstigt es, die eigene Verstrickung in institutionelle Kontexte offen zu legen und zu reflektieren. Somit bietet der Band die Möglichkeit, selbstkritische Rückfragen an das Eigenverständnis des akademischen Feldes der Frühpädagogik zu artikulieren. Schließlich könnte dessen aktuelle Hochkonjunktur in der Aufmerksamkeitsökonomie der Sozial- und Bildungspolitik allzu schnell dazu verleiten, als Erfüllungsgehilfin des politisch Gewollten aufzutreten und demgegenüber eigene Forschungsanliegen und kritische Reflexionen aus dem Auge zu verlieren. Der Band ist dementsprechend ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass eine derartige Vereinnahmung bislang nicht (in Gänze) vorliegt. Nimmt man den Band als Ausdruck des Status quo der wissenschaftlichen Frühpädagogik ernst, so zeigt sich, dass die Disziplin „[d]as ungelöste Normproblem der Pädagogik“ [1] nach wie vor als relevant betrachtet und hier die Themen Kinder und Kindheiten einem tiefgreifenden Nachdenken aussetzt.

Die Beiträge des Bandes sind in fünf Unterkapitel eingeteilt. Wenngleich die Einteilungen nicht willkürlich sind, so sind einige Artikel jedoch in der Argumentation so breit aufgestellt, dass sie auch in anderen Kapiteln denkbar gewesen wären. Den Anfang macht das Kapitel „Theoretische Reflexionen frühpädagogischer Kindheiten“. Hierin fordern sowohl Sascha Neumann als auch Marc Schulz, die Frühpädagogik solle sich nicht nur auf die Erforschung von Kinderbildern konzentrieren, sondern ihre eigene Mitkonstruktion an diesen reflexiv einholen. Sascha Neumann macht dies anhand des Partizipationsdiskurses deutlich, während Marc Schulz dies mit Vergleichen zur Kategorie der Schüler*in aus der Schulforschung und der Adressat*in der offenen Jugendarbeit erläutert. Meike Baader unternimmt den ambitionierten Versuch, die Konzepte der relationalen Agency und der (Re-)Produktion generationaler Ordnungen durch Hinzunahme historischer Rahmungen auf einer mittleren Ebene der Pädagogik zusammenzudenken. Die Stärke des Beitrags liegt darin, so vielfältige Denkansätze zu verbinden und zu relationieren, während aber systematische Feinheiten zu Gunsten des metatheoretischen Überblicks nur kursorisch umrissen werden. Markus Kluge kann materialgestützt im Sinne von Wissenschaftsforschung argumentieren, dass die Kategorie Kind in der Soziologie der Kindheit umstritten ist. Was diesen als postfundamentalistisch markierten Einsatz von einer poststrukturalistischen Position abgrenzt, bleibt dabei etwas vage, ebenso ob dies im Widerspruch zu einer Perspektive systemtheoretischer oder phänomenologischer Provenienz steht. Gerd Schäfer entwickelt einen Kontrast zwischen Bildung und Kompetenz, wobei er durch Bezugnahme auf klassische Schriften verkündet, dass eine Verengung des Bildungsbegriffes auf Kompetenzen dessen aufklärerische Intentionen negiere.

Die Beiträge des zweiten Kapitels, „Historizität pädagogisierter Kindheiten“, können insofern als gelungen betrachtet werden, als dass diese weit mehr liefern als eine rein historische Vergewisserung des Bekannten. So können die Beiträge zur Verflochtenheit von Familie und Kindheit (Diana Franke-Meyer), zu wirkmächtigen pädagogischen Kindheitskonzepten seit Jean-Jacques Rousseaus Emile (Friederike Schmidt) und zur Briefkommunikation von durch Friedrich Fröbel inspirierten Wissenschaftler*innen (Ulf Sauerbey) als impulsgebend für aktuelle Theorie- und Empiriediskurse der Frühpädagogik gelesen werden. Diese Mitwirkungen an einer historischen Epistemologie der Frühpädagogik können Teile der Genese des frühpädagogischen Feldes nachzeichnen und lassen reflexiv werden, inwiefern sich Kontinuitäten und Diskontinuitäten innerhalb der Disziplin zeigen. Eine derartige historische Epistemologie der Frühpädagogik liegt derzeit, auch bedingt durch die Unschärfe des Forschungsgegenstandes, nur verstreut und rudimentär vor. Umso wertvoller ist es, dass diese Artikel als Teil dessen erachtet werden können.

Das Kapitel „Akteurschaften“ wird von Sabine Bollig mit einer praxistheoretischen Perspektivierung von Agency eingeleitet. Der Beitrag lebt von einer enormen logischen Stringenz, da er dieses Anliegen methodologisch präzisiert. Praxistheorie ist hier nicht nur ein Platzhalter für die Entscheidung für eine Methode, sondern Ausgangspunkt einer grundlagentheoretischen Erörterung, welche dann einleuchtend illustriert wird. Die daran anschließenden Beiträge eröffnen entlang von partizipationsbezogenen Gesprächen in Kinderbüros (Nicole Hekel), Kindertageseinrichtungen mit Hilfe- und Integrationsanspruch (Anna Beutin, Katja Flämig, Anke König) und geschlechtlichem Lernen (Alina Zils) empirische Blicke in verschiedene frühpädagogische Teilbereiche. Die Artikel eint eine ausgewogene Reflexivität gegenüber den Forschungsgegenständen, da hierin Feldspezifika eine angemessene Berücksichtigung finden. Der Beitrag von Iris Nentwig-Gesemann, Bastian Walther und Minste Thedinga zeigt in der Einspannung von Kindern als Expert*innen die Herausforderung auf, dass es einen schmalen Grat zwischen ethisch-empowernder Sensibilität und Romantisierung von Kindheiten gibt.

Im Kapitel zu „Kindheiten und Erwachsenheiten“ unternimmt Heinz Hengst eine Lesart von Entwicklungstheorien, die sich nicht in einer Dekonstruktion der gängigen Vorgehensweisen erschöpft. Sein Konzept „Differenzielle Zeitgenossenschaft“ wird hier theoretisch weiterentwickelt und anhand mitunter popkultureller Phänomene veranschaulicht. Mit Bezugnahme auf einen elaborierten Generationenbegriff rückt Hans-Rüdiger Müller die Bedeutung des Generationsverhältnisses für Kindheiten in den Fokus seiner Ausführungen. Dominik Krinninger, Kaja Kesselhut und Richard Sandigs Beitrag liefert Einsichten, wie Eltern mit Kindern den Übergang in die Grundschule wahrnehmen und gestalten, wobei dem „mit“ in den Beschreibungen eine wichtige Rolle zukommt.

Im letzten Kapitel, „Kinder und Bildung“, bringen die unterschiedlichen Ansätze verschiedene Nuancen frühkindlicher Bildungsfragen zum Vorschein. Jens Kratzmann findet quantitativ-empirisch (weitere) Belege für den Zusammenhang zwischen Lernumfeld und Kompetenzerwerb. Der Bildungsgehalt der Erweiterung des sozialen Umfelds wird von Nina Hover-Reisner, Maria Fürstaller, Wilfried Datler und Margit Datler im Hinblick auf schulischen Erfolg zum Thema gemacht. Melanie Kubandt entwirft eine frühpädagogische Perspektive auf „doing gender“, in welcher sie auch die Grenzen ethnografischer Forschungen im Hinblick auf die inkorporierten Aspekte der Dimension Gender anspricht. Eher phänomenologisch fundiert diskutiert Ursula Stenger das Thema der Wiederholung von Geschichten für Kinder und nimmt sich damit eines Themas an, dem unberechtigterweise wenig Aufmerksamkeit zukommt.

Für einen Großteil der Beiträge sind enorme Ambitionen kennzeichnend. Diese bieten wichtige Einsätze zu Diskursen wie relationale Agency, Epistemologie der Frühpädagogik, empirische Forschung und Entwicklungstheorie. Wenngleich das Format eines Sammelbandes es mit sich bringt, dass einige Aspekte innerhalb dieser vielschichtigen Diskurse nur angedeutet sind, kann das Buch insgesamt als ein gelungener Versuch betrachtet werden, die aktuelle Forschungslandschaft der Pädagogik der frühen Kindheit zu kartografieren. Zu den Stärken des Bandes gehören nicht nur die Heterogenität der Forschungs- und Denkstile, die hierin einen Platz finden, sondern auch die Demonstration des weit ausdifferenzierten Status quo vieler Diskurse der Frühpädagogik. Der Band kann zudem als weiterer Beleg dafür interpretiert werden, dass es für viele Protagonist*innen der akademischen Frühpädagogik wichtig ist, sich über Kernelemente des Feldes (hier die eingangs beschriebene erkenntnispolitische Perspektivverschiebung auf Kinder und Kindheiten) zu verständigen und diese multiperspektivisch zum Gegenstand der Auseinandersetzung zu machen. Damit reiht sich der Band in eine aktuelle Tendenz der Pädagogik der frühen Kindheit ein, grundlagentheoretische Diskussionen und Impulse aus der Forschung miteinander in Dialog zu setzen. Diese Koppelung ist mitunter in der Erziehungswissenschaft keine Selbstverständlichkeit, was es umso anregender macht, gelungene Formen dieser Verbindung präsentiert zu bekommen.
Es ist daher zu hoffen, dass einige Diskussionen des anregenden und informativen Bandes in Beiträgen oder auch Monografien weitergeführt und vertieft werden.

[1] Ruhloff, J.: Das ungelöste Normproblem der Pädagogik. Eine Einführung. Heidelberg: Quelle & Meyer 1979.
Lukas Schildknecht (Kassel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Lukas Schildknecht: Rezension von: Bloch, Bianca / Cloos, Peter / Koch, Sandra / Schulz, Marc / Smidt, Wilfried (Hg.): Kinder und Kindheiten, Frühpädagogische Perspektiven. Weinheim: Beltz Juventa 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.11.2019), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377993763.html