EWR 18 (2019), Nr. 4 (Juli/August)

Katharina Rosenberger
Unterrichten: Handeln in kontingenten Situationen
Weinheim: Beltz Juventa 2018
(340 S.; ISBN 978-3-7799-3784-5; 39,95 EUR)
Unterrichten: Handeln in kontingenten Situationen Im Fokus der Monographie von Katharina Rosenberger steht der Kontingenzbegriff, dessen Bedeutung für schulpädagogische Situationen Gegenstand der Untersuchung ist. Den Ausgangspunkt der Argumentation bildet die Beobachtung, dass Unterrichten – trotz vorhandener Handlungsroutinen der Lehrenden – zumeist unter Ungewissheiten und Ambiguitäten stattfindet und diese Spannungsmomente Aspekte von Unplanbarkeit implizieren. Die Allgegenwärtigkeit der Offenheit der Situation und die Tatsache, dass Ereignisse auch anders möglich sein können, soll im Hinblick auf schulalltägliche Praktiken analysiert werden. Die Autorin nimmt das konkrete Handeln auf der Ebene des Schul- bzw. Bildungssystems, der Ebene der Akteur/innen und als Herausforderung der Lehrer/innenbildung in den Blick und verfolgt das Ziel, mittels philosophischer und sozialwissenschaftlicher Theorien ein Kontingenzbewusstsein für schulpädagogische Situationen im aktuellen Diskurs zu schaffen.

Die Arbeit ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil des Buches werden in zwei Kapiteln Grundlagen des Verständnisses von Kontingenz aus philosophischer und sozialontologischer Perspektive vorgestellt. Im zweiten Teil der Publikation erfolgt dann die bildungswissenschaftliche Spezifizierung in insgesamt vier Kapiteln. In diesen wendet sich die Autorin zuerst der Bestimmung dessen zu, was unter Einnahme einer praxistheoretischen Perspektive als unterrichtliche Situation verstanden wird, bevor sie sich dem unterrichtlichen Handeln, dem Reflektieren dieses Handelns und dem Unterrichten-Lernen als Themenbereiche einer Theorie des pädagogischen Handelns widmet. Die Untersuchung ist nicht empirisch angelegt, sondern trägt Befunde zu den einzelnen Themenbereichen zusammen und verknüpft diese mit den in Teil 1 vorgestellten theoretischen Grundlagen.

In Kapitel 1 des Buches werden zunächst Überlegungen zur Konstitution sozialer Wirklichkeit vorgestellt und der nicht-individualistische Ansatz wird eingeführt. Die Abgrenzung der individualistisch von der nicht-individualistisch orientierten sozialontologischen Perspektive stellt die Autorin mittels eines Beispiels gut dar. Dazu wird die Deutung der zuvor beschriebenen pädagogischen Situation der ‚Schul(taschen)pflicht‘ mithilfe der beiden Ansätze vorgenommen. Der zweite Teil des Kapitels rückt die Bestimmung des Kontingenzbegriffs und seine zentrale Bedeutung in den Blick, um die nötige theoretische „Sensibilität für das Unbestimmte und Unbestimmbare im unterrichtlichen Handlungskontext“ (23) zu erreichen. In der Beschreibung des Kontingenzbegriffs geht Rosenberger zielorientiert und fokussiert vor und stellt dessen Bedeutung in Bezug auf die Fragestellung gut heraus, ohne sich in Details zu verlieren.

Im zweiten Kapitel zeichnet sie zunächst die Entwicklungslinien praxistheoretischer Ansätze nach und macht deutlich, dass sie als Forschungshaltung und nicht als Sozialtheorie zu verstehen ist. Danach werden Merkmale bzw. Grundzüge aufgezeigt und ausführlich erläutert sowie mit einer Fülle an Literatur in Beziehung gesetzt. Die grundlagentheoretische Auseinandersetzung im ersten Teil des Buches ist äußerst informativ und gut nachvollziehbar, sie bietet einen umfassenden Einblick für all jene, die sich mit Kontingenz oder Praxistheorie weniger intensiv beschäftigt haben.

In Kapitel 3 im zweiten Teil der Publikation thematisiert die Autorin Unterricht als soziale Angelegenheit und damit als soziale Praktik, wobei anschließend der „Blick auf Strukturelemente unterrichtlicher Praxis wie die einzelnen AkteurInnen“ gelenkt und „deren spezifische Rolle“ (114) herausgearbeitet werden soll. Dies wird anhand der begrifflichen Annäherung daran, was als unterrichtliche Situation zu verstehen ist, sowie der personalen und räumlich-materiellen Dimension des Unterrichts vorgenommen.

Unterrichtliches Handeln wird dann in Kapitel 4 als Umgang mit Kontingenzerfahrung betrachtet, wobei eine Verschiebung der Blickrichtung von der Gesamtsituation hin zur Tätigkeit des Unterrichtens und auf die Lehrperson stattfindet. Als situiertes Handeln und als Bewältigung von realen Unterrichtssituationen im Spannungsfeld von Gewissheit und Möglichkeit wird unterrichtliches Handeln mittels praxistheoretischer Ansätze näher bestimmt. Rosenberger argumentiert hierbei, dass ein Verständnis von Handeln als rein rational bestimmt und auf Intentionen zurückführbar zu kurz greift. Im Anschluss daran wird eine Vielzahl an Begriffen und weiteren Bezügen eingebracht, deren Relevanz nicht immer deutlich wird. In Kapitel 4.3 ‚Einen Sinn für eine Situation haben‘ werden bspw. die Begriffe Erfahrung, Verstehen, Wissen, Können und pädagogischer Takt eingebracht, wobei Abgrenzungen und Bezüge dieser Begriffe untereinander kaum dargestellt werden.

Die Kontingenzbewältigung wird in Kapitel 5 hinsichtlich der Reflexion der sozialen Praxis thematisiert, im Zentrum stehen Reflexionen vor und nach dem Unterricht. Zunächst wendet sich die Autorin der Frage zu, inwiefern didaktische Modelle aus verschiedenen Ansätzen mit der tatsächlichen Planungspraxis in der Ausbildung und bei erfahrenen Lehrpersonen übereinstimmen. Dazu werden empirische Studien vorgestellt, miteinander in Bezug gesetzt und kritisch diskutiert, bei denen einerseits kognitionstheoretische oder psychologische Modelle oder ethnographische Ansätze zu Grunde liegen. Sie leitet daraus schließlich ab, dass Planungen nicht als Qualitätssicherungsfunktion verstanden werden sollen, sondern als „Sicherung von pädagogischen Intentionen“ (230). Im zweiten Teil des Kapitels wendet sie sich dann dem kritischen Reflektieren, d.h. dem nachträglichen „Überdenken erlebter Unterrichtssituationen“ (198) zu, wobei das Kontingenzbewusstsein als zentraler Aspekt dient und die Bezüge zum ersten Teil der Publikation gut sichtbar werden.

In Kapitel 6 werden „die bisher erörterten Aspekte auf ihre Bedeutung für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern“ (257) diskutiert. Theoretische Kenntnisse und Praxiserfahrungen reichen laut Rosenberger nicht aus, um sich mit der kontingenten, unterrichtlichen Praxis vertraut zu machen. Vielmehr braucht es „die Entwicklung einer reflexiven Grundhaltung“ (258) und Reflexionsprozesse, um situationsabhängiges und fallbezogenes Knowing how zu entwickeln. Sie diskutiert die Beziehung wissenschaftlicher und praktischer Anteile im Lehramtsstudium und rekurriert darauf, dass in der Ausbildung zumindest grundlegendes Erfahrungswissen durch unterschiedliche Formen des Praxisbezugs geschaffen werden müsse und forschenden und reflektierenden Tätigkeiten eine hohe Bedeutung beizumessen sei. Die Argumentationen sind schlüssig und gut nachvollziehbar, die Überlegungen bleiben jedoch auf einer Metaebene, in der keine Konkretisierung der recht allgemeinen Aussagen vorgenommen wird. Fraglich ist demgegenüber natürlich, ob man diesem Anspruch unter Beachtung der Kontingenz im pädagogischen Handeln in der Lehrer/innenbildung überhaupt gerecht werden kann.

Das Resümee des letzten Kapitels ist als Resümee der gesamten Arbeit zu verstehen. Um in der Lehrer/innenbildung die Komplexität unterrichtlichen Handelns bewusst machen zu können und nicht nur die Ebene der Umsetzbarkeit von Handeln zu betrachten, sieht Rosenberger vor allem in dem sich aus praxistheoretischer Sicht ergebenden Aspekt der Kontingenz großes Potential. Entscheidend dafür ist ihrer Ansicht nach, pädagogisches Handeln als soziale Praxis und damit als situations- und kontextabhängig zu betrachten sowie diese als konkreten Fall zu verstehen, der den Lehramtsstudierenden durch reflexive Auseinandersetzung dabei hilft, eine offene Haltung gegenüber Ungewissheiten zu entwickeln.

Die Publikation gibt einen umfassenden Einblick in die Kontingenzthematik und bietet eine Fülle an Anregungen und Impulsen für die Betrachtung unterrichtlichen Handelns. Positiv hervorzuheben ist, dass die Ebene der Lehrer/innenbildung immer mitgedacht wird und zum Ende gesondert Aufmerksamkeit erhält, wobei auch aktuelle gesellschaftliche Transformationen einbezogen werden. Das macht die Arbeit besonders für Lehrerbildner/innen interessant. Die Bezugnahmen auf die praxistheoretische Perspektive erscheinen im zweiten Teil des Buches leider nicht konsistent, auch wenn Rosenberger es schafft, das Potential der Forschungshaltung für einen kontingenzbewussten Blick auf unterrichtliches Handeln herauszuarbeiten.
Sarah Drechsel (Kassel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sarah Drechsel: Rezension von: Rosenberger, Katharina: Unterrichten: Handeln in kontingenten Situationen. Weinheim: Beltz Juventa 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.11.2019), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377993784.html