EWR 20 (2021), Nr. 4 (Juli/August)

Edith Glaser / Ralf Mayer / Alexandra Retkowski (Hrsg.)
Sexualisierte Gewalt in schulischen Einrichtungen
Analysen und Konsequenzen für pädagogische Forschung, Ausbildung und Praxis
Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2020
(190 S.; ISBN 978-3-7799-6042-3; 24,95 EUR)
Sexualisierte Gewalt in schulischen Einrichtungen Der Sammelband ist aus einer Ringvorlesung an der Universität Kassel hervorgegangen (16), die in die dort 2018 geführte Debatte um die Aberkennung der Ehrenpromotion Hartmut von Hentigs einzuordnen ist. Die Perspektive auf von Hentig und die Frage nach seiner Rolle im Rahmen der Offenlegung des Systems sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule bildet eine Schlüsselstruktur für den Aufbau des Bandes. Macht und Sexualität in schulischen Institutionen werden dort ebenso behandelt wie disziplinäre und professionelle Herausforderungen und Versäumnisse, Vulnerabilität, Schweigen und Öffentlichkeit. Damit reiht sich diese Veröffentlichung in die stetig umfangreicher werdende Literatur zu sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten ein. Besondere Relevanz gewinnt sie dadurch, dass der Institution Schule dort vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zukommt.

Zu Beginn wirft Jürgen Oelkers ein Schlaglicht auf die Odenwaldschule, Gerold Becker und Hartmut von Hentig. Er beschreibt die in der Einrichtung kultivierten Strategien, sich gegenüber Offenlegungen von sexualisierter Gewalt zu immunisieren, Täter*innen zu schützen und Betroffene zu diskreditieren. Unterlegt ist dies mit dokumentierten Schilderungen ehemaliger Schüler*innen. Dass solche Dokumentationen keine Selbstverständlichkeit darstellen, verdeutlicht Oelkers mit einem „Fall verhinderter Aufklärung“ (28): Im Jahr 1999 verhallte eine erste öffentliche Thematisierung der Übergriffe durch Becker und andere Lehrkräfte. Für Oelkers ist hierbei weniger die ausbleibende gesellschaftliche Reaktion von Interesse als die sich zeigende Solidarisierung mit Becker. Kritisiert wird etwa das verhaltene Agieren der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Insbesondere ist es jedoch Hartmut von Hentig, dem Oelkers Fehlverhalten, Verharmlosung und das Fehlen jeglicher Empathie für die Betroffenen vorwirft (39).

Strukturell-psychologische Äquivalenzen in den Gewaltkonstellationen der Odenwaldschule und katholischer Klosterinternate arbeitet Peter Caspari heraus. Erscheinen diese Organisationen zunächst grundverschieden, so zeigt sich in der Analyse, dass die Gewaltkonstellationen auf vergleichbare Ursachenbündel zurückgeführt werden können. Diese werden mit Kategorien wie Selbstgewissheit und Selbstreferenzialität, Reputation der Einrichtung, instrumenteller Liebesbegriff sowie dem Fehlen von Maßnahmen der Sexualpädagogik und der Prävention von sexualisierter Gewalt beschrieben. Daraus werden Ableitungen für die Implementierung präventiver Strukturen gezogen und eine wertvolle Brücke von einer analytischen zu einer instruktiven Ebene geschlagen.

Patrick Meurs blickt erneut auf Hartmut von Hentig, in dessen Person eine „tiefe Tragik“ (74) liege. Für die Inkongruenz zwischen der „Referenz auf Humanität“ (67) im Werk von Hentigs und seiner als weithin unzureichend wahrgenommenen Positionierung bietet Meurs psychoanalytische Deutungen an. In von Hentigs Schriften spiegele sich eine in der Beziehung zu Becker manifestierte Idealisierung platonischer Liebe. Dies lasse sich als biographische Prägung deuten, die von Hentig durch die Verfolgung von Homosexuellen im Nationalsozialismus erfahren habe, und die zu „Blindheit für Beckers Taten“ (77) geführt habe. Tragisch sei nun das Zusammenwirken der ausgebliebenen Parteinahme von Hentigs für die Betroffenen mit dem langwährenden Klima öffentlichen Desinteresses sowie den reformpädagogischen Ausblendungen von Machtmissbrauch. Tragisch sei aber auch die Schwierigkeit der Erziehungswissenschaft, mit der Widersprüchlichkeit von Hentigs umzugehen. Der Beitrag endet mit der trivial scheinenden Forderung nach besserer Qualifizierung von Fachkräften, die zuvor getroffenen Überlegungen lassen jedoch die damit verbundenen immensen Herausforderungen aufscheinen.

Anschließend an diese therapeutisch informierte Sichtweise gibt Max Mehrick Einblick in seine persönliche Erfahrung von sexualisierter Gewalt. Er zeichnet ein eindrückliches Bild der Psychodynamik von Kindern, die Übergriffe durch Bezugspersonen erleiden. Schuld, Scham und Schweigen sowie eine Beschädigung der Vertrauensfähigkeit werden dadurch zu biographischen Konstanten. Ursächlich dafür seien neben der Gewalterfahrung bagatellisierende, ignorante oder vorwurfsvolle Reaktionen des Umfelds. Explizit werden erziehungswissenschaftliche Positionen adressiert, die eine relativierende oder gar befürwortende Haltung zu sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kindern transportieren. Nicht zuletzt reformpädagogische Leitmotive wie die „Nähe zum Kind“ oder der „Pädagogische Eros“ (92) ermöglichten es Täter*innen, ihr Handeln mit legitimierendem Vokabular zu verbrämen. Dass dies ausnahmslos als Gewalt zu werten sei, stellt Mehrick unmissverständlich klar. Das Entstehen einer Öffentlichkeit, die willens und in der Lage sei Betroffene zu hören und ihnen zu glauben, wird als Zäsur hin zu einer neuartigen Qualität im Verhältnis von Betroffenen und ihrer Umwelt beschrieben (91).

Unmittelbar verbunden ist der Text von Sonya Mayoufi, der Entwicklungen im Bereich der Prävention aus kindzentrierter Perspektive beleuchtet. Mayoufi appelliert an Institutionen und Fachkräfte, Verantwortung für das Wohlergehen von Adressat*innen zu übernehmen und in aktives Handeln zu übersetzen. Unterstützungsstrukturen seien oft zu hochschwellig, daher wird exemplarisch gezeigt, wie Fachkräfte Barrieren abbauen und auf Kinder und Jugendliche zugehen können (102). Mehricks Schilderung zur Psychodynamik betroffener Kinder wird in empirische Befunde zur Prävalenz sexualisierter Gewalt, möglichen Folgen und Hinweiszeichen eingebettet. Daraus erschließen sich die Herausforderungen, denen schulische Fachkräfte gegenüberstehen, und die nicht durch schematische Ansätze wie Risikoanalysebögen aufzulösen seien (104). Eine Transformation schulischer Kontexte zu Schutzorten wird abschließend grundlegend von der Bereitschaft der dort tätigen Akteur*innen abhängig gemacht, Betroffenen uneingeschränkt Glauben zu schenken und für sie Partei zu ergreifen.

Die Frage nach dem konkreten Umgang mit schulspezifischen Herausforderungen ist Gegenstand des Beitrags von Alexandra Retkowski, Julia Rohde, Ina Schäfer, Marianne Schäfer und Kevin Sennhenn. Sie explorieren sie anhand von Gruppendiskussionen mit Lehramtsstudierenden zu einem fiktiven Verdachtsfall. Analytischer Ausgangspunkt ist eine machttheoretische Perspektive, die die strukturellen Machtunterschiede zwischen Lehrkräften und Schüler*innen und die darin eingelagerten Bezüge zu Sexualität berücksichtigt. So wird das Orientierungsmuster „Kollegialität vor Professionalität“ erkennbar (114). Es verweist auf die Schwierigkeiten der Studierenden, ihre Identifikation mit der in der Vignette geschilderten Lehrkraft zu reflektieren und lässt Wissenslücken in Bezug auf die Dynamiken von sexualisierter Gewalt ebenso wie den Wunsch nach rascher Problembeilegung sowie eine mangelnde Berücksichtigung der Schülerperspektive aufscheinen. Diese Form der Fallarbeit wird als geeignete Methode erachtet, machtkritische Reflexionen in Aus- und Weiterbildungen anzuleiten (123).

Theresia Höynck und Sabrina Hurler ergänzen den Band um juristische Einordnungen. Ausgehend von den oft emotional aufgeladenen Erwartungen, die bei Fällen sexualisierter Gewalt insbesondere auf das Rechtssystem projiziert werden, nehmen die Autorinnen eine Klärung der Wirkungsgefüge rechtlicher Regelungs- und Normierungsmechanismen vor. Grundlagenwissen zu Straf-, Zivil- und Öffentlichem Recht wird konzise und nachvollziehbar vermittelt, stets mit dem Ziel, über Rechtsfunktionen und -theorien aufzuklären. Beispielsweise wird erläutert, warum Opferinteressen im Strafrecht keine hervorgehobene Aufmerksamkeit erfahren (135).

Ebenso ist es Anliegen der Verfasserinnen, Limitationen etwa bei der juristischen Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt oder der gerichtlichen Hervorbringung von Wahrheit aufzuzeigen (138). Auch wenn Höynck und Hurler betonen, die Thematik nur oberflächlich behandeln zu können, trägt der Beitrag erheblich zur interdisziplinären Qualität des Bandes bei.

Ralf Mayer erörtert das Verhältnis von Schweigen und Macht. Ausgehend von der Frage nach Barrieren der Offenlegung von sexualisierter Gewalt wird ein weiter diskursiver Raum erschlossen. Dessen Ankerpunkte sind das Gewaltgefüge der Odenwaldschule und seine Thematisierung, insbesondere durch Oelkers und Mehrick. Die darauf aufbauende Rückbindung an ein Theoriegerüst, in dem u. a. Aristoteles, Rancière und Butler Berücksichtigung finden (144 ff.), verdeutlicht die verkürzte Logik der Vorstellung einer einfachen Überwindung des Schweigens: Machtverhältnisse blieben unberücksichtigt und Betroffenen werde die Verantwortung zu sprechen auferlegt (149). Macht sei als konstitutives Merkmal pädagogischer Praxis anzuerkennen; sie zu ignorieren oder zu negieren, wie im reformpädagogischen Selbstverständnis teilweise geschehen, sei naiv bzw. fahrlässig (151). Der Beitrag endet in einer Betrachtung der Ambivalenzen in den unterschiedlichen Funktionen des Schweigens und Sprechens. Der öffentliche Resonanzraum etwa könne einerseits zwar das „einzige Mittel gegen ungewollte Intimität“ (154) darstellen, Betroffenen aber auch die Kontrolle über die eigene Geschichte entziehen.

Öffentliche Resonanz ist auch Thema von Fabian Kessl, der die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt als Praxis und Politik umreißt. Er setzt bei dem in den 2000er Jahren begonnenen Prozess sukzessiver Offenlegung gewaltförmiger Konstellationen an, der bislang nicht in eine „entsprechende Politik der Erinnerung“ gemündet sei (165). Aufarbeitung werde durch einen Präventionsdiskurs ersetzt (166), verlagere sich in politische oder wissenschaftliche Kontexte oder unterbliebe schlichtweg infolge der Schließung von Einrichtungen (167).

Angelehnt an die Arbeiten von Aleida Assmann entwirft Kessl ein Aufarbeitungsverständnis, das hinterfragt, was konkret aufzuarbeiten sei, warum erst spät ein Prozess der Aufarbeitung angestoßen wurde, in welcher Form und mit welchen Defiziten Aufarbeitung sich realisiere (169). Diese Fragen führen zur Benennung notwendiger Konsequenzen, etwa hinsichtlich einer adäquaten Berücksichtigung der Praxis und Politik von Aufarbeitung in erziehungswissenschaftlicher Theorie und Empirie (180).

Die Stellungnahme des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Kassel zur Aberkennung der Ehrenpromotion von Hartmut von Hentig schließt den eingangs eröffneten Themenbogen.

Der Band zeichnet sich durch seine Perspektivenvielfalt aus. Die Komplexität der Thematik findet eine gelungene Entsprechung in der Zusammenstellung von Überlegungen aus unterschiedlichen Disziplinen, Praxisbetrachtungen und aus Betroffenensicht. Gleichsam variantenreich ist der Charakter der einzelnen Beiträge. Praxisnah instruktive Texte sind ebenso vertreten wie Denk- und Reflexionsanstöße. Zu loben ist neben der guten Gesamtkomposition auch die thematische Stringenz der Beiträge. Eine chronologische Lektüre ist daher lohnend und einem breiten Publikum aus (insbesondere) Erziehungs- und Bildungswissenschaft oder Schulpraxis zu empfehlen. Wichtig zu wissen ist jedoch die besondere Aufmerksamkeit, die dem Kontext Odenwaldschule zukommt, auch wenn dessen Thematisierung zweifellos Generalisierungen ermöglicht. Die immer wieder vorgenommene Engführung auf die Spezifika der Odenwaldschule und nicht zuletzt die Befassung mit einzelnen Akteuren könnten ansonsten zu kleineren Irritationen führen, da Titel und Klappentext eine eher allgemeine Betrachtung des Handlungs- und Forschungsfelds Schule suggerieren. Angesichts der nach wie vor lückenhaften Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt im schulischen Kontext ist das Buch als wichtige Ergänzung der Fachliteratur zu werten.
Bernd Christmann (Münster)
Zur Zitierweise der Rezension:
Bernd Christmann: Rezension von: Retkowski, Edith Glaser, Ralf Mayer, Alexandra (Hg.): Sexualisierte Gewalt in schulischen Einrichtungen, Analysen und Konsequenzen für pädagogische Forschung, Ausbildung und Praxis. Weinheim/Basel: Beltz Juventa . In: EWR 20 (2021), Nr. 4 (Veröffentlicht am 01.09.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377996042.html