EWR 20 (2021), Nr. 1 (Januar/Februar)

Marcel Bois
Volksschullehrer zwischen Anpassung und Opposition
Die „Gleichschaltung“ der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens in Hamburg (1933-1937)
Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2020
(216 S.; ISBN 978-3-7799-6266-3; 29,95 EUR)
Volksschullehrer zwischen Anpassung und Opposition Im Fazit seines Werkes zur „Gleichschaltung“ der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens (GdF) in Hamburg spricht Marcel Bois in Anspielung auf seinen Buchtitel davon, dass sich kein eindeutiges Narrativ zur Geschichte des komplexen Wandels des Lehrervereins zu Beginn der NS-Zeit entwerfen lasse (199). Hinter Begriffen wie „Anpassung“, „Opposition“ und „Widerstand“ stehen Konzepte sowie Bewertungen, so dass die Klärung von „Gleichschaltung“ davon abhängt, welcher Definition man folgt. Wie gelangt Bois, Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, in seiner historisch-kritischen Studie mit solch konnotativen Begriffen zu neuen Erkenntnissen in der Geschichte des Hamburger Lehrpersonenverbands?

Mit der fünf Kapitel umfassenden Untersuchung bewegt sich der Autor in einem geschichtspolitischen Debattenfeld, das jüngst durch Beiträge zur Rolle von Max Traeger – dem ersten GEW-Vorsitzenden in der Nachkriegszeit – vor, während und nach dem Nationalsozialismus geprägt worden ist. Anders als biografisch akzentuierte Stellungnahmen, die Traeger eine hohe Bedeutsamkeit für die Integration der GdF in die NS-Strukturen zuschreiben [1], nimmt Bois‘ Studie einen davon abweichenden Ausgangspunkt ein. Im Rahmen eines Forschungsauftrags der Hamburger GEW steckt diese sich das Ziel, inmitten konkurrierender Geschichtsbilder zu ermitteln, „wie sich die Gesellschaft der Freunde und ihr Vorstand gegenüber der NS-Ideologie und NS-Politik verhielten“ (20). Damit ist die Frage verknüpft, ob die vergangene Verbandspraxis eher als widerständig, anpassend oder ambivalent einzuschätzen ist. Dass die Forschungsperspektive so kategorial einordnend eingenommen wird, dürfte mit einem konkreten „Kulturanlass“ zusammenhängen: Eine 1988 von der Hamburger Kulturbehörde an das Curio-Haus montierte Gedenktafel spricht u. a. von der „zwangsweise[n]“ Eingliederung der GdF in den NS-Lehrerbund (17). Dass der Tafeltext als Erinnerungsproduktion und die Hamburger GEW als spezifische Erinnerungsgemeinschaft angesehen werden können, verweist auf die Bedeutsamkeit der Resultate von Bois‘ Studie über den Kreis historischer Expertise hinaus. Die Befunde dienen auch einer wissenschaftlichen Beglaubigung im umkämpften Feld der Erinnerungsgeschichte. Zu Recht spricht Bois neuere Forschungen an, denen zufolge die Macht der Nationalsozialist*innen nach 1933 nicht nur auf totalitärem Terror beruhte und Repression sich oft gezielt gegen bestimmte Gruppen richtete (21).

Während den wenigen Autor*innen, welche sich mit der Geschichte und „Gleichschaltung“ der GdF – teilweise unter neuen Perspektiven [2] – befasst haben, Quellen nur in begrenztem Maße zur Verfügung standen, konnte Bois auf den umfangreichen GEW-Bestand im Hamburger Staatsarchiv zurückgreifen, der noch nicht komplett erschlossen ist. Für die Auswertung wurden u. a. das Vereinsorgan, die Hamburger Lehrerzeitung (HLZ), Protokolle der Vorstandssitzungen und Mitgliederversammlungen sowie Korrespondenzen neben Personalakten der Schulverwaltung und der Mitgliederkartei des Nationalsozialistischen Lehrerbunds (NSLB) herangezogen.

Einleuchtend ist, dass im zweiten Kapitel der Blick auf die GdF in der Weimarer Republik fällt: Bois kontextualisiert breit, wie sehr der linksliberal orientierte Lehrerverein von Anfang an eine bejahende Position gegenüber der jungen Republik einnahm. Auch wenn die sozialdemokratischen und liberalen Akteur*innen dominierten, war zunächst mit kommunistischen, völkischen, deutschnationalen und NS-Anhänger*innen eine Vielfalt an Strömungen vertreten, die durch das pluralistische Selbstverständnis des Verbandsorgans auch eine Stimme erhielten (38). Man kann an dieser Stelle die Quasi-Typologisierung und vor allem die Gegenüberstellung von reformpädagogischen und völkischen Gruppierungen bemängeln. Der enge Fokus auf das Verbandshandeln bis hin zum Austritt einzelner Akteur*innen, die explizit politische Strömungen repräsentierten, verhindert die Identifizierung völkischer Ideologeme innerhalb des weiten Feldes der Reformpädagogik. Das ist in dem ansonsten überzeugenden Kapitel eine verpasste Gelegenheit – zumal einige Seiten später der Aufstieg der NSDAP in der Elbmetropole zu Beginn der 1930er Jahre mit fest verankerten völkischen Traditionen in Hamburg seit dem Kaiserreich in Verbindung gebracht wird (55). Auch mit der Betrachtung des letzten GdF-Vorstands vor der „Gleichschaltung“ merkt Bois an, dass ein Vorstandsmitglied, Ernst Matthewes, in Ernst Kriecks Buch „Nationalpolitische Erziehung“ Elemente moderner Pädagogik ermitteln konnte und dies womöglich ein Indiz für „gewisse programmatische Überschneidungen zwischen der Reformpädagogik und der nationalsozialistischen Erziehungswissenschaft“ (82) sei. Eine solch interessante Facette wird nicht weiterverfolgt.

Der Frage, die das zentrale dritte Kapitel begleitet, warum ein zuvor linksliberal eingestellter Vorstand scheinbar kampflos dem politischen Gegner im April 1933 seinen Verband überließ, wird von Bois geradezu mikroskopisch nachgegangen. Durch die Analyse werden drei Kontextverschiebungen plausibilisiert: Vor 1933 stand 14 Jahre lang ein SPD-Schulsenator einer Schulbehörde vor, in der viele Mitarbeiter*innen zur GdF zählten und Schulen in der Selbstverwaltung unterstützten. 1933 begann mit einem deutschnationalen Senator der personelle Umbau in der Schulbehörde (96). Aus dem internen Machtkampf in der Hamburger Sektion des NSLB ging mit Wilhelm Schulz ein GdF-Mitglied hervor, das in engem Kontakt mit der NSLB-Verbandsführung in Bayreuth stand (104). Innerhalb des Deutschen Lehrervereins (DLV), dem Dachverband der GdF, näherten sich bereits vor 1933 mehrere Zweigvereine völkischen Positionen an, so dass in Form von Rückkopplungen aus dem NS-affinen Spektrum des Hamburger Vereins eine Neuwahl der GdF-Führung gefordert wurde (115). Die von Bois erschlossenen Schritte der „Gleichschaltung“ ergeben eine irritierende Lektüre, obgleich ähnliche Prozesse in Behörden- und Regierungsämtern inzwischen – oftmals von unabhängigen Geschichtskommissionen – gut erforscht sind. In quellennaher „Sezierarbeit“ führt die Untersuchung vor Augen, dass der alte Vorstand kurzfristig eine Versammlung einberief, eine fertige Kandidatenliste mit knapp mehrheitlich dem NS-Spektrum angehörenden Mitgliedern präsentierte und in „Blockwahl“ mit Handaufheben formal rechtmäßig, aber im Bruch mit dem bisherigen Prozedere in einem resignativen Klima wählen ließ, in dem die Mitglieder in einer Art Pakt mit den Nationalsozialist*innen hofften, das Schlimmste verhindert zu haben (122): den Verlust der Vermögenswerte und der sozialen Kassen des Vereins. Das Heranzoomen an weitere Zwischenschritte in der „Gleichschaltung“ der GdF hin zum NSLB zeigt einen Verbandsalltag, der weitgehend im Gewöhnlichen aufging und in dem formaljuristisches Vorgehen geschätzt wurde, um dem Vorhaben Legitimität zu verleihen. So entstehen tiefenscharfe Bilder etwa zum individuellen Übertritt vieler Mitglieder in die NS-Organisation unter wahrgenommenem Druck (134), zur Übertragung des Vereinsorgans (147) oder zur Umwandlung des Lehrervereins in eine Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB. Auch wenn Nationalsozialist*innen den Verein seit 1933 kontrollierten, existierte de iure bis 1937 die GdF in Form der Abteilung als rechtsfähiger Verein innerhalb des NSLB, um Schenkungssteuern zu umgehen (154). Dies hatte zur Folge, dass etwa zwangspensionierte Lehrpersonen weiterhin den Kassen der GdF angehören konnten und eine gewisse soziale Grundversicherung behielten, was Bois nachvollziehbar als „Erfolg“ der aus der Retrospektive fragwürdigen Verhandlungsstrategie des GdF-Vorstands wertet (157).

Im vierten und letzten Kapitel zur Rolle der GdF-Funktionäre nach der „Gleichschaltung“ zeigt sich, wie methodisch reflektiert und zurückhaltend gegenüber zuspitzenden Interpretationen Bois das Thema von Anpassung und Opposition erkundet. Zu geheimen Treffen ehemaliger GdF-Vorstandsmitglieder in der NS-Zeit liegen zwar reichhaltige Quellen vor, jedoch stammen sie von beteiligten Akteur*innen und sind erst nach 1945 entstanden (173). Bois nähert sich dieser Frage mit dem Nachweis von Verflechtungen ehemaliger GdF-Mitglieder in mehreren Widerstandskreisen an, ohne sie angesichts der Komplexität verschiedener Bestimmungen von Widerstand restlos zu beantworten. Dabei geht er mit Wertungen behutsam um und richtet seine Lesarten an der nicht eindeutigen Faktenlage aus. Auch wenn sich der Umgang ehemaliger GdF-Vorstandsmitglieder mit dem Nationalsozialismus als uneinheitlich erwies, kann ein sich oppositionell verhaltender „harter Kern“ identifiziert werden (182).

Bois gelingt es insgesamt, komplexe, teils widersprüchlich wirkende Vorgänge der „Gleichschaltung“, affirmative und widerständige Alltagspraktiken sowie politische Zwänge und eigensinnige Akzentsetzungen plausibel zu erschließen. Die Lesenden werden sensibilisiert dafür, wie sehr das Verbandsorgan als seismografischer Apparat betrachtet werden kann, der Bewegungen und innere Entwicklungen aufzeichnete, bevor es zu äußerlichen Brüchen kam. Um den Binnenraum der GdF immer wieder auch verlassen zu können, werden in der Studie konsequent die politischen Verschiebungen im Deutschen Lehrerverein mitberücksichtigt. Zwar werden Verflechtungen zwischen völkischem, nationalem und reformpädagogischem Denken gestreift, diese aber nicht daraufhin befragt, inwieweit sie den Wandel der GdF hin zu einem Teil des NSLB mit vorangetrieben haben. Die Relevanz der Untersuchung wird dadurch jedoch nicht beschädigt. Bois‘ Beitrag nimmt Erinnerungsgeschichte als Ausgangspunkt ernst und unterwirft diese überzeugend einer quellenfundierten Kritik. Schließlich weitet die Studie ihre Aufmerksamkeit auf Optionen und Spielräume von pädagogischen Akteur*innen innerhalb des NS-Regelsystems aus, also auf Spuren, die in der gegenwärtigen – regionale Bildungsräume durchmessenden –Bildungsgeschichte stark diskutiert werden [3].

[1] H.-P. de Lorent (2017): Max Traeger. Biografie des ersten Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (1887–1960), Weinheim; M. Brumlik/B. Ortmeyer (2017) (Hrsg.): Max Traeger – kein Vorbild. Person, Funktion und Handeln im NS-Lehrerbund und die Geschichte der GEW, Weinheim.
[2] U. Schmidt (2006): Lehrer im Gleichschritt: Der Nationalsozialistische Lehrerbund Hamburg, Hamburg.
[3] J. Finger (2016): Eigensinn im Einheitsstaat. NS-Schulpolitik in Württemberg, Baden und im Elsass 1933–1945, Baden-Baden.
Andreas Hoffmann-Ocon (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andreas Hoffmann-Ocon: Rezension von: Bois, Marcel: Volksschullehrer zwischen Anpassung und Opposition, Die „Gleichschaltung“ der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens in Hamburg (1933-1937). Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2020. In: EWR 20 (2021), Nr. 1 (Veröffentlicht am 23.02.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978377996266.html