EWR 13 (2014), Nr. 3 (Mai/Juni)

Hans-Ulrich Grunder / Christian Finger / Yuliya Romanyuk / Tim Sommer / Patric Raemy
Der Lernstick in der Schule
Eine empirische Studie zur Akzeptanz und Wirkung eines Lerninstruments im Unterricht
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2013
(134 S.; ISBN 978-3-7815-1905-3; 29,90 EUR)
Der Lernstick in der Schule Nicht erst seit der digitalen Medialisierung des Unterrichts stellt sich die Frage, ob sich die Rolle des Mediums im Unterricht wandelt oder ob dieser Wandel durch Technisierung nur zugeschrieben wird. Fakt ist, dass sich die Medien wandeln. Der wissenschaftliche Diskurs zu digitalen Medien im Unterricht wird bisher verhalten gef├╝hrt. Medienhersteller argumentieren mit vielen Vorteilen wie beispielsweise h├Âherer Motivation, Entwicklung von Kompetenzen sowie der Verbesserung der Lernergebnisse. Auch Praxisratgeber f├╝r Lehrkr├Ąfte werben f├╝r digitale Medien. P├Ądagogische Mehrwertvermutungen werden jedoch kaum hinterfragt. Im deutschsprachigen Raum werden Studien zur Wirksamkeit digitaler Medien ├╝berwiegend von Stiftungen und Herstellern (ko-)finanziert. Die vorgelegte empirische Studie, die an Schweizer Schulen durchgef├╝hrt wurde, ist allein schon deshalb begr├╝├čenswert, stellt sie sich doch der Aufgabe, die Wirkung digitaler Medien in Lehr-Lernprozessen empirisch zu untersuchen.
Die Autoren untersuchen den Einsatz eines handels├╝blichen USB-Sticks, der in Schweizer Schulen eine hohe Verbreitung hat und der mit einem speziell f├╝r Schulen angepassten Betriebssystem und zahlreichen weiteren Applikationen (z. B. Lernprogrammen) ausgestattet ist. Die Studie intendiert, die Akzeptanz und Wirkung des USB-Sticks im Unterricht zu untersuchen. Dazu wurde eine Vergleichsstudie in drei ausgew├Ąhlten F├Ąchern durchgef├╝hrt. Gepr├╝ft werden sollte, ob Lernen mit dem USB-Stick dazu beitr├Ągt, mehr Fachkenntnisse und ├╝berfachliche Kompetenzen, h├Âhere Methodenkompetenz, vertiefte Sozial- und emotionale Kompetenz sowie erweiterte Selbst- und Pers├Ânlichkeitskompetenz aufzubauen und zu f├Ârdern. Im Forschungssetting wurden Untersuchungsgruppen mit Lernstick und Kontrollgruppen, die ohne USB-Stick, aber ebenfalls computerunterst├╝tzt lernten, wiederholt befragt. Mehr als 900 Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler f├╝nfter und sechster Klassen und weitere 259 Personen (Lehrpersonen, Schulleitende, ICT-Verantwortliche und Eltern) wurden befragt. Insofern liegt eine insgesamt beeindruckende Stichprobe vor.

Um es vorwegzunehmen, die empirische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass computerunterst├╝tztes Lernen mit USB-Stick zu gleichen Ergebnissen hinsichtlich der Kompetenzentwicklung f├╝hrt wie das computerunterst├╝tzte Lernen ohne USB-Stick. Das war erwartbar gewesen, nun ist es aber auch wissenschaftlich belegt. Die Untersuchungsergebnisse geben gleichzeitig deutliche Hinweise auf multidimensionale Einflussfaktoren im Umgang mit digitalen Medien im Unterricht. Weitere Ergebnisse der Studie sind, dass die Qualit├Ąt der Lernprogramme als nicht ausreichend eingesch├Ątzt wird und dieser f├╝r die Schule pr├Ąparierte USB-Stick au├čerhalb von Schule zu selten eingesetzt wird. Das f├╝hrt die Autoren zu der Empfehlung, den Lernstick unter p├Ądagogisch-didaktischen Aspekten weiterzuentwickeln, ihn mit geeigneter Software auszustatten und die Lehrkr├Ąfte im Umgang mit dem USB-Stick gezielt aus- und weiterzubilden. Dar├╝ber hinaus empfehlen sie die F├Ârderung der au├čerschulischen Nutzung des USB-Sticks. Alles in allem sehen sie damit die M├Âglichkeit, das Potential des Einsatzes des USB-Sticks vollst├Ąndig auszusch├Âpfen.

Der Theorieteil der empirischen Studie bildet eine gewisse Breite des wissenschaftlichen Diskurses zu Medien und eLearning mit einer durchaus kritischen Sicht ab. Die Autoren schaffen es aber nicht immer, sich zu einer eigenen Position zu entschlie├čen. Interessant erscheint hier die ph├Ąnomenologische Betrachtung des Mediums: der Lernstick wird als Personal Learning Environment im Rahmen von eLearning betrachtet. Folgt man diesem Gedanken, ist man jedoch eher bei Fragen zur Gestaltung von Lehr-Lernumgebungen (einschlie├člich des Einsatzes von Medien) als bei einer vorschnellen Inbezugsetzung zur Kompetenzentwicklung. Und genau das zeigen ja auch die Ergebnisse der Studie, indem multidimensionale Einflussfaktoren auf die Kompetenzentwicklung von Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern konstatiert werden. Damit ist man jedoch bei der Pr├Ąmisse angelangt, nach der bei der Planung von Lernangeboten die Lehr-Lerninhalte, p├Ądagogische Ziele und Methoden zu bestimmen sind. Zwar sind Methoden- und Medienentscheidungen in Bezug zu Ziel und Inhalt in didaktischen Ans├Ątzen unterschiedlich gewichtet, der Nachweis eines direkten Einflusses der Medienwahlentscheidung auf den Lernerfolg d├╝rfte indes schwer fallen, da f├╝r den Lernerfolg, wie auch die Hattie-Studie zeigt, insbesondere die Lehrkraft mit ihren auch situativen p├Ądagogischen Entscheidungen im Lernprozess eine herausgehobene Bedeutung besitzt. Wenn die Autoren also in der universalen Beurteilung von eLearning die Gefahr von Fehleinsch├Ątzungen sehen (19), kann man sich dem nur anschlie├čen.

Kompetenztheoretische Ausf├╝hrungen erscheinen aufgrund der Fragestellung und der Zielsetzung der empirischen Studie essentiell, geht es doch darum, die Wirkung des Lernsticks als Lernmedium auf die Kompetenzen der Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler zu untersuchen. Begriffe und Definitionen zur Kompetenz werden auch aus dem Lernbegriff heraus kritisch diskutiert, wobei auch auf eine Unterscheidung zwischen Kompetenz und Performanz hingewiesen wird. Dazu wird das Kompetenzmodell von J├╝rgens und Sacher [1] zu Grunde gelegt. Das Forschungsinteresse wird jedoch unerwartet und unter Verweis auf einen erweiterten Lernbegriff hinsichtlich Klassenklima, Selbstwert, Aufmerksamkeit u. a. erweitert. Diese neu im Forschungsinteresse stehenden Konstrukte werden theoretisch nicht gefasst und auch nicht auf ihre Messbarkeit hin untersucht.

Die Autoren differenzieren einerseits zwischen unterschiedlichen didaktischen Zwecken bzw. Funktionen des Medieneinsatzes. Obwohl der Lernstick selbst zahlreiche Applikationen enth├Ąlt (Arbeitswerkzeuge, Lehrprogramme, Lernwerkzeuge, Lernprogramme, Informatikprogramme), wird dieses Faktum jedoch andererseits nicht in die Untersuchung aufgenommen und nicht ausdifferenziert. Die Untersuchung fragt nur nach dem grunds├Ątzlichen Einsatz des Lernsticks. In dieser pauschalen Untersuchung eines Mediums liegt die grunds├Ątzliche Schwierigkeit. Gerade weil unterschiedliche Applikationen kategorisiert wurden, h├Ątte man die Verwendung der einzelnen Applikationen untersuchen m├╝ssen. Und man h├Ątte sich konsequent zu einer didaktischen Einordnung des USB-Sticks entschlie├čen m├╝ssen. So bleibt der USB-Stick ein Cham├Ąleon, indem er mal als Lernstick, mal als Lernbegleiter, Lerninstrument, Lernwerkzeug, Lernmedium, Arbeitswerkzeug oder mobiler Lernbegleiter bezeichnet wird.

Insofern w├Ąre es besser gewesen, das Untersuchungsdesign von vornherein anders anzulegen. Wenn Unterschiede zwischen den Gruppen mit und ohne Stick angenommen werden, h├Ątte man gerade die Mobilit├Ąt als Distinktion setzen k├Ânnen. Dar├╝ber hinaus h├Ątten eigens dazu ÔÇ×sinnvolleÔÇť Unterrichtseinheiten entwickelt und untersucht werden k├Ânnen, die ja ausdr├╝cklich von den Autoren angemahnt werden.

Insgesamt liefert die Studie zwar keine neuen Ergebnisse, sondern nur Belege f├╝r die in der Publikation an mehreren Stellen ausf├╝hrlich beschriebene Technikfalle. Aber es liegt eine sehr ambitionierte Arbeit vor, die insbesondere durch die Wahl der Messinstrumente besticht. Die Studie ist dem geneigten Leser zu empfehlen, der sich einen ├ťberblick zu der Thematik verschaffen will. Der besondere Wert der Arbeit wird in der Einordnung des Lernsticks in Personal Learning Environment (PLE) gesehen. Daran kann und sollte man in weiteren Untersuchungen ankn├╝pfen.

[1] J├╝rgens, E. / Sacher, W. (2008): Leistungserziehung und p├Ądagogische Diagnostik in der Schule. Grundlagen und Anregungen f├╝r die Praxis. Stuttgart: Kohlhammer.
Gabriele Graube (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Gabriele Graube: Rezension von: Grunder, Hans-Ulrich / Finger, Christian / Romanyuk, Yuliya / Sommer, Tim / Raemy, Patric: Der Lernstick in der Schule, Eine empirische Studie zur Akzeptanz und Wirkung eines Lerninstruments im Unterricht. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2013. In: EWR 13 (2014), Nr. 3 (Veröffentlicht am 04.06.2014), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378151905.html