EWR 17 (2018), Nr. 1 (Januar/Februar)

Thomas Strehle
Wandel der Schule – Wandel der professionellen Deutungsmuster?
Eine qualitative Studie im Rahmen des Transformationsprozesses zur Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg
Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2017
(228 Seiten; ISBN 978-3-7815-2182-7; 42,00 EUR)
Wandel der Schule – Wandel der professionellen Deutungsmuster? Reformen im Schulsystem müssen, wenn sie Transformationsprozesse anstoßen sollen, auch von Lehrkräften bearbeitet werden und können dabei sowohl Chancen als auch Risiken für deren Professionalisierung bergen. Thomas Strehle untersucht dies in der vorliegenden Dissertation anhand professioneller Deutungsmuster von Lehrkräften aus Baden-Württemberg, die den Entwicklungsprozess von einer Haupt- und Werkrealschule zu einer Gemeinschaftsschule (GMS) miterlebt haben. Im Fokus stehen dabei die durch den Entwicklungsprozess angestoßenen Veränderungen und deren Sinngebung durch die Akteurinnen und Akteure. Die Datenbasis bilden dafür halbstandardisierte Leitfadeninterviews, aus denen im empirischen Teil der Arbeit vier Typen des Umgangs mit den strukturellen Transformationsprozessen rekonstruiert wurden.

Die Studie ist in sechs Abschnitte gegliedert. Im ersten Abschnitt wird dargelegt, inwiefern Transformationsprozesse im Schulsystem Auswirkungen auf die Professionalität der Lehrkräfte haben können. Hierfür wird die Reform des Schulwesens in Baden-Württemberg im Jahr 2011/2012, welche die Umwandlung von Haupt- und Werkrealschulen in Gemeinschaftsschulen umfasst, in ihren wesentlichen Zielen – inklusive des damit in den Fokus gerückten längeren gemeinsamen Lernens – anschaulich dargestellt. Strehle argumentiert anhand bestehender Studien und Konzepte, dass Schulreformen nicht nur von der Institution, sondern auch von den einzelnen Professionsmitgliedern getragen werden und begründet u.a. in dieser Verschränkung die Fundierung seiner Studie in einem strukturtheoretischen Professionsansatz. Strehle liefert daneben – nach einer expliziten Abgrenzung gegenüber dem dargelegten kompetenzorientierten Ansatz – eine Verhältnisbestimmung der Begriffe Profession und Organisation. Hierbei wird Organisation als ein Teil von Struktur umrissen, wobei dem Begriff der Schulkultur besondere Bedeutung zukommt. „Schule als Organisation [...] schafft und strukturiert Situationen als Grundlage für professionelle Entscheidungen“ (19), wobei die jeweilige Schulkultur diese Situationen noch einmal je spezifisch sowie mehrperspektivisch ausgestaltet. So zeichnet Strehle ein „Konstrukt eines strukturell organisierten Raumes“ (20), in welchem der „Professionalisierungsprozess der Lehrkraft [...] in Abhängigkeit von der Schulkultur gedacht werden kann“ (21). Unter Hinzunahme des Transformationsbegriffs ordnet Strehle seine Arbeit als Governance-Forschung ein und verdeutlicht, dass es ihm nicht primär um das Nachzeichen von Steuerung, Rahmenbedingungen und Innovations- sowie Transformationsprozessen geht, sondern um die Rekonstruktion der Deutungen, die Lehrkräfte auf diese Bedingungen und Prozesse haben.

Im zweiten Abschnitt gibt Strehle einen Überblick über die Haupt- und Werkrealschulen und im dritten Abschnitt über die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg, „um die im empirischen Teil ermittelten Deutungsmuster in Bezug zu den schulorganisatorischen Transformationsprozessen setzen zu können“ (25). Anhand der Darstellung der jeweiligen Schülerinnen und Schüler und ihres Zugangs zum Ausbildungsmarkt, der Funktionen und Handlungsmöglichkeiten der Schulformen sowie allgemeiner Entwicklungen – wie einem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung oder des geringeren Besuchs von Haupt- und Werkrealschulen gegenüber anderen Schulformen – wird hervorgehoben, welche Bedeutung strukturelle Bedingungen haben. Darauf basierend untersucht Strehle die Frage, inwieweit die veränderten Strukturen in Baden-Württemberg veränderte Deutungen (und damit verändertes Handeln) auf Seiten der Lehrkräfte implizieren, indem er herausarbeitet, dass Strukturveränderungen „zu einem Anlass für Veränderungen des Handelns“ (39) werden können.

Im vierten Abschnitt widmet er sich der theoretischen Verankerung seiner Studie über die Begriffe Struktur und Individuum. Während bei makrosoziologischen Theorien über allgemeine Charakteristika von Gesellschaft „das Subjekt in seinen Handlungsbezügen“ (69) aus dem Fokus gerate, fokussiert Strehle das Verhältnis von einerseits Handlungsvorgaben und andererseits der Ausschöpfung von Handlungsspielräumen. Damit rücken auch das Subjekt und sein Handeln stärker in den Blick. Die Sicht auf Handeln „als Folge spezifischer Deutungen“ (71) macht deutlich, warum es sowohl einer Darstellung der Strukturveränderungen im Transformationsprozess als auch der Rekonstruktion der darauf aufbauenden Deutungsmuster bedarf: Die Strukturveränderungen liefern die Handlungsvorgaben, während die Deutungsmuster als Grundlage für die Ausschöpfung von Handlungsspielräumen dienen. In Bezug auf Giddens Theorie der Dualität von Struktur und Handeln zeigt Strehle auf, dass Strukturveränderungen nicht nur den Anlass für verändertes Handeln bilden, sondern das Handeln selbst immer schon in Strukturen eingebunden ist. Veränderungen auf Ebene der Schulstruktur sind somit einerseits der Rahmen, in welchem Deutungen vorgenommen werden können, und andererseits überhaupt erst der Auslöser für diese Deutungen. So zeigt Strehle, wie „Handeln und Struktur als sich gegenseitig bedingende Faktoren“ (79) zu denken sind und differenziert den Handlungsbegriff damit für das eigene Erkenntnisinteresse weiter aus.

Der empirische Teil der Arbeit findet sich im fünften Abschnitt. Strehle widmet sich zunächst der Rahmung seines Forschungsprojekts, wobei er weniger Forschungsdesiderata benennt als vielmehr Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu drei exemplarischen Studien – welche ebenfalls auf die Rekonstruktion von Deutungsmustern abzielen – aufzeigt. Strehle selbst arbeitet mit der Objektiven Hermeneutik und geht dabei sequentiell am Text des Einzelfalls vor, um Typen des Umgangs mit strukturellen Transformationsprozessen zu rekonstruieren. In den Darstellungen der empirischen Rekonstruktionen bilden sich die so ausdifferenzierten vier Typen und die ihnen zugrundeliegenden Deutungsmuster in unterschiedlicher Prägnanz ab. Strehle rekonstruiert – bis auf eine Ausnahme – jeweils anhand zweier Fälle aus seiner Studie und der sogenannten Nebenstudie sowohl je zwei Typen des Verharrens als auch zwei Typen der Bewegung im Rahmen der Transformation zur Gemeinschaftsschule. Dies geschieht jeweils sehr ausführlich und auch mit Blick auf die herausgearbeiteten vier Deutungsmuster – des Zweifels, der Manifestierung, der Innovation und der Separation – plausibel. Strehle zeigt beispielsweise auf, warum die zunächst vorgenommene Charakterisierung des dritten Typus („Ich will da hin“, 148ff) anhand der Begriffe Innovation und Distinktion nach der Rekonstruktion der Nebenstudie nicht aufrecht gehalten werden konnte. Der Mehrwert der Nebenstudien zeigt sich zudem am Deutungsmuster Manifestierung, welches erst durch die Analyse innerhalb der Nebenstudie deutlich konturiert erscheint. Über die Rekonstruktion des Interviewerverhaltens macht Strehle darüber hinaus sein reflexives Verhältnis zum eigenen methodischen Vorgehen deutlich.

Im sechsten und abschließenden Abschnitt fasst Strehle die Ergebnisse der Studie zusammen, bezieht die einzelnen Rekonstruktionen aufeinander und ordnet sie vor dem theoretischen Hintergrund ein. Die Ergebnisse der Studie führen zu der Aussage, dass der Aspekt der Selbststeuerung für die Lehrkräfte „der wichtigste Impetus war, um an einer GMS zu arbeiten“ (192) und der Aspekt der Inklusion dabei keine Rolle spielte (ebd.). Unter Rückgriff auf analoge Entwicklungen in Richtung erweiterter Selbststeuerung innerhalb der Erwachsenenbildung Mitte der 1990er-Jahre zeigt Strehle auf, dass die Grundlagen dieses Wandels einen Imperativ beinhalten, der unter Modernisierung vorrangig die Anpassung an markttypische Prozesse versteht. Wenn dies in der Folge zu einer Abstimmung von Unterrichtshandlungen mit von außen gesetzten Prämissen, hier derjenigen der Selbststeuerung, bedeutet, so müsse geklärt werden, inwieweit sich auch im „empirischen Material Tendenzen zur Deprofessionalisierung erkennen lassen“ (208). Deprofessionalisierung wird dabei vor dem Hintergrund des strukturtheoretischen Professionsansatzes betrachtet und Strehle macht so deutlich, dass Reformen sich also auch auf den professionellen Kern des Handelns von Lehrkräften auswirken.

Angesichts seiner Ergebnisse erscheint es für den Autor lohnenswert, die Lehrkräftebildung nicht nur unter dem Fokus der Kompetenzentwicklung in den Blick zu nehmen. Vielmehr erscheint ihm eine noch weiter ausdifferenzierte und auszudifferenzierende qualitative Forschung insofern bedeutsam zu sein, wenn diese der Frage nachginge, wie der professionelle Kern des Lehrkräftehandelns auch unter dem Einfluss von Reformen gewahrt werden kann. Diese Frage erscheint richtungsweisend, wenngleich Thomas Strehle keine Antwort hierauf formuliert, sondern sie als Desiderat ausführt. Die Lektüre der Dissertation empfiehlt sich für all diejenigen, die sich mit Fragen des Schulstrukturwandels in Bezug auf die hiervon betroffenen Professionellen auseinandersetzen. Zielgruppe sind dabei vorrangig auch jene, die sich bisher noch nicht näher mit der Objektiven Hermeneutik auseinandergesetzt haben, da die gestützte Leseführung im empirischen Teil einen guten ersten Eindruck vermittelt.
Alexandra Damm (Hildesheim)
Zur Zitierweise der Rezension:
Alexandra Damm: Rezension von: Strehle, Thomas: Wandel der Schule – Wandel der professionellen Deutungsmuster?, Eine qualitative Studie im Rahmen des Transformationsprozesses zur Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2017. In: EWR 17 (2018), Nr. 1 (Veröffentlicht am 26.02.2018), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378152182.html