EWR 20 (2021), Nr. 4 (Juli/August)

Ada Sasse/ Ursula Schulzeck (Hrsg.)
Inklusiven Unterricht planen, gestalten und reflektieren
Die Differenzierungsmatrix in Theorie und Praxis
Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt Verlag 2021
(378 S.; ISBN 978-3-7815-2417-0; 21,90 EUR)
Inklusiven Unterricht planen, gestalten und reflektieren Inklusiver Unterricht ist anspruchsvoll und erfordert neue Wege der Planung und Gestaltung. Ein Modell, mit dessen Hilfe inklusiver Unterricht entwickelt und reflektiert werden kann, stellt die Differenzierungsmatrix dar. Darunter wird ein Strukturgitter verstanden, das dabei unterstützt einen Lerngegenstand nach thematischer und kognitiver Komplexität auszudifferenzieren. Seit ihrer Entwicklung im Rahmen eines Thüringer Schulversuchs (2009 - 2015) durch die Autorinnen verbreitete sich dieses Modell im ganzen Bundesgebiet. Im Internet finden sich konkrete Vorschläge für derartige Matrizen, die vermutlich dem Bedürfnis vieler Lehrkräfte entgegenkommen, für die Komplexität des inklusiven Unterrichts eine konkrete Strukturierungshilfe zu erhalten.

Der vorliegende Band, herausgegeben von den Entwicklerinnen der Differenzierungsmatrix Ada Sasse und Ursula Schulzeck, stellt dieses Modell ausführlich dar. Im ersten Teil, unterteilt in sechs Unterkapitel, werden die pädagogischen und psychologischen Grundlagen erläutert. Der zweite Teil mit sieben Unterkapiteln konkretisiert die Anwendung für den Unterricht in einzelnen Fächern. Im dritten Teil wird am Beispiel zweier Schulen die Nutzung für Unterrichts- und Schulentwicklung vorgestellt. Der vierte Teil verdeutlicht in zwei Unterkapiteln Beispiele aus der Aus-, Fort- und Weiterbildung, in denen mit der Differenzierungsmatrix gearbeitet wurde. Als Autor:innen konnten Expert:innen aus Schule, Universität und Weiterbildung gewonnen werden, die sich theoretisch und praktisch mit der Differenzierungsmatrix vertieft beschäftigen und so wertvolle Einblicke eröffnen.

Im ersten Teil des Bandes, der die pädagogischen und psychologischen Grundlagen darstellt, wird zunächst ausführlich die Differenzierungsmatrix eingeführt. Interessant ist der Inklusionsbegriff der Autorinnen. Diese gehen von einem Teilhabefokus aus und stellen die bislang im Förderschulwesen vorherrschende fürsorgliche Orientierung auf einzelne förderbedürftige Kinder in Frage. Insofern sprechen sie von einer notwendigen Transformation der Schule, des Unterrichts und der Arbeitsfelder der Lehrkräfte. Im gesamten Buch beziehen sich die Beitragenden immer wieder auf Wolfgang Klafki, der Bildung als Selbstbestimmungs-, Mitbestimmungs- und Solidarisierungsfähigkeit versteht. Diesen Transformationsprozess hin zu einem derartigen Bildungsverständnis soll die Differenzierungsmatrix unterstützen. Eine weitere theoretische Auseinandersetzung erfolgt am „gemeinsamen Lerngegenstand“. Bereits Feuser selbst wehrt sich gegen ein naives Verständnis des Begriffs. Dem schließen sich die Autorinnen ausdrücklich an. Deutlich wird zudem herausgehoben, dass inklusiver Unterricht in Kooperation geplant und durchgeführt wird.

Die Differenzierungsmatrix geht auf das Lernstrukturgitter von Reinhard Kutzer zurück, der dieses in den 1970er und 80er Jahren für das Fach Mathematik entwickelte. Die Grundstruktur beruht auf zwei Achsen. Die eine Achse bildet die sich steigernde kognitive und die andere die sich steigernde thematische Komplexität ab. So ergeben sich drei Möglichkeiten, einen Lehrgegenstand zu differenzieren: Man kann entweder kognitiv komplexer werden, thematisch komplexer werden oder die Komplexität beider Achsen gleichermaßen steigern. Die Autorinnen stellen bereits im Einführungskapitel ausführlich und sehr konkret dar, wie man bei der Erarbeitung einer solchen Differenzierungsmatrix vorgehen kann. Es wird deutlich, dass sich die beiden angedachten Funktionen tatsächlich erfüllen lassen: Die Differenzierungsmatrix dient sowohl dazu, Kooperationen und didaktische Entscheidungen bei der Planung zu strukturieren, als auch der Unterstützung der Lernenden selbst, die durch den Einblick in die Matrix Informationen über den Lerngegenstand und den Lernweg erhalten.

Die lernpsychologische Begründung, verfasst von Bärbel Kracke, orientiert sich an Klassikern (Piaget, Aebli, Wygotski), stellt aber auch bezogen auf die neuere Forschung, etwa zur kognitiven Aktivierung, heraus, wie bedeutsam gerade der Aspekt der kognitiven Komplexität ist. Sehr konkret entwickelt die Autorin einen Rahmen mit fünf Ebenen kognitiver Komplexität, der für die Umsetzung in den einzelnen Fachdidaktiken genutzt werden kann. Die inhaltliche bzw. thematische Komplexität wird durch die beiden Herausgeberinnen anhand einer ausführlichen Diskussion des „gemeinsamen Gegenstands“ bearbeitet. Eine weitere bedeutsame Grundlage der Differenzierungsmatrix ist Kooperation. Dietlinde H. Vanier macht in ihrem Beitrag auf das auch empirisch belegte Dilemma aufmerksam, dass Kooperation zwar als relevant gilt, aber oft nicht angemessen realisiert wird. Eine wesentliche Herausforderung hoch differenzierter Unterrichtsumsetzung ist die Leistungsbewertung, die Verena Held beleuchtet.

Die Differenzierungsmatrix ist gut zur Dokumentation von Leistungen geeignet. Zur besonderen Berücksichtigung sachlicher und individueller Bezugsnorm eignet sie sich ebenfalls. Eine der maßgeblichen Grundlagen ist doppelte Anschlussfähigkeit, die soziale Anschlussfähigkeit an die Lerngruppe und die individuelle Anschlussfähigkeit an die persönliche Lernausgangslage. Die doppelte Anschlussfähigkeit dient als Orientierungsrahmen für die Leistungsbewertung, auch für die Notengebung.

Die Umsetzung der theoretischen Grundlagen wird im weiteren Verlauf des Buches mit hohem Konkretisierungsgrad verdeutlicht. Zunächst wird ein Interview von Kevin Zeitschel mit einer Lehrerin einer weiterführenden Schule abgedruckt, die mit der Differenzierungsmatrix arbeitet. Anschließend werden konkrete fachdidaktische Realisierungen für verschiedene Fächer und Jahrgangsstufen vom Anfangsunterricht bis zur Oberstufe vorgestellt; zu allen behandelten Fächern (Naturwissenschaften, Englisch, Musik, Kunst, Geschichte, Philosophie und Mathematik) werden konkrete Matrizen gezeigt. Zwei Beispiele der Unterrichts- und Schulentwicklung werden sehr ausführlich am Beispiel einer großen Gesamtschule aus NRW sowie einer Reformschule aus Thüringen nachvollzogen. Und schließlich findet sich auch das Konzept eines Workshops zur Weiterbildung sowie einer Weiterbildung „Matrix zur Matrix“. Letztere, zu der die Matrix auch abgebildet ist, zeigt die Nutzung einer Differenzierungsmatrix in der Erwachsenenbildung und kann für die Planung von Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen als Vorbild dienen.

Insgesamt liegt hier ein Buch vor, das die oft eingeforderte Brücke zwischen theoretischer Fundierung und praktischer Anwendung sehr gut schlägt. Auch aufgrund der Tatsache, dass die Differenzierungsmatrix weite Akzeptanz und Verbreitung erfährt, sie sich sehr gut auch auf digitalem Weg und kooperativ erstellen lässt und es zudem viele aktuelle Vorschläge und Diskussionen im Internet gibt, ist das Buch eine wichtige Grundlage für eine bereits jetzt anerkannte Methode. Natürlich erinnert die Differenzierungsmatrix an andere Möglichkeiten inklusiver Unterrichtsplanung, etwa die inklusionsdidaktischen Netze von Kahlert und Heimlich (2012) [1] oder die Lernleitern nach Girg, Lichtinger und Müller (2012) [2]. Der Unterschied ist wohl, dass die Strukturierung leicht zugänglich ist und die Differenzierung in zwei Richtungen (Thema und Kognition) eine noch fundamentalere Planung ermöglicht, die aber ergänzt, mitunter auch ersetzt werden kann durch andere Planungsinstrumente. Zudem eignet sie sich für weitreichende Prozesse der Schul- und Unterrichtsentwicklung. Eine konsequent durchgeführte Arbeit mit diesem Instrument kann nur möglich sein, wenn Schulen sich gemeinsame Planungszeiten geben, in denen sich professionelle Lerngemeinschaften entwickeln und Entwicklung angestoßen wird. Dann, diesen Schluss lässt das Buch zu, können prinzipiell alle Lerngegenstände für alle Kinder angeboten und von allen Kindern erschlossen werden.

[1] Kahlert, J. & Heimlich, U. (2012): Inklusionsdidaktische Netze – Konturen eines Unterrichts für alle (dargestellt am Beispiel des Sachunterrichts). In: Heimlich, U. & Kahlert, J. (Hrsg.), Inklusion in Schule und Unterricht. Wege zur Bildung für alle. Stuttgart: Kohlhammer, 153-190.
[2] Girg, R, Lichtinger, U. & Müller, Th. (2012): Lernen mit Lernleitern: Unterrichten mit der MultiGradeMultiLevel-Methodology (MGML). Immenhausen bei Kassel: Prolog Verlag.
Astrid Rank (Regensburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Astrid Rank: Rezension von: Sasse, Ada / Schulzeck, Ursula (Hg.): Inklusiven Unterricht planen, gestalten und reflektieren, Die Differenzierungsmatrix in Theorie und Praxis. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt Verlag 2021. In: EWR 20 (2021), Nr. 4 (Veröffentlicht am 01.09.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378152417.html