EWR 20 (2021), Nr. 5 (September/Oktober)

Benjamin Badstieber
Inklusion als Transformation?!
Eine empirische Analyse der Rekontextualisierungsstrategien von Schulleitenden im Kontext schulischer Inklusion
Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2021
(313 S.; ISBN 978-3-7815-2440-8; 44,00 EUR)
Inklusion als Transformation?! Gemeinsames Lernen und die damit einhergehenden Entwicklungen der Handlungskontexte von Akteur*innen in Einzelschulen empirisch zu beforschen, ist fĂŒr Inklusionsforschung ein bedeutungsvolles Thema. EinschlĂ€gige Studien zeigen auf, dass gerade in der Praxis schulischer Akteur*innen spannungsreiche Konstellationen entstehen. PĂ€dagogisch-normative AnsprĂŒche an inklusive Schulen, bildungspolitische Programme, administrative Vorgaben, organisationale Rahmenbedingungen und Handlungslogiken der Akteur*innen in der schulischen Praxis lassen sich nicht immer widerspruchsfrei zusammenfĂŒhren. Benjamin Badstieber setzt sich in seiner Dissertationsschrift in einer dreistufigen Mixed-Methods-Studie das Ziel, Schulleitende als Akteur*innen in Einzelschulen zu untersuchen, denen einerseits in der Untersuchung von (inklusiver) Schulentwicklung eine hohe Relevanz zugerechnet wird und die andererseits in der Inklusionsforschung noch wenig untersucht wurden. Dementsprechend erscheint das Forschungsdesiderat, das der Autor aufdeckt und bearbeitet, hochspannend und -relevant.

Zu Beginn arbeitet der Autor die Fragestellung heraus (Kap. 1) und setzt sich mit Theorien des schulischen Wandels auseinander (Kap. 2). Daran anschließend zeichnet er Inklusion als Begriff sowie als Entwicklung in Nordrhein-Westfalen (NRW) nach (Kap. 3 und 4). In den Kapiteln fĂŒnf und sechs fokussiert der Text Schulleitungen als Akteur*innen in (inklusiven) schulischen Kontexten. Die methodischen Überlegungen bzgl. des Mixed-Method-Designs sowie der qualitativen und quantitativen Teilstudien finden in Kapitel sieben Raum. Ergebnisse der Promotionsarbeit, die Diskussion dieser sowie daraus abgeleitete Bilanzierungen und Perspektiven werden in den Kapiteln neun bis elf dargestellt.

In der Konturierung eines soziologischen VerstĂ€ndnisses von Schule baut das Forschungsdesign v.a. auf der neuen Theorie der Schule nach Fend auf. Der Autor fokussiert dementsprechend Rekontextualisierungsstrategien von Schulleitenden in Schulen des Gemeinsamen Lernens. Diese nehmen eine Zwischenposition zwischen Bildungspolitik und -administration und den Akteur*innen in der Einzelschule ein und werden als zentrale Personengruppe entworfen, die AnsprĂŒche an die schulische Handlungspraxis fĂŒr diese rekontextualisieren und bestimmte Programme in Schulen etablieren wollen oder mĂŒssen. Als weitere theoretische SĂ€ule erarbeitet der Autor unterschiedliche VerstĂ€ndnisse von Inklusion, um anschließend eine Unterscheidung zwischen transformatorischen und systemkonformen VerstĂ€ndnissen von Inklusion zentral zu setzen (48). Dies erscheint mit Blick auf eine Untersuchung, die die Rekontextualisierung von TransformationsansprĂŒchen fokussiert, schlĂŒssig.

Vor dem Hintergrund der zentral gestellten InklusionsverstĂ€ndnisse resĂŒmiert der Autor inklusionsbezogene internationale, nationale und bundeslandspezifische (NRW) Entwicklungen sowie Forschung zu Schulleitenden und skizziert so umfassend, innerhalb welcher von spannungsvollen und teilweise paradoxen AnsprĂŒchen bestimmten Beziehungen Schulleitungen in der Realisation des Gemeinsamen Lernens in ihren Schulen handeln (mĂŒssen). So wird die Gestaltung einer Schule des Gemeinsamen Lernens immer wieder als „Balanceakt“ (94) herausgearbeitet, bei dem die Schulleitungen einerseits Gestaltungsmöglichkeiten haben, andererseits aber mit „PositionsschwĂ€chen“ (87) zu kĂ€mpfen haben. Wie sich der Balanceakt im Gemeinsamen Lernen gestaltet, zeigt der Autor prĂ€gnant in einer Beschreibung des (aktuell noch lĂŒckenhaften) Forschungsstands auf.

Die Mixed-Methods-Studie untersucht das Schulleitungshandeln in zwei unterschiedlich methodisch angelegten Teilstudien: Anhand der Daten einer deskriptiv sowie interferenzstatistisch ausgewerteten Fragebogenstudie erhebt der Autor u.a. die expliziten InklusionsverstĂ€ndnisse der Schulleitungen sowie ihre SelbstverstĂ€ndnisse im Umgang mit dem Gemeinsamen Lernen. Zentral arbeitet der Autor u.a. vier Cluster heraus, die unterschiedliche SelbstverstĂ€ndnisse der Schulleitenden angesichts des Gemeinsamen Lernens subsumieren: So bilden sich „ausgeprĂ€gte Gestalter mit geringer Belastung“ (157), „ausgeprĂ€gte Gestalter mit Belastung“ (ebd.), „Gestalter-Verwalter mit geringer Belastung“ (ebd.) und „Gestalter-Verwalter mit hoher Belastung“ (ebd.) ab. Die Komparation dieser Cluster macht deutlich, dass sich die miterhobenen Kontextfaktoren Schulform sowie Erfahrungen und Dispositionen als relevant fĂŒr die Zuordnung der Schulleitenden zu den Clustern ergeben. Insgesamt sind die Ergebnisse der quantitativen Studie weitgehend konform zu den aufgestellten Hypothesen und ĂŒberraschen im Abgleich mit dem Forschungstand zuerst einmal nicht. Allerdings finden sich durch die quantitative Studie bisher ĂŒberwiegend theoretisch angenommene Aspekte empirisch und forschungsmethodisch ĂŒberzeugend ĂŒberprĂŒft und (weitestgehend) bestĂ€tigt. Hierin ist ein großer Mehrwert der Studie zu sehen.

Mit Blick auf implizite WissensbestĂ€nde bietet das Buch Ergebnisse der qualitativ-rekonstruktiven Teilstudie des Mixed-Methods-Designs, in der zwölf Schulleitungen in problemzentrierten Expert*inneninterviews befragt wurden. Die Interviews wurden in Anlehnung an die Dokumentarische Methode nach Nohl ausgewertet. Zentrale Ergebnisse der Analyse sind vier Fallgruppen: „Transformatorisches Gestalten in widersprĂŒchlich erlebten Kontexten“ (183), „(Wett-)Eifern in belastend erlebten Kontexten“ (198), „Pragmatisch organisieren und Administrieren“ (213) und „Problematisieren und Delegieren in widersprĂŒchlich erlebten Kontexten“ (227). Nach der LektĂŒre bleibt der Eindruck, dass keine der Schulleitungen sich von einem auf Behinderung oder sonderpĂ€dagogischen Förderbedarf fokussierten VerstĂ€ndnis lösen kann bzw. will (257 ff.). Es stellt sich also die Frage, ob sich eine Transformation im Sinne einer Überwindung einer Zwei-Gruppen-Theorie, wie sie in den theoretischen Überlegungen skizziert wird (48), ĂŒberhaupt im Datenmaterial abzeichnet. Der große Mehrwert der qualitativ rekonstruktiven Studie wird aber in der differenzierten Darstellung der vier Fallgruppen deutlich. So eröffnet die Teilstudie neue Perspektiven und Ausdifferenzierungen des Wissens fĂŒr eine noch ‚junge‘ Schulleitungsforschung in inklusiven Kontexten.

Die Ergebnisse der beiden Teilstudien fĂŒhrt der Text in vier „[f]allgruppenspezifischen Rekonstexutalisierungsstrategien“ (253) und in „fallgruppenĂŒbergreifenden Rekontextualisierungsstrategien“ (263) zusammen. Diese sieht der Autor als Umsetzungsszenarien, die sich fĂŒr Schulleitungen innerhalb der eingeschrĂ€nkten Gestaltungsmöglichkeiten inklusiver Einzelschulen ergeben. Diese Szenarien lassen sich als weitere Abstraktion der Ergebnisse der Teilstudien verstehen. Aus forschungsmethodischer Sicht lĂ€sst sich diese weitere Abstraktion kritisch hinterfragen, da die Teilstudien unterschiedliche Wissensebenen adressieren (explizites Wissen vs. implizites Wissen) und so ggf. Differenzierungen der Teilstudien nivelliert werden. Gleichzeitig bietet diese Abstraktion den Lesenden eine kondensierte Darstellung ĂŒbergreifender Ergebnisse der beiden Studien, die der Autor abschließend fĂŒr Anregungen fĂŒr schulische Praxis sowie weitere Forschungsvorhaben nutzt.

In der Gesamtschau bietet das hier rezensierte Buch fĂŒr Forschende mit einem besonderen Interesse an Schulentwicklungsprozessen und Schulleitenden in Schulen des Gemeinsamen Lernens neue und hochrelevante Erkenntnisse bzgl. eines Forschungsfelds, das bisher zu wenig beleuchtet wurde. Gerade die beiden Teilstudien bieten einen breiten Fundus an AnknĂŒpfungspunkten, die in weiteren Forschungsvorhaben und einer differenzierten theoretischen Debatte aufgegriffen werden sollten.
Georg Geber (Siegen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Georg Geber: Rezension von: Badstieber, Benjamin: Inklusion als Transformation?!, Eine empirische Analyse der Rekontextualisierungsstrategien von Schulleitenden im Kontext schulischer Inklusion. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2021. In: EWR 20 (2021), Nr. 5 (Veröffentlicht am 25.10.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378152440.html