EWR 8 (2009), Nr. 3 (Mai/Juni)

Elke Driller / Saskia Alich / Ute Karbach / Holger Pfaff / Frank Schulz-Nieswandt (Hrsg.)
Die INA-Studie
Inanspruchnahme, soziales Netzwerk und Alter am Beispiel von Angeboten der Behindertenhilfe
Freiburg: Lambertus 2008
(172 S.; ISBN 978-3-7841-1800-0; 20,80 EUR)
Die INA-Studie Weder in den amtlichen Erhebungen zur Familien- und Sozialpolitik noch in der Public Health- oder Gesundheitswissenschaft ist bislang geklĂ€rt, wie die gesellschaftliche Angleichung der Lebenserwartung von Ă€lteren Menschen mit Behinderung die institutionellen Anforderungen an die Versorgung und Betreuung kĂŒnftig beeinflussen wird.

Der BrĂŒsseler Kreis, ein BĂŒndnis großer Sozialunternehmen aus Diakonie und Caritas, welches die Grundlagen fĂŒr die Bearbeitung der Thematik schaffen und zugleich unterstĂŒtzend eingreifen will, hat diese ForschungslĂŒcke erkannt. Unter dem Aspekt einer „Behindertenhilfe im Wandel“ sollen Möglichkeiten der Neuerung aufgezeigt werden, die gemeinsam mit dem Zentrum fĂŒr Versorgungsforschung und dem Seminar fĂŒr Sozialpolitik der UniversitĂ€t zu Köln in realistische Konzepte umgesetzt werden, ohne auch Fragen der betriebswirtschaftlichen Effizienz zu vernachlĂ€ssigen. In der genannten Kooperation wurde die INA-Studie mit dem Untertitel „Inanspruchnahme, soziales Netzwerk und Alter am Beispiel von Angeboten der Behindertenhilfe“ initiiert.

Ziel der Untersuchung ist es, nicht nur aus dem Blickwinkel der Angehörigen oder der gesetzlichen Betreuung, sondern auch aus der Betroffenenperspektive heraus zu ermitteln, was bei der kĂŒnftigen Sozialplanung bezĂŒglich des zu erwartenden Inanspruchnahmeverhaltens zu bedenken sei. Ein solches Unterfangen erscheint sehr anspruchsvoll. Verlangt es doch, ĂŒber Jahre vorab die Alterssituation von Menschen mit Behinderung zu prognostizieren. Die Autorinnen und Autoren wandten gemessen am Gesamtumfang der Studie viel Sorgfalt auf, um ihr Vorgehen bei der Erhebung des zu erwartenden Versorgungsbedarfs von Menschen mit Behinderung exponiert darzustellen. Folgerichtig stehen die AusfĂŒhrungen zum Ablauf der Studie mit einem guten Drittel ihres Gesamtumfanges an zentraler Stelle.

Den methodischen Rahmen bildet eine „Vollerhebung“. Um die gesuchten Informationen zu ermitteln, wurden zunĂ€chst Terminologien und Testinstrumentarien ausgewĂ€hlt und studienspezifisch angepasst. DarĂŒber hinaus wurden Datenerhebungsinstrumentarien des Bundesministeriums fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend genutzt, um die „Möglichkeiten und Grenzen selbstĂ€ndiger LebensfĂŒhrung“ (MUGSLA) durch selbst konstruierte Items zu verifizieren. Mit der Einbeziehung des Kölner Patientenfragenbogens (KPF), der auf dem Konzept der „UnterstĂŒtzenden Versorgung“ beruht und fĂŒr die „UnternehmensfĂŒhrung mit biopsychosozialen Kennzahlen“ entwickelt worden ist, wurde zudem noch eine abschließende Möglichkeit gesucht, um die „Menschen mit Behinderung als Experten ihrer selbst“ zum Erleben der Einrichtungen in einer reduzierten und leichten Version zu befragen.

Im dritten Kapitel werden die „Anspruchshalter Nutzer und Nutzerinnen der Einrichtungen des BrĂŒsseler Kreises, ihre Angehörigen sowie die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nach ihren soziodemographischen Merkmalen skizziert“ (57). Mit Bezug auf die Untersuchungspopulationen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihrer Angehörigen sowie der Menschen mit Behinderung erweisen sich nach Auffassung der Autorinnen und Autoren die Umstrukturierungen und (alters-) spezifische Anpassungen in der Infrastruktur des Wohn- und BeschĂ€ftigungsbereiches als differenzielle Variablen, um kommende VersorgungsansprĂŒche nach Alter, Geschlecht, Familienstand, Schulbildung oder beruflicher Stellung auszuloten. Die hier zusammengefĂŒhrten Befunde dokumentieren neben den Folgerungen aus der Alterung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso die Konsequenzen aus der Alterung der Menschen mit Behinderung. DarĂŒber hinaus werden die Konsequenzen aus den Befunden zur Geschlechtsverteilung und NationalitĂ€t diskutiert. Es zeigt sich in der Gesamtheit der Ergebnisse zunĂ€chst, dass die befragten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu ĂŒber einem Drittel zwischen 40- und 50 Jahren alt sind, dass die Menschen mit Behinderung in der Regel elterliche Angehörige haben, die selbst betreuungsbedĂŒrftig werden, dass bereits heute immer mehr Menschen mit Behinderung im Renteneintrittsalter sind und dass in den nĂ€chsten Jahren fast ein weiteres Drittel des Bewohnerinnen- und Bewohnerklientels aus der Werkstatt ausscheiden wird. Außerdem zeigt sich, dass die auslĂ€ndischen MitbĂŒrgerinnen und auslĂ€ndischen MitbĂŒrger mit Behinderung als eine neue Personengruppe gesehen werden kann, die Angebote der Behindertenhilfe nachfragt.

Im vierten Kapitel wird die Bedeutung sozialer Beziehungen herausgestellt. HandlungsspielrĂ€ume werden insbesondere ĂŒber die bessere Ressourcennutzung durch das „Konzept der Lebenslage“ (Schulz-Nieswandt 2006) definiert. Betrachtet werden „Netzwerkpersonen“; es werden „Soziale UnterstĂŒtzungsleistungen“, thematisiert, es wird die Bedeutung der „Laienhilfe“ erörtert und abgeklĂ€rt, inwieweit die „Professionalisierung“ diese wirksam ersetzen oder ergĂ€nzen kann. Das methodologische Herangehen kennzeichnet ein „multidimensionaler Ansatz, der die Personen transaktionalistisch in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt betrachtet“ (82) und von Schulz-Nieswandt (2006) im „Konzept der Lebenslage“ nach Überlegungen von Otto Neurath ausgearbeitet worden ist. BestĂ€tigt wird hier, dass die sozialen Netze von Menschen mit Behinderung nur schwach ausgeprĂ€gt sind, dass oftmals keine Familienangehörigen ihre Angehörigen mit Behinderung im höheren Lebensalter mehr pflegen können oder diejenigen, die bisher UnterstĂŒtzung leisteten, selbst zunehmend hilfsbedĂŒrftig werden. Die Autorinnen und Autoren der Studie verweisen desweiteren darauf, dass weitgehend unbekannt ist, ob die in den sozialen Einrichtungen TĂ€tigen hinreichend qualifiziert sind, um den sich wandelnden Anforderungen gerecht zu werden.

Die Inanspruchnahme von formalen Wohnangeboten ist das Thema des sechsten Kapitels. Im Pro und Contra der Inanspruchnahme professioneller Leistungen erscheinen hier strukturelle BeschrĂ€nkungen (constraints), daneben aber auch soziokulturelle Orientierungsmuster (frames), außerdem EinschrĂ€nkungen der individuellen Entscheidungssituation (bounded rationality) sowie langfristig gewachsene Überzeugungen (beliefs) und nicht zuletzt bewĂ€hrte Handlungsroutinen (habits) im Hinblick auf die betrachtete Population als maßgeblich fĂŒr kĂŒnftige Angebote der Behindertenhilfe. Als besonders sensibel fĂŒr die Wahl der Wohneinrichtung werden das pĂ€dagogische Konzept und die vorherrschende AtmosphĂ€re seitens der Studie erachtet. Außerdem stellt sich vor dem Hintergrund der steigenden Alterung behinderter Menschen (Driller/Pfaff 2006) fĂŒr Angehörige die Frage, ob die Versorgungsstrukturen derzeit ausreichen, um die steigende Anzahl schwerst-pflegebedĂŒrftiger Menschen mit Behinderung auch in Zukunft innerhalb der Behindertenhilfe versorgen zu können (141).

Die vorliegende Studie zieht Schlussfolgerungen aus der Überlastung der Familie, die durch gesundheitliche BeeintrĂ€chtigungen der zu pflegenden Angehörigen oder mangelhafte Wohnbedingungen verursacht sein können. Sie verweist darauf, dass die EntscheidungstrĂ€ger fĂŒr die Inanspruchnahme formeller Wohnangebote viel zu selten selbst die betroffenen Personen mit Behinderung sind. Und sie bestĂ€tigt, dass Angehörige und gesetzliche Betreuung deren ganztĂ€gige Versorgung nach Eintritt ins Rentenalter favorisieren. Die empirischen Befunde der INA-Studie sind perspektivisch bedeutsam. Über die Geschwindigkeit, mit der sich die Inanspruchnahme sozialer Netzwerke verschĂ€rft, sagt die Untersuchung derzeit allerdings noch wenig aus. Dies muss Gegenstand zukĂŒnftiger Forschungen sein. Die INA-Studie weist hingegen eindeutig darauf hin, dass eine solide empirische Datenbasis zwingend notwendig ist, um auf die kommenden Herausforderungen vorbereitet zu sein.

Die Erhebungen sind neu und systematisch erhoben. Hinzu kommt, dass in einigen Bereichen der Behindertenhilfe, so unter anderem in der Arbeit mit intellektuell beeintrĂ€chtigen Menschen, Anregungen dieser Art in der Vergangenheit wenig beachtet, ja teilweise auch ignoriert worden sind. Außerdem kommen die Betroffenen ĂŒblicher Weise selten zu Wort und es ĂŒberwiegt eine Fokussierung auf die tradierten Service- und FĂŒrsorgemodelle, vor allem in der Arbeit mit behinderten Menschen im Erwachsenen- und höheren Lebensalter. Vielen der in der Behindertenhilfe Verantwortlichen fĂ€llt es darĂŒber hinaus immer noch schwer, sich vom herkömmlichen, defizitĂ€ren Behinderungsbild abzulösen.

Allein die humanistische Forderung nach einem wĂŒrdevollen Leben verlangt, sich mit der Frage der Betreuung von Menschen in Sondereinrichtungen kritisch auseinanderzusetzen. Maßgeblich ist, dass bei einem Leben mit Behinderung auch und gerade im Erwachsenen- und höheren Lebensalter mangelndes Zutrauen, Infantilisierung, Fremdbestimmung, Verdinglichung, Respektlosigkeit und Verschleierung von Bevormundung nicht toleriert werden kann. Diese Forderung wird seit lĂ€ngerem auch seitens der Selbsthilfeorganisationen von Menschen mit Behinderung thematisiert. In Übereinstimmung mit der INA-Studie zeigen die AktivitĂ€ten der Selbsthilfegruppen auf, dass die ProfessionalitĂ€t in der Behindertenhilfe neu zu justieren ist. Wer mit einer Behinderung altern muss, will ganz gewiss nicht einer entmĂŒndigenden „FĂŒrsorglichkeit“ anheim fallen. Deshalb gilt es, Positionen und Postulate des professionellen Handelns perspektivisch zu hinterfragen – die Befunde der INA-Studie verstehen sich hierzu als ein wesentlicher Beitrag. Die Beteiligten des BrĂŒsseler Kreises hatten wiederholt mehr Planungsunsicherheit fĂŒr Sozialunternehmen politisch angemahnt. In Kooperation mit der UniversitĂ€t zu Köln wurden nun Ergebnisse vorgelegt, die sowohl als Sprachrohr der LebensentwĂŒrfe behinderter Menschen wie auch als Orientierungshilfe fĂŒr die Frequentierung sozialer Einrichtungen anzusehen sind.
Volker Kriegel (Köln)
Zur Zitierweise der Rezension:
Volker Kriegel: Rezension von: Driller, Elke / Alich, Saskia / Karbach, Ute / Pfaff, Holger / Schulz-Nieswandt, Frank (Hg.): Die INA-Studie, Inanspruchnahme, soziales Netzwerk und Alter am Beispiel von Angeboten der Behindertenhilfe. Freiburg: Lambertus 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 3 (Veröffentlicht am 05.06.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978378411800.html