EWR 21 (2022), Nr. 4 (Oktober)

Andreas Wernet
Einladung zur Objektiven Hermeneutik
Opladen, Toronto: Verlag Barbara Budrich 2021
(181 S.; ISBN 978-3-8252-5601-2; 10,00 EUR)
Einladung zur Objektiven Hermeneutik Wieder ein Einf├╝hrungstext in eine Methode der empirischen Forschung? Das Buch ist weit mehr und zugleich auch weit weniger als das. Andreas Wernet behandelt die grundlegenden Themen der Nutzung der Objektiven Hermeneutik zur Gewinnung eines Verst├Ąndnisses von Daten der sozialen Welt, ohne dabei den Eindruck zu vermitteln, dass die Schritt-f├╝r-Schritt-Anwendung einer Gebrauchsanweisung das Wagnis des eigenen Denkens umgehen k├Ânnte.

Aus vielen Jahren der Lehre und der Begleitung von Studierenden bei Forschungsvorhaben unter Anwendung der Objektiven Hermeneutik hat Wernet neun zentrale Themen oder Fragenkomplexe extrahiert, die f├╝r die Nutzung der Objektiven Hermeneutik von Bedeutung sind. Das Buch kl├Ąrt, welches Erkenntnisinteresse diese Methode hat (Kapitel 1), wie im Umgang mit Daten Erkenntnis errungen wird (Kapitel 2) und wie eine Fragestellung gefunden werden kann (Kapitel 3). Weiterhin werden grundlegende Hinweise zur Datengewinnung (Kapitel 4) und zur Auswahl der zu analysierenden Materialausschnitte (Kapitel 5) gegeben. Anhand konkreter empirisch gewonnener Daten wird beispielhaft der Umgang mit dem Material demonstriert (Kapitel 6) und erl├Ąutert, wie Einzelergebnisse zu generalisierbaren Aussagen synthetisiert werden k├Ânnen (Kapitel 7). Abschlie├čend wird auf die Bedeutung von Interpretationsgruppen zur Gewinnung robuster Interpretationsentw├╝rfe (Kapitel 8) und auf die Anspr├╝che an die Forscher:innen eingegangen, die sich dem Abenteuer Objektive Hermeneutik stellen wollen (Kapitel 9). Das Buch schlie├čt mit einer hilfreichen ├ťbersicht zu den Fragen ab, denen sich jedes Kapitel widmet. Mit Hilfe dieser ├ťbersicht kann der oder die interessierte Leser:in im Buch rasch jene Stellen aufsuchen, die zur Bearbeitung ihrer aktuellen Fragen an die Methode von Bedeutung sein k├Ânnten. Das Buch l├Ądt damit ein, chronologisch oder aber auch als Nachschlagwerk genutzt zu werden.

Im Allgemeinen wird die Objektive Hermeneutik h├Ąufig als sequenzanalytisches Verfahren dargestellt, bei dem konkurrierende Lesarten gebildet werden, um am Ende zu g├╝ltigen Aussagen zu kommen. Diese Texte k├Ânnen zum Teil als erkenntnistheoretische Grundlegungen gelesen werden oder als Kurzcharakterisierungen der Methode, mit dem Ziel, diese mit anderen Ans├Ątzen vergleichen zu k├Ânnen. Im vorliegenden Buch versucht Wernet, einen Mittelweg zu gehen. Einerseits erleben wir in seinen Ausf├╝hrungen hautnah, wie praktisch mit der Methode zu arbeiten ist (exemplarisch in Kapitel 6). Andererseits werden wir als Person, die dieses Buch liest, von Wernet nicht in Ruhe gelassen. Immer wieder werden wir beim Lesen in den Bann gezogen, uns mit dem eigenen Abenteuermut, mit dem eigenen Willen zum Denken und zur Gewinnung von Erkenntnis auseinanderzusetzen. Darin liegt f├╝r all jene Leser:innen, die den raschen pragmatischen ├ťberblick suchen und ein Know-How verwerten wollen, die schlechte Nachricht ├╝ber dieses Buch. Ganz im Gegensatz dazu zeigt der Text aber auf, wie der oder die qualitativ Forschende die Methode der Objektiven Hermeneutik nutzen kann, um an empirischem Material orientiert methodisch geleitet um Verstehen zu ringen.

Dieses Buch l├Ądt damit nicht nur dazu ein, die Methode der Objektiven Hermeneutik kennenzulernen. Wernet l├Ądt dar├╝ber hinaus zu einer Haltung des Forschens ein, die um ein eigenes, personalisiertes Engagement nicht herumkommt. Diese Einladung zur Objektiven Hermeneutik ist realistisch, ganz ohne n├╝chtern zu sein, und engagiert, ganz ohne missionarisch zu werden. Ich kann diesen Text nicht nur f├╝r Menschen empfehlen, die beginnen sich mit der Objektiven Hermeneutik vertieft auseinanderzusetzen, sondern er eignet sich auch f├╝r all jene, die sich der eigenen Forschungshaltung und Grundlegung vergewissern wollen.


Michael Scherf (Kassel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Michael Scherf: Rezension von: Wernet, Andreas: Einladung zur Objektiven Hermeneutik. Opladen, Toronto: Verlag Barbara Budrich 2021. In: EWR 21 (2022), Nr. 4 (Veröffentlicht am 11.11.2022), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978382525601.html