EWR 11 (2012), Nr. 5 (September/Oktober)

Ulrike Wels
Gottfried Hoffmann (1658-1712)
Eine Studie zum protestantischen Schultheater im Zeitalter des Pietismus
W√ľrzburg: K√∂nigshausen & Neumann 2012
(397 S.; ISBN 978-3-8260-4728-2; 48,00 EUR)
Gottfried Hoffmann (1658-1712) Mit ihrer im Jahre 2009 vom Fachbereich Germanistik der Universit√§t Potsdam als Dissertation angenommenen Studie √ľber den Zittauer Gymnasialrektor Gottfried Hoffmann, legt Ulrike Wels eine umfangreiche und detaillierte Einzelstudie √ľber einen Vertreter des protestantischen Schultheaters aus der Zeit des Pietismus vor, die in pr√§zisen Materialaufarbeitungen sowie in einer umfassenden Lekt√ľre sowohl von Forschungsliteratur als auch von Originalwerken gr√ľndet. Den Ausgang der Analysen und Betrachtungen bildet die Feststellung eines Bruches in der dramatischen Literatur Deutschlands zu Beginn des 18. Jahrhunderts, n√§mlich das vorl√§ufige Ende des Schultheaters. Vor diesem Hintergrund rekonstruiert Wels das Wirken und die Bedeutung Gottfried Hoffmanns als Schulmann und Schuldramatiker. Die Autorin m√∂chte damit einen Beitrag zur Erforschung des protestantischen Schultheaters leisten.
Die aus sieben Kapiteln bestehende Arbeit n√§hert sich der zu untersuchenden Thematik nach einf√ľhrenden biographischen Ausf√ľhrungen zu Gottfried Hoffmann zun√§chst aus einer dreifachen Perspektive: einer historisch-politischen, einer theologischen und einer p√§dagogischen. Dementsprechend beleuchtet Wels vor diesen kontextuellen Hintergr√ľnden in je einem Kapitel nicht nur die Person Hoffmann sondern v.a. die ihn pr√§genden politischen, theologischen und p√§dagogischen Hintergr√ľnde, Ziele und √úberzeugungen seiner Zeit, insbesondere des Pietismus, sowie seiner ihn beeinflussenden Zeitgenossen, haupts√§chlich August Herrmann Francke und Christian Weise. Das Resultat dieser Beschreibungen besteht schlie√ülich in der exemplarischen Charakteristik einer Person hinsichtlich ihres historisch gebundenen Denkens und Handelns. Obwohl die Autorin bei ihren Darstellungen eine Fokussierung auf historisch relevante Entwicklungen in der Oberlausitz gegen Ende des 17. Jahrhunderts intendiert, wirken die Ausf√ľhrungen streckenweise doch eher allgemein und formal aneinander gereiht und dadurch tendenziell f√ľr sich stehend. Dem Informationsgehalt tut diese Darstellungsweise keinen Abbruch, eine fokussiert analytische Lesart wird jedoch nicht unbedingt erleichtert, da der Leser Gefahr l√§uft, die F√ľlle der Verweise, Herleitungen und Bez√ľge trotz kapitelweiser Zusammenfassungen nicht mehr trennscharf auf die ausschlaggebenden Fragen und damit auf den Kern der Arbeit beziehen zu k√∂nnen.

In einem f√ľnften Schritt stellt die Autorin eine Zusammenschau der historischen Entwicklungen des Schultheaters bis zum Ende des 17. Jahrhunderts an. Es erscheint auf den ersten Blick einsichtig, dass Wels hier insbesondere auf das Schultheater Christian Weises eingeht, da Weise nicht nur der bedeutendste Vertreter der protestantischen Schuldramatik des 17. Jahrhunderts war, sondern weil er auch als Vorg√§nger Hoffmanns am Zittauer Gymnasium fungierte. Bei genauerer Betrachtung und vor dem Hintergrund des expliziten Hinweises der Autorin, Weise sei zwar in verschiedener Hinsicht Vorbild f√ľr Hoffmann gewesen, doch habe er sich in entscheidenden Punkten von ihm unterschieden, w√§re es an diesem Punkt w√ľnschenswert gewesen, wenn die einzelnen Darstellungen hier grunds√§tzlich st√§rker vergleichend angelegt worden w√§ren. Insgesamt h√§tte dieses zentrale Kapitel an Profil gewinnen k√∂nnen, wenn noch deutlichere erziehungs-, lern- oder bildungstheoretische Perspektiven auf das Schultheater eingenommen worden w√§ren.

Das sechste und umfangreichste Kapitel der Arbeit stellt eine ausf√ľhrliche Einzelanalyse bzw. Auslegung der von Hoffmann verfassten 16 Schuldramen dar. Dem fachlichen Selbstverst√§ndnis einer literaturhistorischen Arbeit entsprechend werden die St√ľcke hier in ihren wesentlichen inhaltlichen und formalen Aspekten charakterisiert und auf ihre Relevanz f√ľr das Verst√§ndnis der Hoffmannschen Schuldramatik hin beleuchtet. Gerade weil die f√ľr diese Arbeit grunds√§tzlich charakteristische umfassende und auch wissenschaftlich produktive Quellenarbeit in diesem Kapitel noch einmal sehr deutlich wird, muss an diesem Punkt angemerkt werden, dass eine pr√§gnantere p√§dagogisch-bildungstheoretische Lesart der St√ľcke zu einem weiteren Erkenntnisgewinn h√§tte beitragen k√∂nnen.

Die Arbeit versteht sich vor diesem Hintergrund selbst als ein doppelter Beitrag zur Erforschung des protestantischen Schultheaters und als Untersuchung des pietistischen Einflusses auf Kunst und Literatur zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Beides l√∂st die Arbeit im Rahmen ihrer Konzeption ein, wenn auch mit einer Einschr√§nkung: Zwar behandelt der Text auch Aspekte wie Auff√ľhrungsbedingungen und b√ľhnen√§sthetische Vorstellungen, jedoch beziehen sich die Analysen im Kern auf die Dramen Hoffmanns. Hieraus ergibt sich eine durchg√§ngige begriffliche Unsch√§rfe des Schultheaterbegriffs, da letztlich nicht zwischen einem Dramenbegriff und einem Theaterbegriff unterschieden wird. Nicht nur aus theaterhistoriographischer Sicht w√§re es m.E. hilfreich gewesen, systematisch zwischen Schultheater und Schuldrama zu unterscheiden. Vielmehr ginge es um die St√§rkung eines grunds√§tzlichen Blicks, der das Schultheater explizit in demjenigen Spannungsfeld erscheinen l√§sst, in dem es sich seit jeher befunden hat, n√§mlich im Zwischenraum von p√§dagogischen Zuschreibungen an seine Leistungsf√§higkeit hinsichtlich der Lern- und Bildungsprozesse der Sch√ľler und theatraler √Ąsthetik einerseits und andererseits zwischen den p√§dagogischen Wirksamkeiten des Dramenstoffes und den p√§dagogischen Wirksamkeiten seiner tats√§chlichen theatralen Auff√ľhrung. Diese Differenzierung h√§tte in der Arbeit noch systematischer in den Blick genommen werden k√∂nnen. Dies zeigt sich auch darin, dass die Arbeit insgesamt zwar detaillierte (literatur-)historische, allgemeinp√§dagogische und theologische, jedoch relativ wenige explizit theaterhistoriographische Ausf√ľhrungen beinhaltet.

Was leistet der Text also? Die Arbeit positioniert Hoffmann historisch, p√§dagogisch und dramentheoretisch zwischen Christian Weise (bzw. August Hermann Francke) und Johann Christoph Gottsched. Die damit verbundene umfassende Herausarbeitung des p√§dagogischen Ideals Hoffmanns, des ‚Äěhomo pius‚Äú, kann hierbei als eine Leistung der Arbeit gew√ľrdigt werden. Leider bleibt der wissenschaftliche Mehrwert der Besch√§ftigung mit Gottfried Hoffmann ansonsten oftmals etwas vage. Ein pr√§gnant anderer Blick auf das protestantische Schultheater bzw. auf den Einfluss des Pietismus hinsichtlich p√§dagogischen bzw. √§sthetischen Denkens ergibt sich zwar nicht, aber der Text stellt sowohl eine verdienstvolle Zusammenschau und Zusammenfassung von Quellen und verstreuten Forschungen dar, als auch eine detaillierte und systematisch aufgebaute Einzelfallbetrachtung, die in sich viele Einzelerkenntnisse b√ľndelt und dadurch einen wissenschaftlichen Mehrwert bietet, dass sie das p√§dagogische und √§sthetische Wirkungspotential des Pietismus noch einmal vor Augen f√ľhrt. Dar√ľber hinaus wird hier zum ersten Mal eine umfassende Aufarbeitung und Analyse der Dramen Gottfried Hoffmanns vorgelegt.

Ich lese das Buch somit als fundiert kontextualisierte historische Fallstudie, die v.a. in vielerlei Hinsicht den Stand der wissenschaftlichen Forschung res√ľmiert und durch die analytische Konzentration auf eine Person und ihr Werk insofern lesenswert ist, als die detaillierte Darstellungsweise die historische Gebundenheit des Schaffens und Denkens einer Person deutlich erfahr- und nachvollziehbar werden l√§sst. In dieser Lesart leistet die Arbeit einen tats√§chlich wertzusch√§tzenden wissenschaftlichen Beitrag ‚Äď nicht zuletzt wegen ihres ersch√∂pfenden Literaturverzeichnisses, das eine fundierte Quelle f√ľr weitere Besch√§ftigung mit dieser Thematik darstellt.
Leopold Klepacki (Erlangen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Leopold Klepacki: Rezension von: Wels, Ulrike: Gottfried Hoffmann (1658-1712), Eine Studie zum protestantischen Schultheater im Zeitalter des Pietismus. W√ľrzburg: K√∂nigshausen & Neumann 2012. In: EWR 11 (2012), Nr. 5 (Veröffentlicht am 12.10.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978382604728.html