EWR 15 (2016), Nr. 5 (September/Oktober)

Caroline Villiger / Ulrich Trautwein (Hrsg.)
Zwischen Theorie und Praxis
Anspr√ľche und M√∂glichkeiten der Lehrer(innen)bildung
M√ľnster: Waxmann 2015
(244 S.; ISBN 978-3-8309-3069-3; 39,90 EUR)
Zwischen Theorie und Praxis Die Aus- und Weiterbildung von LehrerInnen steht aktuell im gesamten deutschsprachigen Raum zur Diskussion. Nicht nur gegenw√§rtige Anforderungen wie standardisierte l√§nder√ľbergreifende Leistungsstand√ľberpr√ľfungen oder die Integration von Sch√ľlerInnen mit Fluchterfahrung und unterschiedlichen Voraussetzungen in dem Regelunterricht stellen LehrerInnen auf die Probe. Auch jene altbekannte Kritik, die universit√§re Lehramtsausbildung sei zu stark theoriegeleitet und es fehle die notwendige Praxiserfahrung bzw. es mangle an √úberschneidung der beiden Teilbereiche, zeigt die mannigfaltigen Anspr√ľche an die ausbildenden Institutionen. Es stellt sich die berechtigte Frage, wie und ob zwischen den beiden Ausbildungsschwerpunkten der LehrerInnenbildung eine zufriedenstellende Verkn√ľpfung m√∂glich ist und wie diese konkret aussehen kann. Caroline Villiger und Ulrich Trautwein nehmen sich dieser Herausforderung mit dem Sammelband ‚ÄěZwischen Theorie und Praxis‚Äú an.

Angesichts des Buchtitels soll dieser Raum zwischen den beiden gro√üen Ausbildungsschwerpunkten beleuchtet werden. Der Klappentext verspricht, verschiedene Aspekte im Diskurs um die LehrerInnenbildung zusammenzuf√ľhren und unterschiedliche Theorie-Praxis-Verbindungen wie auch konkrete Beispiele einer gelungenen Verkn√ľpfung darzustellen.

In drei gro√üe Bereiche gegliedert werden drei Themenkomplexe in das Zentrum der Betrachtung gestellt. Der erste Teil widmet sich den Herausforderungen und Anspr√ľchen der LehrerInnenbildung, der zweite thematisiert Vor- und Nachbesprechungen von Unterricht und beleuchtet Orte mit Br√ľckenfunktion und der letzte Teil illustriert f√ľnf konkrete Beispiele der Verbindung von Theorie und Praxis. Insgesamt listet der Sammelband neben der Einleitung zw√∂lf Einzelbeitr√§ge auf. Als lesefreundlich gestaltet sich die kurze Zusammenfassung zu Beginn eines jeden Beitrags.

Caroline Villiger wendet sich in der Einleitung der g√§ngigen universit√§ren Ausbildung von LehrerInnen zu. Grundlagen in den zu lehrenden F√§chern als auch erziehungs- und bildungswissenschaftliche Inhalte bilden allerorts die Basis, √ľber die Art und Weise der Praxiserfahrungen herrscht, aber wenig Konsens. In Bezug darauf formuliert die Autorin offene Fragen zur Organisationsstruktur der LehrerInnenbildung, zu den Auswirkungen institutioneller Vorgaben, zum Stellenwert von Praxisphasen im Studium und zur Bedeutung der Qualit√§tssicherung nach der Ausbildung.

Der Frage nach der Organisation des Lehramtsstudiums geht Peter Tremp im ersten Aufsatz des Kapitels ‚ÄěHerausforderungen und Anspr√ľche in der Lehrer(innen)bildung‚Äú nach. Anhand eing√§ngiger historischer Beispiele stellt er einen jahrhundertelangen Diskurs um die Ausbildungsmethoden dar, geht √ľber in die Besonderheiten einer theoriegeleitenden Vorbildung und bespricht divergierende Kompetenzen von Hochschulen und Universit√§ten. Besonders gelungen ist die Schilderung der wiederkehrenden und abwechselnden Forderung nach mehr Praxis bzw. die R√ľckkehr zur theoriebasierten Ausbildung, wie auch die Schwierigkeiten, die eine starre Fokussierung eines Schwerpunkts mit sich bringt. Mit jener Thematik besch√§ftigt sich auch Sibylle Rahm und behandelt dabei kritisch die h√§ufig anzutreffende Forderung der Studierenden nach mehr Praxis. Der dritte Beitrag von Beat Bertschy ist erneut eine historische Analyse, welche sich den Schriften des Freiburger Paters Girard widmet. Die Beitr√§ge rufen ins Ged√§chtnis, dass die aktuellen Forderungen Teil eines stetig wiederkehrenden Prozess um Modifikation der Ausbildung sind, dem man sich, will man aktuellen Anforderungen gerecht werden, nicht entziehen kann. Im Anschluss diskutiert Karl-Heinz Arnold, als Auftakt zum zweiten gro√üen Themengebiet (Orte mit Br√ľckenfunktion), kritisch die Gefahr einer Reduktion der Fachwissenschaften und des Vergessens einer reflexiven Dimension bei einer zu praxisdominierten Ausbildung. Ein Aspekt, der in der gegenw√§rtigen Diskussion oft unbeachtet bleibt.

Ein roter Faden durchzieht den zweiten Bereich in Form der Diskussion um die Aufgaben und M√∂glichkeiten der MentorInnen und Studierenden in der Schulpraxis. Hier finden sich neben theoriegest√ľtzten Praxismodellen, die Handlungsanweisungen f√ľr reflexive Praxisgespr√§che zeigen, auch Forschungsergebnisse zu den Fragen, inwieweit PraxislehrerInnen theoriegest√ľtzt anleiten und Feedback geben und wie das Praxisgespr√§ch stattfinden sollte. Vorausgesetzt wird, dass Schulpraktika w√§hrend des Studiums eingeplant sind, das erforderliche Ausma√ü der Praxisphasen im hochschulischen Ausbildungsteil kommt jedoch nicht zur Sprache. Interessant ist die Auseinandersetzung mit der Aus- und Weiterbildung der PraxislehrerInnen, da erfolgreiche PraktikerInnen nicht per se den wissenschaftlichen Stand der Forschung kennen. Die Beitr√§ge eignen sich besonders f√ľr PraxislehrerInnen oder AusbildnerInnen f√ľr MentorInnen, da praktische Herangehensweisen f√ľr theoretische Konzepte dargestellt und M√∂glichkeiten zur Implementierung gegeben werden. Die Aufs√§tze streichen bedeutende Aspekte zur Gew√§hrleistung der Qualit√§t in den praktischen Phasen des Studiums heraus. Dennoch werden vielerorts nur M√∂glichkeiten dargestellt, die zu gelingende Br√ľcken f√ľhren k√∂nnten.

Im dritten Teilbereich werden ‚ÄěKonkrete Beispiele von Theorie-Praxis-Verbindungen in der Lehrer(innen)bildung‚Äú ins Blickfeld genommen. Wie h√§ufig in Sammelb√§nden wird hier ein breites Spektrum bedient, von Beitr√§gen zur Mehrsprachigkeit in S√ľdtiroler Kinderg√§rten √ľber Moralerziehung, Elternbeteiligung bei Hausaufgaben, Notengebung bis hin zu heterogenen Lerngruppen. Hervorzuheben ist, dass aus unterschiedlichen p√§dagogischen Bereichen, Regionen wie auch Altersgruppen Beitr√§ge Einzug fanden, trotzdem fehlen konkreten Verbindungen zur Umsetzung in der universit√§ren Ausbildung. Statt Beispielen von anzustrebenden Theorie-Praxis-Verbindungen finden sich Praxisberichte, Bestandsanalysen des derzeitigen Forschungsstands und Pr√§sentationen von durchgef√ľhrten Studien. Es fehlt weitgehend die im Klappentext postulierte Verkn√ľpfung von Theorie und Praxis innerhalb dieses Abschnitts.

Der vorliegende Sammelband weist auf die offene Diskussion und die unterschiedlichen vorliegenden Anspr√ľche an die LehrerInnenbildung mit Blick auf das Verh√§ltnis von Theorie und Praxis hin. Somit richtet sich das Buch sowohl an WissenschaftlerInnen im Forschungsbereich LehrerInnenbildung, als auch an AusbildnerInnen von Lehramtsstudierenden in Theorie und Praxis. Zielgruppe der konkreten Theorie-Praxis-Verbindung, dem dritten gro√üen Themenkomplex, sind neben den beiden anderen Adressatenkreisen auch im Dienst stehende LehrerInnen. In Bezug auf die Ausbildung von angehenden LehrerInnen bleibt noch offen, ob mehr Praxis Einzug halten sollte, mehr Praxisbeispiele gelehrt werden m√ľssten, ob eine professionelle erziehungs- und fachwissenschaftliche Ausbildung ausreicht, um das notwendige reflexive Verhalten an den Tag legen zu k√∂nnen, etwa um durch Supervision, Weiter- und Fortbildungen den allt√§glichen Herausforderungen gewachsen zu sein oder ob sogar mehr Theorie notwendig w√§re. Damit bleibt die wiederholte Frage nach dem Verh√§ltnis von Theorie und Praxis in der LehrerInnenbildung letztlich auch in der vorliegenden Publikation weitgehend unbeantwortet.

Der Untertitel, ‚ÄěAnspr√ľche und M√∂glichkeiten in der Lehrer(innen)bildung‚Äú suggeriert Lesenden, es g√§be konkrete L√∂sungsans√§tze. Dieser diffizilen Herausforderung kann der Sammelband aber nicht gerecht werden. Vielmehr bietet der Band eine Darstellung der Anspr√ľche an die Thematik, gibt Denkanst√∂√üe, verweist auf M√∂glichkeiten und zeigt die Prozesshaftigkeit dieses langen Dialogs.
Elke Huber (Graz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Elke Huber: Rezension von: Villiger, Caroline / Trautwein, Ulrich (Hg.): Zwischen Theorie und Praxis, Anspr√ľche und M√∂glichkeiten der Lehrer(innen)bildung. M√ľnster: Waxmann 2015. In: EWR 15 (2016), Nr. 5 (Veröffentlicht am 29.09.2016), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383093069.html