EWR 17 (2018), Nr. 3 (Mai/Juni)

Korntheuer, Annette
Die Bildungsteilhabe junger FlĂŒchtlinge
Faktoren von Inklusion und Exklusion in MĂŒnchen und Toronto
MĂŒnster: Waxmann 2016
(436 S.; ISBN 978-3-8309-3541-4; 44,90 EUR)
Die Bildungsteilhabe junger FlĂŒchtlinge HĂ€ufig klaffen der (Menschen-)rechtsanspruch auf Bildung und die Wirklichkeit auseinander. ‚Bildung‘ wird in unterschiedlichen Auslegungen als zentrale GrĂ¶ĂŸe im migrationsgesellschaftlichen Prozess angesehen und dennoch herrscht in Bildungsinstitutionen eine erhöhte Diskriminierungs- bzw. ExklusionsgefĂ€hrdung aufgrund von Minderheitenzugehörigkeit (98). Annette Korntheuer bearbeitet diese offenkundigen Schieflagen in einer explorativ-qualitativen Studie mit dem Fokus auf Fluchtmigration, in der zwei urbane Ballungszentren mit jeweils hohem Anteil an Neuzugewanderten, MĂŒnchen und Toronto, anhand der Bildungsteilhabe junger GeflĂŒchteter einander kontrastierend gegenĂŒbergestellt werden. Die Verwirklichung von Bildungsteilhabe von GeflĂŒchteten erweist sich auch aktuell als mehrdimensionales und kontrovers diskutierter Topos, der in vielfĂ€ltigen Referenzen zum politischen und gesellschaftlichen Tagesgeschehen aufgegriffen, aktualisiert und in seiner anhaltenden Relevanz bestĂ€tigt wird. Diesem Spannungsfeld nĂ€hert sich der Beitrag mit einem Ansatz, der vom Feld der international vergleichenden Bildungswissenschaft ausgeht und aus der GegenĂŒberstellung von Bildungsstrukturen und -erfahrungen von jungen GeflĂŒchteten in beiden nationalen Kontexten Implikationen fĂŒr die pĂ€dagogische Praxis in der Asylsozialarbeit und -bildung ableitet.

Nach einer kurzen EinfĂŒhrung widmet sich Korntheuer den „Theoretischen Bezugspunkten“ (I) ihrer Arbeit, die sich in die Unterkapitel „Der Bildungsbegriff: Eine AnnĂ€herung“ (I.1.), „Teilhabe im Bildungssystem“ (I.2.), „Fluchtmigration im Jugendalter“ (I.3.) und „Akkulturation und Integration von FlĂŒchtlingen“ (I.4.) aufteilt. Zum Abschluss jedes Unterkapitels werden jeweils zentrale Forschungsfragen formuliert. Der Autorin geht es darum, problemzentrierte Perspektiven auf Flucht und GeflĂŒchtete zu ĂŒberwinden und stattdessen die Potentiale zur Bildung von Schutzmechanismen und Fördermöglichkeiten in den Blick zu rĂŒcken. Die Auslegung des Bildungsbegriffs folgt dem Ansatz der Critical Pedagogy in den theoretischen AnsĂ€tzen Wolfgang Klafkis und Paolo Freires und bildet das Fundament fĂŒr einen direkten Vergleich zwischen kanadischem bzw. nordamerikanischem und deutschem bzw. europĂ€ischem Bildungssystem. Der Forschungsgegenstand wurzelt daher in einer Breite an terminologischen und interdisziplinĂ€ren SchnittflĂ€chen (Bildung, Integration, Migration), aus der Korntheuer eine klare Definition von Bildungsteilhabe als an „anti-opressive frameworks“ gebundene und auf Lebenszeit ausgerichtete, gesellschaftskritische und selbstbestimmungszentrierte Bildungspraxis ableitet. Der Zugriff ermöglicht einen Einblick in Ă€ußerst vielfĂ€ltige und heterogene Bildungserfahrungen junger GeflĂŒchtete, auf die in dieser Rezension nur in KĂŒrze eingegangen werden kann, und versĂ€umt es auch nicht, einen Exkurs in formalisierte und oftmals exklusive und disparate Bildungswelten in Kriegs- bzw. EntwicklungslĂ€ndern vorzunehmen. Mit Blick auf Teilhabe in den Bildungssystemen schildert die Autorin das MissverhĂ€ltnis zwischen Meritokratie und universalem institutionellen Anschluss auch im RĂŒckgriff auf anglo-amerikanische diskriminierungs- und rassismuskritische Debatten sowie PhĂ€nomene des strukturellen Rassismus (vgl. 46f.) bzw. der institutionellen Diskriminierung.

Korntheuer zeigt diese anhand der Rahmenbedingungen in der GeflĂŒchtetenaufnahme in beiden Nationalkontexten auf und kritisiert dabei die weitgehende Abwesenheit internationaler Forschung zu jungen GeflĂŒchteten. Sie charakterisiert Migrationsprozesse als „komplex, multikausal und multifaktoriell“ (59; 67ff.) sowie als mehrdimensionales GefĂŒge, zu dem eine wissenschaftliche Aufarbeitung, insbesondere der (widersprĂŒchlichen) Ergebnisse der Auswertung von Fluchttraumata fehle. Das letzte Unterkapitel zielt darauf ab, die theoretischen Grundlagen der Konzepte von Akkulturation und Integration zu klĂ€ren und sie auf die Situation der jungen GeflĂŒchteten zu beziehen (vgl. 79). GestĂŒtzt wird sich hierbei v.a. auf die Betrachtung der Akkulturationsstrategien der Mehrheitsgesellschaft nach Berry (1997). Hier wird deutlich, dass „hybride MehrfachidentitĂ€ten“ (82) besser in die als mutlikulturell etablierte nationale IdentitĂ€t Kanadas integriert werden können als das in Deutschland der Fall ist, wo vermehrt Assimilationsvorstellungen vorherrschen (83).

Im zweiten Kapitel kommt es zum „Vergleich der kontextuellen Bedingungen von Bildungsteilhabe in Toronto und MĂŒnchen“. Dazu werden jeweils die Dimensionen Gesellschaftssystem (II.1.), Asylsystem (II.2.) und Bildungssystem (II.3.) dargestellt, abschließend geht die Autorin auf die jeweilige Spezifik der urbanen Lebenswelten in MĂŒnchen und Toronto ein (II.4). Insbesondere beim Vergleich der Bildungssysteme wird Kanadas Vorbildcharakter (neben skandinavischen Modellen) deutlich gemacht, zum Beispiel durch ein bereits 1978 eingefĂŒhrtes Resettlementprogramm, in dem GeflĂŒchteten aus dem Ausland die Reise (z.B. aus FlĂŒchtlingsunterkĂŒnften) nach Kanada und ihre Niederlassung finanziert werden. Zudem bilden die empirisch belegten durchschnittlichen bis ĂŒberdurchschnittlichen LeistungsverlĂ€ufe von zugezogenen Jugendlichen (vgl. 123) in Toronto im Vergleich zur hohen Korrelation zwischen Migrationshintergrund und schulischer LeistungsschwĂ€che in Deutschland gegenteilige AusgangsrealitĂ€ten fĂŒr den Vergleich (vgl. 134f.).

Nach einem Zwischenfazit (Kapitel III) stellt die Autorin im Methodologiekapitel (IV) ihr qualitatives Forschungsdesign vor, das sich auf eine zweigeteilte Empirie – „Bildungsstrukturen“ (ermittelt auf der Basis von Interviews mit Expert_innen) und „Bildungserfahrungen“ (rekonstruiert auf der Grundlage von Interviews mit betroffenen GeflĂŒchteten) – in enger Anlehnung an die Grounded Theory stĂŒtzt. Die anschließend rekonstruierten Bildungsstrukturen (Kapitel VI) wirken zunĂ€chst recht schwammig, denn die Wechselwirkung der Fragen nach Bildungsmotoren und -hindernissen im individuellen biografisch-sozialen GefĂŒge erscheinen hyperkomplex. Doch die Vielzahl der Orte (in)formeller, non-formaler und formaler Bildung in beiden Stadtkontexten werden an dieser Stelle ausfĂŒhrlich kontrastiv erfasst und liefern in der verschrĂ€nkten und verdichteten Zusammenfassung von Einzelaussagen nachvollziehbare Positionen zu Formen der In- und Exklusion in (jugend-)psychologischen, migrationssoziologischen und bildungspsychologischen Figurationen. Die herausgearbeiteten spezifischen Bildungsaspirationen, -erfahrungen und -verlĂ€ufe von GeflĂŒchteten werden fallĂŒbergreifend aufbereitet und rekonstruiert. Insbesondere hinsichtlich der integrativen Kraft gesellschaftsĂŒbergreifender SelbstverstĂ€ndnisse – wie Kanadas politischem Multikulturalismus, der sich neben kollektiven IdentitĂ€tsverstĂ€ndnissen beispielsweise auch systematisch in medialen bzw. Rundfunkprogrammen, Schulcurricula, kultureller und GedenkstĂ€ttenarbeit niederschlĂ€gt, – gelingt hier an mehreren Stellen eine fundierte wissenschaftliche Rekonstruktion.

Im abschließenden Kapitel (VIII) wird insbesondere die Bedeutung informeller Lernprozesse in Communities, Peer Groups und sozialen Netzwerken der Asylsozialberatung als besonders relevant fĂŒr Teilhabe und biographische Entwicklungsprozesse gekennzeichnet. Entlang der ausfĂŒhrlichen Entfaltung von Systemreferenzen in den Funktionssystemen Gesellschaft und Asylsystem, in denen Bildungsbarrieren und Exklusion durch Mechanismen der direkten und indirekten institutionellen Diskriminierung vielfach miteinander verwoben sind, gelingt der Nachweis der exponierten Stellung von Kommunen und Integrationsbehörden vor Ort fĂŒr ihre mögliche Auflösung (vgl. 375f.). Dabei wird auf die reziproke Beeinflussung von Bildungsprozess und Rechtsstatus hingewiesen.

So sensibilisieren die Interviews fĂŒr gruppenspezifische Bildungsfaktoren wie beispielsweise ausgeprĂ€gten Pragmatismus oder hohe Bildungsresilienz als mögliche Folge von Fluchterfahrung im Jugendalter. Im Zuge der Auswertung werden signifikante systemische Schwachstellen identifiziert, wie in MĂŒnchen beispielsweise stigmatisierende Assimilationsforderungen hinsichtlich der Eingliederung in das formale Schul- und Berufswesen sowie eine mangelnde Inklusion im Sekundarbereich. Auch das „NĂŒtzlichkeitsparadigma“ wird als in MĂŒnchen wesentlich prĂ€senter als in Toronto (vgl. 366) charakterisiert. Diskriminierende Strukturen können aber in beiden Kontexten nachgewiesen werden, wobei die kritische Auseinandersetzung mit (institutioneller) Diskriminierung auf Organisationsebene nach Korntheuer in beiden BezugsrĂ€umen noch unzureichend erfolgt. Vielmehr erscheint der Umgang mit Diskriminierungserfahrungen auf die individuelle Ebene verlagert zu werden, wo betroffene GeflĂŒchtete diese (im Sinne einer Bildungsaufgabe) aktiv bearbeiten mĂŒssen (vgl. 367f.).

Nach Meinung der Rezensentinnen kann die Publikation, die sich auf bildungshistorische, kultur- und gesellschaftssoziologische und erziehungstheoretische Kontextualisierungen sowie auf juristische Grundlagen stĂŒtzt, als wertvoller und grundlegender Beitrag zu aktuellen Bildungs- und Integrationsdiskursen im Zusammenhang von Flucht- und Asylpolitik gesehen werden, der eine Bandbreite an Forschungsfragen und -zugĂ€ngen offen legt. Dabei erweist sich Kanadas in weiten Teilen gelingender Multikulturalismus als mögliches Vorbild zur Auflösung der tendenziellen Segregation in Deutschland, z.B. durch eine strategisch inklusivere Ausrichtung der Schulen und den Ausbau von UnterstĂŒtzungssystemen. Auch in der WertschĂ€tzung der informellen Bildung in Communities und sozialen Netzwerken, die in Toronto als Bildung „auf Augenhöhe“ und als potentieller empowerment-Faktor zur StĂ€rkung der eigenen Resilienz sowie zum Glauben an Selbstwirksamkeit und als Organisationsentwicklungsfaktor etabliert ist, werden Unterschiede zum MĂŒnchner Modell deutlich. Das ĂŒbliche ‚deutsche‘ „Mentoring“-Programm sei stĂ€rker von einem MachtgefĂ€lle und Assismilationsforderungen durchzogen und weniger von einer Orientierung am gleichberechtigen Dialog. Besonders zwei Ergebnisse erscheinen fĂŒr die bildungswissenschaftliche Betrachtung von Fluchtmigration relevant: ZunĂ€chst wird der hohe Stellenwert des sorgfĂ€ltig eruierten gesellschaftlichen und politisch-institutionellen Kontexts zu Asyl- und Sozialarbeit deutlich gemacht, zum anderen wird die vielfĂ€ltige Prozesshaftigkeit (geografisch, temporal, kausal) als Spezifikum der Fluchtmigration herausgearbeitet. Den Blick auf beide Aspekte empfiehlt die Autorin auch als wichtige Grundlage fĂŒr die pĂ€dagogische Praxis, zum Beispiel in der Asylsozialarbeit. So können die Ergebnisse auch Praktiker_innen AnstĂ¶ĂŸe bieten, um ihre eigenen strukturellen und institutionellen Verstrickungen zu reflektieren und Inspiration jenseits von Deutschland zu sammeln.
Lisa Schmidt und Sonja Langheinrich (Hamburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Lisa Schmidt und Sonja Langheinrich: Rezension von: Korntheuer, Annette: Die Bildungsteilhabe junger FlĂŒchtlinge. Faktoren von Inklusion und Exklusion in MĂŒnchen und Toronto. MĂŒnster: Waxmann 2016. In: EWR 17 (2018), Nr. 3 (Veröffentlicht am 06.07.2018), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383093541.html