EWR 18 (2019), Nr. 3 (Mai/Juni)

Dietmar K. Pfeiffer / Carsten Püttmann
Methoden empirischer Forschung in der Erziehungswissenschaft
Eine Einführung
Münster: Waxmann 2018
(220 S.; ISBN 978-3-8309-3848-4; 19,90 EUR)
Methoden empirischer Forschung in der Erziehungswissenschaft Das Einführungsbuch „Methoden empirischer Forschung in der Erziehungswissenschaft“ von Dietmar K. Püttmann und Carsten Pfeiffer ist 2018 in der 6. – ergänzten und überarbeiteten – Auflage erschienen und kann daher als Klassiker im Bereich der Lehrbücher sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden bezeichnet werden. Die 6. Auflage wird als „systematische Weiterentwicklung“ (5) des Buches beschrieben und ist in einem neuen Verlag erschienen. Das Anliegen ist es, Forschungsprozesse konzeptionell zu verstehen (ebd.). Das impliziert – so die Autoren – sowohl „einfache Untersuchungen selbständig zu konzipieren und durchzuführen“ (ebd.), als auch die „kompetente“ (ebd.) Interpretation von Studien des Faches vornehmen zu können.
Diese Fähigkeiten werden derzeit verstärkt in erziehungswissenschaftlichen Studiengängen bzw. Studiengängen mit erziehungs- oder bildungswissenschaftlichen Anteilen gefordert, beispielsweise unter den Stichwörtern „Evidenzbasierung“ oder „Forschendem Lernen“. Nicht nur deshalb stellt sich ein solches Lehrbuch als äußerst nützlich dar, denn es möchte (insbesondere) Studierenden des Faches das notwendige „Rüstzeug“ (ebd.) für den eigenen Forschungsprozess an die Hand geben.

Das Buch wird auf ca. 200 Seiten in 13 Kapitel gegliedert. Die ersten rund 100 Seiten bilden komprimiert den für die Forschung notwendigen sozialwissenschaftlichen Wissensfundus ab, indem sich zunächst auf wissenschaftstheoretische Grundlagen, die Elemente des Forschungsprozesses und auf den notwendigen theoretischen Rahmen bezogen wird. Die Kapitel 4 bis 7 beschreiben „Strategien, Vorgehensweisen und Techniken zur Gewinnung von Daten“ (12), folglich werden Operationalisierung und Messung, Forschungsdesigns, Auswahlverfahren und Methoden der Datengewinnung übersichtlich dargelegt.
Die zweite Hälfte des Buches umfasst jenes „Rüstzeug“, welches für die Analyse von Daten notwendig ist. Das Auftaktkapitel „Ziele und Formen von Datenanalyse“ fällt mit lediglich etwas mehr als einer Seite sehr knapp aus. In den Kapiteln 9 bis 11 hingegen wird sehr ausführlich auf statistische Analysen und Techniken eingegangen. Aufgeteilt sind diese Kapitel in Deskriptive Statistik, Inferenzstatistik und die Analyse kausaler Einflüsse. Letztere beziehen sich auf die grundlegenden regressions- bzw. varianzanalytischen Verfahren. Angesichts des vergleichsweise hohen Seitenumfangs jener drei Kapitel (80 Seiten) wird deutlich, dass – neben der vorherigen sozialwissenschaftlichen Fundierung – der Schwerpunkt des Buches in der Beschreibung quantifizierender Datenanalyse liegt. In Kapitel 12 wird lediglich und vergleichsweise knapp auf die Analyse qualitativer Daten eingegangen. Abschließend wird den Lesenden ein Leitfaden für kleinere Forschungsprojekte und Forschungsberichte an die Hand gegeben, welcher u.a. eine Beschreibung zentraler Elemente eines wissenschaftlichen Berichts enthält. Dem Anhang sind eine Formelsammlung und Verteilungstabellen beigefügt.

Nach jedem Kapitel werden offene Aufgaben zur Bearbeitung des vorherigen Inhalts gestellt, so dass die Lehrbuchmentalität deutlich wird. Aus meiner Sicht sind einige Aufgaben jedoch nur mit zusätzlicher Literatur oder im Rahmen einer Seminarbesprechung zu beantworten. Wünschenswert wäre ein Erwartungsbild, welches etwa am Ende des Buches exemplarische Lösungen enthält, oder der Verweis auf eine Website mit entsprechendem Inhalt. Einige namenhafte Einführungsbücher in die (quantitativen) Methoden nutzen diese Möglichkeit ausgiebig und stellen weiterführendes Übungsmaterial zur Verfügung [1].

Stärken besitzt das Buch in der knappen und klaren Darlegung von Forschungspraktiken im Bereich der Vorgehensweise und v.a. im Umgang mit statistischen Grundlagen und Verfahren. Ohne auf (zu viele) weiterführende Annahmen einzugehen, wird der Kern der Sache vermittelt bspw. in der konzisen Darlegung von Skalierungsverfahren (58) oder Signifikanztests (Kap. 6). In einigen Punkten wäre der Verweis auf vertiefende Literatur wünschenswert, die beispielsweise die handhabbare Erstellung und Datenaufbereitung von (Online)-Fragebögen [2] oder auch Interviews [3] vertieft oder bspw. weiterführende multivariate Verfahren [4] thematisieren.

Eine weitere Stärke des Buches besteht in der Sensibilisierung für die forschungsmethodischen Probleme in der (v.a. quantitativen) erziehungswissenschaftlichen Forschung, u.a. wenn die grundlegenden Ideen der Klassischen Testtheorie beschrieben (59f) oder wenn die in der Erziehungswissenschaft selten mögliche Randomisierung von Gruppen und der notwendigen Nutzung von ex-post-facto-Forschung (77) dargelegt werden. Deutlich werden hier die Erfahrungen, die die Autoren im Bereich der Bildungsforschung und -praxis und auch in zahlreichen Lehrveranstaltungen gesammelt haben. Zudem werden die Inhalte an verschiedenen Beispielen u.a. anhand von Studien aus dem breiten Feld der Erziehungswissenschaft dargelegt, sodass eine gewisse Nähe zum Forschungsfeld für Studierende in diesem Bereich gewahrt bleibt. Darüber hinaus ließe sich jedoch darüber spekulieren, inwiefern genuin erziehungswissenschaftliche Methoden überhaupt existieren und somit ein spezifisches Lehrwerk für Methoden dieses Faches notwendig ist, bezieht sich doch die Erziehungswissenschaft nicht nur in der theoretischen Auseinandersetzung v.a. auf psychologische und soziologische Forschung. Auch im Bereich der Methodik sind es in erster Linie diese Bezugsfächer, die die Forschungsmethodik der Erziehungswissenschaft prägen. Die Übertragung auf erziehungswissenschaftliche Sachverhalte gelingt dem Buch allemal.

Ein bereits angedeutetes Ungleichgewicht des Methodenlehrbuchs stellt der Fokus auf das quantitative Paradigma dar, wenngleich die Relevanz qualitativer Forschung in der wissenschaftstheoretischen Grundlegung klar herausgestellt wird. Die deduktiv-nomologische Ausrichtung ist bereits direkt am Deckblatt zu erkennen – dieses bildet drei nicht näher spezifizierte Glockenkurven ab. Das interpretative Paradigma wird in den Grundlagen der sozialwissenschaftlichen Forschung zwar immer mitgedacht, jedoch zumeist im Kontrast zu standardisierten Verfahren angebracht, sodass die Essenz qualitativer Forschung aus meiner Sicht nicht zum Tragen kommt. Die Darstellung der Analyseverfahren qualitativer Forschung umfasst lediglich fünf Seiten (Kap. 12), in denen verbale Daten, phänomenologische Analyse, hermeneutische Interpretation und Inhaltsanalyse abgedeckt werden. Im Vergleich zu den konzisen Ausführungen statistischer Verfahren wird den Lesenden keine ausreichende handhabbare Hilfe bei der Anwendung jener Verfahren gegeben. Der Anspruch, wie im Titel suggeriert, in die Methoden der Erziehungswissenschaft einzuführen, kann zumindest im Bereich qualitativer Analyseverfahren nicht eingelöst werden.

Dieser Umstand soll dennoch über die Qualität des ansprechenden Werkes nicht hinwegtäuschen. Es ist in seiner Struktur klar, logisch und nachvollziehbar aufgebaut und insbesondere gedacht für Studierende zur Aneignung grundlegender empirisch methodischer Kenntnisse, indem die wissenschaftstheoretische Basis nicht ausgelassen werden kann, wenn forschungsorientiert gelehrt und gelernt werden soll. Zudem ist es aus meiner Sicht nicht nur für die Gruppe der Studierenden äußerst erkenntnisreich, sondern auch für diejenigen, die einen konzertierten Einblick in die sozialwissenschaftlichen Grundlagen mit Sensibilisierung für erziehungswissenschaftliche Themen und Fokus auf das deduktiv-nomologische Paradigma nehmen wollen.

[1] Vgl. etwa Bortz, J. / Schuster, C.: Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler. Berlin: Springer 2010 sowie Field, A.P. / Miles, J. / Field, Z.: Discovering statistics using R. Thousand Oaks: Sage 2012.
[2] Raab-Steiner, E. / Benesch, M.: Der Fragebogen. Von der Forschungsidee zur SPSS-Auswertung. Wien: facultas 2018.
[3] Helfferich, C.: Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. Wiesbaden: VS 2011.
[4] Backhaus, K. / Erichson, B. / Plinke, W. / Weiber, R.: Multivariate Analysemethoden. Berlin: Springer Gabler 2018.
Matthias Ritter (Dresden)
Zur Zitierweise der Rezension:
Matthias Ritter: Rezension von: Pfeiffer, Dietmar K. / Püttmann, Carsten: Methoden empirischer Forschung in der Erziehungswissenschaft, Eine Einführung. Münster: Waxmann 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 3 (Veröffentlicht am 31.07.2019), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383093848.html