EWR 20 (2021), Nr. 1 (Januar/Februar)

Hugo, Julia /Brink, Nathalie / Seidemann, Jannis / Drahmann, Martin (Hrsg.)
Verantwortung im Kontext Schule
Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis
Münster, New York: Waxmann Verlag 2019
(200 S.; ISBN 978-3-8309-4114-9; 34,90 EUR)
Verantwortung im Kontext Schule Der Sammelband ist folgendermaßen aufgebaut: Nach einer Kurzvorstellung der Beiträge im Vorwort der Herausgeber/-innen, werden in drei knappen Schritten die „Grundlagen des Verantwortungsbegriffs“ (15) erörtert. Martin Drahmann und Colin Cramer nähern sich in ihrem Beitrag dem Begriff Verantwortung über Berufsethos und Professionalität der Lehrpersonen, weiterführend kommt bei Julia Hugo die Pädagogische Verantwortung in ihrem Relationsverhältnis zu schulrechtlichen Fragestellungen zur Sprache. In einem dritten einführenden Zugriff wird Verantwortung von Jannis Seidemann in ihrer historischen Dimension problematisiert. Damit ist die Grundsatzdebatte vorab abgeschlossen und man eröffnet den Raum für interdisziplinäre Perspektiven im zweiten Teil, der den größten Platz im Buch einnimmt.

Dabei kommen die „Gesellschaftliche Verantwortung in der Lehrerbildung“ (Nina Beck, 75), „Service Learning“ (Britta Klopsch und Anne Sliwka, 87), „schulisches Qualitätsmanagement“ (Stephan Gerhard Huber und Nadine Schneider, 99), „Verantwortung im Kontext wertebasierten Führens“ (Stephan Gerhard Huber et.al, 117), „Kooperationen von Schulen mit außerschulischen Akteuren“ (Pierre Tulowitzki et.al, 131), „praxeologisch-wissenssoziologische Passungen“ (Jan-Hendrik Hinzke, 141) und zuletzt „kunsttheoretische Erörterungen“ (Nathalie Brink, 153) zum Verantwortungsbegriff zur Sprache. Abgerundet wird abschließend mit zwei Beispielen aus der Praxis, eines, das Verantwortungsübernahme konkret am Beispiel einer Schule beschreibt (Kai Regner, 173) und ein weiterer Beitrag, in dem Verantwortung aus der Perspektive der Bildungssprache diskutiert wird (Theresa Pendorf, 183). Damit ist der offenbleibende Diskursbogen von Verantwortung von den Grundlagen zu den interdisziplinären Perspektiven bis hin zur Praxis formal abgesteckt. Eine derartige inhaltliche Gliederung ist in Sammelbänden nichts Neues und man kann als Leser/-in nach dem Grundsätzlichen speziell zu gustieren beginnen.

Die Sache eines solchen methodischen Vorgehens ist aber auch nicht gänzlich unproblematisch, wie man im Vorwort lesen kann: „Offen bleibt allerdings, was besagte pädagogische Verantwortung umfasst und wie sie realisiert werden kann.“ (7) Dieser Satz aus dem Vorwort der Herausgeber/-innen, der in einigen Texten sich wiederholt paraphrasiert wiederfindet, macht einigermaßen stutzig, will man sich an der „Was ist-Frage“ schlichtweg vorbeischummeln?

Bei der Textauswahl geht es offensichtlich weniger um die Festlegung disziplinimmanenter normativer Grenzverläufe. Kritik wäre dergestalt ein Gegenentwurf, der nicht gut ankäme und bloß Widerstand erzeugte. Anders gewendet: Landet man beim Thema „Verantwortung“ gewissermaßen automatisch in einer sokratischen Aporie, nicht sagen zu können, was Verantwortung wäre, obzwar man sehr wohl Beispiele für Verantwortung, resp. verantwortliches Handeln, in verschiedenen Bereichen des Schul- und Unterrichtswesens diskutieren kann?

Es geht, mit Prange gesprochen, darum, etwas begrifflich nicht fassen zu können, wenn man versucht, sich beispielhaft an das Problem, den Begriff, in unserem Fall die Verantwortung, heran zu pirschen. Prange in seiner Menon Paraphrase: „Immer neue Beispiele führen zu immer neuen Begriffen, und das ergibt keine Antwort.“ [1] Was pädagogische Verantwortung sein kann, woran man sie erkennt, wie man sie erwerben kann, ob man sie schon hat, aber aktivieren müsse, bleibt in den versammelten Texten des Bandes vage, ohne dass deren Lektüre damit aus den verschiedensten Motivlagen heraus nicht wenig zu sagen hätte. Dass damit nicht gemeint ist, dass es an profunden Definitionen mangelt, auf Basis derer man den Begriff beispielhaft werden lassen möchte, bringt einen auf das nächste sokratische Problem. Prange weiter: „Wir wollen die Tugend erforschen, das Forschen ist ein Suchen und Lernen. […] Nun kann man aber nur suchen, was man kennt; nicht, was man nicht kennt. Wieder eine Falle schlimmer als zuvor. Lernen ist ein Suchen; und wenn man nur suchen kann, was man schon kennt und weiß, kann man nichts dazulernen. Man lernt nichts Neues, sondern findet nur wieder, was man verloren hat, verlegt oder vergessen hat.“ [2]

Vielleicht wird nun die Stoßrichtung der Kritik klarer und deutlich, warum der Grundsatzteil des Bandes im Vergleich zum interdisziplinären Teil eher kurz geraten ist. Der Begriff „Verantwortung“ aus pädagogischer Sicht bleibt nämlich auch im grundsätzlichen Teil beispielhaft und entwickelt nicht hinlänglich den dahinterliegenden Begriff. Dies könnte man an dieser Stelle als Mangel der Texte missverstehen, gemeint sind damit aber disziplintheoretische Defizite, die zur Folge haben, dass immer weniger propositionales Wissen über einheimische Begriffe der Pädagogik als Maßstab eines problematisierenden Vernunftgebrauchs zur Verfügung stehen dürfte. Die unterschiedlichen pädagogischen und methodologischen Diskursspielarten stellen für den Band offensichtlich zu wenig normatives und kritisches Potenzial sicher, an dem man sich anlehnen oder orientieren könnte. Steht der Sammelband nun als Beispiel für die vorangegangene These, so führt diese uns in eine weitere Problematik. Der (Aus-)Weg in die Interdisziplinarität ist seit einigen Jahren eine Möglichkeit, die Reichweite eines Ansatzes über die Grenzen der eigenen wissenschaftspositionellen Diskursspielart hinaus zu schieben. Dieses Hinführen zu immer spezialisierteren Fragestellungen führt nun aber dazu, dass die erbrachten Ergebnisse hinsichtlich ihrer Geltungsgebiete auseinanderdriften und nicht zusammengeführt werden können. Die Texte bleiben unvermittelt und unvermittelbar nebeneinander stehen. Die bildungstheoretische Forderung nach einer Ordnung ihrer selbst, bleibt aus. Ein systematisches Ganze lässt sich aus den vielen lesenswerten Einzeltexten nicht zusammenbauen. [3]

An dieser Stelle kann auch eingewendet werden, dass ohne eine profunde Abklärung des Verantwortungsbegriffs aus pädagogischer Perspektive, der zugegebenermaßen nicht so leicht möglich sein dürfte, auch der Zugriff auf Verantwortung im Rahmen interdisziplinärer Zu- und Übergriffe schlichtweg in der Luft hängen bleibt. Diese interdisziplinären „Übergriffe“ müssen unkommentiert übernommen werden und entpuppen sich hinsichtlich ihrer Attribuierung als „pädagogisch“ zu schlichten Luftburgen. Vor allem dann, wenn in diesen interdisziplinären Zugriffen die Attribuierung „pädagogisch“ auch auf Fachgebiete unwidersprochen adressiert wird, die mit klassischem bildungstheoretischem Blick als problematische Baustellen dieses Diskurses bezeichnet werden müssen. Schulisches Qualitätsmanagement, Service Learning sowie wertebasiertes Führen, um nur drei interdisziplinäre Beispiele zu nennen, können in Anspielung auf Foucault, ohne selbstreflexiven Kritikmodus nur in performative Sollensforderungen der jeweiligen „Regierungsform“ [4] gedeutet werden, ihr Umschlagen(-Können) in eine apädagogische Praxis bliebe an dieser Stelle unbemerkt. Dass damit die Position des Werkes eher einen unsystematischen, eklektischen Beigeschmack bekommt, statt eines heuristisch oder systematischen, in dem gewissermaßen die Spreu vom Weizen in Bezug auf pädagogische Sätze versucht wird, ist insofern schade, als damit ein respektabler Versuch, Verantwortung pädagogisch zu fassen, hinter den Möglichkeiten zurückbleibt, zurückbleiben muss. Unabhängig davon finden sich in dem Buch besonders lesenswerte Texte, die erst entdeckt werden müssen. Zu fragen wäre daher, warum der Text über die Bildungssprache von Theresa Pendorf unter die Rubrik Beispiele aus der Praxis veraktet wird. Er hätte es verdient, in die Grundlagen aufgenommen zu werden, weil mit der Bildungs-Sprache das Anliegen bildenden Lernens und Lehrens steht und fällt.

Resümierend lässt sich zum Buch sagen, dass es hinsichtlich seiner Einzeltexte neue Perspektiven und Überlegungen dem/der Leser/-n bereitstellt, die in Schule, Studium und Lehre gewinnbringend zum Einsatz gebracht werden können. Das Fehlen einer diskursiven Ausgangsposition zu Beginn oder am Ende des Bandes und die affirmativen Zugriffe, die sich nicht systematisch aufeinander beziehen, lassen den/die kritische/n Leser/-in einigermaßen unbefriedigt zurück.

[1] Prange, Klaus: Schlüsselwerke der Pädagogik. Bd.1, Stuttgart: Kohlhammer, 2006, S. 19.
[2] Prange, Klaus: Schlüsselwerke der Pädagogik. Bd.1, Stuttgart: Kohlhammer,2006, S. 19.
[3] Vgl. Heitger, Marian: Interdisziplinarität: ihr Mißverständnis – ihre mögliche Rechtfertigung. In: Borelli, Marian/ Ruhloff, Jörg: Deutsche Gegenwartspädagogik. Bd. 3. Baltmansweiler: Hohengehren, 1998, S. 92-101.
[4] Vgl. Foucault, Michel: Die Gouvernementalität. In: Bröckling, Ulrich/ Krasmann, Susanne/ Lemke, Thomas: Gouvernementalität der Gegenwart. Frankfurt/Main: suhrkamp, 2000, S. 41-67.
Heribert Schopf (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Heribert Schopf: Rezension von: Julia, Hugo, / Nathalie, Brink, / Jannis, Seidemann, / Martin, Drahmann, (Hg.): Verantwortung im Kontext Schule, Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis. Münster, New York: Waxmann Verlag 2019. In: EWR 20 (2021), Nr. 1 (Veröffentlicht am 23.02.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383094114.html