EWR 20 (2021), Nr. 5 (September/Oktober)

Susanne Timm / Jana Costa / Claudia Kühn / Annette Scheunpflug
Kulturelle Bildung
Theoretische Perspektiven, methodologische Herausforderungen und empirische Befunde
Münster, New York: Waxmann 2020
(423 S.; ISBN 978-3-8309-4150-7; 44,90 EUR)
Kulturelle Bildung Kulturelle Bildung ist ein facettenreicher Begriff, der auf struktureller Ebene verschiedene Praxen beinhaltet und auf individueller Ebene persönlichkeitsentwickelnde Zugangsweisen zur Welt in ihren ästhetisch-künstlerischen Ausdrucksformen und Angeboten umfasst. In dem von Susanne Timm, Jana Costa, Claudia Kühn und Annette Scheunpflug herausgegebenen Sammelband liegt der Fokus auf dem Bedeutungszuwachs kultureller Bildung in öffentlichen und fachwissenschaftlichen Diskursen, wobei das explizite Interesse auf die Vielfalt der Forschungslandschaft gerichtet wird. Die unterschiedlichen Begriffsdefinitionen und Praxen, sowie die Reproduktion und Produktion von Kultur und deren Erforschung, bilden den Rahmen der vorliegenden Publikation. Die Herausgeberinnen, die u. a. in dem 2020 abgeschlossenen Projekt KulturLeBi – Kultur in der Lehrerbildung. Grundlagen einer kulturbezogenen Professionalisierung angehender Lehrkräfte des Zentrums für Lehrerinnen- und Lehrerbildung der Universität Bamberg tätig waren, verorten fünf thematische Bereiche, unter denen sie die jeweiligen Artikel der insgesamt 79 Autor:innen einordnen: (1) Subjekte kultureller Bildung, (2) Akteure der Kulturvermittlung, (3) Diskurse im Kontext kultureller Bildung, (4) Wirkungen kultureller Bildung sowie (5) method(olog)ische Weiterentwicklungen der Forschung zur kulturellen Bildung.

Im ersten Themenbereich, Subjekte kultureller Bildung, werden Projekte vorgestellt, innerhalb derer individuelle, peerbezogene und familiäre Beweggründe für kulturelle Tätigkeiten von Jugendlichen untersucht werden. Die Möglichkeiten, Bedingungen und Grenzen kultureller Teilhabe von Kindern mit Beeinträchtigungen in inklusiven Settings werden analysiert. Der (post-)digitale Wandel und dessen Auswirkungen auf die künstlerisch-kreative Praxis und die Teilhabe junger Menschen an kultureller Bildung wird einer kritischen Betrachtung unterzogen. Darüber hinaus werden Fragen zu verschiedenen Lernorten im Kontext von individuellem Musiklernen gestellt. Diese Beiträge geben einen Einblick in die Möglichkeiten, aber auch in die Grenzen empirischer Überprüfbarkeit von motivationalen Fragen zu ästhetischen Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen in formalen, non-formalen und informellen Bildungsprozessen.

Unter der Überschrift Akteure der Kulturvermittlung finden sich im zweiten Teil der Publikation Beiträge, die Handlungsmuster von Anleitenden und Interaktionsmuster der Akteur*innen im Spannungsfeld von Anleitung und Eigenständigkeit in der Schule untersuchen. Des Weiteren wird ein Einblick in ein Teilprojekt von KulturLeBi gegeben, in dem explizit die künstlerisch-ästhetischen Aktivitäten angehender Lehrkräfte analysiert werden. Die impliziten Wissensbestände im Kontext kulturellen Professionshandelns von Lehramtsstudierenden werden nachgezeichnet. Ein Forschungsprojekt zum Thema kulturelle Bildung im Bereich Tanz, Theater und Performance, in dem sowohl die Perspektiven von Projektleitenden wie auch die von Teilnehmenden in den Fokus gerückt werden, wird beschrieben. Eine Untersuchung zur komplexen Rolle von Servicepersonal im Museum bildet den Abschluss dieses Abschnitts, in dem sich zeigt, wie vielschichtig sich die Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten in der (An-)Leitung kultureller Prozesse gestalten und wie sehr über die grundlegenden Haltungen der Akteur*innen auch weiterhin nachgedacht werden muss.

Im dritten Themenkomplex, Diskurse im Kontext kultureller Bildung, erhalten die Leser*innen Einblicke in die Chancen kultureller Bildung im Kontext eines rassismuskritischen und diversitätssensiblen Diskurses in der Arbeit mit jungen Menschen mit Fluchterfahrung. Die diskursive Auseinandersetzung mit Lehrbüchern bildet den zweiten Schwerpunkt. Hier zeigt sich, dass, zumindest in dem vorliegenden Band, die vertiefende Auseinandersetzung mit den multiperspektivischen Diskursen kultureller Bildung noch aussteht.

Im vierten Teil, Wirkungen kultureller Bildung, geht es um das Thema Wirkungsforschung. Zunächst wird der Versuch unternommen positive Transfereffekte bei Schüler*innen in der Auseinandersetzung mit Bildender Kunst im Rahmen kultureller Bildungsveranstaltungen im Kunstmuseum theoretisch herzuleiten und empirisch nachzuweisen. Des Weiteren werden im Rahmen der Zusammenarbeit mit mehreren Projektpartner*innen aus den Bereichen Musik, Rhythmik, Theater, Tanz, Bildender Kunst und Zirkus Jugendliche in den Blick genommen, die in sozial schwierigen Situationen aufwachsen und/oder Fluchterfahrungen haben. In einem weiteren Projekt werden Bildungsprozesse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Tanz-, Theater- und Performance-Projekten untersucht. Auch in der folgenden Studie geht es um die Effekte von musikalischen Angeboten bei jugendlichen Geflüchteten, wobei der Fokus auf der psychischen Gesundheit, den Akkulturationsstrategien und der Emotionsregulation bzw. Resilienz liegt. Der letzte Beitrag beinhaltet Fragen nach Transfereffekten von erweitertem Musikunterricht in der Grundschule. In allen vorgestellten Projekten können positive Transferwirkungen festgestellt werden, wenn auch von nur teilweisen Transfereffekten die Rede ist. Die vorgestellten Beispiele geben Einblicke in die Komplexität und Problematik der Wirkungsforschung.

In den sechs folgenden Beiträgen zur method(olog)ischen Fundierung weiterer Forschung geht es zunächst um das Beispiel eines komplexen Mixed-Method-Designs. Mithilfe mehrperspektivischer Herangehensweisen werden Wirkungen musikpädagogischer Interventionen im Kontext von Kompetenzerwerb, kulturellen Bildungsprozessen und nachhaltigen kulturellen Betätigungen bei Kindern und Jugendlichen einer vertiefenden Analyse unterzogen. Zu den Effekten von Tanz im Grundschulalter wird als Nächstes ein domainspezifisches Analysemodell und eine damit verbundene Entwicklung von Erhebungsinstrumenten vorgestellt, mit Hilfe derer Vermittlungsdimensionen, -konzeptionen, -praktiken und -settings überprüft werden. Auch in den folgenden Kapiteln beschäftigen sich die Autor*innen mit einem Forschungsmodell im Kontext von Tanz im Grundschulalter. In einem Projekt zur Messung von Bildkompetenzen Jugendlicher ist es das Ziel, eine Testbatterie zu entwickeln, die es ermöglicht, sinnvolle, inhaltlich gültige Aussagen zur Bildkompetenz der Lernenden zu tätigen. Die letzte vorgestellte Studie widmet sich der interdisziplinären Erforschung transkultureller Praktiken postmigrantischer Theaterprojekte. Die method(olog)ische Fundierung der dargestellten Projekte lässt erahnen, dass die Forschungsinstrumente zur kulturellen Bildung in Aufbau sind und die Lücken in den diversen Forschungsansätzen nach wie vor sichtbar sind.

Susanne Timm, Jana Costa, Claudia Kühn und Annette Scheunpflug ist es gelungen das Forschungsfeld kultureller Bildung weiter zu vermessen und auszudifferenzieren, wobei darauf hinzuweisen ist, dass in dieser Publikation leider der Blick auf die internationale Forschungslandschaft fehlt.
Julia Köhler (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Julia Köhler: Rezension von: Timm, Susanne / Costa, Jana / Kühn, Claudia / Scheunpflug, Annette: Kulturelle Bildung, Theoretische Perspektiven, methodologische Herausforderungen und empirische Befunde. Münster, New York: Waxmann 2020. In: EWR 20 (2021), Nr. 5 (Veröffentlicht am 25.10.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383094150.html