EWR 20 (2021), Nr. 5 (September/Oktober)

Detlef Fickermann / Benjamin Edelstein
Schule während der Corona-Pandemie
Neue Ergebnisse und Überblick über ein dynamisches Forschungsfeld
Münster, New York: Waxmann 2021
(233 S.; ISBN 978-3-8309-4331-0; 34,90 EUR)
Schule während der Corona-Pandemie Im Frühjahr 2020 wurden die Schulen in verschiedenen Ländern aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Die Schulleitungen, die Lehrkräfte sowie die Schülerinnen und Schüler wurden in eine ungewisse Zeit entlassen, in der der Unterricht – angeleitet durch die Schulen, aber abgekoppelt von der physischen Institution – im häuslichen Umfeld weitergeführt werden sollte. Solch eine flächendeckende Schulschließung war bis dato einmalig u.a. in der Bundesrepublik Deutschland. Dementsprechend lagen praxisleitende Forschungsbefunde, die Hinweise auf die organisationale, didaktisch-methodische und pädagogische Gestaltung dieser neuen Unterrichtsform hätten geben können, zu Beginn nicht vor. Es resultierte daraus, aber auch aufgrund mangelnder klarer politischer Vorgaben, eine Mannigfaltigkeit der Fernunterrichtskonzepte [1], deren qualitative Bewertung bis dahin ausschließlich subjektiv erfolgen konnte. Ein Abgleich mit theorie- und empiriebasierten Fakten war zunächst nicht möglich. Mit der Umstellung des Präsenzbetriebs auf das schulisch angeleitete Lernen zu Hause wurde somit ad hoc ein Forschungsfeld erzeugt, dessen Erkenntnisse direkt relevant und drängend für die vorfindliche Situation waren [2].

Zur Systematisierung der sukzessive aufkeimenden Forschungsarbeiten zum Thema „Corona und Schule“ sowie zur Darstellung einer Chronologie der die Schulen betreffenden Auswirkungen der Corona-Pandemie legten Detlef Fickermann und Benjamin Edelstein Mitte 2020 ein Beiheft der Zeitschrift „Die Deutsche Schule (DDS)“ vor [3]. Das sich dynamisch verändernde Forschungsfeld innerhalb dieser Pandemie ist auf Aktualität angelegt, die jedoch schnell durch die Dynamiken des Virus, neue Befunde aufseiten der Wissenschaften oder durch neue politische Verordnungen und Bestimmungen überholt ist.

Das zweite, hier besprochene Beiheft der beiden Herausgeber verfolgt zwei Ziele, die diesem Bestreben nach Aktualität gerecht werden wollen: (1) Es werden ergänzende Forschungsarbeiten berichtet, die zum Redaktionsschluss des ersten Beiheftes noch nicht vorlagen. (2) Das Heft bietet eine systematische und übersichtliche Zusammenstellung differenter Forschungsbemühungen im Feld „Corona und Schule“.

Die Schrift öffnet mit einer Weiterführung der Chronologie der schulspezifischen Auswirkungen der Corona-Pandemie aus dem ersten Beiheft (ab Juni 2020), wobei der Fokus wiederum auf den diesbezüglichen politischen Entscheidungsprozessen liegt, welche die Schulen betrafen. In einer Zeit fortwährender Änderungen und Entwicklungen ist solch eine Chronologie bildungshistorisch äußerst bedeutsam, fasst sie doch eine teils unübersichtliche Zeit zusammen, die das gesamte Bildungswesen betrifft, noch nie dagewesene Situationen hervorbrachte bzw. -bringt und wohl auch Auswirkungen auf dessen Zukunft haben wird. Die Herausgeber stellen innerhalb des Abschnitts zudem den Versuch an, politische Machtdynamiken sowie deren Auswirkungen auf die Schulen zusammenfassend darzustellen. Grundlage hierfür sind Berichte der überregionalen Presse. Anschließend folgt eine Einschätzung zur Datengrundlage, die für politische Entscheidungsprozesse herangezogen wurde und wird – wiederum mit einem besonderen Augenmerk auf die Schulen. Die Stärke dieses Abschnitts liegt dabei insbesondere in der sachlichen Darstellung, die das Potenzial hat, Ruhe in die teils emotional geführte Debatte zu bringen, wenngleich – und darauf weisen die Herausgeber selbst hin – gewisse subjektive Setzungen hierbei nicht ausbleiben (können).

Im darauffolgenden Abschnitt werden drei Studien zum (damals) aktuellen Stand der empirischen Forschung zu den Schulschließungen im Frühjahr 2020 vorgestellt. Nusser, Wolter, Attig und Fackler stellen in ihrem Beitrag die Sicht der Eltern auf die Schulschließungen dar. Diese wurde über eine Zusatzbefragung des Nationalen Bildungspanels (NEPS) erhoben. Depping, Lücken, Musekamp und Thonke bearbeiten mit ihrem Beitrag die – nach wie vor unzureichend beantwortete – Frage nach Kompetenzunterschieden der Schüler*innen vor und während der Pandemie. Die Autor*innen vergleichen in ihrem Beitrag die Ergebnisse einer Erhebung mit dem Testinstrument LERNSTAND im Schuljahr 2020/21 mit den KERMIT-Testungen (= Kompetenzen ermitteln) im Schuljahr 2019/20 an Hamburger Schulen. Gegenübergestellt werden die Ergebnisse in den Bereichen Deutsch-Leseverstehen und Mathematik. Blum und Dobrotić nehmen sich der Varianz der Kita- und Schulschließungen sowie -wiedereröffnungen auf einer konzeptionellen Ebene an. Im Beitrag unterscheiden die Autorinnen diesbezüglich verschiedene Modi vor dem Hintergrund unterschiedlicher Motive und Fokussetzungen. Anschließend werden diese Modi an vier Länderbeispielen (Deutschland, Österreich, Irland und Slowenien) illustriert.

Es folgt eine Dokumentation über 84 Forschungsaktivitäten im Bereich „Corona und Schule“ (eine Dokumentenanalyse und 83 Personenbefragungen) in der Form eines Beitrags mit einem ausgeprägten Anhang. Der Beitrag umfasst Erläuterungen zur Methode der Projektrecherche durch die Herausgeber sowie deren Abfrage in Steckbriefen, eine Darstellung an Metadaten zu den Projekten, Hinweise auf Erhebungen außerhalb der „wissenschaftlichen Community im engeren Sinne“ (111) und Ideen zur Recherche für mögliche weitere Forschungsvorhaben. Die Hinweise auf weitere Erhebungen erfolgen über eine Linksammlung, für die auf das E-Book verwiesen werden muss – die abgedruckten Links sind in der Printversion nicht sinnvoll nutzbar. Es folgt eine kritische Einordnung der Projekte seitens der Herausgeber. Die kritischen Hinweise vorrangig zu Problematiken der Ad-hoc-Erhebungen insbesondere kleinerer Projekte und den inhaltlichen Projektausrichtungen dienen dem Verständnis der vorliegenden Datenbasis, die auch wissenschaftlichen Laien hilft, den komplexen und inzwischen kaum noch zu überblickenden Diskurs zu durchdringen. Im Anhang werden die Projekte in einer tabellarischen Zusammenfassung sowie in 84 standardisierten Projektsteckbriefen dargestellt. Durch eine Bibliographie einschlägiger Publikationen zum Thema wird der Band abgeschlossen. Die Dokumentation zeigt eindrücklich die Vielfalt der zügig aufgelegten Forschungsprojekte auf. Von Interesse ist dies insbesondere für Wissenschaftler*innen, die ebenfalls in diesem Bereich arbeiten, aber auch für die Akteur*innen der schulischen Praxis, um hier zielgerichtet nach interessierenden Befunden zu suchen, sowie die bildungspolitische Administration. Projekte, die an der Abfrage durch die Herausgeber nicht teilnahmen, fehlen in dieser ansonsten sehr breiten, standardisierten Aufbereitung der Forschungsprojekte.

Die derzeitige (Stand: August 2021) Dynamik der pandemischen Lage lässt befürchten, dass das Thema „Corona und Schule“ noch längere Zeit an Aktualität behält. Die Systematisierung der Forschungsbemühungen in diesem Feld, aber auch die chronologische Zusammenstellung der Dynamiken ist essentiell wichtig, um einerseits diese bildungshistorische Zeit zu dokumentieren und um andererseits eine theoretisch-empirische Basis für mögliche vergleichbare Situationen in der Zukunft zu erzeugen. Die umfassenden Beihefte von Fickermann und Edelstein nehmen daher eine zentrale Rolle in diesem (Forschungs-)feld ein und können daher für die Lektüre empfohlen werden. Ein hohes Potenzial liegt dabei im konsequenten Bezug auf die (vor-)schulischen und unterrichtlichen Belange begründet. Positiv kann weiter hervorgehoben werden, dass das E-Book der zweiten Herausgeberschrift (analog zum ersten Band) open access zur Verfügung steht – insbesondere in Zeiten teils geschlossener Bibliotheken ein wichtiger Aspekt, um die Schrift auch niederschwellig lesen zu können. So kann dem, in den eingangs beschriebenen Zielen angelegten, Anspruch an Aktualität entsprochen werden. Die Aktualität ist dabei allerdings ambivalent: Einerseits dokumentiert der Band den zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vorherrschenden Forschungsstand umfassend, andererseits verliert dieser seine Aktualität in einem so dynamischen Feld naturgemäß schnell. Weitere, das Forschungsfeld systematisierende Beihefte, die den jeweils neuen Stand darzustellen vermögen, wären daher gewinnbringend für Theorie und Praxis.

[1] Beyer, A. / Unger, V. / Dullemond, L.: Erfahrungsbericht vom Fernunterricht – Es ist schön zu hören: „Wir vermissen Sie“. bildung und wissenschaft, 74(6), 2020, 28-29.
[2] Helm, Ch. / Huber, S. / Loisinger, T.: Was wissen wir über schulische Lehr-Lern-Prozesse im Distanzunterricht während der Corona-Pandemie? – Evidenz aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 24(3), 2021, 237-311
[3] Fickermann, D. / Edelstein, B. (Hrsg.): „Langsam vermisse ich die Schule…“. Schule während und nach der Corona-Pandemie. Die Deutsche Schule, 16. Beiheft. Münster, New York: Waxmann 2020.
Valentin Unger (St.Gallen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Valentin Unger: Rezension von: Fickermann, Detlef / Edelstein, Benjamin: Schule während der Corona-Pandemie, Neue Ergebnisse und Überblick über ein dynamisches Forschungsfeld. Münster, New York: Waxmann 2021. In: EWR 20 (2021), Nr. 5 (Veröffentlicht am 25.10.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383094331.html