EWR 19 (2020), Nr. 4 (September / Oktober)

Lu Seegers (Hrsg.)
1968
Gesellschaftliche Nachwirkungen auf dem Lande
Göttingen: Wallstein 2020
(341 S.; ISBN 978-3-8353-3457-1; 22,00 EUR)
1968 Theodor W. Adorno bemerkte 1959 in seiner „Theorie der Halbbildung“, dass die ländlichen Bezirke „Brutstätten von Halbbildung“ [1] seien. Als 1966 die NPD in den hessischen Landtag einzog, erklärte er in seinem Rundfunkbeitrag „Erziehung nach Auschwitz“ die „Entbarbarisierung des Landes“ zu einem der wichtigsten „Erziehungsziele“, das sich durch den Einsatz „mobile[r] Erziehungsgruppen und -kolonnen von Freiwilligen“ erreichen lasse [2]. Der von Lu Seegers herausgegebene Sammelband „1968. Gesellschaftliche Nachwirkungen auf dem Lande“, der die Ergebnisse der gleichnamigen Tagung aus dem Jahr 2018 zusammenträgt, zeigt jedoch, dass sich eine solche Gegenüberstellung von reaktionärer Landbevölkerung und politisch aufgeklärten Großstadtmilieus keineswegs verallgemeinern lässt.

Gunter Mahlerwein und Detlef Siegfried beschreiben in ihren einführenden Beiträgen einen Struktur- und Kulturwandel, der in den Nachkriegsjahrzehnten auf dem Land stattgefunden hat – wie etwa der Ausbau von Verkehrsnetzen und die zunehmende Automobilisierung, der Bedeutungsverlust und die Mechanisierung der Landwirtschaft, die Expansion des Bildungswesens sowie die Verbreitung von Fernsehen, Radio und Printmedien. Diese Entwicklungen trugen maßgeblich zu einer Entgrenzung des Städtischen bzw. zu einer Entprovinzialisierung der Provinz bei. Zwar wurden diese Prozesse nicht unwesentlich durch „eine kleine lokale Kulturbohème“ (73) sowie politisierte Lehramtskandidat*innen, Jugendpfarrer*innen oder Sozialpädagog*innen mitgeprägt, die aus den Universitätsstädten (zurück) in den ländlich-kleinstädtischen Raum zogen. Gleichwohl artikulierten etliche Jugendliche auf dem Land von sich aus Sympathien für Nonkonformismus, Anderssein und politischen Protest, welche sich nicht zuletzt – ähnlich wie in den Großstädten – in alternativem Musikgeschmack, langer Haartracht und Rauschmittelkonsum niederschlugen. Mit der „Abflachung des Stadt-Land-Gefälles“ (74) war jedoch keine Auflösung traditionalistischer Haltungen auf dem Land verbunden, sondern vielmehr ein Nebeneinander bzw. eine Verflechtung traditioneller und neuer Lebensstiloptionen. Spätestens Mitte der 1970er Jahre wurde die Provinz nicht mehr nur als ein „Hort autoritär-traditionaler Charakterstrukturen“ (17) gesehen, sondern galt zunehmend auch als Erprobungsraum (links-)alternativer Lebensentwürfe. Landkommunen gehörten damit neben der Jugendzentrumsbewegung, so Seegers, zu den „sichtbarsten gesellschaftlichen Nachwirkungen von ‚1968‘ auf dem Lande“ (309).

Seegers’ überaus gelungener Sammelband schließt hiermit an die neuere Forschung zu 1968 an [3], die die gesellschaftlichen Umbrüche nicht mehr allein mit der großstädtischen Studentenbewegung in Verbindung bringt, sondern sie im Zusammenhang der globalen Nachkriegsgeschichte versteht und das kurze 1968 in den Kontext der langen 1960er Jahre einzubetten weiß. Durch Studien mit mikrohistorischer Perspektive auf die ländlichen Räume „Norddeutschlands im Allgemeinen und Niedersachsens im Speziellen“ (18) werden in Seegers’ Band die besonderen Aushandlungsbedingungen in der Provinz sowie die alltagskulturellen Auswirkungen gesellschaftspolitischer Themen und Konflikte sichtbar gemacht. Die Autor*innen der Beiträge konzentrieren sich hierbei auf Akteur*innen wie Frauen, Schüler*innen und Auszubildende und lenken ihren Blick auf Aushandlungsprozesse in sozialen Nahräumen und Organisationen auf dem Land (wie etwa in Heimatvereinen, der kirchlichen Jugendarbeit sowie bei Land- und Hausfrauenorganisationen). Im Band enthalten sind Beiträge zu den Bereichen „Religion und Tradition“, „Gender, Generation und Umwelt“, „Arbeit und Freizeit“ sowie „Alternative Lebensformen in Ost und West“.

Die Historische Bildungsforschung konzentrierte sich bisher bei der Untersuchung der Reformära der 1960er und -70er Jahre vor allem auf Fragestellungen zu institutionellen Reformprojekten, zur Disziplingeschichte der Erziehungswissenschaft sowie zur Frauen- und Kinderladenbewegung. Bei der Rekonstruktion und Analyse der sogenannten 68er-Bewegung standen zuletzt meist Studierende, Universitäten und Universitätsstädte im Vordergrund [4]. Aus bildungsgeschichtlicher Perspektive überzeugen im Sammelband daher insbesondere solche Beiträge, die das Geflecht von jugendkulturellen Entwicklungen, sozialen Protestbewegungen und intergenerationellen Konflikten bzw. pädagogischen Umgangsformen (in der Schule, der Gemeinde-, Jugend- oder Vereinsarbeit) jenseits von Universitäts- und Großstädten nachzeichnen: Claudia Lepp weist beispielsweise in ihrem Beitrag ein zunehmendes gesellschaftspolitisches Engagement in der evangelischen Kirche auf dem Lande und insbesondere unter Jugendlichen nach – vor allem bei Themen mit einem lokalen Bezug. Ein übergreifendes ideologisches Denken wurde hierdurch bei den Jugendlichen jedoch ebenso wenig erzielt wie eine erhöhte Bindung an die Kirche. Eine vergleichbare Beobachtung schildert der Kirchenhistoriker Hans Otte. Unter dem Titel „Von der Provinz zur Welt. Die Umgestaltung der kirchlichen Jugendarbeit zur Bildungsarbeit in der hannoverschen Landeskirche nach ‚1968‘“ berichtet er – auch autobiografisch – über die Enttraditionalisierung der kirchlichen Jugendarbeit angesichts einer zunehmenden Projektorientierung. Lisa Tanten referiert anhand von Schulzeitungen und Schulleiterberichten über „Die Schülerproteste im Schaumburger Land (1967–1970) am Beispiel des Ratsgymnasiums in Stadthagen“, deren Motive sich im Spannungsfeld zwischen politischem Engagement und unpolitischem Hedonismus bewegten. Ähnlich wie in der evangelischen Jugendarbeit verloren tradierte Organisationsformen wie die Schülermitverwaltung (SMV) an Rückhalt, während zugleich neue Gruppen – wie die Aktionsgemeinschaft demokratischer Schüler (AdS) – gegründet wurden. Während sich Schüler*innen für bildungsreformerische Maßnahmen einsetzen, entnazifizierte Lehrbücher und mehr Mitspracherechte forderten, klagten Lehrlinge eine bessere pädagogische Behandlung ein. In seinem Beitrag „Politisierung am Rande? Anmerkungen zu Verschränkungen von Lehrlingsbewegung und Gewerkschaftsjugend um 1970“ weist Knud Andresen darauf hin, dass auf dem Land die Lehrlingsbewegung mit Jugendzentrumsinitiativen in Verbindung trat, als in Großstädten die Bewegung bereits zerfiel und Ausbildungsverhältnisse im Berufsbildungsgesetz von 1969 verrechtlicht wurden. Auf die zentrale Bedeutung dieser Jugendzentrumsinitiativen im ländlichen und kleinstädtischen Raum macht David Templin aufmerksam. In seinem Beitrag „Kulturelle Aufbrüche, politische Konflikte, alternative Räume. Die Jugendzentrumsbewegung und der Wandel der westdeutschen ‚Provinz‘ nach ‚1968‘“ wird deutlich, dass die Jugendzentrumsinitiativen meist aus der als miserabel empfundenen Freizeitsituation von Jugendlichen hervorgingen, das Monopol der Jugendverbände auf Jugendarbeit infrage stellten und, so Templin, zu einer „kulturellen Urbanisierung“ (226) auf dem Land beitrugen.

Obwohl der Fokus des Bandes auf dem ländlichen Raum Norddeutschlands liegt, machen die vielzähligen Verweise auf politisierte Akteur*innen, die aus Universitätsstädten einwanderten oder zurückkehrten, neugierig auf das Einflussgebiet von Universitäten. Eine Antwort auf die Frage, aus welchen Universitätsstädten diese Akteur*innen kamen, bleibt in den Beiträgen leider aus. Insgesamt ist der Band aber eine facetten- und aufschlussreiche Kreuzung von Regional- und Kulturgeschichte, ein lohnenswerter mikrohistorischer Zugriff auf die gesamtgesellschaftlichen Umbrüche in den Nachkriegsjahrzehnten sowie nicht zuletzt ein lesenswerter Impuls für die bildungsgeschichtliche Forschung, der dazu anstiftet, die Provinz als Bildungsraum weiter zu erkunden.

[1] Th. W. Adorno, Theorie der Halbbildung [1959]. In: Theodor W. Adorno. Gesammelte Schriften, Bd. 8: Soziologische Schriften I. 2. Auflage. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1980. S. 93–121. S. 99.
[2] Th. W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz [1966]. In: Theodor W. Adorno. Gesammelte Schriften, Bd. 10,2: Kulturkritik und Gesellschaft II. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997. S. 674–690. S. 680.
[3] Vgl. hierzu T. Großbölting, 1968 in Westfalen. Akteure, Formen und Nachwirkungen einer Protestbewegung. Münster: Ardey-Verlag 2018; S. Detlef, 1968. Protest, Revolte, Gegenkultur. Ditzingen: Reclam 2018.
[4] Vgl. M. Dehnavi, Das politische Geschlecht. Biographische Wege zum Studentinnenprotest von „1968“ und zur Neuen Frauenbewegung. Bielefeld: transcript 2013. – Vgl. A. Wienhaus, Bildungswege zu 1968. Eine Kollektivbiographie des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Bielefeld: transcript 2014. – Vgl. auch M. S. Baader / U. Herrmann (Hrsg.), 68 – Engagierte Jugend und Kritische Pädagogik. Impulse und Folgen eines kulturellen Umbruchs in der Geschichte der Bundesrepublik. Weinheim: Juventa 2011.
Tim Zumhof (Münster)
Zur Zitierweise der Rezension:
Tim Zumhof: Rezension von: Seegers, Lu (Hg.): 1968, Gesellschaftliche Nachwirkungen auf dem Lande. Göttingen: Wallstein 2020. In: EWR 19 (2020), Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.11.2020), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383533457.html