EWR 20 (2021), Nr. 1 (Januar/Februar)

Axel Schildt
Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik
Göttingen: Wallstein 2020
(896 S.; ISBN 978-3-8353-3774-9; 46,00 EUR)
Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik Die mit den Forschungen des Zeithistorikers Axel Schildt Vertrauten wird es nicht erstaunen, dass dieser sich in seiner letzten großen Arbeit der Bedeutung von Intellektuellen für zahlreiche gesellschaftliche und politische Debatten sowie ihre „Interessen- und Einflusssphären, ihr strategisches Handeln sowie ihre Motivstrukturen als wirkmächtige Akteure“ (S. 785) im medialen Feld der Bundesrepublik zugewandt hat. Die Herausgeber*innen Gabriele Kandzora und Detlef Siegfried – Schildt verstarb vor der Fertigstellung seines Opus magnum – erinnern in ihrem Nachwort an dessen lange und intensive Auseinandersetzung mit den vielfältigen Ausprägungen des Konservatismus im 20. Jh. [1] und seine anderen Forschungsschwerpunkte – Kulturgeschichte [2], Stadtgeschichte [3] und Mediengeschichte [4] –, deren Befunde für die vorliegende Studie grundlegend sind.

Die umfassende und detailreiche Studie untersucht das Medienhandeln und Wirken von Intellektuellen im zu analysierenden Verbund mit „ihrer Lebenswelt und ihre[n] medialen Landschaften, eingebunden in zeitspezifische technische und ökonomische Produktionsbedingungen, vernetzt über vielfältige, oft seit langem bestehende soziale Beziehungen“ (790). In einer umfangreichen Einleitung erläutert der Autor sein Forschungsprogramm in drei Schritten: Gegenstand der Studie ist „die unauflösliche Verbindung von Medien und Öffentlichkeit auf der einen und der in ihnen und durch sie agierenden Intellektuellen auf der anderen Seite“ (10). Der Begründung der These folgt die begriffliche Bestimmung des Intellektuellen als historische Sozialfigur der Moderne (vgl. 21). Die methodologische Reflexion setzt bei der Erläuterung des Zugangs der Intellectual History an, die vor dem Hintergrund des Forschungsanliegens zu einer Geschichte der Medien-Intellektuellen als historischer Betrachtung des Dreiecks intellektueller Akteur – Themen – Medien erweitert wird. Pierre Bourdieus Feldtheorie bildet den kategorialen Rahmen für die „Konstruktion eines sich selbst historisch verändernden medien-intellektuellen Feldes“ (28).

Der Autor weist darauf hin, dass die Zahl prominenter intellektueller Frauen – genannt werden H. Arendt, M. Boveri und M. Dönhoff – bis in die 1970er Jahre gering sei. Darum könne man der geschlechtergeschichtliche Dimension nur implizit gerecht werden, etwa durch die kritische Reflexion des „männlichen und männerbündlerischen Charakters bei der Auswertung der Quellen“ (46).

Die Studie teilt sich in vier unterschiedlich lange Teile, die „in lockerer Chronologie“ (53) dargestellt werden (Besatzungszeit in den ersten vier Nachkriegsjahren; die 1950er Jahre; die „langen“ 1960er Jahre; die 1970er und 1980er Jahre). Der Autor lässt die Geschichte der Intellektuellen in den Medien der BRD mit dem Kriegsende beginnen. Der erste Teil rekonstruiert den Aufbau des medienintellektuellen Feldes während der Besatzungszeit.

Unterteilt in vier Unterkapitel widmet sich die Studie hier zunächst der Untersuchung der intellektuellen Netzwerke, die bei der Neuordnung des intellektuellen Medienensembles eine Rolle spielten. Schildt nimmt die Gruppen von Intellektuellen in den Blick, die das medienintellektuelle Feld im Modus der Konkurrenz um attraktive Posten im von den Alliierten etablierten Mediensystem hervorgebracht haben und analysiert das Radio als Leitmedium zur Vermittlung intellektueller Orientierung. Der vierte Abschnitt entwirft eine präzise und detailreiche Kartographie der Schreiborte für Intellektuelle. Als Materialgrundlage zieht der Autor so unterschiedliche Quellen wie Verlagsprogramme, Artikel aus den Feuilletons der Tages- und Wochenpresse und aus den kulturpolitisch-literarisch-politischen Halbmonats-, Monats- oder Zweimonatsschriften, Briefwechsel zwischen Publizisten, Intellektuellen, Verlegern sowie von den Akteuren verfasste Notizen, Projektskizzen und Erinnerungen heran.

Der zweite und umfangreichste Teil der Studie widmet sich der umkämpften Herausbildung und Etablierung der intellektuellen Netzwerke in den 1950er Jahren. Der erste Abschnitt verbindet die Erschließung der verschiedenen Orte des Gesprächs und der kulturellen Selbstverständigung mit einer Erörterung der dominanten intellektuellen Tendenzen der frühen 1950er Jahre. Dabei entsteht eine äußerst differenzierte Darstellung der verschiedenen Denkströmungen, die das intellektuelle Feld durch ihre mediale Wirkung und Resonanz geprägt haben. Im zweiten Abschnitt geht die Studie den verschiedenen kulturkritischen und -politischen Suchbewegungen nach, in denen auch moderatere kulturkritische Eingriffe von Intellektuellen wie K. Jaspers, Th. W. Adorno und W. Dirks ein breites Publikum fanden. Der dritte Abschnitt eruiert die verschiedenen kommunikativen Strategien NS-belasteter Intellektueller zur selbstentlastenden Umdeutung des Nationalsozialismus. Die Ausführungen des vierten Abschnitts zeichnen die politischen Verschiebungen in den intellektuellen Diskursen der zweiten Hälfte der 1950er nach.

Der dritte Teil der Studie befasst sich mit der Bedeutung und dem Einfluss von Intellektuellen in den 1960er Jahren. Das zentrale Kapitel dieses Teils untersucht die Formierung der Neuen Linken in Zusammenhang mit der Politisierung eines Teils der Schriftsteller und Publizisten und ihrer unterstützenden Begleitung von wichtigen Verlagen und Zeitschriften. Zunächst werden die für die Politisierung zentralen Themen im Zeitraum 1958-1965 und die diesbezüglichen Positionierungen Intellektueller rekonstruiert. Die anschließende Erörterung des Phänomens der „Suhrkamp Culture“ vollzieht sich basierend auf der intellektuellengeschichtlichen Grundannahme, wonach sich Strömungen von Sinndeutern immer wieder um neue publizistische Foren vergesellschaften. Nicht zuletzt aufgrund der Bedeutung der Texte Armin Mohlers für die theoretische Arbeit der Neuen Rechten lohnt sich die Lektüre des folgenden Kapitels, das sich mit Mohlers theoretischem, publizistischem und politischem Engagement für eine Erneuerung des Konservatismus befasst. Den Bemühungen konservativer Intellektueller um die Behauptung bzw. Wiederherstellung kultureller Hegemonie stellt der Autor an selber Stelle eine Ausführung zur Bedeutung junger Intellektueller und der Medien zur kritischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sowie zur Herausbildung einer genuin deutsch-jüdischen Kultur mit ihrem Zentrum in Frankfurt/M an die Seite.

Die Studie endet mit der Präsentation erster Befunde einer Intellektuellengeschichte über 68. Dem letzten Abschnitt ist ‚anzulesen‘, was die Herausgeber*innen im Nachwort kundgeben: „Notizen des Autors lassen erkennen, dass er noch einiges vorhatte“ (791). Der vierte Teil, der den Bruch zwischen Medien und Intellektuellen in den 1970er und 1980er Jahren in den Blick nehmen sollte, wurde nicht mehr geschrieben. Doch auch ohne dieses Kapitel ist Schildts Studie von einer überragenden Qualität, die nicht zuletzt in dem unglaublichen Reichtum des Quellenkorpus besteht. Die genaue und dabei stets anschauliche Beschreibung der Biografien, Netzwerke, Orte und performativen Strategien der Medien-Intellektuellen zeugt von einer Recherchearbeit, die den Eindruck erweckt, als habe Schildt sämtliche Printmedien, TV- und Radiosendungen sowie Briefkorrespondenzen seit '45 durchforscht. Die 28 Archive, denen nahezu hundert Nachlässe von Intellektuellen und Archivbestände von Redaktionen und Akademien entstammen und die für diese Studie zum großen Teil erstmals ausgewertet wurden, bestätigen diese Einsicht. Nicht nur verweist die Archivforschung auf eine breite quellenbasierte Grundierung der Untersuchung, sondern erzählt zugleich etwas von der „Entdeckungsreise“ (786), auf die sich der Autor mit diesem Vorhaben begab. Die intellektuellengeschichtliche Pionierarbeit Schildts führt ihn bis in die Intellektuellenszene der DDR, der er einen Exkurs widmet. Darüber hinaus geht er immer wieder auf Zusammenhänge, Verbindungen und Konflikte zwischen der deutsch-deutschen Intellektuellengeschichte ein. Bei der Lektüre stellt sich auch schnell die Auffassung ein, dass es keine intellektuellen-, ideen-, kultur- und sozialgeschichtliche Forschungsarbeit gibt, die der Autor nicht genau kennt und gekonnt in die eigene Analyse miteinbezieht. Die Fülle und Vielfalt des Quellenmaterials und des Forschungsstandes macht der Band durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis sowie ein Personen-, Medien- und Institutionenregister handhabbar.

Die Studie bringt nicht nur methodologisch und inhaltlich Licht in die historische Forschung der Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts, sondern kann dabei auch den Erkenntnisraum westdeutscher Bildungsgeschichte erhellen. Die Arbeit liefert eine methodologische Grundlage, um die Figur des Intellektuellen als analytische Kategorie in der bildungshistorischen Forschung fruchtbar zu machen. Dadurch könnte nicht nur das Forschungsfeld der pädagogischen Personen- und Ideengeschichte der „großen Männer“, sondern auch bereits vorliegende Forschungen, welche die im pädagogischen Diskurs der frühen Bundesrepublik wirkenden Personen als wirkmächtige Akteure und eigenständige Autoren auffassen [5], in Richtung einer Intellektuellengeschichte des pädagogischen Feldes weitergedacht werden. Inhaltlich liefert Schildts differenzierte Entfaltung der verschiedenen Ausprägungen des Nachkriegskonservatismus und des daraus folgenden konservativen Engagements in pädagogischen Fragen und Belangen wichtige Befunde für die Bearbeitung jüngst benannter Forschungsdesiderate hinsichtlich einer pädagogischen Historiographie des bundesdeutschen Konservatismus [6].

[1] Schildt, A.: Konservatismus in Deutschland. Vom ausgehenden 18.Jahrhundert bis zur Gegenwart, München: C.H. Beck 1998; Ders./Gallus, A.: Rückblickend in die Zukunft. Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen in Deutschland um 1950 und um 1930, Göttingen: Wallstein 2011.
[2] Schildt, A.: Annäherungen an die Westdeutschen. Sozial-und kulturgeschichtliche Perspektiven auf die Bundesrepublik. Hg. von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Göttingen: Wallstein 2011; Ders.: Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre. München: Oldenbourg 1999; Ders.: Moderne Zeiten. Freizeit, Massenmedien und 'Zeitgeist' in der Bundesrepublik der 50er Jahre. Hamburg: Christians 1995; Ders./Siegfried, D.: Deutsche Kultur. Die Bundesrepublik – 1945 bis zur Gegenwart, München: Hanser 2009.
[3] Schildt, A.: Die Grindelhochhäuser. Sozialgeschichte der ersten deutschen Wohnhochhaus-anlage. Hamburg-Grindelberg 1945 bis 1956, Hamburg: Christians 1988.
[4] Schildt, A./Daniel, U.: Massenmedien im Europa des 20. Jahrhunderts, Köln u.a.: Böhlau 2010.
[5] Kurig, J.: Bildung für die technische Moderne. Pädagogische Technikdiskurse zwischen den 1920er und den 1950er Jahre in Deutschland. Würzburg: Königshausen & Neumann 2015
[6] Geiss, M./Reh, S. (Hg.): Konservatismus und Pädagogik im Europa des 20. Jahrhunderts (= Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 26). Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2020.
Ricarda Biemüller (Wuppertal)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ricarda Biemüller: Rezension von: Schildt, Axel: Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik. Göttingen: Wallstein 2020. In: EWR 20 (2021), Nr. 1 (Veröffentlicht am 23.02.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383533774.html