EWR 13 (2014), Nr. 3 (Mai/Juni)

Arndt Weinrich
Der Weltkrieg als Erzieher
Jugend zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus
Essen: Klartext Verlag 2012
(351 S.; ISBN 978-3-8375-0644-0; 39,95 EUR)
Der Weltkrieg als Erzieher Vor dem Hintergrund der permanenten Politisierung des Kriegs- bzw. Fronterlebnisses in Folge des „deutsche[n] Trauma[s] von 1918“ (10) untersucht Arndt Weinrich in seiner Dissertation die Rezeption und Deutung des Ersten Weltkrieges in ausgewĂ€hlten JugendverbĂ€nden der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Die leitende Fragestellung bei Betrachtung der bĂŒrgerlichen Jugendbewegung, der katholischen Jugend und des sozialdemokratischen Jungbanners ist dabei, wo die „Formen des Kriegs- und Gefallenengedenkens der verschiedenen weltanschaulichen Lager“ (15) anschlussfĂ€hig waren fĂŒr den „Heldengedenkdiskurs“ der Hitler-Jugend im Besonderen und des Dritten Reiches im Allgemeinen, um so einen wichtigen „Knoten im kausalen Netz der nationalsozialistischen Mobilisierungserfolge“ (27) aufzeigen zu können.

Das Quellenkorpus besteht im Wesentlichen aus einer Auswahl relevanter Jugend- und JugendfĂŒhrerzeitschriften der behandelten VerbĂ€nde aus den 1920er und 1930er Jahren. DarĂŒber hinaus wurden die rezipierte Kriegsliteratur innerhalb der untersuchten JugendverbĂ€nde, verschiedene ArchivbestĂ€nde und Tageszeitungen in die Analyse einbezogen. Um einzuordnen auf welchem diskursiven Feld das Weltkriegsgedenken stattfand, wurden einzelne Presseorgane einiger VeteranenverbĂ€nde und von ausgewĂ€hlten Organisationen, die an der GedĂ€chtnispolitik aktiv teilnahmen, herangezogen – beispielsweise die Zeitschrift KriegsgrĂ€berfĂŒrsorge des Volksbundes Deutsche KriegsgrĂ€berfĂŒrsorge.

Die Frage danach, wie es ĂŒberhaupt in den letzten Jahren der Weimarer Republik zur Übernahme eines heroisierenden Gedenkdiskurses in weiten Teilen der organisierten mĂ€nnlichen Jugend kommen konnte, der keineswegs von allen Kriegsteilnehmern vertreten wurde, bildet den ersten Abschnitt der Untersuchung. Neben der demographisch-ökonomischen Problemlage ist fĂŒr Weinrich der Erste Weltkrieg als „Referenzpunkt eines generationellen Narrativs“ (47) als ErklĂ€rungsansatz entscheidend, um die spezifisch „(paramilitĂ€rische) Form des Generationenprotestes“ (43) zu begreifen. Besonders spĂŒrbar sei diese PrĂ€gung in der Generation der zwischen 1900 und 1910 Geborenen gewesen. Die von Peter Merkl adaptierte „analytisch weiterfĂŒhrende Bezeichnung der Kriegsjugend als „,victory-watchers‘“ (43) lenkt die Blickrichtung dabei auf die spezifischen Jugenderfahrungen an der Heimatfrontfront, die u. a. aus kriegszentriertem Unterricht und Siegespropaganda bestanden, und dazu gefĂŒhrt hĂ€tten, dass in einer nationalen und unter Kriegsbedingungen radikalisierten Deutungskultur heroische Werte wie Kriegsbereitschaft und Opfermut frĂŒh internalisiert wurden. Angesichts der Niederlage und der drohenden Sinnlosigkeit der Opfer durch den als Schmach empfundenen Versailler Vertrag, wurden nach 1918 dann soldatische Werte- und Normvorstellungen verstĂ€rkt glorifiziert und gefallene Helden zunehmend kultisch verehrt. Anhand fĂŒnf autobiographischer Selbstkonstruktionen ausgewĂ€hlter HJ-FĂŒhrer veranschaulicht der Autor die entscheidende Rolle des Ersten Weltkriegs fĂŒr die SelbstentwĂŒrfe und zeigt auf, wie in der militanten (bildungs-)bĂŒrgerlichen Erinnerungskultur, in der sie politisch sozialisiert wurden, Elemente einer aggressiven deutschen Kriegskultur konserviert und in die Weimarer Republik hineingetragen wurden.

Unter RĂŒckgriff auf die Brutalisierungsthese von George L. Mosse legt Weinrich im zweiten Analyseteil dar, wie zentrale Topoi der heroisierenden Gedenkdiskurse ĂŒber die recht engen Grenzen des national-bĂŒrgerlichen Sozialmilieus hinaus wirksam wurden. Als wichtigste TrĂ€gergruppe einer heroischen Jugendkultur macht er die ĂŒberwiegenden Teile der bĂŒrgerlichen Jugendbewegung und der Studentenschaft aus, die schon seit den frĂŒhen 1920er Jahren einen Deutungsdiskurs entwickelten, der auch auf andere Jugendorganisationen einwirkte und „wesentliche Elemente des Weltkriegsgedenkens der HJ nach 1933 bereits vorwegnahm“ (69).

FĂŒr die Rezeption von Kriegsliteratur zeigt Weinrich, wie sich das zunĂ€chst kultivierte jugendbewegt-idealistische Kriegs- und Soldatenbild eines Walter Flex seit Ende der 1920er sukzessive zum Ă€sthetischen Gegenpol eines stahlgewitterumtosten Grabenkriegers Ernst JĂŒngers hin verschob. An die Stelle der klassischen „Langemarck-Trias“ (85) – Jugend, Einsatz, Opfer – treten HĂ€rte und ZĂ€higkeit und die Stilisierung der Soldaten zu entmenschlichten Kampfmaschinen. Das Vordringen der „Erz und Eisen-Metaphorik“ (88) lieferte ein ĂŒber das bĂŒrgerliche Lager hinaus anschlussfĂ€higes Frontsoldatenbild.

Unter Anwendung von Aleida Assmanns Unterscheidung zwischen sakrifiziellem und viktimologischem Opferbegriff belegt Weinrich, wie im Gegensatz zur bĂŒrgerlichen Jugend, in der ein ausschließlich sakrifiziell-heroisch konnotiertes Opfergedenken vorherrschte, im katholischen JungmĂ€nnerverband Deutschlands (KJMV) und der katholischen Sturmschar sowie dem sozialdemokratischen Jungbanner ein breites Kontinuum von Kriegsopfer- und Heldengedenken stattfand. Kritisch anzumerken ist, dass das heroisierende Weltkriegsgedenken der katholischen Jugend nur bis zur „Machtergreifung“ untersucht wurde, und der Autor davon ausgeht, dass es sich „im Dritten Reich nicht mehr kategorial Ă€nderte“ (106). Dabei wĂ€re es doch vor dem Hintergrund des Reichskonkordats interessant zu beleuchten, ob diese Behauptung trotz des sukzessiv zunehmenden Anpassungsdrucks seitens des Regimes zutrifft. Angesichts der insgesamt akribisch quellengestĂŒtzt fundierten Aussagen der Arbeit erstaunt der argumentative Abbruch an dieser Stelle.

Den weitaus grĂ¶ĂŸten Raum rĂ€umt der Autor den Konjunkturen, der Semantik und den Funktionen der Weltkriegsrezeption der HJ von 1926 bis 1945 ein. Insgesamt macht er dabei vier Phasen aus. Einer ersten Phase weitgehender Indifferenz gegenĂŒber dem Themenkomplex Weltkrieg (1926-1931) folgte eine Phase (1931-1934) der Usurpation und Instrumentalisierung des „Fronterlebnisses“, in der sich die HJ in bewusster Frontstellung gegenĂŒber den Kriegsveteranen als legitime TrĂ€gerin des politischen Willens, des „VermĂ€chtnisses der ,feldgrauen Front‘“ (140) in Szene setzte. Die dritte Phase markiert ab dem Sommer 1934 den Übergang hin zu einem Dankbarkeitsdiskurs, in dem das Weltkriegsgedenken im Rahmen seiner Funktion der zur StaatsrĂ€son avancierten „Wiederherstellung ,der Ehre des deutschen Frontsoldaten‘“ (188) zu einem symbolpolitischen und systemstabilisierenden Fundament des neuen Staates wurde. Nach dem „Blitzsieg“ ĂŒber Frankreich im Sommer 1940 setzte schließlich eine erneute und letzte Phase ein, die den errungenen Sieg als die „ErfĂŒllung des ,Erbes der deutschen Frontsoldaten 1914-18‘“ (151) feierte und den Ersten Weltkrieg in der KontinuitĂ€t von 1914-1940 symbolisch enden ließ. In den Jahren 1941-1945 spielte der Erste Weltkrieg, u. a. um mögliche Parallelen zum Kriegsverlauf zu vermeiden, in der HJ keine nennenswerte Rolle mehr.

Weinrich zufolge gelang es der NS-Bewegung mit dem KontinuitĂ€tstopos den FrontkĂ€mpfer-Mythos auf Jugendliche und junge Erwachsene auszuweiten und politisch zu operationalisieren und die AttraktivitĂ€t der NS-Bewegung insbesondere bei bĂŒrgerlichen Jugendlichen zu erhöhen. Hatte sich mit dem „Appell zur imitatio heroica“ (197) wĂ€hrend der „Kampfzeit“ ein Aufruf zur Gewalt gegen das verhasste System verbunden, erhielt ab 1933 das Gefallenengedenken eine stabilisierende Funktion, indem nun Opferbereitschaft, Tapferkeit und Disziplin eingefordert wurden. Durch den Wegfall der HJ-spezifischen Instrumentalisierung des Ersten Weltkriegs nĂ€herte sich die so tendenziell entpolitisierte Gedenkpraxis der NS-Jugend den Gedenkdiskursen der organisierten Jugend der spĂ€ten Weimarer Zeit an. Darin sieht Weinrich die entscheidende Weichenstellung fĂŒr die AnschlussfĂ€higkeit der im HJ-Kriegsgedenken vermittelten Werte fĂŒr Jugendliche aus anderen Organisationen. Denn mit der Betonung mutmaßlich unpolitischer instrumenteller Werte wie Opferbereitschaft, Kameradschaft und Tapferkeit, die wie das damit korrespondierende Soldatenbild eine hohe WertschĂ€tzung genossen, knĂŒpfte die HJ nahtlos an den heroisierenden Diskurs an, der in den JugendverbĂ€nden konsensfĂ€hig war und „zu jenem Bereich kultureller SelbstverstĂ€ndlichkeiten“ (204) zĂ€hlte, der nicht der NS-Ideologie zugerechnet wurde.

In diesem Zusammenhang diente der Frontsoldat von 1914-1918 als pĂ€dagogisches Leitbild zur kriegsadĂ€quaten Konditionierung innerhalb der HJ. Angesichts des Gefallenen- und Soldatenkults, der bereits vor 1933 einen ausgeprĂ€gten Gesinnungsmilitarismus begĂŒnstigte, eignete sich „der Frontsoldaten-Mythos wie kein zweites identitĂ€tsstiftendes Narrativ“ (212), der mĂ€nnlichen Zielgruppe ein funktionales Soldatenbild zu vermitteln, welches in dem HĂ€rtediskurs um den Langemarck- und Verdun-Mythos, im stahlgewittergehĂ€rteten, aggressiven, in unerbittlicher PflichterfĂŒllung agierenden MĂ€nner- und Soldatenbild seinen Ausdruck fand.

Im letzten Kapitel bekrĂ€ftigt Weinrich anhand des Aufstiegs des Langemarck-Mythos zur zentralen Referenz des HJ-Weltkriegsgedenkens die „instrumentelle Funktion der Weltkriegs-GedĂ€chtnispolitik in der Jugenderziehung des NS-Staates“ (267). Die semantische Offenheit, die den Mythos fĂŒr die HJ interessant werden ließ, drĂŒckte sich einerseits darin aus, dass sich der gewĂŒnschte Respekt vor der Frontgeneration demonstrieren ließ, und andererseits sich im „Sturm der jungen Regimenter“ die Einsatz- und Opferbereitschaft der deutschen Jugend insgesamt und der HJ – durch „Amalgamierung von ,Blutzeugen‘ und ,Langemarck-KĂ€mpfern‘“ (265) – im Besonderen zelebrieren ließ. Hierin sieht Weinrich insbesondere eine FortfĂŒhrung einer generationellen Selbstabgrenzung von der Generation der Kriegsteilnehmer. Entgegen der in der bisherigen Forschung vertretenen linearen und unumstrittenen Langemarck-Rezeption im Dritten Reich, gelingt es dem Autor in diesem Abschnitt sehr differenziert aufzuzeigen, wie im Wettstreit um Geltungs- und GestaltungsansprĂŒche das Langemarck-Gedenken im Deutungskampf zwischen Reichsjugend- und ReichsstudentenfĂŒhrung zur „institutionellen Klammer des HJ-Weltkriegsgedenkens“ (275) wurde und als Versuch der Jugendorganisation gelten kann „eine autonome Gedenkpolitik zu entwickeln und sich zum NS-Ursprungsmythos ,Fronterlebnis‘ zu positionieren.“ (319).

Die genaue Analyse der Gedenkdiskurse, „die als erinnerungskulturelle BrĂŒcke von der Weimarer Republik ins Dritte Reich fĂŒhrten“ (33), vermag insgesamt detailreich eine bislang kaum thematisierte und wichtige ForschungslĂŒcke bei der ErklĂ€rung des ungeheuren Mobilisierungserfolges der NSDAP vor dem Hintergrund der vielschichtigen Krisen der Republik zu verkleinern, so dass die Arbeit insgesamt ihren Anspruch, einen Beitrag zur MentalitĂ€tsgeschichte mĂ€nnlicher Jugend in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts zu leisten, erfĂŒllt. Die gerade einmal elf Seiten, die der Autor dem Weltkriegsgedenken der weiblichen Jugend von 1918-1945 widmet, spiegelt jedoch die Marginalisierung dieser Seite des Themas wider. Damit ist eine Aufforderung zu weiterer Forschung verbunden, zumal der Verfasser im Fazit selbst resĂŒmiert, dass nach wie vor „der gesamte Komplex GedĂ€chtnis und Geschlecht – ein wichtiges Desiderat der Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs“ (319) darstellt. Das gilt auch fĂŒr die Untersuchung u. a. von Jugendorganisationen aus dem sportlichen Bereich und dem kommunistischen Milieu, um ein genaueres Bild der Weltkriegsrezeption zeichnen zu können.
Martin Woda (Göttingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Martin Woda: Rezension von: Weinrich, Arndt: Der Weltkrieg als Erzieher, Jugend zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Essen: Klartext Verlag 2012. In: EWR 13 (2014), Nr. 3 (Veröffentlicht am 04.06.2014), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383750644.html