EWR 21 (2022), Nr. 2 (April)

Severin Frenzel
Lebenswelten jenseits der Parallelgesellschaft
Postmigrantische Perspektiven auf Integrationskurse in Belgien und Deutschland
Bielefeld: transcript Verlag 2021
(415 S.; ISBN 978-3-8376-5727-2; 49,00 EUR)
Lebenswelten jenseits der Parallelgesellschaft Bis heute werden nicht nur die politischen, sondern auch die akademischen Diskussionen über Migration in weiten Teilen vom Begriff der Integration geleitet. Diesem Umstand liegt ein spezifisches Verständnis zugrunde, das im Kontext von Migration vorzuherrschen scheint: Gesellschaften, Menschen und Kulturen werden idealerweise als homogene Gebilde gedacht und es wird mehr oder weniger zwischen den Herkunftskulturen der Zugewanderten und der einheimischen Mehrheitskultur unterschieden.

Daher war die etablierte Migrationsforschung von Anfang an eine Fremdheits- und Integrationsforschung. Der Fokus lag nicht auf Mobilität oder transnationalen, transkulturellen Phänomenen, sondern auf den Integrationsleistungen, die von Zugewanderten verlangt wurden, um sich in die hiesige Gesellschaft einzufügen. Mit anderen Worten: Integration bedeutete, sich von defizitär wahrgenommenen Herkunftskulturen vollständig zu distanzieren, um lokale Ankommensprozesse zu organisieren. Die in den letzten Jahren etablierten Integrations- und Wertekurse weisen auf die ungebrochene Kontinuität dieser Haltung hin.

Hier setzt das Buch von Severin Frenzel an. Wie der Titel bereits signalisiert, versucht der Autor, das Denken über Migration von der üblichen Polarisierung zu befreien und andere Perspektiven auf Migration und gesellschaftliche Integration aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht eine vergleichende Analyse von Integrationskursen in Deutschland und Belgien aus einer postmigrantischen Perspektive.

Gleich zu Beginn versucht der Autor einen Perspektivenwechsel vorzunehmen und favorisiert eine postmigrantische Lesart, die sich in den letzten Jahren vor allem im deutschsprachigen Raum entwickelt hat. Dabei möchte ich auf zwei Punkte hinweisen, die sich durch das gesamte Buch ziehen: Erstens geht der Autor von den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aus, die einen anderen Blick auf die Gesellschaft als Ganzes erfordern (Migrationsforschung als Gesellschaftsanalyse). Und zweitens werden die interviewten TeilnehmerInnen von Integrationskursen in Deutschland und Belgien nicht als ‚integrationsbedürftige Subjekte‘ betrachtet, sondern als ExpertInnen ihrer eigenen Lebenspraxis.

Im ersten Kapitel werden unterschiedliche Perspektiven auf Migration und Integration diskutiert. Von der Konfrontation mit den hegemonialen Deutungsmustern ausgehend, versucht der Autor sich theoretisch zu positionieren. Er geht ausführlich auf die offiziellen Integrationskonzepte in Deutschland (Ruhrgebiet) und Belgien (Brüssel) ein und arbeitet die wesentlichen Unterschiede heraus. Im Vergleich zur Integrationspolitik in Deutschland, die eine Anpassung an die ‚hiesige Normalität‘ fordert, erscheinen in der belgischen Integrationspolitik (Inburgeringstraject) die Prinzipien, die eine demokratische Gesellschaft ausmachen, nämlich Respekt, Gleichheit, Achtung vor Unterschieden, Migration als Ressource für das Zusammenleben, Antidiskriminierung und Bekämpfung von Rassismus sowie aktive Bürgerschaft, als zentral. Im Vergleich zum deutschen Integrationskonzept, in dem permanent zwischen ‚Migranten‘ und ‚Einheimischen‘ unterschieden wird, werden in Brüssel alle Menschen als aktive BürgerInnen angesprochen.

Im zweiten Kapitel werden die grundlegenden theoretischen Perspektiven vorgestellt. In Kritik an den Kultur- und Modernitätsdifferenzhypothesen, die die Migrations- und Integrationsforschung bisher geprägt haben, versucht der Autor eine gesamtgesellschaftliche Perspektive zu formulieren und plädiert zu Recht für eine „polykontextuelle Systeminklusion“ (91). Damit ist gemeint, dass es eine vollständige Integration in die Gesellschaft nicht geben kann, weil Menschen in diverse Teilsysteme (Bildung, Arbeitsmarkt, Recht etc.) mit unterschiedlichen Rollen eingebunden sind. Ausgehend von chancenreichen Biographien und orientiert an Ulrich Becks theoretischer Perspektive der reflexiven Modernisierung betont der Autor ausdrücklich die Relevanz einer „reflexiven Pädagogik“ (S. 94). Dies bedeutet, dass wir in der globalisierten und durch Migration geprägten Gesellschaft eine Pädagogik benötigen, die die gesellschaftlichen Transformationsprozesse ernst nimmt und reflexiv begleitet.
Nach der theoretischen Positionierung werden im dritten Kapitel die methodischen bzw. methodologischen Implikationen der Studie diskutiert. Dieses Kapitel fungiert als Scharnier zwischen dem theoretischen und dem empirischen Teil und verdeutlicht auch den Zusammenhang zwischen den beiden Bereichen. Die Studie basiert in erster Linie auf der Auswertung von qualitativ-narrativen Interviews mit IntegrationskursteilnehmerInnen in einer Ruhrgebietsstadt in Deutschland und einem Stadtteil von Brüssel. Fünf Themenkomplexe stehen im Mittelpunkt der Interviews, die auch die Grundlage der empirischen Analyse bilden: Herkunft und Biographie, Alltag, Ziele, Kursgeschehen und Integration.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich dann mit der detaillierten Auswertung der Interviews und deren theoretischer Einbindung und Interpretation. Daher spielt dieses Kapitel eine wichtige Rolle für das gesamte Buch. Aus erkenntnistheoretischer Sicht erscheinen mir die Perspektiven der interviewten Personen, die in diesem Teil ausführlich dargestellt und diskutiert werden, hoch interessant. Sie zeigen, wie die Menschen das Leben vor Ort wahrnehmen, die Ziele der Integrationskurse interpretieren, welche Strategien entwickelt werden und welche Zukunftsvisionen sich daraus ergeben. Das Augenmerk liegt auf nichterzählten Geschichten, ignorierten Perspektiven, transkulturellen und translokalen Verflechtungen jenseits nationaler und ethnozentrischer Deutungsmuster.

Im fünften Kapitel werden acht Fallbeispiele vergleichend vorgestellt. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass die Aussagen der Befragten im deutschen Kontext das gesellschaftliche Verständnis von Integration als ‚Pflicht zur Integration‘ und als ‚Integrationsleistung‘ treffend zum Ausdruck bringen. Integration wird nicht als Angebot, sondern als Pflicht verstanden. Es wird davon ausgegangen, dass die betroffenen Menschen Defizite hätten, die sie durch Integrationsmaßnahmen ausgleichen können. Im Gegensatz dazu wird in Brüssel von den Lebenswirklichkeiten der zugewanderten Menschen ausgegangen. Sie werden nicht als defizitäre, therapiebedürftige Personen wahrgenommen, sondern als ‚Neuankömmlinge‘ in Brüssel. Die Orte der Herkunft spielen keine Rolle. Alle seien an diesem Ort neu und das sei die gemeinsame Klammer.

Basierend auf den Ergebnissen der vergleichenden Analyse werden im letzten Kapitel unter der Überschrift ‚Bildung für die postmigrantische Gesellschaft‘ grundlegende Perspektiven für den Bildungskontext formuliert. Von mehrheimischen Lebenswelten auszugehen, wie es in Belgien der Fall ist, würde ein anderes Bildungsverständnis erfordern als die nationalzentrierte und homogenisierende Perspektive in Deutschland. Der Autor spricht von einem „transtopischen Sprachlabor der postmigrantischen Gesellschaft“ (380), das nach kreativen und künstlerischen neuen Wegen suche und kommt zu dem Schluss, dass die Gesellschaft eine ‚postmigrantische Bildung‘ braucht, eine reflexive Pädagogik, die von (transnationalen) Lebensrealitäten der Menschen ausgeht und neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet.

Die biographischen Fallrekonstruktionen zeigen in vielfältiger Weise, dass die Befragten in familiäre und andere persönliche Netzwerke eingebunden sind, sich in transnationalen Kontexten und Räumen bewegen, mit unterschiedlichen Menschen und Orten in Kontakt kommen und daraus ihre eigenen Lebensentwürfe formulieren. Ein weiterer Hauptverdienst des vorliegenden Buches ist es, das Phänomen Migration von den Rändern ins Zentrum zu rücken, mehrdeutige, transkulturelle und translokale Verstrickungen sichtbar zu machen, ohne hegemoniale Verhältnisse und strukturelle Barrieren zu übersehen – eine Lektüre, aus der theoretische, methodisch-methodologische und pädagogische Schlussfolgerungen gezogen werden, die eine kritisch-reflexive Forschung zu Migration und Bildung begründen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die hier herausgearbeitete postmigrantische Perspektive mit eingeübten Deutungen bricht und den gewöhnlichen Blick auf Migration und Bildung in Frage stellt – ein Ansatz, der neue Möglichkeitsräume und gesellschaftstheoretische Erkenntnisse für pädagogisches Denken und Handeln generiert.
Erol Yildiz (Innsbruck)
Zur Zitierweise der Rezension:
Erol Yildiz: Rezension von: Frenzel, Severin: Lebenswelten jenseits der Parallelgesellschaft, Postmigrantische Perspektiven auf Integrationskurse in Belgien und Deutschland. Bielefeld: transcript Verlag 2021. In: EWR 21 (2022), Nr. 2 (Veröffentlicht am 03.05.2022), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383765727.html