EWR 17 (2018), Nr. 1 (Januar/Februar)

Peter Loebell / Philipp Martzog (Hrsg.)
Wege zur Lehrerpersönlichkeit
Kompetenzerwerb, Persönlichkeitsentwicklung und aktuelle Herausforderungen in der Lehrerbildung
Leverkusen-Opladen: Barbara Budrich 2016
(206 Seiten; ISBN 978-3-8474-2022-4; 29,90 EUR)
Wege zur Lehrerpersönlichkeit „Auf den Lehrer kommt es an!“. So weisen Ergebnisse aus der Unterrichtsforschung auf die Bedeutung der Lehrperson mit Blick auf den Erfolg von Schülerinnen und Schülern im Unterricht hin, womit auch die Lehrerbildung in den Fokus des Interesses rückt. Der Herausgeberband „Wege zur Lehrerpersönlichkeit“ fokussiert dabei zum einen auf die Persönlichkeits- und Kompetenzbildung von angehenden Lehrpersonen und nimmt zugleich eine Perspektiverweiterung durch die Berücksichtigung unterschiedlicher Lehramtsausbildungskonzepte vor. Sowohl staatliche als auch waldorfpädagogische Konzepte stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses.

Der Herausgeberband umfasst inklusive eines einleitenden Kapitels zehn Beiträge, die sich in drei thematische Abschnitte gliedern: 1) Orientierungsfragen an die Lehrerbildung, 2) Persönlichkeitsbildung von Lehrpersonen zwischen Erziehungskunst und Expertise und 3) aktuelle Herausforderungen an die Lehrerbildung.
Insgesamt spiegeln die einzelnen Beiträge die Ergebnisse eines 2014 von der Freien Hochschule Stuttgart organisierten Symposiums wider, das einen Austausch verschiedener Expertinnen und Experten zu den unterschiedlichen grundständigen Lehramtsausbildungskonzepten zum Ziel hatte.

Der erste thematische Abschnitt umfasst zwei Kapitel und stellt unter der Überschrift „Orientierungsfragen an die Lehrerbildung“ einen Einstieg in die Gesamtthematik des Bandes dar. So thematisiert Wolfgang Nieke im ersten Beitrag „Lehrerbildung und Kompetenzerwerb“ verschiedene Wissensfacetten der Handlungskompetenz im Lehrberuf und deutet mit Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Kontext des Lehrerhandelns auf neue Ausrichtungen und Bedeutungen dieser Handlungskompetenz hin. Ausgehend von verschiedenen empirischen Befunden aus der Resonanzforschung entwickelt Christian Rittelmeyer im zweiten Beitrag über „Anthropologische Grundlagen der Lehrerbildung“ eine andere Perspektive auf die Entwicklung von schulischer Handlungsfähigkeit von Lehrerinnen und Lehrern, die sich v.a. in der Entwicklung und Schulung des empathischen Vermögens zeigt.

Der zweite Abschnitt über die Persönlichkeitsbildung von Lehrpersonen umfasst drei Beiträge. Peter Loebell betont in seinem Artikel zu „Lehrerbildung für Waldorfschulen“ die Sensibilität, Empathie- und Wahrnehmungsfähigkeit von Lehrkräften als wesentliche Fähigkeiten, auf welche die Persönlichkeitsbildung in Waldorfausbildungsgängen durch Menschenkunde, künstlerische Übungen, Musik, Schauspiel und Eurythmie einerseits und eine besondere Art der fachlichen Ausbildung andererseits abzielt. Dabei hebt Holger Kern im sich anschließenden Beitrag „Die Bedeutung der Künste für die Persönlichkeitsentwicklung der Lehrpersonen“ die Dimension des Künstlerischen in der Waldorfausbildung hervor. Der dritte Beitrag des Abschnitts zur Persönlichkeitsbildung von Hans Gruber und Birgit Eiglspreger trägt den Titel „Wissen oder Können? Prozesse und Ergebnisse universitärer Lehrerbildung im Lichte empirischer Bildungsforschung“. Die Autoren kontrastieren die vorwiegend nicht kognitiven Dimensionen von Persönlichkeit in Waldorfausbildungsgängen mit den Zielsetzungen, Methoden und Ergebnissen der Expertiseforschung und untersuchen, inwiefern Forderungen des Expertiseansatzes in der Kunsterziehung realisiert werden.

Die abschließenden fünf Beiträge beleuchten im dritten Abschnitt die aktuellen Herausforderungen für die Lehrerbildung. So thematisiert Robert Schneider den Umgang mit Heterogenität sowie die Frage nach einer Interkulturellen Pädagogik. Albert Schmelzer zeigt im Beitrag „Interkulturelle Pädagogik und Waldorfpädagogik – eine anregende Begegnung“ das Potential der Waldorfpädagogik hinsichtlich der Lücke zwischen Theorie und praktischer Notwendigkeit beim Umgang mit Interkulturalität auf. Thomas Maschke nimmt die Inklusionspädagogik in den Blick und nennt geeignete waldorfpädagogische Prinzipien und Lernangebote. Dabei verweist sein Beitragstitel „Demokratisch-inklusive Schule: (Wie) geht das? Gesichtspunkte aus waldorfpädagogischer Theorie und Schulpraxis“ bereits auf seine sowohl aus der Grundlegung der Waldorfpädagogik als auch aus der schulischen Praxis heraus entwickelte theoretische und praktische Perspektive. Christina Hansens Artikel „Demokratie? Schule! Argumente für eine demokratisch-inklusive (Regel-)Schule“ benennt auf der Basis gesellschaftlicher Entwicklungsprognosen einerseits Kompetenzen sowohl von Schülerinnen und Schülern als auch von Lehrerinnen und Lehrern sowie andererseits Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für schulische Handlungsfelder, in denen demokratisch-inklusiver Umgang erlernt werden kann. Sie konkretisiert dies durch einen Einblick in die Leitlinien der Ilztalschule im niederbayrischen Wald. Schließlich thematisiert Edwin Hübner im Beitrag „Aufwachsen in der Medienwelt – brauchen Kinder eine andere Schule?“ die digitale Medienwelt als neue Herausforderung für die Pädagogik. Er plädiert bei der Frage nach der Zielsetzung medienpädagogischer Lernangebote für die Medienmündigkeit der Schülerinnen und Schüler, die das gängige Ziel der Medienkompetenz sinnvoll ergänzen soll.

Die Beiträge stellen insgesamt die gemeinsamen Felder der schulischen und ausbildungsbezogenen Wirklichkeiten von staatlichem und waldorfpädagogischem Kontext nebeneinander und skizzieren Gemeinsamkeiten und Unterschiede bezüglich der Persönlichkeitsentwicklung von (angehenden) Lehrpersonen. Sie gelangen zum Ergebnis, dass sich die beiden Konzepte hierin durchaus nicht ausschließen, sondern dass sie sich sinnvoll ergänzen können. Dabei scheint in besonderer Weise die Betonung nicht kognitiver Dimensionen von Persönlichkeit wie Empathiefähigkeit, Unsicherheitstoleranz, Sensibilität und Wahrnehmungsfähigkeit im waldorfpädagogischen Ausbildungskonzept durch Betätigungen im künstlerischen, musischen und schöpferischen Feld für die staatliche Lehrerbildung eine gewinnbringende Ergänzung darzustellen. Diese Ausbildungselemente fokussieren nicht dispositionale und stabile Facetten von Persönlichkeit, sondern gehen von einem offenen und freien Entfaltungsprozess des eigenen Selbst aus, der durch die eigene schöpferische Betätigung erst in Gang gesetzt wird. Diese Fokussierung verbindet sich mit der von Wolfgang Nieke vorgeschlagenen perspektivischen Erweiterung des Professionswissens und ihrer Dreiteilung in die Domänen Orientierungs-, Bedingungs- und Änderungswissen. Der neue Blick auf das Professionswissen findet sich auch im kompetenzorientierten Professionsdiskurs wieder und ist damit an die Überlegungen zu professionellen Handlungskompetenzen von Lehrkräften anschlussfähig. Es bleibt allerdings offen, inwiefern die Dreiteilung tatsächlich neue, bisher nicht in den Blick genommene Facetten der Handlungskompetenz benennt. Bezüglich der künstlerisch aktivierten Facette von Persönlichkeit wäre darüber hinaus eine Definition von Kriterien, anhand derer die Lehrerkompetenz überprüfbar wird, wünschenswert.

Die Beiträge stellen insgesamt ein breites Feld von Themen dar, die eine Anschlussfähigkeit zwischen Erziehungswissenschaft und Waldorfpädagogik ermöglichen. Zudem erhält die Leserschaft Einblicke in die schulische Wirklichkeit waldorfpädagogischer Arbeit und kann darin eine wertvolle Konkretion der theoretischen Bezüge erkennen.
Regina Keller (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Regina Keller: Rezension von: Loebell, Peter / Martzog, Philipp (Hg.): Wege zur Lehrerpersönlichkeit, Kompetenzerwerb, Persönlichkeitsentwicklung und aktuelle Herausforderungen in der Lehrerbildung. Leverkusen-Opladen: Barbara Budrich 2016. In: EWR 17 (2018), Nr. 1 (Veröffentlicht am 26.02.2018), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978384742022.html