EWR 18 (2019), Nr. 2 (März/April)

Angela Janssen
Verletzbare Subjekte
Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana
Opladen – Berlin – Toronto: Budrich UniPress 2018
(255 S.; ISBN 978-3-86388-779-7; 32,00 EUR)
Verletzbare Subjekte Angela Janssen ist mit der Publikation ihrer Dissertation „Verletzbare Subjekte – Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana“ ein Beitrag ganz im Sinne ihres Untertitels gelungen, mit subjekttheoretisch informierten anthropologischen Überlegungen nicht nur zur conditio humana, sondern auch zu grundsätzlichen pädagogischen Fragen von Bildsamkeit. Diese bespricht die Autorin im Spiegel einer von gravierenden Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten geprägten globalen Situation, und hierin zeigt sich ihr gesellschaftspolitisches Anliegen genauso wie die aktuelle Relevanz ihrer Arbeit.

Sie identifiziert hierzu als zentrale Kategorie die der Verletzlichkeit, die sie vor allem mit Judith Butler, aber auch mit anderen Bezugsautor*innen nachzeichnet und in ihren pädagogischen Gehalten für ausgesuchte Themenfelder systematisch durcharbeitet. Das macht Janssen zunächst in Bezug auf Sprache, sodann in den körperlich-leiblichen Dimensionen von Verletzbarkeit, und schließlich in Bezug auf zentrale, intersektional verschränkte Differenzkonstruktionen – (Nicht-)Behinderung, Gender, natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit und Lebensalter. Am Ende der jeweiligen Kapitel wird die Relevanz der vorgetragenen Überlegungen für den pädagogischen Diskurs ausgeleuchtet. Dies erfolgt durch konkrete thematische Bezüge, wie etwa Gewalt in pädagogischen Einrichtungen, durch methodologische Fragestellungen, wie etwa die Adressierungsanalyse, oder durch kluge Verbindungen mit aktuellen zeitgeschichtlichen Fragen. Diese „Ergebnissicherungen“ zeigen immer wieder die politische Brisanz der Themen auf und halten die Struktur des gesamten Buchs sehr transparent.

Angela Janssen setzt ein beim Zusammenhang von Sprache und Verletzbarkeit. Das ist zwar nicht sehr überraschend, sind doch die poststrukturalistischen Figuren von Adressierung, Subjektivierung und den Möglichkeiten der Resignifizierung sehr stark sprachtheoretisch gefasst, doch ist die Rekonstruktion dieses Zusammenhangs hier überaus gelungen. Besonders überzeugt in diesem Kontext die Auseinandersetzung mit Gewalt in der Sprache und den auch hier, in Gewaltverhältnissen, noch existenten Möglichkeiten der Resignifizierung, oder die erweiterte Betrachtung des Sprachlichen über Lautsprache und verbale Verständigungen hinaus (54). Wenn aber Angela Janssen mehrfach betont, Menschen wollten lieber beleidigt als übersehen werden, wird die Argumentation unversehens voluntaristisch. Denn beleidigt oder übersehen zu werden ist keine Frage individueller Entscheidung. Während ersteres immerhin die Möglichkeit bietet, sich gegen eine bestimmte Adressierung zu wehren bzw. sich diese (auch widerständig) anzueignen, generiert letzteres lediglich ein Schweigen. Dieses allerdings kann unterschiedlich interpretiert werden – die Autorin bezieht sich hier auf Lacan (der von einer existentiellen Angewiesenheit auf Antwort ausgeht), und auf Lévinas (bei dem Schweigen als besonders gewaltvolles Moment von Sprache gilt), um sich dann selbst zu positionieren: Schweigen, so Janssen, stelle zwar keine Ansprache dar, und auch keine Antwort, wohl aber eine Anrufung – genauer: eine ignorierende, einen ausschließenden Platz zuweisende und damit verletzende Anrufung (71).

Folgt sie hierin Judith Butler, so wird auch das nächste Themenfeld – Körper und Verletzbarkeit – eng an den Argumentationen ihrer wichtigsten Bezugsautorin entlang entwickelt – bis hin zur politischen Konzipierung des Körpers. Dabei dient ihr Plessners Unterscheidung zwischen dem Körper, den man haben kann, und dem Leib, der man ist, wie auch die Unhintergehbarkeit des Leiblichen als theoriestrategische Schnittstelle zur ontologischen Relevanz von Verletzlichkeit. Angela Janssen ist sich der Fallstricke der Ontologisierung durchaus bewusst, ohne gänzlich auf Ontologie verzichten zu wollen – allerdings geht es ihr mit Judith Butler um eine soziale, besser: um eine relationale Ontologie (97), in der die Verwiesenheit auf den Anderen, die Begründung, aber auch Enteignung durch den Anderen zentral sind, und deren Ambivalenz am angemessensten durch den Begriff der Verletzbarkeit zu fassen ist (102). Wenn sie als zentral hierfür das Moment der Angewiesenheit ausweist, wenn sie in der Trauer auch eine Ressource für Politik sieht und im Widerstand eine mögliche Konsequenz der Verletzbarkeit bzw. konkreter Verletzungserfahrungen, dann nutzt sie eine Figur, die sie gleichzeitig als zentrales Konstruktionsprinzip des Butler’schen Oeuvres ausmacht: ein „Sowohl als auch“ – und nicht ein „Entweder-oder“ von Individualität und Gemeinschaft, von Autonomie und Heteronomie. Dieses Konstruktionsprinzip wird auch für ihre eigene Arbeit zentral. Gleichzeitig verweist sie mit Judith Butler und Isabell Lorey darauf, dass zwar alle Menschen verletzlich seien, die Verletzlichkeit aber unterschiedlich verteilt sei – und fragt dann, wie es über diese Differenzen hinweg Solidarität geben könne, die auch den globalen Süden einbeziehe (118).

Nach Ausführungen zur Kinderarmut und Fragen der transgenerationellen Übertragung von traumatischen Verletzungen diskutiert sie die Relevanz ihrer Themen für das Pädagogische: die Verwobenheit der Erziehenden und der zu Erziehenden, den Widerfahrnischarakter der leiblichen Erfahrungen, die Verletzbarkeit als Dimension des Unvorhergesehenen, des Unkontrollierbaren, des Unplanbaren (133). Durchlässig zu werden, sich empfänglich zu machen gegenüber Themen, die uns vielleicht nicht unmittelbar betreffen bzw. denen gegenüber wir uns abschotten könnten und denen gegenüber sich derzeit ja auch vielerorts abgeschottet wird – Themen wie die weltweiten Fluchtbewegungen oder globale ökologische Fragen – wird hier zur zentralen Konsequenz für die Pädagogik. Die globale Dimension von Verletzlichkeit ist nicht zuletzt für das Nachdenken über Bildung in der Migrationsgesellschaft wichtig. Das heißt dann: die Nachwirkungen des Kolonialismus und die damit verbundenen Verletzungsgeschichten im Bildungskontext aufzugreifen. Zum Auftrag der Pädagogik wird es, diese ungleichen Bedingungen und die ungleich verteilte Verletzlichkeit zu thematisieren, eingedenk dessen, dass im Bildungskontext ja häufig Ungleichheit – Klassismen wie auch Rassismen – reproduziert oder sogar potenziert werden.

In Kapitel 5 wird die Mehrdimensionalität von Verletzlichkeiten als soziale Realität herausgearbeitet und eine konsequent intersektionale Perspektiven auf das Thema entworfen – bei gleichzeitiger Kritik an der Zuweisung besonderer Verletzlichkeiten zu bestimmten Gruppen und an der damit häufig verbundenen paternalistischen Attitüde, die diesen Gruppen Handlungsfähigkeit abspricht.

Kapitel 6 fragt anhand zentraler Themenfelder des pädagogischen Diskurses, inwieweit Verletzlichkeit eine zentrale, wenn nicht notwendige Kategorie des pädagogischen Denkens und Handelns darstellt. Neben einer klugen Zusammenschau der Themen Scham, Beschämung, Vertrauen, Verletzlichkeit fragt die Autorin, wie vor diesem Hintergrund pädagogische Ethik auszubuchstabieren sei. Letztere müsste im Anschluss an ihre Überlegungen weniger beim Individuum denn bei dem Verhältnis bzw. der Beziehung zu den Anderen ansetzen und von hier aus u.a. institutionelle Strukturen in den Blick nehmen. Zentrale Bildungsaufgabe wäre dann – ganz im Sinne der postcolonial studies und der kritischen Migrationspädagogik – die Auseinandersetzung mit den globalen Widersprüchen und mit der vor allem im globalen Maßstab so ungleich verteilten Verletzlichkeit. Dies wird nun weitergedacht anhand der Frage, was überhaupt Bildsamkeit ausmache. Hier werden Verletzungsoffenheit und Empathiefähigkeit eng rückgebunden an Bildsamkeit: nur weil – und auch nur wenn! – wir verletzlich sind, sind wir bildsam! Wenn wir diese Verletzbarkeit hingegen verleugnen und uns an einer Fassade der Souveränität festhalten, verschließen wir uns potentieller Bildungserfahrungen.

Doch wie kommen wir dazu, das Leid der Anderen auch zu spüren? Die Autorin schlägt – mit Bezug auf Astrid Messerschmidt – vor, an eigenen Differenzerfahrungen anzusetzen, und den Habitus einer individualistischen, auf Konkurrenz ausgerichteten Bildungstradition ein Stück weit zu verlernen (221). Für die Hochschullehre heiße das, dass die Lehrenden sich angreifbar machen, indem sie ihre Autorität in Frage stellten, sich Handlungsempfehlungen verweigerten und Studierenden ein Wissen zumuteten, das keinen Anspruch auf Letztgültigkeit erhebe, sondern Wissensordnungen befrage.

Dies impliziert eine Verschiebung des Subjektbegriffs. Und so endet das Buch mit dem Blick auf die conditio humana, mit dem es auch gestartet ist. Die modernen Konnotationen des Subjekts werden deutlich relativiert, indem Handlungsfähigkeit genau in der prinzipiellen Verletzlichkeit des Subjekts gesehen wird: „Das verletzliche Subjekt ist Anderen ausgesetzt und mit Anderen leiblich verbunden. Wenn das ernst genommen wird, muss nicht nur eine individualistische Konzeption von Bildung, sondern auch des Subjekts selbst fraglich werden“ (229). Und dies bedeutet, aufmerksam zu sein und aufmerksam zu bleiben für die „eigene“ wie für die Verletzbarkeit der Anderen, weil wir mit letzteren auf ganz grundlegende Weise verbunden sind. Aufgrund der Beziehungsförmigkeit der conditio humana gilt es diese Verletzbarkeit zu schützen. Die Sensibilisierung für Verletzlichkeit wird damit zur zentralen Aufgabe für pädagogische Theoriebildung und Praxis.

Die Arbeit von Angela Janssen ist ein sehr lesenswerter Beitrag zur Bestimmung des Pädagogischen, der in einem aktuell immer öfter Verletzbarkeit ignorierenden gesellschaftlichen Kontext umso wichtiger wird.
Barbara Stauber (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Barbara Stauber: Rezension von: Janssen, Angela: Verletzbare Subjekte, Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana. Opladen – Berlin – Toronto: Budrich UniPress 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 2 (Veröffentlicht am 10.05.2019), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978386388779.html